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StartseiteSonntagsspaziergangGesellschaftsutopie im Süden Indiens18.09.2016

AurovilleGesellschaftsutopie im Süden Indiens

Eine universelle Stadt will Auroville sein. Nation, Geschlecht, Religion soll alles keine Rolle spielen. 1968 gegründet, hat die Stadt heute 2.500 Einwohner aus 49 Nationen. Auroville will nicht nur eine andere Gesellschaft ausprobieren, man hat sich auch architektonisch etwas getraut. Symbol des Ortes ist das Matrimandir: ein Tempel in Form einer imposanten Kugel.

Von Sonja Ernst

Der Tempel Matrimandir, das Heiligtum in Auroville im südindischen Staat Tamil Nadu. (imago / Hans Blossey)
Der Tempel Matrimandir, das Heiligtum in Auroville. (imago / Hans Blossey)

Gilles Guigan fährt mit einem Motorrad durch seine Utopie: Auroville. Rund 2.500 Menschen leben hier. Die wollen vieles anders, vor allem besser machen. Auroville: das ist ein Experiment. Gelegen ganz im Süden Indiens, nahe der Ostküste, im Bundesstaat Tamil Nadu.

Als Gilles 1973 zum ersten Mal hier ankam, war hier nichts. Keine Bäume, keine Häuser. Nur ein paar Hütten, trockene rote Erde und eine mörderische Hitze. Dennoch: Er verliebte sich in die Idee. Nation, Geschlecht, Religion, Geld sollen hier keine Rolle spielen. Auroville will der Menschheit gehören. Das kann man belächeln oder man schaut es sich an.

Die Solar-Küche ist am Wochenende für viele ein wichtiger Treffpunkt. Der Speisesaal ist voll. An den vielen Tischen sitzen etwa 70 Männer, Frauen, Kinder. Es wirkt wie ein riesiges Mehrgenerationenprojekt und ein bisschen wie aus dem Ikea-Katalog – sehr multikulti. Ein Drittel der Aurovillaner sind Inder, dann folgen die Franzosen, die Deutschen, die Italiener; insgesamt leben hier 49 Nationen.

Offiziell wurde Auroville 1968 gegründet. Die Frau hinter dieser Utopie war damals schon 90 Jahre alt: die Französin Mirra Alfassa. Viele in Auroville nennen sie "die Mutter". Sie war die spirituelle Gefährtin des indischen Philosophen und Yogis Sri Aurobindo. Um ihn bildete sich ab 1920 ein Ashram im Nahe gelegenen Pondicherry. Mirra Alfassa organisierte und leitete später den Ashram. Und sie war es, die die Idee einer universellen Stadt verfolgte und dafür kämpfte.

Wenn es Auroville nicht gebe, man müsste es erfinden, sagt Gilles. Er lebt jetzt seit 35 Jahren hier. Er ist in seinen 60ern, hat graue Haare, trägt Brille, rosafarbenes Hemd, helle Hose. Gilles wirkt selbstsicher, ein Machertyp. In Frankreich war er Ingenieur – Aussicht auf Karriere. Aber er suchte nach etwas Anderem.

"Ich war immer glücklich hier. Ich habe nie, niemals meine Entscheidung bereut. Und ich hatte in Frankreich ein sehr gutes Leben – materiell. Hier ist ein Ort, wo Menschen nach einem anderen Leben streben. Und sie wissen, was sie vor allem ändern müssen: sich selbst. Es ist ein Labor, um eine individuelle und kollektive Transformation zu entwickeln."

Dieses Labor will eine Stadt für eine neue Gesellschaft sein. Es gibt ein futuristisches Rathaus, Schulen, kleine Firmen, Landwirtschaft, Tourismus. Jeder bekommt eine Art Grundeinkommen – zu wenig, um davon zu leben. Deshalb haben viele noch ein, zwei Jobs: auf der Farm oder man unterrichtet integrales Yoga. Man macht das, was man kann. Und ein Haus, das man sich hier baut, gehört Auroville.

Tempel der Mutter als Touristenmagnet

Neben dieser kollektiven Transformation, wie Gilles es nennt, gibt es für die persönliche Entwicklung einen speziellen Ort: das Matrimandir. Dieser "Tempel der Mutter" – im Zentrum Aurovilles – sieht ziemlich abgefahren aus und ist ein echter Besuchermagnet.

"Wir haben hier im Durchschnitt 2.000 Besucher jeden Tag. Und wir sind 2.500 Bewohner. Und diese Leute wollen alles Mögliche wissen. Wenn ich meine Tage damit verbringe, mit Leuten zu reden, kann ich nicht meine Arbeit tun. Es gibt Orte in der Welt, die übermäßigem Tourismus ausgesetzt sind. Und wir haben dasselbe Problem."

Ein Problem, das jedoch Geld bringt. Es gibt viele schöne Gästehäuser in Auroville. Inder und Ausländer erholen sich hier gerne für ein paar Tage. Ein bisschen shoppen, Yoga machen, das Grün genießen. Und viele wollen eben auch in den "Tempel der Mutter".

Es ist früh am morgen. Vielleicht 15 Leute, vor allem Inder, sitzen auf Bänken im Schatten der Bäume – Blick auf das Matrimandir. Das steht in einem Park mit einem Zaun drumherum. Der Tempel ist eine riesige, leicht abgeflachte Kugel. Höhe: knapp 30 Meter. Durchmesser: 24 Meter. Sehr imposant. Verkleidet mit großen, vergoldeten Schalen. Die Kugel ruht auf vier mächtigen Betonpfeilern; man kann unter ihr durchspazieren. Die Pfeiler sind auch Ein- und Ausgang.

Die Besucher haben Glück. Sie kennen jemanden, der sie mit hinein nimmt in den Tempel. Für alle anderen ist der Zutritt aufwendiger. Man muss sich persönlich anmelden und kann frühesten am Folgetag hinein – falls noch Platz ist. Mal eben vorbeischauen? Geht nicht. Das sorgt bei jenen, die das versuchen, teils für Frust und Ärger.

Für die Gruppe hier heißt es jetzt erst einmal: alles abgeben. Mobiltelefon, Kamera, Tasche. Am Tempel angekommen, Schuhe ausziehen. Dann geht es hinein in die Kugel. Und jetzt wird es echt Science-Fiction.

In den großen Innenraum fällt von außen gedämpftes Licht, das in ein Rot-Orange getaucht wird. Man fühlt sich wie an einem sonnigen Morgen. An der Innenseite führen zwei Rampen gegenläufig nach oben beziehungsweise unten – fast formen sie eine Spirale.

Langsam geht es über die eine Rampe nach oben. Dort oben in der Kugel ist die "Innere Kammer" – wie ein Raum im Raum. Hinein geht es von der Rampe aus durch eine Tür. Der Raum misst am höchsten Punkt gut 15 Meter. Keine Fenster. Wände und Boden sind aus weißem Marmor. Ebenso die zwölf Stelen, die zentral einen Kreis bilden. Ganz in der Mitte des Raumes aber ruht eine riesige Kristallglaskugel. Durchmesser: 70 Zentimeter. Auf sie fällt durch eine Deckenöffnung Sonnenlicht. Das wird auf dem Dach per Spiegel gebündelt und senkrecht auf die Kristallglaskugel projiziert. Diese bricht das Licht, verteilt es gleichmäßig im Raum. Sanft, fast unwirklich wirkt das Licht. Einnehmend.

Die Gruppe staunt – gemischt mit Ehrfurcht. Am Boden liegen Kissen, man setzt sich. Gut zehn Minuten bleiben, um zu meditieren, den Raum zu bewundern oder auch kurz einzunicken. Denn es ist schön kühl hier und man hört absolut nichts. Für Indien ungewöhnlich.

Gesellschaftliches Experiment in Aruoville

Das Matrimandir gilt vielen in Auroville als das Zentrum. Für andere ist die Solarküche ein wichtiger Ort, der Sportplatz oder der Wald. Mitten im Wald haben sich Elvira und Fabian ein Haus gebaut. Über Jahre hinweg wurde mühsam wiederaufgeforstet. Das Haus aus recyceltem Holz ist ein langes Rechteck. Hinein tritt man in einen großen Wohn- und Küchenbereich. Die Wände sind regelmäßig von hohen Fenstern durchbrochen – ohne Glas, mit Holzlamellen. Man fühlt sich im Wald.

Elvira und Fabian sind beide Anfang 40. Elvira hat schon mit ihren Eltern in Auroville gelebt. Nach dem Studium in Deutschland kam sie zurück. Später traf sie dann Fabian, der als Student zum ersten Mal nach Auroville kam. Seit 2003 leben die beiden mit ihren Kindern hier permanent. Er ist Architekt, sie Mediatorin.

Beide kommen schnell auf den Punkt. Zwischendurch hatte sie ihre Krise mit Auroville. Doch sie wollen hier sein, diese Stadt mit- und weiterentwickeln – auch, wenn das mühsam sein kann.

"In Auroville sind wir in so einem Prozess. So eine Spaltung zwischen Fundamentalen und Realos. Und ich finde, die ganzen Jungen oder viele von den Jungen, sind ganz stark auf dieser realistischen Seite anzutreffen. Man kann jetzt sehen, dass sich etwas bewegt. Weil Leute einfach begreifen, es geht nicht mehr. So entwickeln wir uns nicht. Und so überholt uns die ganze Entwicklung – gut oder schlecht – von der Welt da draußen."

Wie soll sich also Auroville weiterentwickeln? Verkürzt gesagt: Die Fundis wollen an den Ideen der Gründerin Alfassa festhalten. Eins zu eins. Sie plante eine Stadt für 50.000 Menschen und eine in Form einer Spiral-Galaxie. Ein schönes Bild für viele, sagt Fabian. Doch es muss zum Beispiel zur Topografie passen. Oder zur Infrastruktur, die bereits existiert. Den Realos geht es auch um die Idee von Auroville. Aber auch um Machbarkeiten, um Nachhaltigkeit, manche wünschen sich ein Eco-Dorf und so weiter.

"Was das Schöne ist, langsam habe ich das Gefühl, dass wir langsam zusammenfinden in Dialog. Dass langsam verstanden wird, dass es nicht Entweder-Oder bedeutet, sondern dass es einfach verschiedene Spielarten des gleichen Traums und der gleichen Vision ist. Und dass man koexistieren kann und muss mit diesen verschiedenen Arten, diese Stadt aufzubauen und dieses Utopia. Ich mag den Ausdruck eigentlich nicht. Aber dieses Gesellschaftsprojekt, das Auroville ist. Dieses Labor."

Ob in diesem Labor irgendwann wirklich 50.000 Menschen leben werden in Form einer Spiral-Galaxie? Eher unwahrscheinlich. Aber das ist nicht entscheidend. Auroville existiert und experimentiert. Und das in einem Land, Indien, das sich selbst zurzeit rasant verändert.

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