• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 10:00 Uhr Nachrichten
StartseiteBüchermarktAus der Hüfte22.07.2004

Aus der Hüfte

Sami Tchak: "Scheiß Leben"

<em> Scheiß Leben! </em>

Von Gaby Mayr

Dürre in Afrika (AP)
Dürre in Afrika (AP)

Der abgegriffene Kraftausdruck marktschreierisch im Titel - das weckt nicht automatisch hohe Erwartungen!

Scheiß Rassismus! Scheiß Doktoren! Scheiß weiße Weiber! Scheiß Araber! Scheiß Juden!

Und dann die "Scheiße" in jeder einzelnen Kapitelüberschrift - 73 kurze Kapitel hat das Werk.
Scheiße mit System.
Aber wer will schon einen "systematischen Roman" durcharbeiten?!

Nach den ersten paar Seiten ist das allerdings keine Frage mehr. Autor Sami Tchak entfaltet ein wortgewaltiges Stakkato, mit dem der junge Ich-Erzähler seine Mitmenschen bombardiert. Zuallererst trifft es seinen Vater, der einst voller Illusionen nach Paris gekommen war. Jetzt verbringt er die Tage tatenlos vor dem Fernseher oder beim betrübten Palaver mit anderen alten Männern und kennt nur ein Thema: Die Rückkehr nach Afrika.

Er hängt an seiner Rückkehr wie eine Wanze am Fell eines streunenden Köters... Lassen Sie mich bitte noch präzisieren, dass diese Rückkehr, an die sich Papa wie eine Fledermaus an einen Ast klammert, den Hintern in die Luft, die Schnauze nach unten, dass diese Rückkehr meines Feldermaus-Papas überhaupt nicht zu vergleichen ist mit der, die er im Gepäck hatte, als er nach Frankreich kam, mit seinen Träumen bewaffnet wie ein amerikanischer Alliierter, den man losgeschickt hat, damit er dem bösen Wolf die Fresse poliert. Früher war sie von der Sorte In- die-Heimat-zurückkehren-und-meine-Pläne-verwirklichen. Naja, die Zeiten sind aus und vorbei. In puncto Pläne möchte mein Papa inzwischen nur noch in sein Dorf zurückkehren, um zu sterben.

Sami Tchaks Protagonist verletzt ein Tabu: Der alte Vater wird beschimpft, nicht geehrt. Der Sohn empfindet kein Mitgefühl für enttäuschte afrikanische Migranten in Europa, stattdessen giftet er sie an als Schmarotzer und ewige Jammerlappen. Dagegen sieht er jede Menge Unrat bei den eigenen Leuten "da unten":

Arbeitslosigkeit, Schlendrian, Kleinkriminalität, Prostitution, all das ist so klar wie der Vollmond, wenn sich keine Wolken mehr vor ihn schieben, damit die Sonne ihn heimlich ficken kann. Und dann, Papa, ist es dort einfach zu dreckig! In den Städten schlafen die Müllberge mit den Leuten in einem Zimmer. Die Leute pinkeln und scheißen sogar in ihre Kochtöpfe, weil sie keinen Ort zum Scheißen haben, und auch, weil sie ihren Dreck lieben.

Er rede nicht wie ein Weißer, versichert der Sohn. Nur um die nächste Tirade loszulassen, die ganz so klingt wie aus dem Arsenal der weißen Rassisten.

Was soll Frankreich machen mit all diesen Leuten, deren Diplome jenseits des Verfallsdatums sind, und die sich weigern, in ihr Land zurückzugehen, wo selbst ein Diplom aus der Mülltonne Eindruck macht? Das Studium zählt bei ihnen nicht, auf die Beziehungen kommt es an. Sollen sie doch nach ihrem Scheißstudium wieder abhauen, verdammt! Sie können doch nicht ein Land zwingen, diese ganze Galerie von Glasperlendoktoren zu verwalten, die mit hundert Jahren nicht in ihrem Beruf arbeiten werden.

Sami Tchaks Stimme ist schrill. Er will provozieren durch seine Sprache, durchsetzt sein Werk mit sexualisiertem Jargon und Fäkalausdrücken. Das ist literarisch nicht neu, soll aber wohl nahe heranbringen an die afrikanischen Jungmannen aus der Pariser Banlieue.

Und die sind wütend. Wütend, weil sie so weit unten stehen in der Hierarchie der französischen Gesellschaft und kaum eine Chance sehen, nach oben zu kommen.

Sami Tchak lässt seinen Protagonisten allerdings nicht gegen die Europäer wüten. Der Autor und sein Held empören sich gegen die eigenen Leute. Sie, so sieht es der Junge aus dem Pariser Vorort, halten ihn gefangen in ihrem Kokon aus Lethargie und Rückwärtsgewandtheit. Und versperren ihm - dem in Frankreich Geborenen - den Weg in die Welt der weißen Franzosen, die er als Welt von Aufstieg und Erfolg wahrnimmt.

Sami Tchaks Protagonisten in seiner Wut zu begleiten ist wegen seines auf Dauer anödenden Jargons allerdings ein mäßiges Vergnügen. Uninspiriert auch die Erzählperspektive des Autors, die er für weite Strecken des Romans gewählt hat: Sein Protagonist nimmt die Welt wahr durch sein Sexualorgan. Dessen Auf und Ab entscheidet, wie er etwas sieht und was er tut.

Die Perspektive des Penis liegt unter jüngeren männlichen Autoren afrikanischer Herkunft momentan im Trend. Nicht unbedingt eine gute Voraussetzung für dichte Szenen und überraschende Wendungen einer Geschichte.

Dabei gibt Sami Tchaks Held keineswegs den Frauenverachter. Er schätzt ihre Körperrundungen und -öffnungen. Meistens, wenn er nicht gerade die Cousine seines Freundes vergewaltigt, ist er durchaus bemüht, seiner jeweiligen Sexualpartnerin zum Orgasmus zu verhelfen. Aber Frauen sind nun mal nur als Prostituierte denkbar, und zwar ab Zeile drei des Romans:

Hab ich Ihnen auch gesagt, dass ich zwei jüngere Schwestern habe, die vom rechten Weg abgekommen sind und zur Zeit in Holland ihren Arsch verhökern.

Reduzierte Wahrnehmung, derbe Sprache - auch das ist ein Konzept.

In seiner Lust an der Provokation hat Sami Tchak bisweilen allerdings überdreht. Er bricht eine Szene ironisch - und produziert eine Überraschung. Er bricht ein zweites Mal, ironisiert die Ironie - und produziert ein Klischee.

Wenn der jüdische Freier nicht nur Anwalt ist und jede Menge Geld hat, sondern obendrein eine "typisch jüdische Nase", einen "jüdischen Riechkolben", dann ist der Witz misslungen.

Oder will Sami Tchak manchmal gar nicht ironisch sein, sondern meint es bitter ernst?

In einigen Passagen erweckt er jedenfalls den Eindruck. Und zwar vorzugsweise da, wo dem Ich-Erzähler Frauen ins Blickfeld geraten, deren Genitale verstümmelt wurden. Mit geradezu missionarischem Eifer macht Tchak aus der Gewalttat eine zu vernachlässigende Kleinigkeit.

Auch ohne Klit war meine Mama heißhungrig auf Schwänze. Ich brauchte mir nur anzuschauen, wie sie lebte, dann erübrigte sich jede Fachliteratur, um zu wissen, dass durch die Beschneidung weder der Orgasmus noch die Geilheit unterdrückt werden.

Gewalttätige Männer und sexuell gedemütigte Frauen - das kennen wir seit einigen Jahren aus der Rap-Musik. Allerdings: Beim Rap treibt Musik die Geschichte an und das Stück dauert höchstens vier Minuten.

Sami Tchaks Scheiß Leben ist 300 Seiten lang. Mit seiner fast durchgängigen Penis-Perspektive eine Neuigkeit auf dem Markt von ins Deutsche übersetzter afrikanischer Literatur. Mit seiner - von einem Afrikaner vorgetragenen - mitleidlosen Attacke auf Afrikas gestrandete Kinder in Europa eine Novität. Der Autor nutzt sein Handwerkszeug, die Sprache, bisweilen zu großen Auftritten. Oft allerdings liefert er langweilige Jargon-Ödnis.

Sami Tchak
Scheiß Leben
Zebu Verlag, 300S., EUR 22,90

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk