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StartseiteBüchermarktAuszüge aus der Sendung „Studio LCB“ mit dem irischen Schriftsteller.27.02.1999

Auszüge aus der Sendung „Studio LCB“ mit dem irischen Schriftsteller.

Gäste: Paul Ingendaay und Manfred Pfister

<strong>John Banville über seine Anfänge als Autor und sein Verhältnis zur deutschen Literatur:</strong> "Ich liebe die deutsche Literatur, wer täte das nicht? Mir scheint, von Kleist bis hin zu Paul Celan ist sie eine der bedeutendsten Literaturen der Welt. Das klingt nun sehr feige, als wollte ich mich hier beim Publikum einschmeicheln. Aber es ist eine wunderbare Literatur, und ich wünschte, ich könnte in Deutsch zu Ihnen reden, weil es eine so schöne Sprache ist. Ich liebe die deutsche Literatur nicht zuletzt deshalb, weil sie keine Angst vor Ideen hat. In der angelsächsischen Welt gelten Ideen als etwas sehr Gefährliches, ja schlimmer noch, als etwas Langweiliges Mich hat die deutsche Literatur dazu ermutigt, Ideen in meinen Romanen zu verwenden. Das ist eine sehr heikle und gefährliche Sache - je älter ich werde, desto unmöglicher erscheint es mir, in einer angelsächsischen Welt zu schreiben und Ideen in die Literatur zu bringen, aber ich versuche es trotzdem. Als ich anfing zu schreiben oder vielmehr zu veröffentlichen, Anfang der 70er Jahre, war ich mir sehr wohl bewußt, daß eine Gefahr darin lag, ein "irischer” Schriftsteller zu werden. Außer unserer Literatur hatten wir Iren sehr wenig geleistet, was in der Welt ein Zeichen setzte. Gemessen an der Größe des Landes und seiner Bevölkerungszahl haben wir eine außergewöhnliche Literatur hervorgebracht. Warum das so ist, weiß ich nicht genau, es gibt jede Menge Theorien darüber, über die wir vielleicht später reden können. Für einen angehenden Schriftsteller bedeutete diese Tradition jedenfalls sowohl eine Ermutigung als auch eine Belastung. Jedem irischen Schriftsteller blicken große Gestalten über die Schulter. Ich ziehe da gern die Analogie, daß die großen Toten hinter uns stehen wie die Statuen der Oster-Inseln, Sie kennen diese riesigen Steinstatuen, die einfach so in Gegend herumstehen. Ein bißchen ist das so wie man die Gegenwart eines Joyce oder Beckett, eines Yeats oder Oscar Wildes spürt, die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Sie stehen da und blicken einem über die Schulter und sagen: Wir haben Großes vollbracht, was hast du denn vor, kleiner Wicht? Einerseits bestand also das Risiko, sich von den großen Toten lähmen zu lassen, andererseits lief man auch Gefahr, zum bloßen Vorzeige-Iren zu werden, zum Klischee des irischen Autors, den Clown zu spielen. Viele gute Schriftsteller, sind, glaube ich, in diese Falle getappt. Ich wollte natürlich all das vermeiden und ein europäischer Schriftsteller werden. In meiner jugendlichen Naivität hatte ich damals eine wunderbare Vision. In den 70er Jahre gab es eine kleine Paperbackreihe, Fontana Modern Masters, Leute wie George Steiner schrieben da über Heidegger zum Beispiel. Und wenn ich die Augen schloß, sah ich einen Band von einem bedeutenden Kritiker vor mir, der über die Werke von Banville schrieb. Ich sah mich in meinem jugendlichen Größenwahn also als einen europäischen Meister der Moderne. Es ist ziemlich gefährlich, so bewußt eine Haltung einzunehmen. Man sollte mit dem Instinkt arbeiten. In meiner zweiten Jugend, die ich jetzt wohl erlebe, bemühe ich mich auch, mich wieder mehr auf den Instinkt zu verlassen, aber damals schien die europäische und vor allem die deutsche Literatur ein Weg nach vorn zu sein.

Denis Scheck

John Banville über seine Kindheit: "Mein Zuhause während meiner Kindheit war weitgehend bücherlos, es war eine für den unteren Mittelstand typische Kindheit der späten 40er und 50er Jahre. Irland ist ein sehr interessantes Phänomen, denn es ist ein sehr junges Land, eigentlich existiert es erst seit Mitte der 20er Jahre, vorher war es eine englische Kolonie. Geführt wurde das Land im wesentlichen von Eamon de Valera. Er war eine Art Patriarch, ein unmilitaristischer Faschist, kein schlechter Mann, für ihn war Irland ein Ort, mit dem er experimentieren konnte. Und so führten de Valera und die Kirche das Land gemeinsam in die Isolation.

Denis Scheck: Kein schlechter Mann, aber ein Faschist - das müssen Sie erläutern ...

Banville: "Nun ja, wie gesagt, aber kein Militarist. Er war beim Aufstand 1916 dabeigewesen, hatte im Bürgerkrieg mitgemacht, er hat eine Seite des Bürgerkriegs geführt. Ich glaube, Gewalt stieß ihn ab, er selbst war kein gewalttätiger Mensch. Aber er glaubte an den totalitären Staat, daß das Land von oben regiert werden müsse, und er tat sich mit der Kirche zusammen und führte das Land - eigentlich führte er es bis 1989 -, er starb zwar in den 60er Jahren, aber im Grunde blieb das Land bis 1989 das von de Valera. In diesem Jahr hatten wir unsere kleine Revolution, hier in Deutschland fiel die Mauer, aber niemand bemerkte, daß in Irland eine weit größere Revolution stattfand. Die Kirche stellte sich sozusagen ein Bein. Wir erlebten einige herrliche Skandale. Es gab da einen Bischof, der, wie sich herausstellte, einen 17jährigen Sohn in Amerika hatte und nebenbei auch noch rund 80.000 Pfund Kirchengelder veruntreut hatte, um die Mutter für ihr Schweigen zu bezahlen. Das war Bischof Casey. Wir kommen gleich zum Thema Kindheit zurück, aber das muß ich noch schnell erzählen -, es gab in Dublin eine Nelson-Säule wie am Trafalgar Square, die IRA jagte das Ding irgendwann in den 60ern in die Luft, und nun gab es Pläne, die Säule wieder aufzubauen. Und ich war eines Tages bei einer Pressekonferenz in der Zeitung, der "Irish Times", für die ich arbeite, und die Leute erörterten Namen, wessen Statue obendrauf stehen sollte, Und ich schlug Bischof Casey vor, weil er mehr für dieses Land getan hat als jeder andere bisher in den letzten fünfzehn Jahre. Nicht weit davon steht ein Denkmal für Daniel O'Connell, der als Befreier Irlands bezeichnet wird. Und ich schug vor, Daniel O'Connell da durch Bischof Casey zu ersetzen, denn der ist der wirkliche Befreier dieses Landes. Das ist also das Land, in dem ich aufgewachsen bin, regiert von der katholischen Kirche und der Fianna Fail-Partei, ich glaube, das entspricht so etwa den Christdemokraten in Deutschland. Es war ein Land, in dem groß zu werden nicht leicht war, wir waren im Grunde von der Außenwelt abgeschnitten. Die englischen Zeitungen erschienen in Irland mit weißen Flecken, dort war Werbung für Verhütungsmittel, die bei uns verboten waren. Es war ein sehr heimeliges Land, um darin groß zu werden. Ich hatte eine glückliche Kindheit. Seamus Heaney erzählte mir einmal von einem Gespräch mit einem finnischen Dichter. Der Finne beklagte sich über seine Eltern und daß er furchtbaren Ärger mit ihnen hätte, und Seamus sagte: Wissen Sie, ich liebe meine Eltern. Darauf erwiderte der finnische Dichter: Oh, da haben Sie aber wirklich ein Problem. Ich glaube, eine glückliche Kindheit ist eine schlechte Sache für einen Schriftsteller, aber glücklicherweise gab es ja die Kirche, die auf den Plan trat und mir das Leben so schwer wie eben möglich machte, was mir große Schuldgefühle bereitete, und für einen Schriftsteller gibt es nichts Besseres als jede Menge Schuldgefühle. Darauf kann man gut aufbauen. Meine Familie gehörte zum unteren Mittelstand, wir waren weder reich noch arm, ich war das jüngste von drei Kindern, was eine gute Sache ist, denn mein Bruder war acht Jahre älter als ich, meine Schwester vier Jahre, und als sie auf die Universität gingen, wurde ich zum Einzelkind, was sich als sehr schön herausstellte. Aufgewachsen bin ich in Wexford, einer Kleinstadt mit etwa 15.000 Einwohnern, sehr geschichtsträchtig, aber natürlich haßte ich die Stadt und konnte es kaum erwarten, von da wegzukommen. Meine ersten siebzehn Lebensjahre waren ein einziges Bemühen, von meinem Geburtsort abzuhauen. Wenn ich heute dorthin komme, sehe ich, wie schön die Stadt ist und wieviel ich versäumt habe. Aber ich mußte einfach raus. Eine Möglichkeit rauszukommen war natürlich die Phantasie. Und so las ich alles, was ich in die Finger bekommen konnte, schon in jungen Jahren. Ich fing auch an zu schreiben, da war ich ungefähr zwölf, schreckliche Nachdichtungen von James Joyce und so. Aber nicht schlecht zum Üben. Ich hatte also eine furchtbar langweilige Kindheit.

John Banville über sein Verhältnis zu 1968: "Was es mir heute bedeutet, weiß ich nicht zu sagen, damals schwang auch eine gehörige Portion Romantik mit. Ich lernte meine Frau in Berkeley im Mai 1968 kennen, unsere Liebe begann zwischen Tränengas und Straßenschlachten, es war eine herrliche Zeit, jung zu sein. Ich war 23, als ich nach Berkeley kam, und ich hatte das Gefühl, auf einem anderen Planeten gelandet zu sein. Ich hatte nicht gewußt, daß es eine Welt gibt, in der überhaupt Leute wie ich lebten, Leute, die so dachten wie ich. Es war ungeheuer befreiend. Aber es war vollkommen persönlich. Ich habe nicht an die Befreiungspolitik geglaubt. Im Gegensatz zu meiner Frau, die heute noch genau wie damals daran glaubt und bis auf den heutigen Tag steif und fest behauptet, daß ich gewisse faschistische Züge an mir habe. Ich glaube, das trifft für alle Schriftsteller zu, wir sind von Natur aus konservativ. Aber für mich persönlich war es sehr befreiend. Es war eine wunderbare Zeit, eine wunderbare Zeit zu leben, eine wunderbare Zeit, jung zu sein. Wir glaubten, alles zu wissen, wir glaubten, die Welt verändern zu können. Es schien so einfach. Wir erkannten nicht, daß die Rechte, die Nixon-Leute, nur einen Schritt zurück getreten waren, aus dem Rampenlicht heraus, und abwarteten. Und dann kamen die 70er Jahre. Aber wissen Sie, wenn man zurückblickt auf die 60er Jahre - ich habe kürzlich etwas für meine eigene Zeitung über 1968 geschrieben und habe mir die Unterlagen von 1968 wieder angesehen - allein die vielen Morde, diese Gewalt, schrecklich. Ich erinnere mich an den Rückflug von Berkeley, als ich auf dem Flughafen in London ankam und einen Mann sah, der eine Zeitung las, die vom Mord an Kennedy berichtete, und in meiner Jetlag-Müdigkeit fragte ich mich, wo hat der Kerl denn bloß diese alte Zeitung her? Dabei ging es natürlich um Robert Kennedy. Ich flog dann noch einmal nach Berkeley, und als ich wieder in Dublin war, meldeten die Zeitungen die Ermordung von Martin Luther King. Praktisch jede Woche schien es ein Verbrechen zu geben. Und trotzdem sprechen wir von den 60er Jahren und von 1968 als einer Zeit der Blumen, des Tanzens und Singens und so weiter. Dabei war es in Wirklichkeit ein durch und durch blutrünstiges Jahrzehnt. Aber es hat schon einiges verändert, es hat bei den Menschen in Irland etwas verändert. Es gab damals einen konservativen Politiker in Irland, der - das irische Fernsehen begann um 1960 - im Parlament eine Rede hielt und sich bitter über den Verfall der Sitten in Irland beklagte. Und dieser Poltiker gab die dann berühmt gewordene Äußerung von sich, in Irland habe es vor dem Fernsehen keinen Sex gegeben. Irgendwie habe ich durchaus verstanden, was er sagen wollte, denn er meinte ja nicht Sex im biologischen Sinne, er sprach von Sex als Weltanschauung. Plötzlich, als das Fernsehen nach Irland kam, sahen wir, was da draußen los war. Es ist so ähnlich wie als das Fernsehen in jene osteuropäischen Länder kam, die so lange isoliert gewesen waren. Ich denke schon, daß in den 60ern eine Art Freiheit begann. Aber wir mußten lange warten, erst Bischof Casey hat diese Freiheit schließlich für uns errungen."

John Banville über seine Poetik: "Der englische Dichter Philip Larkin hat nie Lesungen gemacht. Er sagte, er habe keine Lust herumzureisen und sich selbst darzustellen. Man stellt sich aber unvermeidlich selbst dar, wenn man hier oben auf dem Podium sitzt. Der Roman zielt wie jede andere Kunstform darauf ab, zu ergreifen und zu erfreuen, das ist sein Hauptziel. Kunst ist schließlich auf einer sehr, sehr wichtigen Ebene Unterhaltung, vielleicht eine gehobene Form der Unterhaltung, aber eben doch Unterhaltung. Die beste Erklärung, die ich mir fürs Romaneschreiben vorstellen kann, ist die, daß man einen jener unbeschreiblich bedeutenden Träume hat, wie sie nur drei- oder viermal im Leben vorkommen, die Art Träume, die anscheinend die absolute Bedeutung dessen enthalten, was wir sind, auch wenn wir sie nicht einmal richtig deuten können, kommen sie uns doch ungeheuerlich bedeutsam vor. Und wenn man so einen Traum geträumt hat, dann steht man morgens auf und sitzt am Frühstückstisch und versucht, demjenigen auf der anderen Seite des Frühstückstisches den Traum zu erzählen, und schon nach zwei Sätzen gähnt derjenige, denn es gibt nichts Langweiligeres als die Träume anderer. Der Grund, warum sie so langweilig sind, ist, daß man den Traum beschreibt, ihn nacherzählt, aber man schafft ihn nicht neu. Man müßte der Person am Frühstückstisch sagen: Hör mal, ich verschwinde für längere Zeit, können fünf Jahre werden, und werde diesen Traum aufschreiben, und dann komme ich zurück und gebe ihn dir zu lesen, und wenn du ihn liest, wirst du den Traum haben, und er wird für dich so wichtig und lebensnah und bedeutend sein, wie er für mich war, als ich ihn hatte. Das ist der Grund, warum man Romane schreibt. Man möchte, daß der Leser das gleiche Gefühl hat, ich wage einmal das vielleicht sentimentale Wort, das Gefühl der Verwunderung über die Mannigfaltigkeit in der Welt. Das kommt mir wie eine Art fortwährendes Wunder vor. Vielleicht liegt etwas Kindliches im Empfinden des Künstlers, vielleicht gibt es etwas Anrührendes, einige meiner Freunde behaupten das. Sie haben das Gefühl, daß ich "wie ein Künstler" sei, daß ich nicht so funktioniere wie sie, daß ich die Welt nicht so sehe, wie sie sie sehen. Aber daß sie, wenn sie meine Bücher lesen, die Welt so sehen wie ich und das scheint mir das größte Kompliment überhaupt zu sein, das man mir machen kann. Wie gesagt, der Versuch zu ergreifen, zu erfreuen, etwas zu kommunizieren über dieses außergewöhnliche ästhetische Wagnis, auf das wir uns eingelassen haben in dieser Welt. Uns sind sechzig, siebzig, achtzig Jahre gegeben, dieses herrliche Abenteuer zu erleben und einige Zeugnisse davon zu hinterlassen, wie es - um noch einmal Philip Larkin zu zitieren - "einem Menschen in seinem einen Sterben schien". Das, so scheint mir, das ist das einzige, was das innere Leben lebenswert macht. Na bitte: mein Testament."

John Banville liest aus "Athena"

http://www.dradio.de/literatur/ram/banville.ram

Link: Auszug aus John Banvilles "Athena"

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