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StartseiteCampus & KarriereBachelor trotz geistiger Behinderung19.06.2013

Bachelor trotz geistiger Behinderung

Das "Ozmot"-Programm an der Bar Ilan Universität

Studieren mit geistiger Behinderung: An der Bar Ilan Universität in Tel Aviv ist das möglich. Denn die Lernfähigkeit von geistig Behinderten nimmt im Alter zu, sagt die Programmleiterin Hefziba Lifshitz-Vahav, die geistig behinderte Studierende auf das Bachelorstudium vorbereitet.

Von Lissy Kaufmann

Das Down-Syndrom bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Betroffenen nicht studieren können. (dpa / picture alliance / Armando Babani)
Das Down-Syndrom bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Betroffenen nicht studieren können. (dpa / picture alliance / Armando Babani)

An der Bar Ilan Universität nahe Tel Aviv trudeln an diesem Morgen Studierende in den Raum 418 ein. Das Thema ist bereits an die Wand projiziert: Es geht um Forschungsfragen. Das alles klingt nach einer gewöhnlichen Seminarsitzung. Das Besondere aber ist, dass die Teilnehmer geistig behindert sind. In einem speziellen Programm mit dem Namen "Ozmot", also Stärken, werden sie derzeit auf ein Studium vorbereitet. Sie haben die Chance, einen Bachelorabschluss im Fach Erziehungswissenschaft zu erreichen. Nirgendwo sonst ist das bisher möglich. Die Erziehungswissenschaftlerin Hefzibah Lifshitz-Vahav hat das Programm ins Leben gerufen. Sie hat die sogenannte Compensation Age Theory entwickelt:

"Mein Argument ist: Je älter geistig Behinderte werden, und je mehr Lebenserfahrung sie haben, desto lernfähiger sind sie. Sie können sich als Erwachsene Wissen aneignen, dass sie vorher nicht hatten."

Das Geld für das Programm kommt vom Staat und von Atid, einer Organisation für Menschen mit Down Syndrom. Hefziba Lifshitz-Vahav ist sich sicher, dass die geistig Behinderten mehr können als putzen und an der Supermarktkasse arbeiten. Man müsse ihnen nur die Chance geben, als Erwachsene noch zu lernen.

Was ist Forschung, fragt die Dozentin. Etwas, in das man besonders viel investiert, antwortet Odelia Gabay. Sie ist eine der 24 Studierenden. Einmal pro Woche kommen sie ohne Betreuer an die Universität, sind pünktlich im Unterricht und gehen selbstständig in die Cafeteria.

Die 27-jährige Odelia Gabay hat das Downsyndrom – wie die meisten im Programm. Sie ist glücklich weiterlernen zu können.

"Für mich ist es wie ein Traum. Meine Familie und meine Freunde sind stolz auf mich. Sie können gar nicht glauben, dass ich einen Bachelorabschluss haben werde. Für meine Mutter ist es eine große Freude."

Die Dozenten studieren selbst in einem Masterprogramm im Fach Erziehungswissenschaft. In zwei verschiedenen Klassen lehren sie Theorien und Konzepte in Fächern wie Soziologie oder Psychologie. Sechs der geistig Behinderten, die besonders hervorstechen, sollen im nächsten Semester Erziehungswissenschaft studieren, erklärt

"Die Studierenden sollen in regulären Bachelorkursen integriert werden. Sie werden einen Betreuer haben, der mit ihnen die Kurse besucht und sie vor und nach dem Unterricht unterstützt. Wir werden sehen, was passiert."

Noch zu Beginn hatte die Organisatorin Shoshana Nissim Zweifel. Sie hat den Unterricht entworfen und ist in jeder Stunde anwesend.

"Anfangs waren sie nicht bereit für die Universität. Sie konnten den Lehrern kaum zuhören und nicht verstehen, was vor sich ging."

Doch sie haben in diesem Jahr viel gelernt. Mittlerweile ist Shoshana Nissim überzeugt, dass sie das Bachelorstudium schaffen können.

"Jetzt haben verstanden, was es bedeutet, zu studieren und nicht nur die individuellen Geschichten zu erzählen."

Selbst für die, die nicht in ein Bachelorstudium aufgenommen werden, ist das Programm eine Chance. Im nächsten Jahr steht ein Computerkurs an. Danach sollen sie auch im Büro, zum Beispiel als Sekretäre, arbeiten können. Hefziba Lifshitz-Vahav und ihre Kollegen sind derzeit auf der Suche nach Kooperationspartnern.

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