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StartseiteUmwelt und VerbraucherSchmerzmittel und Süßstoffe in fast allen Flüssen15.10.2014

Baden-WürttembergSchmerzmittel und Süßstoffe in fast allen Flüssen

Stoffe wie Arzneimittel und Pestizide können von vielen Kläranlagen nicht aus dem Wasser gefiltert werden - und geraten so in Gewässer. Baden-Württemberg hat in einer aufwendigen Untersuchung Flüsse und Bäche auf solche Rückstände untersucht und ist in vielen Fällen fündig geworden.

Von Michael Brandt

Wasser fließt durch einen Bach. (picture alliance / dpa - Henning Kaiser)
Klares, frisches Wasser - oft finden sich trotzdem Rückstände von Medikamenten oder Fungiziden. (picture alliance / dpa - Henning Kaiser)
Weiterführende Information

Schmerzmittel im Trinkwasser
(Deutschlandfunk, Wissenschaft im Brennpunkt, 22.09.2013)

Noch vor zehn Jahren waren die Stoffe, um die es hier geht, schlicht nicht nachweisbar. Arzneimittelrückstände, Röntgenkontrastmittel, Rückstände von Pestiziden und Fungiziden, synthetische Süßstoffe, perfluorierte Verbindungen oder synthetische Duftstoffe. Klar war allerdings, dass diese sogenannten Spurenstoffe - zumindest bislang - mit den Kläranlagen nicht aus dem Abwasser gefiltert werden. Ziel der Untersuchung der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg war es daher, erstmals flächendeckend festzustellen, ob die Flüsse in Baden-Württemberg mit Spurenstoffen belastet sind. Das Ergebnis, so Margareta Barth, die Präsidentin der Landesanstalt für Umwelt, ein klares Ja!

"Wir haben im Mittel in den Gewässern etwa die Hälfte dieser Spurenstoffe gefunden. Das heißt, die Belastung der Gewässer mit Arzneimitteln und sonstigen Spurenstoffen ist da. Insbesondere Diclofenac.".

Aus 17 Fließgewässern in Baden-Württemberg wurden ein Jahr lang regelmäßig Proben entnommen, diese mithilfe des Technologiezentrums Wasser in Karlsruhe auf 86 Spurenstoffe geprüft. Festgestellt wurden erstens erkennbare und weit verbreitete Arzneimittelrückstände, das zweite auffällige Ergebnis war die weite Verbreitung des giftigen Textilhilfsmittels Per-Fluor-Octan-Sulfonat, kurz PFOS.

"PFOS ist ein Stoff, der in der Industrie angewendet worden ist, um Stoffe, Teppiche, Papier wasserabweisend zu machen. Dieser Stoff ist mittlerweile von der EU verboten. Es handelt sich aber um eine persistente Verbindung, die eben nicht abbaubar ist in der Natur. Das heißt, wir werden auch in vielen Jahren dieses PFOS noch vorfinden."

Das Beispiel zeige, was passiere, wenn Chemikalien ohne hinreichende Prüfung zugelassen würden.

Erste flächendeckende Untersuchung in einem Bundesland

Die erste flächendeckende Studie über Spurenstoffe zeige also, dass die Art der Belastung ein Thema sei und nach der Überzeugung von Margareta Barth müssen ähnliche Erhebungen auch in anderen Ländern folgen:

"Es gibt eine Reihe von Ländern, die Untersuchungen laufen haben auf Einzelstoffe, aber einen solchen Überblick hat noch kein Bundesland vorgelegt. Aber ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die anderen Länder auch ein solches Inventar haben wollen, um daraus Maßnahmen abzuleiten - das ist ja der nächste Schritt."

Für Helmfried Meinel, Amtschef im baden-württembergischen Umweltministerium, müssen aus der Studie drei Arten von Konsequenzen folgen. Erstens technische: Kläranlagen müssen nachgerüstet werden, damit einige Spurenstoffe erst gar nicht in die Flüsse kommen:

"Man kann in die Technik gehen. Man kann zum Beispiel in der sogenannten vierten Reinigungsstufe auch solche Spurenstoffe eliminieren. Das werden wir in vielen Bereichen auch machen müssen. Wir haben in Baden-Württemberg bereits neun Kläranlagen, die mit dieser vierten Reinigungsstufe ausgerüstet sind, das heißt, mit einer Filterung durch Aktivkohle die auch solche Spurenstoffe bindet."

Die zweite Konsequenz müssen laut Meinel die Verbraucher ziehen. Arzneimittelreste gehören nicht ins Abwasser, sondern in den Hausmüll, wo sie rückstandsfrei verbrannt werden können. Die dritte Konsequenz schließlich ist die politische. Gerade der Fall PFOS zeige, dass bei der Zulassung von Chemikalien genauer hingeschaut werden muss. Und zuständig ist hier die EU-Kommission:

"Sie muss dafür Sorge tragen, dass in der Pharmaindustrie, wo solche Stoffe hergestellt werden, die anschließend breit verwendet werden sollen, dass hier sorgfältig nachgeschaut werden muss, wie solche späteren Spurenstoffprobleme vermieden werden können."

Aber auch bei Medikamenten müsse mit Blick auf die anschließende Gewässerbelastung geprüft werden, ob Zusammensetzungen nicht verändert werden können, sodass am Ende weniger in den Fließgewässern landet.

Auch wenn laut Studie die zulässige Belastung von Gewässern mit Spurenstoffen in einigen Fällen die Grenzwerte übersteige, geht es bei der Untersuchung zunächst mal um die Auswirkungen auf die sogenannten aquatischen Lebensgemeinschaften. Um Auswirkungen auf Algen, Krebse, Fische. Für den Menschen gebe es bislang keinen Grund zur Sorge, so Margareta Barth vom Landesamt für Umwelt Baden-Württemberg. Beim Baden seien die Konzentrationen ungefährlich und bei der Trinkwasseraufbereitung werde genauestens darauf geachtet, dass alle Grenzwerte eingehalten werden.

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