• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseiteFirmenporträtDer Trecker als Hightech-Arbeitsplatz26.08.2016

Bauernhof 4.0Der Trecker als Hightech-Arbeitsplatz

Der Agrarbetrieb von Familie Glitz ist komplett vernetzt. Per Handy-App können die Maschinen kontrolliert werden, der moderne Trecker misst mit Sensoren den Nährstoffbedarf der Pflanzen. So kann beispielsweise Dünger eingespart werden. Problematisch ist allerdings die langsame Internetverbindung auf dem Land.

Von Dietrich Mohaupt

Traktor spritzt Glyphosat zur Unkrautvernichtung im Sommer in Rheinland Pfalz. (imago / Blickwinkel)
Wenn das Internet in den ländlichen Regionen nicht schneller wird, ist die Landwirtschaft 4.0 in Gefahr. (imago / Blickwinkel)
Mehr zum Thema

Landwirtschaft Der Bauer wird schlauer

Achim Steiner zum Agrarsektor "Ich mache mir enorme Sorgen um die Zukunft der Landwirtschaft"

Smart Farming Computer und Roboter revolutionieren die Landwirtschaft

Digitalisierung hin oder her – wenn es in Strömen gießt, dann kann Landwirt Thinus Glitz sein Getreide nicht ernten. Das hat sich, trotz Landwirtschaft 4.0, in den vergangenen Jahren nicht geändert – wohl aber, wie er zu seiner Wettervorhersage kommt.

Die Zeit der guten, alten Bauernregeln ist endgültig passé. Thinus Glitz setzt stattdessen auf die Software 365FarmNet. Mit ein paar Mausklicks navigiert er durch das Programm.

"Da habe ich eine Startseite, ich sehe einen Kalender, ich sehe den Wetterbericht – das ist erst einmal ganz wichtig, ohne Wetterbericht läuft nichts in der Landwirtschaft – ich habe aktuelle Getreidepreise, ich habe noch zusätzliche Infos."

Gesamter Betrieb ist vernetzt

Sämtliche Daten über den Betrieb der Familie Glitz sind in einer Onlinedatenbank gespeichert, zum Beispiel die Größe, Lage und Bodenbeschaffenheit der Ackerflächen. Mithilfe dieser Informationen dokumentiert das Programm alle Arbeitsabläufe auf dem Hof – hilft aber auch bei der Vorausplanung.

"Eine Anbauplanung, eine Saatgutplanung, die täglichen Planungen, die ein Betrieb machen muss. Wenn ich Saatgut kaufen will, muss ich wissen wie viel Tonnen von welcher Sorte. Das kann man sicher alles auf einem Zettel mit Papier und einem Stift machen, das geht auch mit einer Excel-Tabelle – aber hier habe ich es halt vernetzt. Ich habe alle Schlagdaten drin, ich habe die Vorfrüchte, und es ist in deutlich kürzerer Zeit gemacht, als auf konventionelle Art und Weise."

Soweit, so bewährt – elektronische Ackerschlagkarteien gibt es schon seit Jahren. Darüber hinaus hat Thinus Glitz seinen gesamten Betrieb vernetzt. Via Internet hat er jederzeit Zugriff, entweder im Büro am PC – oder auch von unterwegs über eine Handy-App – nicht nur auf alle Betriebsdaten. Er kann auch einzelne Maschinen direkt aufrufen – zum Beispiel einen der Mähdrescher. Nach ein paar Mausklicks öffnet sich ein Dialogfenster mit detaillierten Daten vom Vortag: Standort des Mähdreschers, Fahrstrecke, Motorauslastung, Spritverbrauch – und natürlich konkrete Erntedaten.

"Einmal die wichtigsten Tagesparameter – ein Durchschnittsertrag im Raps, wie feucht ist das Getreide, das er erntet. Ein ganz wichtiger Parameter auch für meine Lagerung, was stelle ich mit dem Getreide an, muss ich es erst noch trocknen oder kann ich es direkt ins Lager laufen lassen."

Einzelne Felder durch Software erfasst

Bis auf wenige Meter genau erfasst die Software die Daten für die einzelnen Felder – und berechnet daraus in Echtzeit eine detaillierte Karte mit farbigen Markierungen, die für unterschiedliche Erträge auf verschiedenen Bereichen des Ackers stehen.

"Wir haben gerade in diesem Jahr mal wieder das Phänomen gesehen, dass wir doch sehr, sehr deutlich mit der Ertragskartierung unterschiedliche Dünge-Strategien wiederfinden können, auch ein Dünge-Fehler ganz offensichtlich in der Ertragskarte zu sehen ist. Und das gibt uns auch immer noch mal Rückschlüsse, gerade im teilflächenspezifischen Düngungsbereich, wo wir sagen, da müssen wir noch ein bisschen nacharbeiten." 

Soweit die Theorie am Computer – die Praxis ist gerade auf dem Hof direkt vor dem Bürofenster vorgefahren: Ein moderner Trecker, ausgerüstet mit einem Düngerstreuer am Heck und einem sogenannten Crop Sensor. Der ist vorne am Trecker montiert und besteht aus zwei LEDs, die während der Fahrt über den Acker verschieden farbiges Licht abstrahlen.

Moderner Trecker mit Crop-Sensor

Das von den Pflanzen reflektierte Licht erlaubt Rückschlüsse auf ihren aktuellen Nährstoffbedarf. Diese Daten werden an den Düngerstreuer weitergeleitet – innerhalb von Sekundenbruchteilen, erläutert Thinus Glitz, während er in die Fahrerkabine klettert:

"Das Ganze wird auch metergenau per GPS dokumentiert – wo was ausgebracht wurde. Diese Unterschiede in dem Schlag sind einfach auch naturgegeben aufgrund unterschiedlicher Bodenparameter. Wir haben hier eine sehr kupierte Landschaft, und in den Senken habe ich sehr nährstoffreiche Böden, da kann das Gerät mir helfen, weniger zu düngen, auch unter Umwelt- und finanziellen Gesichtspunkten, Ausbringmengen zu reduzieren."

Dünger sparen – nicht nur der Umwelt zuliebe. Der möglichst effiziente Einsatz von Düngemitteln ist auch ein wesentlicher Kostenfaktor im Betrieb, erklärt der Landwirt – und das gilt genauso für Pflanzenschutzmittel, betont sein Vater Hans-Wilhelm, mit dem er den Betrieb gemeinsam leitet.

"Ich verspreche mir eben davon, dass dieser Sensor in Zukunft auch die Pflanzenschutzmittel besser ausbringen kann – das ist zwar im Moment noch so ein bisschen in den Kinderschuhen, wird aber im Laufe der nächsten Jahre kommen, dass Pflanzenschutzmittel noch gezielter ausgebracht werden können: An den Stellen, wo sie nötig sind mehr, und wo sie nicht nötig sind, einsparen."

Schnittstelle zwischen Büro und Acker

Die Fahrerkabine des Treckers ist ein echter Hightech-Arbeitsplatz, gespickt mit diversen Touchscreen-Monitoren und Displays, darunter auch – beinahe etwas unscheinbar – ein iPad. Für Thinus Glitz ist das die zentrale Schnittstelle zwischen Büro und Acker.

"Das haben wir mittlerweile auf allen Maschinen drauf – teilweise mit WLAN, teilweise mit GSM-Karte – und können Aufträge aus dem Büro hier drauf senden. Ich kann aber auch eine Dokumentation da drauf machen: Da habe ich eine GPS-bezogene Schlagerkennung, ich sehe alle Schläge, ich kann mich dahin navigieren lassen zu dem Ort, wo ich was machen soll – das ist für uns ein riesen Fortschritt, Daten immer dabei zu haben und Arbeit auch da zu dokumentieren, wo sie entstanden ist und nicht irgendwann drei Wochen später im Büro, das ist eine echte Zeitersparnis für uns mittlerweile."

Problem: Langsames Internet

Wenn, ja wenn nur nicht immer das Internet so lahm wäre. Einzelhoflage weit ab vom Schuss – da ist schnelles Internet ein Fremdwort. Und das müsse sich ganz schnell ändern, fordert Thinus Glitz.

"Ohne eine adäquate Internetverbindung haben Sie ein Problem. Sie können keine Steuermeldung machen, ganz viele regulatorische Dinge, Meldungen, nicht ausführen. Da ist ein FarmNet, eine Dokumentationssoftware, noch eins der kleineren Probleme – und wenn wir dauerhaft hier kein Internet hin gebaut bekommen, muss ein Büro irgendwo dahin gebracht werden, wo diese Infrastruktur gegeben ist, sonst haben wir ein Zukunftsproblem hier."

Und das wär’s dann mit Landwirtschaft 4.0 in den ländlichen Regionen abseits der Ballungsräume.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk