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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenEin Begriff wird neu definiert 16.07.2015

BegabungEin Begriff wird neu definiert

Zahlreiche Studien haben in den vergangenen Jahren festgestellt, dass deutsche Schulen offenbar zu wenige Angebote für besonders talentierte Kinder bereithalten. Das soll sich ändern. Auch die Politik möchte nun den Ausbau einer verbesserten Förderkultur vorantreiben.

Von Antje Allroggen

(Carsten Rehder/dpa)
Zusätzliche Unterrichtsangebote soll es nach dem Willen der Politik nicht nur für leistungsschwache Schüler geben, sondern auch für die Talentierteren in einer Klasse. (Carsten Rehder/dpa)
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Begabtenförderung Geförderte Schwache - gelangweilte Starke

Im pädagogischen Alltag hat sich die Theorie von Begabung als bewegliche Größe noch nicht durchgesetzt. Talentierte Schülerinnen und Schüler, so die weitverbreitete Ansicht, brauchen keine eigene Förder-Kultur. Auch die PISA-Experten bescheinigten Deutschlands Schulen schlechte Noten in der Leistungsspitze. Das soll sich in den kommenden Jahren ändern.

Zahlreiche Studien haben nachgewiesen, dass eine bildungsgerechte Teilhabe aller Schülerinnen und Schüler nur gelingt, wenn nicht nur die leistungsschwachen, sondern auch die leistungsstarken Kinder ausreichende Fördermöglichkeiten erhalten. Erst Mitte Juni verabschiedete die Kultusministerkonferenz eine Förderstrategie für talentierte Schülerinnen und Schüler.


[*] In den Computerräumen des Conrad-Schlaun-Gymnasiums in Münster rauchen die Köpfe. Etwa 20 Schülerinnen und Schüler der 6. Klassen treffen sich hier einmal in der Woche, um an ihren Projekten zu arbeiten. Sie recherchieren nach Quellen im Internet, diskutieren miteinander, wälzen Bücher.

Ein Schüler interessiert sich für die Frage, wie man sich im Wald einen Unterschlupf baut. Ein anderer konstruiert eine Monsterfalle und verfasst zunächst eine Mindmap dazu. Die Themenwahl bleibt den Schülerinnen und Schülern überlassen. Ein Lehrer und mehrere Mentoren ermutigen zum selbstgesteuerten Lernen. Der Projekt-Unterricht ist freiwillig. Dennoch gelten klare Regeln: Ein Lerntagebuch soll den Schülerinnen und Schülern dabei helfen, die Hausaufgaben zu organisieren. Wer am Projekt nicht strukturiert arbeitet, wird durchaus auch mal gerügt. [*]

"Bezogen auf potenziell leistungsstarke Schüler tut sich da sehr wenig"

Münster gilt als Mekka der Begabtenförderung und ist damit in Deutschland eine Ausnahmeerscheinung. Die meisten Schulen fördern hierzulande leistungsstarke Schülerinnen und Schüler viel zu wenig. Das soll sich ändern: Nachdem die Pisa-Experten Deutschland vor zwei Jahren schlechte Noten in der Leistungsspitze bescheinigten, fordert nun auch die Politik den Ausbau einer verbesserten Förderkultur. Zusätzliche Unterrichtsangebote soll es künftig nicht nur für leistungsschwache Schülerinnen und Schüler, sondern auch für die Talentierteren in einer Klasse geben. Erst Mitte Juni verabschiedete die Kultusministerkonferenz eine Förderstrategie, um begabte Schülerinnen und Schüler besser als bisher zu unterstützen. Zahlreiche Studien, die in den vergangenen zwei Jahren veröffentlicht wurden, haben ebenfalls festgestellt, dass deutsche Schulen zu wenige Angebote für talentierte Kinder bereithalten.

"Die Studien zeigen sehr deutlich, dass in der ersten Dekade nach Pisa durchaus Verbesserungen bezogen auf Kinder mit Beeinträchtigungen aus sozial benachteiligten Lagen oder mit Zuwanderungsgeschichte zu verzeichnen waren. Bezogen auf potenziell leistungsstarke Schüler tut sich da sehr wenig. Da gibt es eine Stagnation. Andere Länder, die in den Vergleichsstudien sehr gut abschneiden, können das sehr viel besser. Die haben gleichermaßen eine Förderkultur für Kinder mit Lernschwierigkeiten wie auch eine Forderkultur für Kinder mit besonderen Potenzialen. Da ist es so, dass das Forderangebot etwa für leistungsschwache Leserinnen und Leser und das Forderangebot für leistungsstarke Leserinnen und Leser ausgeglichen ist."

Christian Fischer, Professor für Begabungsforschung und Individuelle Forschung an der Universität Münster. Im Vergleich zu anderen Ländern, etwa in Skandinavien oder Kanada, ist die Begabungsförderung in Deutschland noch kaum entwickelt. Neben dem Münsteraner Lehrstuhl gibt es hierzulande noch nicht einmal eine Handvoll Hochschulen, die sich mit dem Themenfeld wissenschaftlich beschäftigen.

Christian Fischer:

"Insofern ist das natürlich schwierig, da auch den entsprechenden Forschungsbedarf zu decken. Da gibt es einen großen Nachholbedarf. Da müssen wir uns breiter aufstellen, da müssen wir das Thema intensiver behandeln und auch schauen, wie können wir dem Thema, wie können wir dem Geschmäckle, was dem Thema immer noch unterliegt, wie können wir das entsprechend bewältigen? Weil das Thema ist immer noch belastet durch diese Frage von Eliteförderung, wo man dann gerne in Richtung des Nationalsozialismus schaut. Wenn man sich das genauer anschaut, hat das sehr wenig miteinander zu tun, was wir hier realisieren. Andere Länder gehen da sehr viel pragmatischer mit um."

Begabung und Leistung sind nicht das gleiche

In der Wissenschaft gibt es keine eindeutige Vorstellung davon, was unter Potenzialförderung eigentlich zu verstehen ist. Ein Zweig der Begabtenforschung knüpft an die klassische Vorstellung von Elitenbildung an: Hier richten sich die Fördermaßnahmen in der Regel an Kinder, bei denen ein überdurchschnittlicher IQ-Wert festgestellt wurde. Dabei gibt die Diagnostik vor allem Auskunft über die kognitiven Fähigkeiten des Kindes. Unbestritten ist, dass Begabung und Intelligenzpotenzial die Grundlage für kognitive Leistungen sind. Heute geht die Forschung allerdings mehr und mehr davon aus, dass neben den intellektuellen Voraussetzungen auch Motivation, Disziplin und Erfahrungswerte eine wichtige Rolle für den Lernerfolg spielen. Begabung ist demnach ein dynamischer Prozess, der nicht biologisch determiniert ist. Jeder Mensch verfügt über unterschiedliche Begabungen, die nicht automatisch zu einer guten Leistung führen. Vor allem aber sind Begabung und Leistung nicht das gleiche.

Bezogen auf den Schulunterricht heißt das, dass nicht nur einige, sondern viele Kinder über besondere Begabungen verfügen. Dieser Ansicht ist auch Christian Fischer. Er geht von der grundsätzlichen Maxime aus, dass alle Schüler in ihrer Vielfalt wahrgenommen werden sollen. Dabei können die Begabungen sehr unterschiedlicher, vielfältiger Natur sein.

"Wie können wir mit Heterogenität konstruktiv umgehen, wie können wir womöglich die Heterogenität auch nutzen quasi in Hinblick auf wechselseitiges Lernen, wie können wir die Unterschiedlichkeit der Schüler in Hinblick auf spezielle Lehr-Lernsettings nutzen? Da gibt es auch sogenannte Kompositionseffekte. Hinweise, die in den Studien sagen, dass diese Kinder von heterogenen Settings sehr profitieren von der Lernentwicklung. Andererseits braucht man auch entsprechende Rahmenbedingungen. Insofern ist der Bereich des gemeinsamen Lernens nur eine Form."

Neben neuen, offener gestalteten Unterrichtsformen soll sich auch die
Lehrerausbildung mehr auf das Thema Begabtenförderung fokussieren. Auch das fordert die Kultusministerkonferenz in ihrem neuen Positionspapier. Schon die weltweit beachtete sogenannte Hattie-Studie – benannt nach seinem Verfasser, dem neuseeländischen Bildungsforscher John Hattie - war zu dem Ergebnis gekommen, dass die Qualität des Unterrichts die wichtigste Größe für den Lernerfolg sei. Im herkömmlichen Unterricht langweilen sich viele begabte Kinder sehr und verschenken so viele Potenziale:

"Ein bisschen langweil' ich mich da auch. Ich bin meistens immer als erster fertig. Ich geh dann meistens, wenn meine Lehrerin keine Arbeitsblätter hat, hinten in die Spielecke und lese ein bisschen vor mich hin. Gegen die Langweile kann man eigentlich nicht so viel machen, weil es ist doch auch irgendwie peinlich, die Lehrer anzusprechen, weil dann gucken alle, und die meisten sagen dann auch so Streber. Dann kritzel ich in meinem Heft rum und warte, bis die anderen fertig sind oder helfe anderen. Ja."

Schulen müssen aber noch aus einem anderen Grund das Feld der Begabtenförderung stärker als bisher besetzen: Bisher scheinen nämlich weniger die Lehrer als die Eltern über den schulischen Erfolg eines Kindes zu entscheiden. Bildung ist zu einem wichtigen Indikator für den sozialen Status oder Aufstieg geworden. Ironie dabei ist: Je durchlässiger das deutsche Schulsystem in den vergangenen Jahren geworden ist, umso mehr bemühen sich die Eltern der Mittelschicht darum, die gewonnene Bildungsgerechtigkeit zu unterwandern. Eltern greifen zur Selbsthilfe, wo die pädagogischen Institutionen anscheinend versagen. Erst vor einigen Wochen forderte eine Mutter per Petition dazu auf, die Bundesjugendspiele abzuschaffen, weil dem Sohn eine Teilnehmerurkunde als Anerkennung seiner Leistungen nicht reichte.

Die Studie "Familie im Fokus" untersucht bis Ende des Jahres, welche Rolle die Familien bei der Potenzialentfaltung von Kindern und Jugendlichen spielen. Anne Sliwka, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Heidelberg, hat die Studie verfasst:

"Das ist ein Problem für Chancengerechtigkeit. Weil einfach durch diese enorme Bereitschaft zu investieren in die Bildung und Entwicklung von Kindern in einer bestimmten sozialen Schicht, mit der andere nicht mithalten können, das schafft natürlich eine soziale Schere, die man in irgendeiner Weise kompensieren müsste, wenn man Chancengerechtigkeit möchte."

Wer in Deutschland also Eltern hat, die sich früh für die Potenzialentfaltung des Nachwuchses einsetzen, dem wird gegeben. Den anderen wird, frei nach dem Matthäus-Prinzip, alles genommen. Die Anhänger der Concerted Cultivation gehören demzufolge zu den Bildungsgewinnern. Sie betreiben von Anfang an einen hohen Aufwand, damit ihre Kinder sich optimal entfalten können. Für die Verlierer der privat organisierten Talententwicklung fordert Sliwka sozialkompensatorische Maßnahmen. Etwa mehr Büchereien für die Hauptschulen oder niedrigschwellige Angebote für Museen- oder Theaterbesuche. Vor allem aber will das Projekt "Familie im Fokus" Eltern für die Themen Bildung und Begabung sensibilisieren. Anne Sliwka:

"Wir kommen an Familien nur in begrenztem Maße ran. Die Chance sehe ich in einer stärkeren Vernetzung von Familien, Schulen und Kindergärten. Die Schule und den Kindergarten zu einem Ort machen, an dem Eltern auch über Bildung sprechen können, auch eigene Prozesse in der Familie reflektieren können, auch gemeinsam mit anderen. Das ist vielleicht eine Möglichkeit, da an die Eltern ranzukommen."

"Die Gesellschaft verschenkt ihre Potenziale"

Ziel ist, den Schulerfolg mehr und mehr von der sozialen Herkunft des Kindes abzukoppeln. Wie sehr sich Kinder und Jugendliche aber durch die ständigen Anforderungen von Familie und Schule unter Druck gesetzt fühlen, zeigten die Ergebnisse einer Studie, die Anfang dieses Jahres veröffentlicht wurde. Darin gaben mehr als ein Drittel der Befragten an, dass sie sich durch Schule, aber auch durch den Erwartungsdruck der Eltern gestresst fühlen. Vor allem die älteren Schülerinnen und Schüler haben das Leistungsversprechen seit Jahren verinnerlicht und leiden häufig unter Stress-Symptomen. Hartmut Rosa, Politikwissenschaftler und Soziologe mit einem Lehrstuhl für allgemeine und theoretische Soziologie, an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, sieht diese Entwicklung kritisch:

"Meine Erklärung dafür ist, dass Schule einfach zu einer Entfremdungszone wird. Die Schule sagt diesen Schülern nix, und auch die Lehrkräfte können damit nix anfangen, dass wir da also verlieren, so dass ein Teil der Sozialwissenschaften auf diesen Punkt aufmerksam macht: die Gesellschaft verschenkt ihre Potenziale, die sie eigentlich bräuchte, um wettbewerbsfähig zu bleiben."

Doch was nützt es, wenn man ein talentiertes Kind hat, aber die Konkurrenz aus den asiatischen Ländern alles aussticht? In der Tat ist es vor allem in den Bereichen des Sports und der Mathematik so, dass asiatische Kinder Gleichaltrige aus Deutschland überholen, weil sie schlichtweg mehr üben. Viele Studien zeigen, dass Potenzialentfaltung nur dann gelingt, wenn über Jahre hinweg engagiert an der Begabung gearbeitet wird. Je früher, desto besser, je intensiver, desto besser, je länger, desto besser – fasste der an der Universität Zürich tätige Professor für Neuropsychologie Lutz Jäncke einige der wichtigsten Faktoren für den Lernerfolg zusammen. Christian Fischer spricht sich dennoch dagegen aus, das asiatische Talentförderungsmodell in Deutschland und Europa zu kopieren:

Christian Fischer: "Was man eben auch weiß, dass der Drill, der dort praktiziert wird, in vielen Teilen der Kreativität nicht unbedingt zuträglich ist. Und man weiß auch, dass es dann spätestens zur Pubertät oder danach einige Drop Outs gibt, dass dann viele Jugendliche oder junge Erwachsene dann aussteigen. Insofern kann es nicht darum gehen, quasi das System zu kopieren. Sondern es geht darum, einen eigenen europäischen Weg zu gehen und sich an den Ländern zu orientieren, die da besonders erfolgreich sind."

Mit Kreativität allein jedoch lässt sich der wachsende Ansturm an talentierten Nachwuchs-Studierenden, die vor allem aus dem asiatischen Raum nach Deutschland und Europa drängen, wohl nicht bewältigen. Potenzialentfaltung findet für einen Zweig der Sozialwissenschaften deshalb nur dort statt, wo der Wissens-Erwerb nicht unter Wettbewerbsdruck stattfinden muss. Hartmut Rosa:

"Ja, ich glaub, das ist ganz interessant, was sich da in den Sozialwissenschaften derzeit abspielt. Es gibt beide Seiten. Also man kann innerhalb der Systemlogik bleiben, dann wird man sagen klar muss man neue Potenziale entdecken und entfalten. Und es gibt ein wachsendes Bewusstsein in den Sozialwissenschaften – ich würd auch sagen, traditionell ist das ihr klassisches Gebiet – für soziale Ungleichheiten. Um festzustellen, dass da auch ganz viel Potenzial verschenkt wird, was erstens ungerecht ist und zweitens ineffizient. Nämlich dass ganze Bevölkerungsgruppen abgehängt werden. Deren Potenziale werden weder erkannt noch gefördert."

Potenzialentfaltung gelingt nach Rosa aber nur, wenn sie nicht ausschließlich im Dienste der Steigerungslogik steht, sondern sinnstiftend ist. Anders gesagt: Potenzialentfaltung findet nur dort statt, wo sich eine Persönlichkeit durch die Aneignung von Wissen positiv verändert, wo der angeeignete Lernstoff eine individuelle Bedeutung erhält, die auch gesellschaftliche Relevanz hat.

"Hans Blumberg hat mal gesagt, Kultur entsteht durch das Gehen von Umwegen. Es entsteht nicht da, wo wir zielstrebig eine Sache umsetzen. In 90 Minuten-Takten Geige lernen oder so. Sondern wo sich das Kind mit der Geige beschäftigt, weil ihm vielleicht komplett langweilig ist. Und ich glaube, die Gesellschaft krankt daran, dass wir das massiv unterschätzen."

 

[*] Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag wurde an dieser Stelle aus rechtlichen Gründen gekürzt. Aus den selben Gründen können wir die Audiodatei leider nicht anbieten.

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