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StartseiteBüchermarktBegegnung im Schloss30.10.2008

Begegnung im Schloss

Christoph Meckel: "Wohl denen die gelebt. Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz", Libelle Verlag

Zwar stehen Erzählungen und Gedichte der Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz in allen Schulbüchern. Doch im literarischen Leben ist sie fast vergessen. Nur wenige Titel sind lieferbar, ihre Werkausgabe ist vergriffen. Jetzt erinnert der Autor Christoph Meckel an die Dame Kaschnitz in einem schön gestalteten Buch. Doch es geht Meckel nicht um weit ausgreifende Erinnerungen, wie schon der Singular im Untertitel verrät.

Von Matthias Kußmann

Meckel beschreibt die späte, erfolgreiche, aber müde Kaschnitz in der kraftvoll-poetischen Sprache, die wir von ihm kennen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Meckel beschreibt die späte, erfolgreiche, aber müde Kaschnitz in der kraftvoll-poetischen Sprache, die wir von ihm kennen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

"Man wusste etwas von der Dame Kaschnitz, vom privaten Menschen erfuhr man nur, was in Prosa und Versen gestaltet war, zwischen den Zeilen entziffert werden konnte. Andauernde Diskretion, privat wie öffentlich, war in ihr und um sie und war Substanz, Contenance notwendig im Handwerk ihres Daseins."

Anfang der 60er Jahre lernt Christoph Meckel Marie Luise Kaschnitz kennen. Er ist ein junger Autor und Grafiker, der durch die Welt trampt und erste Bücher schreibt. Sie ist doppelt so alt wie er und eine literarische Institution - eine große Autorin der Nachkriegszeit, mit allen wichtigen Preisen bedacht, befreundet mit Celan, Huchel, Adorno. Der "junge Wilde", mitunter in Geldnot - und die "Dame Kaschnitz", geborene Freifrau von Holzing-Berstett; eine Adlige, aufgewachsen in einem Schloss, in das sie später oft zurückkehrt:

"Nun: Es war eine Dame. Das Schöne aber ist, dass sie es nicht grundsätzlich war, sie wollte es nicht sein. Ich nehme an, dass das Dame-Sein für sie eine graue Überlieferung war, sie wollte das nicht. Sie wollte leben und atmen, wahrnehmen und beteiligt sein. Und das geschah ihr gar nicht so oft. Denn man respektierte die Dame. Ich spürte aber, dass es keine Dame gab, wenn wir in einem Gespräch waren und über Gedichte sprachen, oder von Gedichten sprachen vielmehr."

Beide schreiben Romane, Gedichte, Erzählungen, Autobiographisches; beide sind politisch eher "links", kritisieren Militarismus und Atomkraft - und beide sind eng mit der südbadischen Landschaft verbunden. Meckel wuchs in Freiburg auf, und das Schloss der Holzing-Berstett steht in Bollschweil, ganz in der Nähe.

"Sie hatte mir vorher mal einen Brief geschrieben, ich hatte ihr auch einen Brief geschrieben und irgendwelche Gedichte geschickt, oder sie hatte mich für irgendwas vorgeschlagen, ich weiß es nicht mehr. Als ich da eines Tages am Haus vorbeifuhr und dieses wunderschöne Schloss im Herbstlicht sah, hab ich einfach Halt gemacht und bin reingegangen. Ich hatte das Glück, sie allein vorzufinden, an einem Gartentisch. Das war der Anfang unserer Bekanntschaft."

Jetzt hat Christoph Meckel, heute selbst ein wichtiger Autor, ein Buch geschrieben über die Bekanntschaft, die keine Freundschaft war, doch zu einem Gespräch über Jahre führte: "Wohl denen die gelebt. Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz". Der Titel verweist auf ein Gedicht der Autorin. Es heißt "Vater Feuerwerker" und handelt, obwohl spielerisch, von der Atombombe. Die letzte Strophe lautet: "Wohl denen die gelebt / Ehe sie starben". Es ist, in seiner Mischung aus Märchenton und Hoffnungslosigkeit, ein Lieblingsgedicht von Meckel. Vor zwei Jahren wohnte er einige Monate in Leinbach, einem Dorf bei Bollschweil - und dachte an die große Kollegin, wenn er am Schloss vorbeifuhr oder Wege ging, die sie gemeinsam gingen. Im Untertitel des kleinen, schön gestalteten Buchs steht bewusst ein Singular: Es geht nicht um weit ausgreifende Erinnerungen, schon gar nicht um die Idealisierung einer Person; sondern um eine Erinnerung eines Menschen an einen andern, in Bruchstücken, unverbundenen Szenen. - Kaschnitz sah den halb so alten Meckel als gleichwertigen Kollegen, mit dem sie seine und auch eigene Texte diskutierte - und Kritik durchaus ertrug.

"Während ich mit ihr sprach und sie mit mir, stellte ich fest, dass ich mich in einem Gespräch befand, das wirklich eines war, ohne anberaumt, beabsichtigt, unternommen worden zu sein. Zur Kunst ihres Gesprächs gehörte, dass sie Fragen stellte, aufmerksam zuhörte und gern vorgelesen bekam, am liebsten Gedichte und Prosa, die sie nicht kannte. Es gefiel ihr, wenn eine Prosa Handlung enthielt, Gestalten erkennbar machte, sie sprach dann davon wie aus eigenem Erinnern."

Einige Jahre, bevor sich Meckel und Kaschnitz kennenlernen, ist deren Mann gestorben, der Kunsthistoriker Guido Kaschnitz von Weinberg. Ein Verlust, über den sie nie hinwegkommt - durch den sie aber, über 50-jährig, ihre eigene, unverwechselbare Stimme findet.

"Er hat ihrer Dichtung den entscheidenden Schlag verpasst. Alles, was vorher konventionell, schön, in Überlieferungen gültig war, fiel ab von ihr, es verschwand einfach. Ihre Sprache wurde hart, sie wurde anschaulich und persönlich. Es gab keinen Unterschied mehr zwischen der Qualität der Prosa und der Gedichte. Sie wurde eine Frau, allein. Vorher war sie eine Literatin in der Begleitung vieler anderer Literaten gewesen."

Marie Luise Kaschnitz liest das Gedicht "Dein Schweigen - meine Stimme":

"Du entfernst dich so schnell
Längst vorüber den Säulen des Herakles
Auf dem Rücken von niemals
Geloteten Meeren
Unter Bahnen von niemals
Berechneten Sternen
Treibst du
Mit offenen Augen.

Dein Schweigen
Meine Stimme
Dein Ruhen
Mein Gehen
Dein Allesvorüber
Mein Immernochda."

Meckel beschreibt die späte, erfolgreiche, aber müde Kaschnitz in der kraftvoll-poetischen Sprache, die wir von ihm kennen - ungeschönt, klar, doch respektvoll und diskret: ihr Leiden am Älterwerden; ihre Melancholie; ihre Zweifel; ihr Verstummen und Schweigen. In einem Gespräch, schreibt er, lehnte er Tröstung ab und meinte, Schmerz müsse als Erfahrung ungemildert bleiben:

Meine Ablehnung von Tröstung und Trost war heftig, zu offensiv für sie, ihre Erfahrung und Arbeit. Sie schwieg, sagte danach nicht viel, ich behielt den Satz: "Warum Tröstung zurückweisen". Der still ausgesprochene Satz nahm mich mehr für sie ein als ihre stärkste Prosa. Sie wußte, was sie sagte, aus der Nieder-Auffahrt ihrer Jahrzehnte und ihres Schmerzes (...), ich wußte, was ich sagte, aus unverbrauchter Revolte.

Am Schluss steht die letzte Begegnung im Schloss, am Nachmittag eines verregneten Frühjahrstags. Wenig später stirbt Marie Luise Kaschnitz in Rom; sie ist 73 - genauso alt wie Meckel heute. Er weiß um das Altern. Mit dem genauen Blick des Autors und des minutiösen Grafikers schreibt er:

Sie saß aufrecht im Kanapee ihrer Suite, und ich sah, dass sie alt war. Das nicht bestimmbare, unabsehbar lange Zeitalter des Älterwerdens war, schien mir, in der Zwischenzeit zu Ende gegangen. Gesichtshaut und Hände hatten eine immer mehr weißliche Färbung angenommen. Die weißliche Färbung war kein Weiß. Im Weiß verborgen erschien ein lebloses Grau, das in Falten und Mundwinkeln dunkel war. Sie blickte durch zwei schön gefaßte, alte Fenster über die nahe Parkmauer zu den Vorbergen des Schwarzwalds, Richtung Langeneck und Kohlerhöfe, in Nässeschauern unsichtbar. Durchschimmernde Finsternis der Tannenhänge. Der schwere, dunkle Tag schien ihr zu behagen, das Wetter war draußen und erreichte sie nicht.

Marie Luise Kaschnitz´ Werke gehören zum Kanon der Nachkriegsliteratur, ihre Erzählungen und Gedichte stehen in allen Schulbüchern. Doch im literarischen Leben ist sie fast vergessen. Bei Suhrkamp und Insel sind nur wenige Titel lieferbar, die Werkausgabe ist vergriffen. Die Furie des Verschwindens macht auch vor dieser großen Autorin nicht halt. Wie gut, dass Christoph Meckel jetzt an sie erinnert.

Christoph Meckel: Wohl denen die gelebt. Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz.
Mit Graphiken des Autors. Libelle Verlag, Lengwil (Schweiz). 64 Seiten, 16,90 Euro

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