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"Bei mir war jedes Buch ein Kampf, ein Feilschen, ein Tricksen"

Buch der Woche: Volker Braun: Werktage 1. Arbeitsbuch 1977-1989. Suhrkamp Verlag

Von Eberhard Falcke

Der Schriftsteller Volker Braun
Der Schriftsteller Volker Braun (AP-Archiv)

Er war der Diarist der DDR, freiwillig. "Werktage" ist das künstlerische und intellektuelle Protokoll einer engagierten Schriftstellerexistenz, ein Tagebuch, wie man es sich nur wünschen kann.

Ganz besondere, historisch denkwürdige Jahreszahlen sind sie beide, sowohl 1977 als auch 1989. Doch hatte es nichts mit dem berüchtigten Deutschen Herbst, mit der Rote-Armee -Fraktion und Stammheim zu tun, dass Volker Braun, der damals ein Schriftsteller der DDR war, ausgerechnet am 2. Januar 1977 mit den Aufzeichnungen des von ihm sogenannten "Arbeitsbuches" begann.

Und auch was die Einschätzung der historischen Wende von 1989 angeht, hat Braun bekanntlich seit jeher seine eigenen Vorstellungen. Es gab damals zwei deutsche Geschichten, also auch Literaturgeschichten, und es sieht ganz so aus, als seien es die Entwicklungen der DDR-Kulturpolitik jener Zeit gewesen, die für seinen Entschluss eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben. Denn gleich im zweiten Eintrag werden die Zeichen einer gravierenden Veränderung des politischen Klimas festgestellt. Werner Mittenzwei, Leitungsmitglied und Dramaturg am Berliner Ensemble, hatte dem Dramatiker das Missfallen der Hauptabteilung Kultur an seinem Guevara-Stück übermittelt und Braun notierte:

im fahrstuhl sagt er, uns stünden harte Zeiten bevor (mit uns meint er, wie immer, die intellektuellen). seit dreißig jahren habe er nicht solche Unduldsamkeit erfahren. es sei im moment alles möglich, robespierre auf dem riesenrad oder faust in becketts mülltonne, joyce und kafka, aber nicht das durchdenken der eignen lage. ich erwidere, das denken gehe in anderen formen weiter. er, unfroh: es ereigne sich eben die zweite große spaltung der arbeiterbewegung, russischer und eurokommunismus. daher das abriegeln, der panische theoriestopp. mich verdrießt der tragische ton.

Zweifellos, das Denken ging trotzdem weiter, und darüber ist aus Volker Brauns Aufzeichnungen, die sich angesichts der durchgehenden Datierung der Einträge auch als Arbeitstagebuch bezeichnen ließen, viel zu erfahren. Oder genauer: Wie dieses Denken von der Partei- und Staatsbürokratie behindert, eingedämmt, abgedrängt, zensiert und bespitzelt wurde, jedenfalls immer dann, wenn es auf Theaterbühnen oder in gedruckter Form den Weg an die Öffentlichkeit suchte. Denn die "harten Zeiten", die Mittenzwei vorausgesagt hatte, sie folgten unverzüglich und wurden im Nachhinein von der Literaturwissenschaft als historische Zäsur in der kulturpolitischen Entwicklung der DDR bewertet.
Im November 1976 war Wolf Biermann auf Veranlassung des Politbüros der SED die Staatsbürgerschaft der DDR entzogen worden. Zahlreiche Autoren, darunter Stephan Hermlin, Christa Wolf und Volker Braun hatten dagegen Einspruch erhoben. Nach den ersten fünf "liberal" anmutenden Jahren der Honecker-Ära, so beschreibt es Wolfgang Emmerich in seiner Literaturgeschichte der DDR, wurde mit einer neuen Kulturpolitik der Druck auf die Literatur schaffenden erhöht. Die Sanktionen wurden vermehrt und verfeinert, viele wurden verstärkt drangsaliert, andere schaffte man sich vom Halse, indem man sie ausreisen ließ, mit manchen wurde taktierend verfahren. Zu den Letzteren gehörte Volker Braun. Er war zwar ein unermüdlicher Kritiker der Staatsbürokratie und der Parteilinie, zugleich hatte er jedoch oft genug seine Loyalität mit der DDR und dem Sozialismus betont. Seine Position als DDR-Schriftsteller war daher durch einen Widerspruch charakterisiert: Die Publikation seiner Werke und Äußerungen wurde auf vielfältige Weise behindert, im Übrigen aber ließ man ihn in den inneren Zirkeln gewähren und behielt ihn gewissermaßen in der Mannschaft. Im August 1977 brachte Braun diese Situation folgendermaßen auf den Punkt:

was haben wir hier? das land, in dem man am besten schreiben und am schwersten publizieren kann.

Es ist dieser Widerspruch, von dem Brauns "Arbeitsbuch" nicht nur handelt, sondern den es auch als Äußerungsform und Reflexionsmittel repräsentiert. Hier zeigt sich von allen Konflikten und Problemen etwas: Vom guten Mut dessen, der die Utopien nicht aufgeben will, doch auch von den Momenten der Trübsal und Erbitterung; vom Widerstandsgeist des Kritikers ebenso viel wie vom sarkastischen Gleichmut des Hoffenden; es zeigt sich der poetische Revolutionär, der seine Inspiration vom Menschenwesen und seiner Sinnlichkeit bezieht; zugleich aber begab sich dieser Feuerkopf auf die Amtswege der unterentwickelten sozialistischen Gesellschaft, die er zwar verabscheute, aber trotzdem immer wieder beschritt.
Von der "angeherrschten Arbeiterklasse" spricht Braun einmal in einem treffenden Wortwitz, der seine Haltung in knappster Form umreißt: Die Befreier der Arbeiterklasse hatten sich zu deren Beherrschern aufgeworfen. Das war die Sackgasse, aus der es den Sozialismus, seiner Überzeugung nach, wieder zu befreien galt. Diese Notwendigkeit hat Braun in seinem Erzählen, seinen Theaterstücken, seinen Gedichten immer wieder analysiert. Er hat stets aufs Neue anhand von alltagsgeschichtlichem, historischem oder poetischem Material nachgewiesen, woran die realsozialistischen Verhältnisse krankten und wie sie zu bessern wären. Doch die obrigkeitliche Kontrolle durch die neue Kulturpolitik machte alle Hoffnungen auf produktive Auseinandersetzungen durch bleierne Stagnation zunichte. So wurde offenbar auch die Begegnung mit dem dennoch stets interessierten Publikum zur lustlosen Mühsal.

dieses herumziehen vom vogtland nach rügen, von thüringen nach preußen, in den sälen und hinterzimmern agitieren wie müntzer. die leute zwingen mich, mit AUSGEDRÜCKTER ENTBLÖSSUNG dazustehn, wir treiben uns in die Verschwörung, von einem bestimmten punkt der offenheit an drängt alles aufs eigne, ein bedürfnis, das jede angst vergißt. aber ich bin es müde, ich langweile mich, politik wird kitsch in stillstehnden Zeiten, das laute nachdenken für die archive der stasi.

Trotzdem waren auch solche Zeiten der Stagnation für das Braun'sche Arbeitsethos keine leeren Zeiten. Darum hat er sein Arbeitsbuch im Haupttitel konsequent als "Werktage" bezeichnet. Nicht, dass Braun zuvor noch niemals Notate und Aufzeichnungen verfasst hätte. Aber diese Werktage-Einträge über 13 Jahre hinweg muten doch an wie ein ganz eigenes Projekt, wie eine besondere Arbeit in einer Zeitsituation, die das tagebuchartige Beiseite-Sprechen erzwang, weil die öffentliche Auseinandersetzung so stark beschränkt war.
Tatsächlich war Braun alles andere als müßig. An wie vielen Theaterstücken, Prosatexten, Gedichten hat er nicht fortwährend gearbeitet! Wie viele Verhandlungen mit Dramaturgen, Funktionären, mit Politbüromitglied Hager und dem sogenannten "Bücherminister" Höpcke hat er geführt! Und wie viele Jahre zog es sich oft hin, bis ein Stück auf die Bühne, ein Roman in die Buchhandlungen kommen konnten!

bei mir war jedes buch ein kampf, ein feilschen, ein tricksen ...

… heißt es in einem resignativen Resümee von 1984.
"Guevara oder der Sonnenstaat", "Der große Frieden", "Dmitri", "Simplex Deutsch", "Schmitten", "Lenins Tod" - immer musste verhandelt, nachgehakt, taktiert, geändert, gewartet werden, bevor ein Stück die Theateröffentlichkeit erreichte. Mal wurden von den Zensoren Rücksichten auf die Kubaner, mal auf die Sowjets, mal auf die Polen vorgeschoben. Die Publikation des "Hinze-Kunze-Romans" wurde vier Jahre lang hintertrieben. Auch diese Vorgänge verzeichnet das Arbeitsbuch. Das sind wichtige Hintergrundinformationen zur Werkgeschichte als Protokoll einer Werkverhinderungsgeschichte.

ich wußte immer, dass das buch keiner genehmigen kann, und durfte es nicht wahrhaben, wer kann es verantworten auf seinem stuhl? doch nur ich: und das sollte genügen.
nicht nur die satirische prosa: auch die gedichte, nichts scheint mehr druckbar. da jetzt »alles darauf ankommt, den Sozialismus zu stärken«, ist nur sein lob gelitten, byzantinische ästhetik. aber wenn das, was ich schreibe, »im widerspruch zur partei« steht, wie kann ich dann mitglied sein? niemand fragt mich das, aber es ist unerträglich, diesen widerspruch zu leben: eine bedeutende kulturpolitik mitzutragen und ihr ein ärgernis zu sein


Das Schema des Dissidenten, sofern es der Konfrontationslogik des Kalten Krieges gehorchte, war auf Volker Braun nicht anzuwenden, und er ließ es sich auch nicht überstülpen. Oft genug wurde ja der Eigensinn von Schriftstellern und Intellektuellen unter dem auch im Westen ausgeübten Druck der Freund-Feind-Logik in parteiliche Zuschreibungen verwandelt, die den Opponenten von außen auferlegt wurden. Wenn es um solche unerfreulichen Konvergenzen der Systeme ging, dann ließ es sich Braun nicht nehmen, in erster Linie an die Unterdrückung der Regierten durch die Regierenden zu denken.

osten wie westen würden ohne den militärischen komplex ihre entleerte Struktur nicht halten. wenn die rüstungsgelder für gänzlich andere zwecke flössen, müßte sich der Staat umwälzen und die gesellschaft ändern. ost und west haben ein gemeinsames interesse: die abgrenzung beweist es. sie ist die Sackgasse, in der die politik amok läuft.

Volker Braun zog es vor, in der realsozialistischen Klemme auszuharren, anstatt in das westliche System zu wechseln, in dem die gesellschaftspolitischen Diskussionsgrundlagen ganz andere waren. Welch eminente Konflikte dennoch mit dieser Entscheidung verbunden waren, das thematisiert geradezu programmatisch ein Gedicht unter dem Datum des 19. August 1980:

ich bleib im lande und nähre mich im osten.
mit meinen Sprüchen, die mich den kragen kosten
in anderer zeit: noch bin ich auf dem posten.
in Wohnungen, geliehn vom magistrat
und eß mich satt, wie ihr, an der silage.
und werde nicht froh in meiner chefetage
die bleibe, die ich suche, ist kein staat.
mit zehn geboten und mit eisendraht:
sähe ich brüder hier und nicht lemuren.
wie komm ich durch den winter der strukturen.
partei mein fürst: sie hat uns alles gegeben
und alles ist noch nicht das leben.
das lehen, das ich brauch, wird nicht vergeben.


Dennoch behielt die DDR-Führung mit ihrer Verpflichtung der Bürger aufs Stillehalten nicht das letzte Wort. Die Geschichte bewegte sich weiter und das Denken ebenfalls. Sogar ein feministischer Erotik-Bestseller, wie Erica Jongs "Angst vorm Fliegen" konnte da wie ein Blitz der Erkenntnis über die eigenen Befangenheiten einschlagen. 1977 notierte Braun nach offenbar begeisterter Lektüre:

das ist frech, schweinisch, wunderbar. ... da sieht man, wie beschissen wir sind, verklemmt und verlogen, mit unserer präservativprosa. aber das ding lebt nur von dem kontrast. natürlich ist es absolut langweilig.

Wenn ein Schriftsteller wie Volker Braun von Werktagen spricht, dann geht es dabei nicht allein um die Arbeit am literarischen Werk, sondern auch um die Arbeit am historischen Prozess und an den unwillkürlichen oder beabsichtigten Wechselwirkungen zwischen beiden. Aufmerksam beobachtete Braun ab 1980 die Entwicklung in Polen, die Streikbewegungen der Danziger Werftarbeiter, die Gründung der freien Gewerkschaft, die Verhängung des Ausnahmezustands. Die Schlüsse, die er daraus zog, sind unterschiedlich und vieldeutig wie der Fortgang der Dinge, doch sein kritisches Leitmotiv in der Auseinandersetzung mit den sozialistischen Herrschaftsverhältnissen kam auch in diesem Fall zur Anwendung:

für den sozialismus wie er ist, ist nichts gefährlicher als die sich revolutionierende klasse. (die deutschen würden sofort ordnung machen: das ist der tenor unserer versammlungen.)

Anlässlich der Nachrüstungsdebatte Anfang der 80er-Jahre überblickte Braun die westlichen und östlichen Positionen, die militärischen und pazifistischen Optionen, um zu befinden, dass der verkrüppelte Frieden, den die Blöcke miteinander aushandelten, nichts gemein hatte mit der "anderen Welt", für die er sich einsetzen wollte. Für ihn bedeutete Frieden eine Gesellschaft, die sich selbst bestimmt. Braun verlor bei der Beobachtung der Weltlage die Grundlinien seines Denkens nie aus den Augen. Dennoch ließ er sich überraschen, befragte seine eigenen Positionen und suchte überall nach jenen Zeichen des Unverhofften und Offenen, von denen die Nomenklatura der DDR nichts wissen wollte. Glasnost und Perestroika zum Beispiel. Gorbatschows Vorgehen gegen die Herrschaft der Funktionäre registrierte er sofort mit erheblicher Genugtuung. 1988 stellte der Diarist dann erleichtert fest, die Debatte sei nicht mehr aufzuhalten.
Brauns Statur als Möglichkeitsdenker einer besseren sozialistischen Entwicklung tritt in seinem Arbeitsbuch auf wesentlich persönlichere Weise hervor als in seinen Werktexten, sieht man einmal ab von den ebenfalls oft ungeheuer unmittelbar artikulierten Gedichten. Das ist das große Faszinosum der schriftstellerischen "Werktage", von denen hier Zeugnis abgelegt wird.

die heutigen Zeiten drehen uns die worte von gestern im
mund um, die harmlosen mögen schrecklich klingen und
die schrecklichen harmlos. die wirklichkeit selber arbeitet
die texte um, man muss ihr folgen, um realistisch zu bleiben.


Braun besticht sowohl durch seine scharfen, nicht immer leicht zu verdauenden Urteile, da sie ihre Schärfe stets gegen Verknöcherungen und Verhärtungen wenden, als auch durch seine Entdeckungslust, die nie allein nach Bestätigungen für die eigenen Positionen sucht. Diese Haltung bewährte sich in den 80er-Jahren auch gegenüber den neuen Stimmen der jungen Dichterszene vom Prenzlauer Berg und sie zeigt sich in einem zugleich scharf und einfühlsam gezeichneten Porträt des so ganz anders gearteten Dichterkollegen Wolfgang Hilbig.

er sitzt am küchentisch, und keine schaufel lehnt an der wand, und nur ein eimer kohlen steht zur Verfügung. er ist kein heizer mehr, aber sein arbeitsplatz ist ein dunkler kellerartiger raum. das fleckige Wachstuch, die Unterarme zwischen Flaschen gebettet. düsteres papier, und eine wand aus rauch steht wie kohlendunst um ihn. er redet wenig, dafür sorgt der dämon, der ihn zum schreiben nötigt. er hockt mit seinem dämon in der dunkelheit, dem arbeitgeber, der es schriftlich will. den er füttert mit dem absud seines unglücks in den savannen seiner freude. ... welcher fluch, welche lust schreibt sich in die landschaft ein, den bitterhellen text, den er nicht artikulieren, den er nur schreiben kann, denn der dämon sitzt ihm auf der kehle.

"Werktage" ist das künstlerische und intellektuelle Protokoll einer engagierten Schriftstellerexistenz, ein Tagebuch, wie man es sich nur wünschen kann. Es gibt Einblick in die Erarbeitung und das Vorantreiben des eigenen Werkes, in die damit verbundenen Absichten und Schwierigkeiten; es verzeichnet Auseinandersetzungen mit geisteshistorischen Gewährsleuten wie Schiller, Marx oder Bloch, mit fernen Zeitgenossen wie Peter Weiß und näheren wie Christa Wolf, Karl Mickel und vielen anderen DDR-Kollegen. Gelegentlich tauchen auch die linientreuen Gegner im Schriftstellerverband auf, zum Beispiel unter dem Stichwort "unser autorenpack". Es gibt Reaktionen auf Politik und Zeitgeschehen, auf Alltagsbeobachtungen und Notizen von zahlreichen Auslandsreisen, die Braun offenbar mit einiger Freiheit unternehmen konnte. Und oftmals erscheinen, meist äußerst knapp, aber scharf umrissen, düstere Stimmungsbilder aus den Orwell'schen Räumen der Volksdemokratie, die keine war. 1982 beschrieb Braun in einer Notiz das, was sich als Parteidiktatur der leeren Begriffe über die Wirklichkeit bezeichnen ließe:

so wenig Wirklichkeit in allem, so wenig greifbar diese ge-sellschaft. nichts kann für sich gelten und sprechen. immer müssen die teilnehmer erst geschult werden, sie müssen einen lehrgang besuchen, um mitreden zu können. das eigene, unmittelbare unter dem schotter. maßnahmen, regeln, mummenschanz bis in die betten.

Volker Brauns Arbeitsbuch ist ein in vieler Hinsicht ungemein fesselndes Stück Tagebuchliteratur. Was allerdings nicht geboten wird, das sind erklärende Anmerkungen zu Personen und Vorgängen, die gelegentlich hilfreich wären. Andererseits kommt auf diese Weise der offene Prozesscharakter, der dieses Arbeitsbuch wohl auch im Sinne des Autors kennzeichnen soll, schlüssiger zur Geltung. Denn auch "Werktage" ist ein - um eine Formulierung Brauns aus anderem Kontext zu benutzen - mit den Widersprüchen arbeitender "Gegentext zum Monolog der Macht". Im Übrigen hat Braun seine Aufzeichnungen auch nach der Wende bis in die Gegenwart fortgesetzt. Und eines Tages wird man gewiss auch noch lesen können, von welcher Art der "Gegentext" ist, den er unter den Bedingungen des vereinigten Deutschlands geschrieben hat.

die frühen rohen Sozialismen sind gescheitert, die aufbrüche
versandet, die Utopien aufgebraucht für ein paar milde Jahrhunderte. ABER, IHR TRÄUMER, GLAUBT IHR WIRKLICH, DER ZERFALL DES HISTORISCHEN KOMMUNISMUS HABE DEM BEDÜRFNIS NACH GERECHTIGKEIT EIN ENDE GESETZT?


Diese Sätze, deren Letzter von dem italienischen Philosophen und liberalen Sozialisten Norberto Bobbio stammt, notierte Braun im August 1989, in den Tagen, als sich das Ende des SED-Regimes abzeichnete. Und wie man weiß, hat er es auch als bundesdeutscher Schriftsteller nicht aufgegeben, sich mit solchen Überlegungen und Verwirklichungsmöglichkeiten zu beschäftigen.

Volker Braun: Werktage 1. Arbeitsbuch 1977-1989. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 998 Seiten, 29,80 Euro.

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