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Seit 22:05 Uhr Musikjournal
StartseiteWirtschaft und GesellschaftMarktführer EEW geht an Chinesen29.03.2016

Beijing Enterprises kauft MüllverwerterMarktführer EEW geht an Chinesen

Das chinesische Staatskonglomerat Beijing Enterprises übernimmt vom Finanzinvestor EQT den Müllverwerter EEW - früher eine Tochtergesellschaft von Eon – für rund 1,8 Milliarden Euro. Das Unternehmen verbrennt pro Jahr rund 4,7 Millionen Tonnen Abfall und kann damit 700.000 Haushalte mit Strom versorgen. Ein Besuch in der Müllverbrennungsanlage Hannover.

Von Alexander Budde

Ein Kraftwerker transportiert Müll mit einem Kran zum Verbrennen in einer Müllverbrennungsanlage der EEW Energy from Waste in Hannover. (picture alliance / dpa - Julian Stratenschulte)
An die neuen Gesellschafter müssen sich die rund 1.000 Mitarbeiter des deutschen Marktführers erst noch gewöhnen. (picture alliance / dpa - Julian Stratenschulte)

Mit Argusaugen und Feingefühl lässt Karsten Mielke den stählernen Greifer zuschnappen. Hoch oben von der verglasten Kanzel seines Leitstandes aus, schaut der Kraftwerker zu, wie draußen die Lastwagen anrollen. Polternd rutscht die staubige Fracht in den Abfallbunker. Wir sind in der Abfallverwertungsanlage Hannover. Täglich werden hier rund 800 Tonnen Siedlungsabfall und Gewerbemüll bei Temperaturen um die 1.000 Grad verbrannt. Mielke bedient die Krananlage per Joystick, achtet auf Gewicht und Nässe, denn gut durchmischt zündet der Müll besser.

"Wenn man hier reinschaut in den Müllbunker, erst mal sieht man nur eine bunte Masse. Im Moment haben wir gut drei Tonnen in diesem Greifer drin, vom Gewicht her – und da kann man schon mal so einzelne Objekte eventuell noch mal sehen, wie 'ne abgebrochene Stuhllehne oder bunte Tüten und so weiter!"

In zwei Kesseln wird Dampf erzeugt, der eine Turbine mit nachgeschaltetem Generator antreibt. Die Anlage liefert elektrischen Strom, aber auch Prozessdampf für Industriebetriebe und Fernwärme. Manuela Psille sitzt an diesem Morgen vor einer Galerie von Bildschirmen mit Videobildern und Kontroll-Anzeigen. Sie steuert das Höllenfeuer mithilfe von allerhand Klappen und Ventilen.

"Im Grunde läuft gerade alles schön geradeaus! Wir haben zwölf Megajoule Heizwert. Momentan ist alles topp!"

"Die Stimmung ist ausgesprochen gut"

Bernard M. Kemper schaut zu. Der EEW-Chef ist zum Pressetermin aus Helmstedt angereist. Die Übernahme ist erst seit wenigen Wochen unter Dach und Fach. An die neuen Gesellschafter müssen sich die rund 1.000 Mitarbeiter des deutschen Marktführers erst noch gewöhnen. Für die staatliche Beiijing Enterprises ist der EEW-Deal die erste Übernahme hierzulande. Das Konglomerat ist im Großraum Peking im Energiesektor und bei der Wasserversorgung tätig, betreibt bereits Verbrennungsanlagen und lässt nebenher ein beliebtes Bier brauen – auch dies womöglich ein strategischer Beitrag zur Daseinsvorsorge. Die Chinesen hätten den Fortbestand der 18 europäischen Standorte garantiert, sagt Kemper.

"Die Stimmung ist ausgesprochen gut, weil die Erwartungshaltung unserer Mitarbeiter an unseren neuen Gesellschafter eben auch sehr hoch ist. Der Gesellschafter erwartet, dass wir in Deutschland und auch in Europa weiter wachsen und erwartet zum anderen, dass wir ihn unterstützen in seinem eigenen Wachstumskurs in seinem Land – also auch technischen Support leisten an dieser Stelle."

Bis 2030 soll ein Fünftel des Mülls in der Volksrepublik verbrannt werden, derzeit sind es gerade einmal fünf Prozent.

Umweltverbände wie der Bund für Umwelt- und Naturschutz argumentieren, dass sich mit dem Recycling von einer Tonne Kunststoff bis zu zwei Tonnen des Klimaschädlings Kohlendioxid vermeiden lassen. Bei Laufzeiten von 40 Jahren und länger würde der massive Ausbau der Müllverbrennung eine Politik zementieren, die auf möglichst preiswerte Entsorgung setzt, anstelle langfristiger Strategien zur Vermeidung von Müll. Doch EEW-Chef Kemper widerspricht:

"Mit zunehmendem Konsum sieht man in China natürlich auch, dass man Wertstoffkreisläufe aufbauen muss. Das ist aber von der Bedeutung her sicherlich ein Schritt, der nach einer geordneten Entsorgung erst kommt."

EEW wirbt für sich als besonders nachhaltig operierendes Unternehmen, das strengste Auflagen und lückenlose Kontrollen bezüglich der Emissionsgrenzwerte erfüllt. Die Expertise der Niedersachsen stoße nicht nur im Smog-geplagten China auf Interesse, sondern auch in vielen europäischen Ländern, die sich gerade von der Deponie weg und hin zur Kreislaufwirtschaft bewegen, sagt Kemper: Großbritannien, Polen, Südeuropa.

"Es gibt ein großes Wachstumspotenzial in Europa, weil viele Länder noch lange nicht den Standard einiger anderer westeuropäischer Staaten haben – aber wir sehen eben auch diese Entwicklung, die regulativen Vorgaben seitens der EU."

Als eine gute Sache für die Mitarbeiter bezeichnet die Industriegewerkschaft IG BCE den Kauf.

"Der Arbeitgeber, sage ich mal, solange der mit mir zufrieden ist, bin ich mit dem auch zufrieden!"

"Wir machen unseren Job trotzdem genauso – egal welche Fahne für uns weht!", sagen Karsten Mielke und Manuela Psille zum Abschied – doch gedanklich sind die beiden Kraftwerker da schon wieder bei der nächsten Müll-Ladung, die sich in ihren Bunker ergießt.

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