Forschung aktuell / Archiv /

 

Beipackzettel für die Psychotherapie

Psychologen erforschen Risiken und Nebenwirkungen der Behandlung

Von Stefanie Schramm

Besonders in langwierigen Therapien kann es passieren, dass Patienten unselbstständig werden.
Besonders in langwierigen Therapien kann es passieren, dass Patienten unselbstständig werden. (picture alliance / dpa)

Medizin.- Depressionen, Ängste, Essstörungen ...: Wer unter seelischen Problemen leidet, dem wird heute selbstverständlich eine Psychotherapie empfohlen. Manchmal kann eine solche Behandlung aber auch unerwünschte Wirkungen haben. Erste Forschungsprojekte untersuchen diese jetzt.

"Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker."

In jeder Pillenschachtel steckt ein Beipackzettel. Bei Psychotherapien gibt es so etwas nicht – Risiken und Nebenwirkungen aber durchaus. Doch bisher wurden sie kaum erfasst. Der Psychologe Bernhard Strauß von der Uniklinik Jena hat jetzt ein Lehrbuch darüber geschrieben.

"Meine persönliche Theorie ist, dass die Psychotherapie immer die Überzeugung hatte, man muss sich rechtfertigen. Viele Psychotherapeuten und Forscher mussten erstmal klar nachweisen, dass Psychotherapie etwas sehr Wirksames ist, und da hätte es gestört, wenn man diese Fehler und negativen Effekte auch mit berücksichtigt hätte. Jetzt sind wir in einem Zustand, wo wir sagen können, Psychotherapie ist ein hocheffektives Behandlungsverfahren, und dann kann man eben auch mal genauer hinschauen, was es für Nebenwirkungen hat."

Genauer hingeschaut hat nun Yvonne Nestoriuc von der Universität Marburg. Die Psychologin hat fast 700 Patienten befragt, die unter Depressionen, Ängsten oder Essstörungen litten. Sie hatten in einer Klinik oder einer Ambulanz eine Psychotherapie gemacht.

"Patienten berichten mit Raten von 3 bis 30 Prozent von negativen Effekten von Psychotherapie. Die häufigsten Nebenwirkungen waren die emotionale Destabilisierung nach der Therapie. Dann gab es Probleme, dass die Patienten sich verletzt fühlten durch Aussagen des Therapeuten, dass die Patienten sich gezwungen fühlten zu bestimmten Interventionen und dass Patienten berichten, sich auch abhängig zu fühlen vom Therapeuten."

Besonders in langwierigen Therapien kann es passieren, dass Patienten unselbstständig werden. Manche Psychologen nennen das "Woody-Allen-Syndrom", nach dem amerikanischen Schauspieler. Motto: "Ich muss erst meinen Therapeuten fragen." Deshalb sollten Therapeuten ganz klar mit ihren Patienten über die Ziele sprechen, damit diese selbst Verantwortung übernehmen. Manche Nebenwirkungen lassen sich aber nicht vermeiden. Wenn jemand zum ersten Mal über eine schlimme Erfahrung spricht, dann ist es ganz natürlich, dass es ihm erst einmal schlechter geht. Das ist auch für die Therapeuten nicht leicht.

"Hier gab es zum Beispiel eine Patientin, die sich im Rahmen der Therapie erinnert hat und dann auch berichtet hat von einem Missbrauch und daraufhin dann ihre Beziehung zu ihrem Mann, dem sie nie davon erzählen konnte, so sehr hinterfragt hat, in dem Sinne: Wieso konnte ich nie mit ihm darüber reden? Muss ich mich jetzt trennen? Was ist mit meiner Beziehung? Und das Ganze nahm eine Dynamik an, die ich nicht antizipiert hatte und dann auch nicht mehr kontrollieren konnte."

Auch, um solche Probleme besser auffangen zu können, sollten Therapeuten ihre Patienten unbedingt über Risiken und Nebenwirkungen aufklären, meint Bernhard Strauß:

"Wir sollten Psychotherapie als Behandlungsmethode so ernst nehmen, dass wir auch vorwegnehmen, dass unerwünschte Wirkungen vorkommen können, nach dem Motto: Wo gehobelt wird, fallen Späne."

Darüber hinaus fordert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Jürgen Margraf, Nebenwirkungen mit einem Meldesystem zu erfassen – so wie es bei Medikamenten geschieht. Das ist aber schwer durchzusetzen. In der Schweiz scheiterte ein solches Projekt bereits. Bernhard Strauß wäre schon mit weniger zufrieden:

"Aber geholfen wäre natürlich schon, wenn es Forschungsprojekte gibt, die systematisch die Prävalenz, also die Häufigkeit von Nebenwirkungen untersuchen und die vor allen Dingen auch Klarheit darüber geben, was die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen in der Psychotherapie eher steigert oder eher verringert, dann könnten wir auch Konsequenzen ziehen."

Am Ende gilt für eine Psychotherapie das gleiche wie für Pillen: Nutzen und Risiken müssen abgewogen werden.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Forschung Aktuell

TiermedizinWenn Affen Durchfall haben

Zwei Rhesusaffen (Macaca mulatta) mit ihren Jungen sitzen auf einer Mauer.

Wenn Affen im Zoo krank werden, stehen die Pfleger vor einer besonderen Herausforderung. Denn bei der Gabe von Medikamenten müssen sie nicht nur medizinische, sondern auch gruppendynamische Aspekte beachten. Niederländische Primatenforscher tüfteln derzeit an passenden Behandlungsstrategien.

BiochemieHeimlicher Zuckerklau bei grünen Pflanzen

Das Rote Waldvöglein (Cephalanthera rubra) (Orchidee des Jahres 2000) wächst in trockenen bis frischen Laub- und Mischwäldern, an Waldsäumen, Waldwege-Böschungen und auf Waldwiesen.

Grüne Pflanzen erzeugen ihre Kohlenstoff-Verbindungen nicht immer selbst, wie man lange dachte. Biochemiker der Uni Bayreuth fanden heraus: Statt ihren Photosynthese-Apparat anzuwerfen, stehlen sie die benötigten Zucker von anderen Organismen.

Selbstheilende KunststoffeMit dem Föhn wieder in Form

Ein schwarzes Mobiltelefon liegt mit zersplittertem Display auf dem Boden.

Ob kaputtes Telefon-Display oder verbeulte Autotür: Selbstheilende Kunststoffe könnten die Reparatur defekter Bauteile enorm erleichtern. Ingenieure aus Karlsruhe haben dazu Materialien entwickelt, die sich durch Wärme wiederherrichten lassen.