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StartseiteSport am WochenendeBengalos, Stadionverbote und kein Ende?14.01.2012

Bengalos, Stadionverbote und kein Ende?

Das Verhältnis zwischen Ultras und dem DFB ist gespannt

Zu einem großen Fussball-Fan-Kongress haben sogenannte "Ultragruppen" eingeladen. Es geht dabei auch um ihr Selbstverständnis. Hintergrund sind die Konflikte, die sich zwischen Ultras, dem DFB und den Vereinen zuletzt zugespitzt hatten.

Von Reiner Scholz

Randalirende Dynamo-Fans im Dortmunder Signal Iduna Park (picture alliance / dpa/Bernd Thissen)
Randalirende Dynamo-Fans im Dortmunder Signal Iduna Park (picture alliance / dpa/Bernd Thissen)

Samstagnachmittag, 15 Uhr 25, Bundesliga-Auswärtsspiel des HSV. Kurz vor Spielbeginn entzünden Fans der Ultra-Gruppen "Poptown" und "Choosen Few" im Gästeblock bengalisches Feuer. Sie haben es ins Stadion geschmuggelt, obwohl es verboten ist und der Verein mit einer Geldstrafe rechnen muss. Die jungen Männer haben Mützen ins Gesicht gezogen, damit sie nicht zu erkennen sind. Sie halten die Fackeln bis zum Ausbrennen in der Hand. Die Reaktion der Umstehenden ist gespalten:

"Wenn man es so in der Hand hält wie vorhin, ist das bestimmt nicht gefährlich, aber wenn sie damit schmeißen, ist nicht okay, das muss nicht sein." /"Ich bin 37 Jahre alt. Seit ich elf bin, habe ich Dauerkarte. Ich kenne diese Pyrodinger, seit ich klein bin, und es ist nie jemandem etwas passiert."

"Pyro" - diese bengalischen Feuer sind derzeit das sichtbarste Symbol der Ultragruppen, von denen es in Deutschland mehr als einhundert gibt. Ultras sind die engagiertesten Fans der Fußballvereine. Sie sorgen mit ihren Gesängen und Choreographien für die Stimmung in den Kurven, sind allerdings für die Vereine nicht immer bequem - nicht nur, weil sie Pyro zünden. Sie sind - eigenem Bekunden nach - gegen die Kommerzialierung im Profisport, für günstige Eintrittspreise und dagegen, dass Vereine geführt werden wie Firmen. Tim von der Hamburger Gruppe "Poptown", ein 24 jähriger Student der Soziologie, erklärt, was Ultras ausmacht:

"Was grundlegend anders ist als bei vielen Fans ist eine gewisse Radikalität in vielen Sachen, die Leidenschaft für den Verein, aber auch das Verantwortungsgefühl für die Fankurve. Ich glaube, dass man als Ultra auch den Anspruch hat, mehr zu wollen und zu machen als der normale Fan."

Die Ultras haben Zulauf, gerade jüngere Fußballfans finden Ultrasein cool. Auch als Ausdruck ihres gewachsenen Selbstbewußtsein starteten sie 2010 die Kampagne "Pyro legalisieren". Der DFB, der durchaus erkennt, wie wichtig die Ultras für sein Produkt "Fußball" sind, ließ sich zunächst sich auf Gespräche ein. Das machte den Ultras Hoffnung, so Gunter Pilz, Professor in Hannover und beim DFB zuständig für Prävention.

"Die haben viel Herzblut darein gesetzt, haben sich mit Pyrotechnikern befasst, haben sich mit Feuerwehr befasst, haben sich mit Staatsanwälten befasst und haben alle relevanten Gruppierungen gefragt, ist es nicht möglich, und haben da ein Konzept entwickelt, wo es zumindest gesetzmäßig und vom Papier her möglich wäre, so etwas zu gestalten."

Vor einigen Monaten dann die Kehrtwende. Der DFB brach die Gespräche ab. Pyrotechnik bleibe verboten. Gunter Pilz findet das in der Sache richtig: Nicht alle Stadien seien für Pyrotechnik geeignet. Für die Ultras, die sich nur unter großen Bedenken auf Gespräche mit dem DFB eingelassen hatten, war dies allerdings eine herbe Enttäuschung. Tim von Poptown-Hamburg:

"Das führt eigentlich dazu, dass die Leute, die sich dafür einsetzen, dass man als Ultras einen gemäßigteren Weg geht und auf Dialog setzt, mit verschiedenen Institutionen, an denen man sonst vieles finden würde, was sonst verurteilungswürdig ist aus Sicht der Ultras, dass die sich jetzt auch vor den Leuten rechtfertigen müssen, die gesagt haben, wir wollen keinen Dialog, und mit dem DFB setzen wir uns schon gar nicht an den Tisch, und damit wird es diesen Leuten dann sehr schwer gemacht."

Nicht nur beim Thema "Pyro" fühlen sich die organisierten Fans nicht ernst genommen. Ein immerwährender Konfliktpunkt sind auch "Stadionverbote". Schon vor einiger Zeit sind Fanvertretungen und der DFB übereingekommen, Stadionverbote gerechter zu handhaben. Wem ein Stadionverbot drohe, der solle sich zumindest zuvor zum Sachverhalt äußern dürfen, so die Vereinbarung.. Doch viele Vereine halten sich nicht daran, moniert DFB-Vertreter Gunter Pilz:

" ... .weil das eigentlich ein Verfahrensbruch, ein Rechtsbruch ist, wenn da so verfahren wird. Und dass leider mindestens 30, wahrscheinlich mehr Prozent der Stadionverbote vergeben werden, die eigentlich nicht berechtigt sind, macht das Instrumentarium ärgerlich. Weil es durchaus Jugendliche gibt, wo das Stadionverbot das einzig Richtige ist - aber das ist weitem nicht die 2.700, die wir haben, sondern da kann man bei fünf, sechshundert landen."

Wie es auf den Konfliktfeldern "Pyro" und "Stadionverboten" weiter geht, ist einstweilen offen. Fanbeauftragte wie Michael Gabriel auf Frankfurt warnen davor, das positive Potential der Ultras zu negieren. Für ihn sind die Ultras die "größte Jugendbewegung", die es derzeit in Deutschland gibt:

"Der größte und zentralste Fehler, den Vereine machen können, ist, dass sie das Engagement von Fußballfans nicht wahrnehmen. Und meistens gehen Vereine mit ihren Kurven, mit ihren Fan-Szenen sehr instrumentell um. Sie reden nur mit ihnen, wenn sie mit ihnen reden müssen. Die wenigsten Vereine haben verstanden, was für ein großes Potential auch für die Vereine in diesen Kurven steckt. Und junge Leute suchen nach Anerkennung, die suchen auch nach Grenzen."

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