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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenBettler haben keine Lobby07.03.2013

Bettler haben keine Lobby

Mit Pappbecher in den Großstädten um Geld bitten

Oft haben bettelnde Menschen keine feste Wohnung, keine Arbeit und keinen Rückhalt bei Familie und Freunden. Ihnen fehlt zudem die Kraft, sich eigenhändig um Anträge für finanzielle Unterstützung zu kümmern. Straßensozialarbeiter gehen auf die Menschen zu und bieten Hilfe an.

Von Jochen Steiner

Bettelnder Obdachloser (AP)
Bettelnder Obdachloser (AP)

"Ja, also betteln ist nicht einfach. Man muss sich auf die kalte Erde setzen, und wenn man keine Utensilien hat, die man irgendwie verkaufen kann, dann muss man halt betteln. Und die Leute sind halt nicht mehr so geldgeberisch, wie das in den 90er- oder 80er-Jahren war."

Zwei Jahre lang hat Dennis jeden Tag gebettelt.

"Ich hab mal 'nen Hund gehabt. Bin mal durch die Fußgängerzone gegangen. Das war ein riesen Kalb und die Leute fanden den super, da hab ich schon mal was gekriegt. Hundefutter und auch mal ein paar Märkchen, einmal zehn D-Mark waren das noch. Und da hat die Omi gesagt: ‚Tun Sie Ihrem Hund was Gutes!‘ Hab ich auch! Ich hab Hundefutter geholt natürlich und 'ne Palette Bier."

Immer mal wieder hat sich Martin so über Wasser gehalten.

"Ich bin auch schon mal zur Kirche gegangen, weil ich eben kein Essen mehr hatte."

Betteln auf der Straße kommt für Mike aber nicht infrage.

Seit 22 Jahren arbeitet Michael Baltzer als Straßensozialarbeiter. Regelmäßig dreht er im Auftrag des "Katholischen Vereins für soziale Dienste im Rhein-Sieg-Kreis" seine Runde, zu Fuß.

"Betteln muss heute keiner mehr. Jeder kriegt Geld. Verhungern muss hier keiner: Es gibt die Tafeln, die es hier ganz weit verstreut gibt im Rhein-Sieg-Kreis. Schlafen kann er bei uns in der Notschlafstelle, bzw. kann dann noch ausweichen nach Bonn oder Köln. Es muss keiner draußen schlafen, es muss auch keiner verhungern, es muss auch keiner betteln. Das ist also meine Meinung."

Der Sozialarbeiter kennt Dennis, Martin und Mike gut. Er fragt nach, wie es ihnen geht, ob es etwas Neues bei der Arbeits- oder Wohnungssuche gibt. Es sind Langzeitwohnungslose, die sich mit Betteln ihren Lebensunterhalt verdienen, aber nicht nur.

"Es gibt in den letzten 20 Jahren vermehrt Jüngere, das sind zum Teil langzeitarbeitslose Jugendliche und junge Erwachsene, die in jugendkulturellen, subkulturellen Milieus im großstädtischen Raum leben. Und vermehrt gibt es bekannterweise vermehrt in den letzten Jahren auch Zuwanderer aus Südost-Europa, die zum Teil von den Städten nicht gern gesehen dort vermehrt der Bettelei nachgehen. Man spricht auch gelegentlich davon, dass es organisierte Gruppen gibt."

Aber nicht jeder bettelnde Südost-Europäer sei in einer Bande organisiert, sagt Titus Simon, Professor für soziale Arbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Wie viele Menschen in Deutschland betteln, lässt sich nicht sagen. Was sich aber beobachten lässt: es ist vor allem ein Phänomen der Großstädte. Dort sind viele Passanten unterwegs, die etwas Geld geben, dazu kommt:

"Es ist ein anonymer Raum. Derjenige, der in der Großstadt bettelt, läuft weniger Gefahr, von irgendjemandem aus seinem früheren Sozialraum, aus seiner Umgebung oder gar aus der Familie erkannt zu werden."

Diese Erfahrungen kann Martin bestätigen:

"Die meisten haben auch Angst, sich da irgendwo hinzustellen und ham se mal, ham se mal, tun se mal, weil, es könnte sie ja einer erkennen. Die Mama is reich und der Jung, der sitzt da. Das is ne Schande. Und das wollen die meisten vermeiden, damit ihre Familien nicht mit reingezogen werden."

Martin hat damit aber keine Probleme – ihn kenne mittlerweile eh jeder, grinst der hagere Mann. Auch mit der Polizei hat er früher einmal Bekanntschaft gemacht – aber nicht beim Betteln selbst, denn:

"Das sogenannte stille, unauffällige, nicht aufdringliche Betteln ist jederzeit erlaubt. Es sei denn, und dieses geschieht ja vermehrt speziell in größeren Städten, ein Teil des früher öffentlichen Raums wird privatisiert."

In den riesigen Einkaufszentren zum Beispiel ist Betteln verboten. Titus Simon ergänzt:

"Das sogenannte aggressive Betteln, dieser Begriff wird auch in der Rechtsprechung verwendet, ist natürlich nicht erlaubt. Es kann niemand mit einem waffenähnlichen Gegenstand auf einen anderen Menschen zugehen und sagen: ‚Haste mal nen Euro?‘, das hat Nötigungs-Charakter. Und da sind natürlich die Grenzen fließend, jeder Mensch hat ja auch unterschiedliche Wahrnehmungen und Empfindungen, was wirkt auf mich schon aggressiv."

Wenn Passanten etwas in den Pappbecher werfen, hoffen sie vielleicht, dass der Bedürftige das Geld vernünftig ausgibt, für Lebensmittel zum Beispiel. Aber die Erfahrungen von Sozialarbeiter Michael Baltzer sind eher ernüchternd:

"Nein, das setzen sie nicht richtig ein, sondern sie setzen es meistens in Tabak und Alkohol um. Das ist die allgemeine Meinung, aber leider muss ich die bestärken, es ist einfach so."

Aus regelmäßigem Konsum kann dann schnell eine Sucht werden. Professor Simon:

"Das ist ein Bestandteil bestimmter Armutslagen, dass dort auch vermehrt Alkohol getrunken oder im Einzelfall auch Drogen genommen werden. Und ein Süchtiger wird natürlich Geld, das er erhält, verstärkt für seine Sucht ausgeben."

Also: Wem etwas geben?

"Die Situation, in der dieses geschieht, ist hoch individuell. Und ich selber gebe auch nicht jedem was, den ich irgendwo in der Stadt treffe. Ich habe Kollegen in der Wohnungslosenhilfe, die geben bewusst nichts, weil sie sagen, wir bieten den Menschen eine adäquate Hilfe an, ich biete auch dem, den ich auf der Straße erlebe an, dass er zu uns kommt."

Sozialarbeiter Michael Baltzer ist da rigoroser:

"Das ist rein meine persönliche Meinung: gar kein Geld geben. Wenn dann praktisch Naturalien. Man sollte schon Leuten Geld geben, die dafür was tun, irgendwie mit einem Musikinstrument da stehen oder singen irgendwas oder sonst was, irgendwie sich aktiv darstellen."

Doch es kostet schon einiges an Überwindung, sich mit einem Instrument auf die Straße zu stellen, und vermutlich noch viel mehr, sich mit einem Pappbecher auf den Boden zu setzen. Titus Simon:

"Ein sehr viel größerer Teil sehr sehr armer Menschen bettelt nie. Zum einen, weil sie dazu überhaupt nicht in der Lage sind. Zum anderen, weil sie über diese sogenannte Schamgrenze gar nicht rüberkommen und diese Form der verschämten Armut, die eigentlich völlig unauffällig ist, und die auch nicht durch betteln auffällt ist die viel größere, auch zahlenmäßig. Es gibt natürlich einen kleinen Teil, die können sehr gut, denen macht das nichts aus. Und ich vermute, dass es da im Laufe der Zeit auch eine gewisse Gewöhnung an die Situation gibt und dass das unangenehme Gefühl, dass vielleicht zu Beginn vorhanden ist dann im Laufe der Zeit, vielleicht sogar im Laufe der Jahre abnimmt."

Doch selbst wenn: Ein Leben als Bettler auf der Straße ist wohl für niemanden lebenswert. Der Schritt hin zu einem menschenwürdigen Leben klingt eigentlich einfach:

"Hilfe annehmen. Das ist alles. Das ist das riesen Paket, zu erkennen für sich selber, dass man Hilfe annimmt. Und das ist bei vielen Leuten noch nicht im Kopf drin."

Doch wenn das bei den Hilfesuchenden angekommen ist, dann kann Straßensozialarbeiter Michael Baltzer auch immer wieder Erfolge verbuchen:

"Man ist dann froh, wenn man ganz bestimmte Leute nicht mehr sieht, weil man denkt, jetzt hat der seinen Weg gemacht und jetzt ist der auf dem richtigen Weg. Dann denkt man, ja es hat geklappt und man fragt nach, was ist mit dem passiert und man kriegt eine positive Rückmeldung. Und dann denkt man, das ist ja schon mal viel Wert, da hat doch die Arbeit auch einen Sinn, dann kann man auch so zufrieden sein, ganz genau."

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