Dienstag, 21.11.2017
StartseiteForschung aktuell"Neonicotinoide alleine nicht unbedingt das Problem"30.06.2017

Bienensterben"Neonicotinoide alleine nicht unbedingt das Problem"

Pestizide aus der Gruppe der Neonicotinoide werden immer wieder mit dem Bienensterben in Zusammenhang gebracht. Eine Studie in drei Ländern und an unterschiedlichen Bienenvölkern hätte länderspezifischen Effekte deutlich gemacht, sagte Bienenforscherin Elke Genersch von der Humboldt Universität im Dlf.

Elke Genersch im Gespräch mit Monika Seynsche

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Biene im Anflug (picture alliance/dpa/Foto: Patrick Pleul)
Voll bepackt mit Pollen und Blütenstaub ist eine Biene im Anflug zu einer blühenden Sonnenblume in einem Feld nahe Frankfurt (Oder). (picture alliance/dpa/Foto: Patrick Pleul)
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Monika Seynsche: Neonicotinoide sind Insektenvernichtungsmittel, die die Weiterleitung von Nervenreizen unterbinden und so Schadinsekten töten. Allerdings nicht nur die. Auch Bienen fallen den Neonicotinoiden zum Opfer. In welchem Ausmaß und unter welchen Bedingungen allerdings ist umstritten. Die bisherigen wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema kamen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Jetzt hat sich ein internationales Forscherteam noch einmal die Auswirkungen von Neonicotinoide auf Bienen untersucht. Elke Genersch vom Länderinstitut für Bienenkunde an der Humboldt Universität in Hohen Neuendorf ist eine der Forscherinnen. Ich habe sie gefragt, was das Besondere an dieser neuen Studie ist. Was haben Sie anders gemacht als die anderen?

Elke Genersch: Das Besondere ist, dass wir zum einen die Studie an drei verschiedenen Orten, also in drei verschiedenen europäischen Ländern durchgeführt haben, und das andere ist, dass wir sowohl Honigbienenvölker als auch Wildbienen, hier die Hummeln und Mauerbienen, mit reingenommen haben und dass wir wesentlich mehr Messungen vorgenommen haben, wesentlich mehr Daten bestimmt haben. Also nicht nur einfach geguckt haben, welchen Einfluss haben die Neonicotinoide auf das Überleben, sondern wir haben uns auch angeguckt, welche Trachtquellen den Bienen zur Verfügung standen, welche Infektionskrankheiten bei den Bienen und Hummeln eventuell vorlagen, und wir haben nicht nur den Überwinterungserfolg gemessen – also Überleben ja oder nein –, sondern auch während der Saison, wie sich die Völker entwickelt haben, wie viel Arbeit drin war, wie viel Brut da war, bei den Wildbienen auch, wie viel Königinnen produziert wurden und wie die Völker sich entwickelt haben.

Seynsche: Und was ist dabei herausgekommen?

Genersch: Das Interessante sind tatsächlich die länderspezifischen Effekte, die jetzt zum Teil auch zeigen, dass vorher widersprüchliche Daten eben auch wirklich so widersprüchlich sind. Wir finden ganz klare negative Effekte der Neonicotinoide auf die zum Beispiel Honigbienen in England und in Ungarn, aber keinerlei Effekte der Saatgutbeizmittel auf die Entwicklung der Honigbienenvölker in Deutschland.

Pathogen-Belastung in den Ländern unterschiedlich hoch

Seynsche: Und wie kommt das? Werden die Neonicotinoide hier anders angewendet oder sind das andere Stoffe, oder wie kommt das?

Genersch: Die Daten, die mit diesen Ergebnissen korrelierten, und das sind eben bisher nur statistische Korrelationen, beziehen sich zum einen auf die Trachtnutzung. Also wie vielfältig ist die Möglichkeit für die Bienen, sich ihr Futter zu besorgen, sind sie fast angewiesen ausschließlich in den Raps zu fliegen oder gibt es da auch andere Trachtquellen zur selben Zeit, und der andere Unterschied war ganz klar die Belastung der Bienenvölker mit Pathogenen, die in den Ländern unterschiedlich war. Also in Ungarn und Großbritannien wesentlich höher als in Deutschland.

Seynsche: Und warum ist das, also warum geht es den Bienen in Großbritannien und in Ungarn schlechter?

Genersch: Das wissen wir nicht.

Seynsche: Gibt es denn Spekulationen darüber?

Genersch: Nein, weil wir nicht wissen, warum die Bienen in UK oder auch in Ungarn mit mehr Pathogenen infiziert waren, also mehr Virusinfektionen hatten oder mehr Darmparasiten. Das ist einfach nur eine Feststellung. Woran das liegen könnte, haben wir ja in der Studie auch gar nicht untersucht.

Ein multifaktorielles Geschehen

Seynsche: Wenn Sie sagen, es war der Gesundheitszustand der Bienen und die Trachtverhältnisse, das heißt die Vielfalt, die den Bienen vielleicht hier eher zur Verfügung stehen als in anderen Ländern, kann man daraus schließen, dass die Neonicotinoide alleine gar nicht unbedingt das große Problem sind?

Genersch: Man kann zumindest darauf schließen, dass der Effekt der Neonicotinoide zwar negativ sein kann, auch auf Honigbienenvölker und natürlich auch auf die Wildbienen, dass es aber ein multifaktorielles Geschehen ist, und je nachdem, wie die sonstigen Bedingungen sind, welche weiteren Faktoren dazukommen oder eben nicht dazukommen, die Neonicotinoide nicht ausschließlich tatsächlich negative Effekte haben, sondern dass es auch Situationen gibt, in denen diese Effekte dann nicht auftreten.

Seynsche: Wenn Sie sich die Ergebnisse dieser Studie anschauen, welche Resultate, welche Rückschlüsse kann man daraus ziehen? Sie haben diese länderspezifischen Unterschiede jetzt zum ersten Mal festgestellt. Wo müsste jetzt weiter geforscht werden? Was müsste jetzt weiter untersucht werden?

Genersch: Wir haben ja in der Studie festgestellt, dass die interagierenden Faktoren ganz entscheidend dafür sind, ob Neonicotinoide schädlich sind, tödlich sind für Völker oder nicht, und hier müsste natürlich …

Seynsche: Das heißt, die verschiedenen Faktoren, was noch dazukommt.

Genersch: Ja. Diese verschiedenen Faktoren, die dazukommen, die mitbestimmen, wie Neonicotinoide auf Bienen wirken, die müssten näher bestimmt werden, und dann, wenn man wirklich mehr als statistische Korrelationen hat, sondern wenn man wirklich sagen kann, diese Faktoren sind ursächlich, dann müsste natürlich versucht werden, hier Handlungsempfehlungen zu erarbeiten, wie man insgesamt die Situation für die Bienengesundheit verbessern kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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