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StartseiteUmwelt und VerbraucherBiokraftstoffe sollen der Umwelt schaden13.02.2012

Biokraftstoffe sollen der Umwelt schaden

Studie der EU-Kommission berücksichtigt indirekte Folgen der Herstellung

Biokraftstoff aus Raps, Soja oder Palmöl soll die Umwelt stärker als herkömmlicher Treibstoff belasten. Das berichtet die "FAZ" und beruft sich auf eine unveröffentlichte Studie der EU-Kommission. Grund für die negative Bilanz können zum Beispiel für den Anbau gerodete Regenwälder sein, sagt Nils Rettenmaier vom Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg.

Nils Rettenmaier im Gespräch mit Benjamin Hammer

Sind Biokraftstoffe schädlich? (picture alliance / dpa / Marius Becke)
Sind Biokraftstoffe schädlich? (picture alliance / dpa / Marius Becke)

Benjamin Hammer: Fragt man Politiker, welche Rezepte sie haben im Kampf gegen den Klimawandel, dann fällt oft das Wort "Biokraftstoffe". Treibstoff aus nachwachsenden Rohstoffen wie Soja, Raps oder Zucker, das klingt erst einmal gut, vor allem klimaneutral. So einfach aber ist das nicht, sagen manche Forscher, und seit Jahren gibt es in der Wissenschaft eine Debatte, wie nützlich Biokraftstoffe überhaupt sind. Heute dürfte die Debatte einen neuen Schwung bekommen. "Biokraftstoff schadet dem Klima", meldet die "FAZ" heute und beruft sich auf eine interne Untersuchung der Europäischen Kommission. – Am Telefon bin ich jetzt mit Nils Rettenmaier verbunden, er forscht am Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg. Schönen guten Tag, Herr Rettenmaier.

Nils Rettenmaier: Ja, schönen guten Tag.

Hammer: Herr Rettenmaier, die Studie wurde noch nicht veröffentlicht, lassen Sie uns also allgemein über das Thema sprechen. Wie kann es überhaupt sein, dass Biokraftstoffe dem Klima schaden?

Rettenmaier: Die Klimawirkung von Biokraftstoffen kann mit sogenannten Treibhausgasbilanzen ermittelt werden, bei denen sämtliche Treibhausgasemissionen entlang des gesamten Lebenswegs erfasst werden. Da ist zunächst mal die CO2-Aufnahme durch die Pflanze zu nennen, die Verarbeitung dann, der Anbau der Pflanzen, bei denen ja auch Düngemittel und Dieselkraftstoff verwendet werden, und am Ende natürlich die Verbrennung dann im PKW, bei dem das gleiche CO2-Molekül, das vorher durch die Pflanze aufgenommen wurde, ja auch wieder in die Atmosphäre entlassen wurde. Natürlich darf man nicht vergessen, dass zwischendurch eine ganze Reihe von Inputs, Energie und Hilfsstoffe, aufgewendet wurden, die auch wiederum mit CO2-Emissionen verbunden sind. Nichtsdestotrotz: Wenn man sich die Bilanz am Ende anschaut, sparen Biokraftstoffe erst mal Klimagase ein im Vergleich zu fossilen Kraftstoffen. Die Bilanz kann aber trotzdem negativ werden, wenn sogenannte Landnutzungsänderungen im Spiel sind, sprich wenn für den Anbau der Biokraftstoffe, für den Anbau der Energiepflanzen beispielsweise Regenwälder gerodet werden, weil dadurch sehr große CO2-Emissionen verursacht werden, die später durch den Biokraftstoff nicht mehr eingespart werden können.

Hammer: Von diesen Effekten spricht wohl auch die EU-Kommission im Bericht, schreibt, dass eben manche Biokraftstoffe sogar klimaschädlicher sind als Treibstoffe aus Erdöl. Da werden Palmöl, Soja und Raps genannt. Der Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft, der kritisiert die Untersuchungen der EU sehr scharf, sagt, die EU macht falsche Angaben. Wo gibt es denn vielleicht eine Lösung in diesem Streit, ob es jetzt gut oder schlecht ist für die Umwelt?

Rettenmaier: Es erstaunt mich schon, dass gerade die Bioethanolwirtschaft so stark kritisiert, weil die Biokraftstoffe, die in Richtung Benzin verwendet werden, sprich Bioethanol, in allen Bilanzen bisher deutlich besser dastehen als die Biodiesel-Kraftstoffe. Der Streit, der existiert jetzt schon seit 2008, seit Timothy Searchinger seinen Artikel veröffentlicht hat. Es geht darum, diese Landnutzungsänderungen, die ich gerade eben schon angesprochen hatte, zu quantifizieren. Man unterscheidet da die direkten und indirekten Landnutzungsänderungen. Direkte Landnutzungsänderungen kommen zustande, wenn beispielsweise eine neue Plantage für Palmöl auf ehemaligem Regenwaldboden errichtet wird und dieser Regenwald eben als CO2-Emissionen in die Atmosphäre entlassen wird. Das größere Problem sind aber die sogenannten indirekten Landnutzungsänderungen, wenn beispielsweise Zuckerrohr in Brasilien auf einer ehemaligen Rinderweide angebaut wird, also keine direkte Umwandlung von Regenwald erfolgt, aber dadurch der Rinderzüchter ausweichen muss, er wird verdrängt, und auf die Art und Weise kann es sein, dass am Ende der Kette doch wieder Regenwald eingeschlagen wird, und genau diese indirekten Landnutzungsänderungen sind momentan Gegenstand der Diskussion und da wollte sich die EU-Kommission auch schon lange dazu positionieren, wie sie mit dem Problem umgehen will. Es ist wissenschaftlich höchst umstritten, alle Wissenschaftler sagen jawohl, es gibt diesen Effekt, aber in der Höhe des Effektes gehen die Studien doch sehr weit auseinander. Das liegt daran, dass die Treibhausgasemissionen da mit ökonometrischen Modellen verknüpft werden müssen, und da ist eben in der wissenschaftlichen Gemeinde noch kein Konsens entstanden. Ob es den gibt, wage ich zu bezweifeln. Ich vermute, wenn die Kommission zu einer Lösung sich durchringt, dass es sich dann um beispielsweise politisch festgesetzte Werte handelt, die dann aber immer angreifbar sind.

Hammer: Nils Rettenmaier vom Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg – besten Dank. Die Diskussion wird also weitergehen und wir werden sie auch weiter begleiten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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