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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteKultur heuteBlasphemie und Action05.09.2012

Blasphemie und Action

Eine Zwischenbilanz der Filmfestspiele in Venedig

Die Gruppe der potenziellen Löwengewinner kristallisiert sich langsam heraus. Zu den Favoriten zählen unter anderem der koreanische Regisseur Kim Ki-Duk und Paul Thomas Anderson mit der Scientology-Story "The Master".

Von Josef Schnelle

Der südkoreanische Regisseur Kim Ki-Duk erhielt bereits 2004 einen Silbernen Löwen. (AP Archiv)
Der südkoreanische Regisseur Kim Ki-Duk erhielt bereits 2004 einen Silbernen Löwen. (AP Archiv)

1988 läuteten einen ganzen Tag lang sämtliche Glocken von Venedig. Ein Protest gegen Martin Scorseses Film "Die letzte Versuchung Christi". Die Schlagzeilen sprachen von Blasphemie. Bei Ulrich Seidls Film "Paradies: Glaube" dauerte es drei Tage bis eine unbedeutende katholische Organisation ankündigte, Anzeige gegen den Film zu erstatten, der zwar keineswegs blasphemisch ist, aber in seiner Schilderung des religiösen Wahns seiner Hauptfigur ziemlich weit geht. Immerhin wird ein Kreuz abgeschleckt und sogar ein Bild des Papstes von der Wand gefegt, was dem Film im Kino Szenenbeifall einbrachte. So ändern sich die Zeiten. Die aktuelle Meldung von der Anzeige bewog die Festivalleitung diesmal nicht einmal zu einer Stellungnahme. Drei Tage vor dem Ende des Festivals werden vielmehr die ersten Kandidaten für den goldenen, geflügelten Löwen gehandelt. Drei Filme liegen vorne. "Pietá" heißt der Film des südkoreanischen Regisseurs Kim Ki-Duk, der sich nach dem Tod einer Darstellerin bei Dreharbeiten in die Wildnis zurückzog und dort seine Wiedergeburt aus dem Niemandsland der Depressionen dokumentierte. In einem Film natürlich. "Arirang", ein beeindruckendes Dokument der Selbstanalyse und der Selbstrettung wird erst später in diesem Jahr in den deutschen Kinos zu sehen sein. Doch hier auf dem Lido ist Kim Ki-Duk zurück mit seinem ersten Film nach der Krise. Nach den Standing Ovations für seine Variation des klassischen Mutter-Sohn-Themas könnte die Geschichte des Kim Ki-Duk am Ende zur triumphalen Wiederauferstehung eines Totgeglaubten werden.

Der am sehnlichsten erwartete Film des Festivals enttäuschte nicht. Paul Thomas Andersons Filmbiografie des Scientology-Gründers Ron Hubbard "The Master" zählt nun zu den Löwenkandidaten. Das Beste daran, der Film bezieht sich nur sehr indirekt auf Ron Hubbard. Ein paar Züge seines Lebens und seiner Therapien kommen zwar vor, aber im Amerika der 50er-Jahre gab es so viele Magnetiseure, Hypnotiker, Schmalspurpsychiater und potenzielle Sektengründer mit entsprechender oft reicher Entourage, dass man ihnen kaum entkommen konnte. Anderson erzählt die Geschichte eines dieser charismatischen Zeitgeistprediger, der mit einfachen Lösungen die Menschen verführt.


"Der Mensch ist kein Tier. Wir sind kein Bestandteil des Königreichs der Tiere. Wir sind vor allem Geist. Keine Bestien. Ich habe das Geheimnis enthüllt, wie man in diesen unseren Körpern leben kann."


Ein Kriegsheimkehrer der Alkoholcocktails aus allem zusammenmixt, was ihm in die Quere kommt, wird sein Musterschüler und Demonstrationsobjekt. Der großspurige Scharlatan und der armselige Verlierer liefern sich in diesem Film ein packendes Männerduell. "The Master" ist ein bildkräftiger, starker Film, der vor allen von Phillip Seymour Hoffman als Sekten-Guru und Joaquin Phoenix als sein williges Opfer getragen wird. In vier Tagen werden goldene und silberne Löwen in Venedig vergeben.

Olivier Assayas aus Frankreich – ehemaliger Kritiker der legendären "Cahiers du Cinéma" - versprach mit seinem Film "Après mai" einen politischen Beitrag. Sein beeindruckender aktionsreicher Film "Carlos" über den europäischen Topterroristen dieses Namens hatte ihn vor zwei Jahren zum Regisseur gemacht, der ein mäßiges Programm von Cannes komplett rettete. Nun schlägt er mit "Après mai" – Nach dem Mai - eher leise Töne an. Mit autobiografischem Touch erzählt er von den Erlebnissen einiger junger Leute, die als Schüler und Studenten in die Demonstrationen des Mai 1968 verwickelt werden und gleichzeitig neue Lebenskonzepte ausprobieren. Protestgraffitis, Molotowcocktails, künstlerische Experimente, erste Erfahrungen mit der Liebe und die Melancholie der entschwindenden Jugend hat Assayas zum aufregendsten Film seiner Karriere zusammen montiert. Bei der Pressekonferenz sitzen alle seine jugendlichen Hauptdarsteller auf dem Podium und können sich kaum erklären, was sie da gespielt haben. Im gleichen Lebensalter doch weit entfernt von jeglicher Form des Aufbegehrens. Ein filmisches Experiment, das einen Zeitenbruch dokumentiert. Romantische Treffen im Grün der Vorstadtwälder, die Trips zu den Protestkollegen in Italien, die Feten mit großem Heufeuer und sich ankündigende Lebenswege.

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