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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteSonntagsspaziergangDie grünen Juwelen des Tessins31.01.2016

Brissago-Inseln im Lago MaggioreDie grünen Juwelen des Tessins

Die Borromäischen Inseln im italienischen Süden des Lago Maggiore sind bekannt für ihre kunstvollen Gartenanlagen. Doch auch der nördliche, Schweizer Teil des Sees, bei Ascona oder Locarno, bietet farbenfrohe Natur: auf den Brissago-Inseln. Naturschützer und Tourismusverbände wollen aus Region einen Nationalpark machen.

Von Joachim Dresdner

Die Brissago-Inseln (Joachim Dresdner)
Die Brissago-Inseln (Joachim Dresdner)

Dieser Motorkahn tuckert immer morgens um 10 los. Hinüber zur Insel.

Eben noch hatte ich in Brissago Giuliano Branca gegenüber gesessen, auf der Terrasse des "Rivabella"-Hotels, oberhalb eines bis zum Lago Maggiore reichenden Palmengartens. Branca war bei der Eröffnung des botanischen Inselgartens dabei und Jahrzehnte in Tourismus für Brissago und die Brissago-Inseln im Amt. Er erinnert sich an die Eröffnung Anfang April 1950:

"Ein Tag, es hat sooo geregnet, so stark geregnet, aber es war so voll, das muss man auch sagen und in dieser Zeit wurden viele tausende Postkarten verkauft, jetzt kauft niemand mehr eine Karte. Ich habe immer gesagt, die Brissago-Inseln sind das kleinste Dorf der Schweiz."

Diese Gedanken schwinden, weil das Schiff nun nach einem knappen Kilometer auf der größeren Brissago-Insel anlegt, im nördlichen Teil des Lago Maggiore, in Sichtweite von Ascona. Vom Anlegesteg aus scheint es mir, als verstecke die Insel San Pancrazio ihre Schönheiten hinter Baumgrün. Aus dem lugt eine opulente Villa hervor.
Seit Jahren kümmert sich die in Ascona geborene Brigitte Bianda um die jährlich weniger werdenden Besucher.

Wohl wegen der hohen Preise fürs Übersetzen und weil die italienische Schifffahrt, die für den gesamten See zuständig ist, die Schweizer Ermäßigungen nicht akzeptiert, oder einfach nur weil's mal regnet.

Der Weg führt anfangs unter schattigen Bäumen vorbei an Tafeln, auf denen die Geschichte der Besiedelung geschildert wird, die Römer, ein Kloster, lange nichts, dann eine seltsame Gräfin, die 1885 anlandete:

"Mit ihrem dritten Mann, das war der Herr Richard Fleming-Saint Leger, haben sie zusammen entschieden den botanischen Garten zu gründen."

Im warmen Wind des Lago Maggiore

Sie legte den botanischen Garten an, eröffnete eine Poststation und stellte Puppen her. Als die Dame pleite war, griff der deutsch-jüdische Kaufmann Max Emden aus Hamburg zu. Er lebte wild und toll bis zu seinem Ende und am Ende verkaufte sein Sohn die Inseln dem umliegenden Kanton Tessin, Kommunen und den Naturschützern. Seit 1950 ist sie, immer von März bis Oktober, für Besucher erreichbar. Doch das wären, wenn ich ein Bild malte von dieser Insel, Randmotive. Die natürlichen Farben der Inselflora sind: leuchtendes Gelb, Blau, ins Violette übergehend und Rot!

"Es gibt verschiedene Töne von Grün, das ist auch sehr attraktiv. Natürlich, wir haben die Farben der Blüten, der Blumen, die sehr schön sind. Wir haben auch eine Ausstellung über versteckte Farben der Pflanzen. Diese Pflanzen kann man nutzen Textilien zu färben."

Brigitte Bianda, hat ihr blondes Haar zurückgesteckt, trägt ein rotes T-Shirt zur hellen Hose, der Botaniker Guido Maspoli, mit kurzen, dunklen Haaren und dunkelblauem Poloshirt. Beide führen mich in eine Welt mit Pflanzen, die in diesen Breiten selten sind. Unerwartet schnell schlagen mir die Probleme dieser Insel entgegen: Der letzte Direktor ging, weil er mehr Verwaltung als Botanik machen musste, wie er sagt, und weil er nicht verhindern konnte, dass Besucher wegblieben.

Doch von der Natur her liegen die Inseln gut im warmen Wind am nördlichen Ende des Lago Maggiore.

"Ich liebe diese Insel und ich werde sicher als Besucher mehr Mal pro Jahr hier sein."

Weil es noch keinen neuen Direktor gibt, begleitet Brigitte und mich der Demissionierte durch die blühende Landschaft.

Einmal rund um die Insel! Vom Mittelmeer über Südafrika, nach Neuseeland und Chile. Ein Hauch von Südhalbkugel in Sichtweite verschneiter Alpengipfel. Und in Sichtweite der kleinen, naturbelassenen Nachbarinsel. Sie ist nicht öffentlich zugänglich und nur mit einem Privatboot erreichbar.

Prächtige Laubbäume und kuglige Kakteen

Im Frühling blühen die meisten Pflanzen auf der Insel früher als auf dem Festland. Das wollen die Besucher sehen, unter fachkundiger Führung.
Der Botaniker Maspoli ist gern inmitten exotischer Pflanzen:

"Das ist eine Zistrose, das heißt, eine Art, die speziell aus Montpellier in Frankreich kommt, aber sehr häufig auch in anderen Gebieten des Mittelmeerraumes, diese schöne, weiße Blumen, weiß-gelb, creme."

Dahinter breite, hellgraue Kissen, Stachel statt Blätter. So schützt sich die aus Kreta stammende Pflanze gegen Ziegenbiss und sichert ihre Fortpflanzung:

"Die Samen fallen nach innen und so haben die Keimlinge immer gute Bedingungen zu wachsen. Sie sind geschützt gegen die Winde und es gibt immer ein wenig mehr Feuchtigkeit innen, das ist sehr angepasst an das Klima."

Vor prächtigen Laubbäumen ragen zwischen kugligen Kakteen bläulich-grüne Pflanzensäulen aus dem steinigen Boden. Natterköpfe, deren Griffel, oben am Stempel des Fruchtblattes der Blüten, sind wie Schlangenzungen gespalten. Natterköpfe wachsen eigentlich auf den Kanarischen Inseln.

In der Nähe füllt die Angestellte des Restaurants in der Villa ein eckiges Alu-Töpfchen mit frischen hellroten und gelben Essblüten, dazu etwas Rosmarin und Thymian.

Wir kommen zu einer Pflanze, die Büschel bildet, die wie gelbe Peperoni aussehen, aber es sind Zitrusfrüchte aus Nord-Ost Indien. Buddhas Hände! Genau besehen, tatsächlich, wie eine Hand mit langen, schmalen Fingern!

"Die Statue hier repräsentiert Venus und heutzutage ist es eine Ecke von Heil- und Nutzpflanzen."

Das römische Bad: mit Marmorbassin, 33 Meter lang, und dem Bronzestandbild der Badenden, die der Hamburger Künstler Georg Wrba 1928 aufstellte, eine der Frauen wie sie Kaufmann Emden gern hatte:

"Und die Legende sagt, dass er hier eine goldene Münze rein geworfen hat, in das römische Bad und die Dame, die sie als erste geholt hatte, konnte dann mit ihm das ganze Wochenende hier auf der Insel bleiben. Und da vorne, da wurde ganz ein berühmtes Foto gemacht mit den drei Damen, die mit nacktem Busen da vorne stehen."

Da wird Emden wohl gleich drei Münzen ins Bassin geworfen und die Freizügigkeit der sechziger Jahre vorweg genommen haben.

Der älteste Eukalyptus von Europa

Heute, die Damen mögen älter geworden sein, heute ist das ein Heil- und Pflanzengarten, den Familien für eine Hochzeit buchen können, erklärt mir Brigitte:

"Für zwei, oder drei Stunden macht man einfach da die Tür zu und das dann für eine Privatgesellschaft. Wir hatten auch schon Paare, die hier geheiratet haben mit eigenem Priester."

Die Hecke und ein kurzer Mauerzug schützen bis heute vor neugierigen Blicken. Im Mauerwerk, am Ufer, ist eine Gittertür eingesetzt, durch sie geht der Blick zu den Häusern an der Uferpromenade von Ascona. Der deutsche Bundeskanzler Adenauer bezeichnete Anfang April 1956 dieses Mauerfenster als einen der schönsten Aussichtspunkte, die er in Europa je ausfindig gemacht habe.

Auf der Südhälfte der Insel wird das Blattgrün der Sträucher und Bäume dichter:

"Das ist der älteste Eukalyptus von Nordeuropa, eine von den Pflanzen, die wir haben, die die Baronin (circa 1885) noch gepflanzt hat, 130 Jahre alt. Eucalyptus viminalis und 30 Meter hoch."

In seiner Ursprungsheimat, Südaustralien, wächst der Riese mit breiten auseinandergehenden Ästen noch höher!

Unter diesem Eukalyptusbaum hat sich eine Kindergruppe mit ihren Begleiterinnen zum Picknick niedergelassen. Vielfarbige T-Shirts, Basecaps. Rucksäcke und Beutel, abgelegt am mächtigen Stamm des Baumes auf rasengrünem Grund. Die Äste werfen bizarre Schatten. Der Fußweg dahinter schlängelt sich an Sträuchern und Fächerpalmen vorbei. Wir bleiben in Australien und schauen uns einen Strauch an, der Bürsten als Blüten trägt:

"Ja, hier wir sehen zum Beispiel diese "Flaschenputzer", Callistemon, das ist eine Gattung der Familie von Myrtus und Eucalyptus mit diesen sehr schönen Blüten, rot, sehr attraktiv das ist ein wenig ein Star."

Wegen seiner zylinderförmigen, leuchtend roten Blüten. Nebenan hat ein Laubbaum herrlich nach Zitrusseife riechende Schalenblüten geöffnet, auch ein "Star":

"Aber der kommt aus Nordamerika: "Magnolia grandiflora", großblütige Magnolie. Die Blumen sind wirklich sehr, sehr groß, weiß, sehr schön."

Diese immergrüne Baumart lieben die Tessiner, sie ist eine Zierde in größeren Gärten und ein leuchtender Kontrast vor den bewaldeten Uferbergen.

Auf das Südostufer zugehend, gelangen wir zu einer Palme aus Südamerika mit einem auffallend mächtigen Stamm:

"In Chile brauchen sie die Pflanzen, um eine Sorte Ahornsirup zu machen, sie heißt "Miel de Palma", aber man muss die Pflanze schneiden.

So eine Palme brächte bis zu 100 Liter Honig, doch nach der Ernte würde sie absterben:

"Die macht auch Früchte, Orangen, so groß wie Aprikosen, man kann Konfitüre oder Chutney machen und die Samen sind essbar und schmecken wie Kokosnüsse, aber das sind ganz kleine und feine."

Ein kleines Paradies mit starker Natur

Wär' doch schön, denke ich, könnte dieser einzigartige Garten mit einem Partner, wie dem künftigen Nationalpark, überleben.

"Interessant ist, dass dieser Park von 200 Meter mit einem subtropischen Klima bis in die hohen Berge mit einem arktischen Klima geht, in wenigen Kilometern. Die exotische Isola di Brissago kann helfen zu verstehen was in den Hügeln für ein Klima ist und das ist auch wichtig. Der (National-)Park, die Inseln sind wichtig, das ist etwas Spezielles, um den "Parco Locarnese" zu vermarkten."

Wie auf einer 25 Kilometer langen Schnur ziehen sich die grünen Perlen des Tessins von der tiefsten Stelle der Schweiz, den Brissago-Inseln am Lago Maggiore, bis zum arktischen Klima der Alpengipfel hinauf. Damit diese Perlen nicht vergessen werden, sollen sie gemeinsam vermarktet werden.

Einigkeit vorausgesetzt, könnte der "Parco Nazionale Locarnese" mit Locarno als Zugbegriff für die Insel und die Natur der abgeschiedenen Bergtäler ein Segen sein. Nur müsste das jeder begreifen.

Für diesen Nationalpark kämpft Samantha Bourgoin, eine Macherin mit glatten, brünetten Haaren, wachen Augen und weicher, eindringlicher Stimme. Winters organisiert sie "Locarno on Ice", sommers "Jazz Ascona".

Für sie ist diese Gegend ein kleines Paradies mit starker Natur:

"Man weiß nicht wirklich warum, aber Lago Maggiore schenkt uns eine Ferienstimmung. Nicht nur wegen Natur, ich glaube die Stimmung ist... Ja, Natur und die Berge..."

Samantha und ich biegen am Ortseingang von Locarno in das Onsernonetal ein, erklimmen kurz darauf eine Anhöhe und schauen von dort auf den See mit den beiden Brissago-Inseln:

"Da unten, Inseln liegen auf 193 Meter und dann Gridone, oberhalb von Brissago, es ist 2.200 Meter. Wir können einen besonderen Nationalpark haben mit zwei Inseln, sehr schönen Inseln, und diesem besonderen Klima."

Bis 2017 braucht die Projektmanagerin die Zustimmung der mitmachenden Gemeinden. Danach sollte der Bund grünes Licht geben, für einen neuen Nationalpark mit wenigen Anwohnern, ein paar Ziegen, ein bisschen Regen, aber wilder Natur und noch einigen Dörfern:

"Vor drei bis vier Jahrhunderten hatte es sehr viele Einwohner. Sie mussten essen. Mit diesen steilen Bergen war es nicht möglich, es anders zu machen, man musste künstliche Terrassierungen mit diesen Mauern schaffen."

Dichter wie Hermann Hesse oder Max Frisch schwärmten von dieser grünen Perle "in Fels und Ginster".

Das üppige Grün mag beide getäuscht haben; die Bergtäler nahe des Lago waren trotz Kinderreichtums eine ärmliche Gegend. Mit karger Landwirtschaft auf den schmalen Hangterrassen.

"Sie gehen ins Bett und sie hören den Fluss, die Vögel und einfach nichts"

Vor 200 Jahren, erzählt Samantha Bourgoin, wurden Kartoffeln und Mais angepflanzt und Roggen, zum Strohflechten. Vom Fluss bis zum Monti hinauf leuchtete es Gelb.

Wir halten an einem winzigen Holzkiosk, drinnen, hinter Kühlschrankglas wird Käse angeboten, frisch, von hier und in Selbstbedienung.

Der nächste Stopp vor einer Brücke. Von hier geht der Blick zu den Orten am oberen Talhang, die sogenannte "Seufzerbrücke":

"Die Leute haben geschaut, letzte Moment, wo ich meine Dörfer sehe, Il Ponte Isospiri."
Auf halber Strecke im Onsernonetal bereitet uns Mareile Kromus Wälti aus Stade bei Hamburg einen Kaffee: Sie betreibt den Info-Point, während ihr Mann den Postbus chauffiert. Die beiden haben sich vor 10 Jahren hier niedergelassen.

Auf 1.085 m, im hintersten Teil des Onsernonetals liegt Comologno. In der rustikalen Dorfkneipe treffen sie sich mittags ein paar Straßenbauarbeiter. Rita Studer kümmert sich um den "Palazzo della Barca", eines der prächtigen, von reich gewordenen Auswanderern erbauten Herrschaftshäuser. Im Winter, wenn keine Gäste darin übernachten, webt sie, oft im Kundenauftrag, mit Wolle und Filz warme bunte Hausschuhe zum Beispiel.

"Langweilig ist es nicht, aber ruhig. Sie gehen ins Bett und sie hören den Fluss, die Vögel und einfach nichts. Zurechtkommen mit dem Alleinsein, können viele nicht mehr!"

Das Gelände sei schwierig, habe Platz für alle und der Nationalpark sei die einzige Chance für das Tal, dass es bevölkert bleibt, fügt Frau Studer hinzu. Mit am Tisch sitzt Johannes Studer, die beiden sind nicht verwandt. Er bietet vier Ferienhäuser zum Mieten an und lockt seine Gäste mit einem merkwürdigen Angebot:

"Man kann gratis bei uns leben, essen und Unterkunft, wenn man einen halben Tag mitarbeitet: Mauern bauen, Unterhaltsarbeiten an Häusern wie Türen richten, Leisten ersetzen."

Unermüdlich wirbt Samantha Bourgoin Freiwillige, die bei dem Nationalprojekt mitmachen wollen. Sie weiß, ein "Parco Nazionale Locarnese" würde die Vermarktung der Region von den Brissago-Inseln bis zu den Bergdörfern bündeln und er könnte die Stimmen der wenigen Landwirte gegenüber dem Kanton Tessin und der Gesamtschweiz zusammenfassen.

Angeboten wird schon mal eine Fünf-Tage-Tour durch das Parkgebiet, die auf den Brissago-Inseln beginnt:

"Trekking die fiori" (Mehrtagestouren durch das Parkgebiet). Das Blumen-Trekking fängt mit einer Inselbesichtigung, Blumenbesichtigung (an den Brissago-Inseln) an. Das ist die erste Erfahrung zwischen dem niedrigsten Punkt der Schweiz bis 2.200 Meter."

Bis hoch in die Berge wäre es mit dem Nationalpark besser möglich, für diese Region zu werben. Noch sind sie da, alte Steinhäuser, altes Handwerk, die alte Mühle, Ziegen und die wenigen Menschen, die das Onsernonetal am Laufen halten.

 

Hinweis: Die Anreise des Autors wurde unterstützt durch "SWISS" und die "SBB". Der Aufenthalt wurde selbst bezahlt, einschließlich der Kurtaxe.

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