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StartseiteEuropa heuteBritische Muslime und die Scharia31.10.2008

Britische Muslime und die Scharia

Hardliner und Progressive sind gespalten

In Großbritannien hat der Erzbischof von Canterbury vor einiger Zeit die Anerkennung von Scharia-Urteilen ausgerechnet beim Familienrecht befürwortet - und damit heftigen Widerstand im ganzen Land ausgelöst. Der Streit geht hin und her, und so hat sich gestern noch einmal der Justizminister zu Wort gemeldet. Jack Straw stellte klar: Die Ausübung der Scharia müsse britischen Gesetzen unterworfen bleiben. Wie sehr die Muslime selbst in dieser Frage gespalten sind, schildert Ruth Rach.

Ein Scharia-Rat bestimmt  in London  über Prinzipien muslimischer Lebensführung. (AP Archiv)
Ein Scharia-Rat bestimmt in London über Prinzipien muslimischer Lebensführung. (AP Archiv)

Birmingham, eine mittelenglische Stadt mit über einer Million Einwohner. Hier werden bis zur Jahrhundertmitte weiße Briten in der Minderheit sein. Drei Viertel der ethnischen Gruppen sind Muslime. Viele sind schlecht ausgebildet, überdurchschnittlich viele arbeitslos. Nur eine kleine Elite hat den Aufstieg in berufliche Spitzenpositionen geschafft. Unter ihnen Faraz Yousufzai, Anfang 40, Jurist und Managementberater einer Aktionsgruppe die sich für die Integration muslimischer Communities einsetzt.

"Unsere Moscheen sind immer noch rund hundert Jahre hinter der Gegenwart zurück. Modern eingestellte Muslime haben keine Stimme. Frauen spielen fast überhaupt keine Rolle. Das muss sich ändern. Viele islamische Schriftgelehrte glauben, dass eine muslimische Gesellschaft nicht auf patriarchalischen Strukturen aufgebaut sein sollte."

Aber Faraz Yousufzai hat keinen leichten Stand. Bei einer BBC-Umfrage zum Thema Ehrenmord äußerten erst vor kurzem viele Befragte aus einem muslimischen Viertel in Birmingham Verständnis - für die Täter:

"Manche töten ihre Kinder, weil sie vom richtigen Weg abkommen."

"Ja, das ist richtig, sie haben das Recht - in jedem Land."

Manche sagen, solche archaischen Stammes-Praktiken hätten mit der islamischen Religion nichts zu tun. Aber Diana Nammi, eine kurdische Frauenrechtlerin glaubt, die Scharia, insbesondere das islamischen Ehe- und Familienrecht sei daran schuld, dass Musliminnen auch in Großbritannien brutal unterdrückt würden. Diana Namma leitet ein Zentrum für Opfer von Zwangsehen in London.

"Ich dachte, in Europa werden die Menschenrechte respektiert, aber als ich nach London kam, erlebte ich wie Frauen im Namen der Familienehre gequält und sogar ermordet wurden. Jahrelang haben die Communities das Thema totgeschwiegen. Britische Behörden, Sozialarbeiter, Polizisten, hielten sich ebenfalls zurück, weil sie Angst hatten, des Rassismus bezichtigt zu werden."

Inzwischen wird über das Thema geredet. Die Polizei hat neue Richtlinien erhalten, im Herbst werden die Regelungen zur Verhinderung von Zwangsehen verschärft. Aber dennoch, wer wie Diana Nammi den Mund aufmacht, bekommt weiterhin Todesdrohungen. Und progressive Prediger haben einen schweren Stand. Als der junge Londoner Imam Usama Husein in seiner Moschee in Nordlondon die Gleichstellung der Frau forderte, wurde er schwer beschimpft.

Du willst unsere gottgegebene Religion ändern, wirft man ihm vor. Aber Usama Husein kontert, die Gesetze des Islam seien nicht in Stein gemeißelt, sondern heilige Prinzipien, die immer wieder neu interpretiert werden müssten.

Der in Cambridge ausgebildete Akademiker ist Mitglied des "citycircle", ein progressiver muslimischer Debatierclub. Außerdem berät Usama Husein den Scharia-Rat in London, der über Prinzipien muslimischer Lebensführung bestimmt. Auch dort muss er sich gegen die Hardliner behaupten. Vor kurzem arbeitete der "citycircle" ein neues muslimisches Ehe- und Scheidungsrecht aus, in dem Frauen die absolute Gleichberechtigung garantiert wird. Und entfesselte einen Sturm der Entrüstung. Dennoch glaubt Usama Hasan, dass sich die Reformer längerfristig durchsetzen.

"Wir versuchen mit einem wachsenden gesellschaftlichen Problem fertig zu werden. Ich kenne viele Fälle, wo ein junges Pärchen, das sich liebt, nicht muslimisch heiraten kann, weil die Eltern dagegen sind. Gleichzeitig weigern sie sich aber, den von ihren Eltern bestimmten Partner zu ehelichen und bleiben lieber ledig. Das führt zu viel Unglück. Es gibt immer mehr Muslime und Musliminnen, die bis sie 30, 40 sind, Jungfrauen bleiben."

Vor ein paar Monate forderte der anglikanische Erzbischof Rowan Williams, Aspekte der Scharia in die britische Gesetzgebung zu integrieren. Usama Husein und sein Zirkel sind dagegen. Sie glauben, das britische Recht müsse fairerweise für alle gelten. Wenn Muslime schon im Westen aufwüchsen, sollten sie sich auch an westliche Gesetze halten.

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