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StartseiteBüchermarktBuch der Woche: "Eine exklusive Liebe"19.07.2009

Buch der Woche: "Eine exklusive Liebe"

Johanna Adorján: "Eine exklusive Liebe", Luchterhand Verlag

In ihrem Debütroman "Eine exklusive Liebe" macht die Journalistin Johanna Adorján den Doppel-Selbstmord ihrer Großeltern zum Thema. Mit klarer Nüchternheit und in eigentümlich bescheidenem Ton will sie herausfinden, wie die beiden im Herbst 1991 ihrem Leben ein Ende setzten.

Von Shirin Sojitrawalla

Aufgeschlagenes Buch mit Lesebrille (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Aufgeschlagenes Buch mit Lesebrille (Deutschlandradio / Bettina Straub)

"Am 13. Oktober 1991 brachten meine Großeltern sich um. Es war ein Sonntag. Eigentlich nicht der ideale Wochentag für Selbstmorde. An Sonntagen rufen Verwandte an, Bekannte wollen vorbeikommen, um gemeinsam mit dem Hund spazieren zu gehen, ein Montag zum Beispiel erschiene mir viel geeigneter. Aber gut, es war Sonntag, es war Oktober, ich stelle mir einen klaren Herbsttag vor, denn das Ganze ereignete sich in Dänemark, in Charlottenlund, wo meine Großeltern wohnten, einem Vorort von Kopenhagen, in dem alle Häuser einen Garten haben und man seine Nachbarn beim Vornamen nennt. Ich stelle mir vor, dass meine Großmutter am Morgen als Erste aufwacht. Dass sie aufwacht und ihr erster Gedanke ist, dass dies der letzte Morgen ist, an dem sie aufwacht. Dass sie nie wieder aufwachen wird, nur noch einmal einschlafen. Meine Großmutter setzt sich schnell auf, schlägt die Decke zur Seite und schlüpft mit den Füßen in die Stoffschuhe, die sie jeden Abend ordentlich neben dem Bett abstellt. Dann steht sie auf, eine schlanke Frau von 71 Jahren, streicht sich das Nachthemd glatt, und durchquert leise, um meinen Großvater nicht zu wecken, die paar Meter zur Tür."

So lautet die erste Seite im erstaunlichen Debüt der Journalistin Johanna Adorján über den Doppelselbstmord ihrer Großeltern. Schon die ersten Sätze geben den Rhythmus vor: Klare Nüchternheit, anteilnehmende Prägnanz und eine eigentümliche Bescheidenheit des Tons. Bereits auf der ersten Seite beantwortet die Autorin vier der fünf journalistischen W-Fragen: Wer? Wann? Wo? Was? Dem "Wie?" wird sie im Laufe des Buches ausführlich nachspüren. Ihr Buch ist der Versuch einer Rekonstruktion. Und dabei geht sie zuerst einmal vor, wie Journalisten vorzugehen pflegen, wenn sie recherchieren: Sie begibt sich an Originalschauplätze und kontaktiert Zeitzeugen. Sie fährt nach Budapest, nach Paris, nach Dänemark und sonst wohin, um mit Freunden, Verwandten und Kollegen ihrer Großeltern zu sprechen. Um zu erfahren, wie sie wirklich waren oder vielmehr, um zu erfahren, wie sie waren, wenn sie nicht ihre Großeltern waren.

Adorjáns Großeltern waren ungarische Juden, die den Holocaust überlebten und während des Budapester Aufstandes nach Dänemark emigrierten. Er ein orthopädischer Chirurg, sie Physiotherapeutin. Die beiden sind ein erstaunliches Paar, der Enkelin erscheinen sie wie alternde Filmstars, zwei, die aus der Masse herausragen: Exzentrisch, elegant und sehr eigen. Weltgewandt sind sie, lieben klassische Musik und rauchen pausenlos. Die Großmutter, eine zu Launen neigende Schönheit und der Großvater, ein gutmütiger, vornehmer Mann. Wie Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir siezen sich die beiden ihr Leben lang. 1940 lernen sie sich in Budapest kennen. Zwei Jahre später heiraten sie. Und beinahe 70 Jahre später stellt sich ihre Enkelin in Deutschland vor, wie sich das wohl damals zugetragen hat.

"Sie wurden einander bei einem Hauskonzert vorgestellt, 1940 in Budapest. Von Ungarn aus schien der Krieg da weit weg, noch war alles ruhig. Die Meinungen gehen auseinander, ob dieses Hauskonzert bei gemeinsamen Freunden stattfand oder bei den Eltern meiner Großmutter. Auf jeden Fall war es jüdisches Budapester Bürgertum, ich weiß, dass es ein Klavierabend war und dass der Pianist István Antal hieß (Ungarn würden natürlich Antal István sagen). Ich stelle mir trotzdem dazu noch einen Geiger vor, einen jungen mit Kafkagesicht, und in meiner Vorstellung spielen sie "Liebesleid" von Kreisler, das hat so etwas k.-u.-k.-haftes, diesen wehmütigen Schmelz einer untergegangenen Zeit. Ich stelle mir vor, dass mein Großvater bei diesem Hauskonzert in einer der vorderen Reihen saß, aufrecht, den Blick nach vorne gerichtet, und meine Großmutter zuerst seinen Hinterkopf sah. Damals sollen seine Haare noch dunkelbraun gewesen sein. Er saß bestimmt sehr gerade, denn das tat er immer. Vielleicht trug er ein Dinnerjackett, er war so der Typ Mann. Irgendjemand wird meiner Großmutter zugeflüstert haben, dass das da vorne ein junger Chirurg sei, und vielleicht wird sie ihn da erst wahrgenommen haben, diesen gut aussehenden Mann, vielmehr diesen Mann mit dem gut aussehenden Hinterkopf, der so kerzengerade der Musik zuhörte. Es wird eine Pause gegeben haben, in der alle erleichtert waren, endlich herumgehen, trinken und plaudern zu können. Alle bis auf meinen Großvater wahrscheinlich, der Musik mehr liebte als das meiste sonst auf der Welt. Und da hat sie dann irgendjemand einander vorgestellt. Veronika und István, Vera und Pista. Sie war 20, er 31 Jahre alt."

Was aus dieser ersten Begegnung folgt, ist einer jener raren und unwahrscheinlich symbiotischen Lieben, die nicht einmal der Tod entzweien kann. Als der Großvater schwer krank wird, scheint es nur eine Lösung für die beiden zu geben. Wie bei der Rekonstruktion ihrer ersten Begegnung vermischt Adorján in ihrem Buch Fakten und Fiktion, indem sie sich erinnert, Familienwahrheiten berücksichtigt, den Tatsachen ins Auge blickt und immer wieder ihrer Fantasie freien Lauf lässt. Die Leerstellen der Geschichte füllt sie mit ihrer Imagination. Dabei erzählt sie das Leben ihrer Großeltern in groben Zügen nach und versucht, sich auszumalen, wie sich der letzte Tag ihres Lebens abgespielt haben mag. Immer wieder unterbricht sie die Geschichte vom letzten Tag im Leben ihrer Großeltern mit Schilderungen ihrer eigenen Recherchen und Selbstbefragungen.

Denn ebenso gut wie um das Leben der Großeltern geht es auch um Adorján selbst, ihr Selbstverständnis, ihr So-und-nicht-anders-Sein. Die Fragestellung, die sie leitet, ist der Wunsch, erfahren zu wollen, wie sich das Ende ihrer Großeltern vollzogen hat, wie sie es vollzogen haben, vollzogen haben könnten. Minutiös beschreibt sie ihren letzten Tag: vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Erzählt, wie ihre Großmutter den Garten herrichtet, sich ein letztes Mal um ihre geliebten Rosen kümmert, die Wohnung aufräumt, später gemeinsam mit ihrem Mann den Hund in die Obhut von Bekannten bringt, denen sie weismachen, sie führen bloß nach München. Die Autorin möchte Gewissheit erlangen über die letzten Stunden ihrer Großeltern.

Diese Gewissheit braucht sie, um der Geschichte den Schrecken zu nehmen, aber auch, um ihre Trauer verorten zu können. Den Wunsch nach Gewissheit teilt sie mit allen, die jemanden verlieren, aber besonders mit jenen, deren Angehörige keines natürlichen Todes sterben, seien es die Opfer einer Flugzeugkatastrophe oder Menschen, die freiwillig aus dem Leben scheiden. Wie hat sich alles zugetragen? Hätte es verhindert werden können? Was genau ist passiert? Mussten sie leiden? Die Beantwortung dieser Fragen liefert den Untröstlichen Trost und vermag die pochende Ungewissheit der Trauer zu mildern.

"Wie fühlen sich zwei Menschen an ihrem letzten Tag? Denken sie sich bei allem, was sie tun, dass es das letzte Mal ist? Das letzte Mal im Garten, das letzte Glas Milch, das letzte Mal Zähneputzen? Oder hat man solche Gedanken an diesem Tag bereits hinter sich? Hat man innerlich während der vorangegangenen Wochen und Monate Abschied genommen von all den Dingen, die das Leben so ausmachen, im Guten wie im Schlechten, und verbietet sich jeden Gedanken an das Ende und lebt weiter wie bisher, bis die Stunde gekommen ist, an der man geplant hat zu sterben? Wie waren meine Großeltern an ihrem Todestag, ich habe mich das oft gefragt. Haben sie geweint? Waren sie überdreht? Angespannt? Still? Es wird sicher alles etwas einfacher gemacht haben, dass sie zu zweit waren. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Aber stimmt das? Hat es für beide gestimmt? Alle, mit denen ich über den Tod meiner Großeltern gesprochen habe, teilten meine Ansicht, es sei die Idee, der Wille und Plan meiner Großmutter gewesen, sich zusammen mit meinem Großvater das Leben zu nehmen.

Viele waren der Überzeugung, dieser Plan habe bereits seit langem bestanden. Und niemand hätte sie davon abbringen können, nicht einmal mein Großvater, der, da sind sich alle einig, bestimmt lange dagegen gekämpft und schließlich klein beigegeben haben wird. Wie immer. In der Todesanzeige, die in einer dänischen Zeitung gedruckt wurde und die ja für Außenstehende wegen des identischen Todestages Fragen aufwerfen konnte, stand 'Ihre große Liebe ist die Antwort'. Das ist die schönste Art, ihren Doppelselbstmord zu deuten. Aber ist das die ganze Wahrheit? Spricht nicht vor allem Angst aus dieser Tat? Die Angst einer Frau, nicht geliebt zu sein, allein zu sein, anderen zur Last zu fallen, vielleicht einmal selbst krank und gebrechlich zu sein? Und gehört nicht auch eine beachtliche Portion Aggression dazu, vor den eigenen Kindern so zu tun, als sei man vollkommen allein auf der Welt?"


"Ihre große Liebe" sei die schönste Deutung des Doppelselbstmordes ihrer Großeltern, schreibt die Enkelin. Und dieser Selbstmord Hand in Hand ist es auch, der einen Großteil der Rührung ausmacht, die das Buch auslöst. Ein Liebestod? Tristan und Isolde und Romeo und Julia schieben sich augenblicklich in den Sinn. Die haben freilich erst gar nicht die Gelegenheit bekommen, ihr Leben miteinander zu verbringen. Nicht zufällig aber spielt Adorjáns Großmutter einer Besucherin ein paar Tage vor ihrem Selbstmord Wagners berühmt traurige Arie "Isoldes Liebestod" vor, in voller Länge, und gleich zweimal hintereinander.

Der Doppelselbstmord der Großeltern speist sich auch aus dem romantischen Traum aller Sterbenden, die letzte Reise nicht allein antreten zu müssen. Unweigerlich denkt man angesichts der Geschichte von Adorjáns Großeltern auch an den französischen Sozialphilosophen André Gorz und seine Frau Dorine. Am 22. September 2007 nahm sich Gorz gemeinsam mit seiner schwerkranken Frau das Leben. Auch sie waren zwei exklusiv Liebende, zwei Unzertrennliche, die der Tod nicht scheiden sollte. Und auch ihre Liebe findet ihren einzigartigen Widerhall in einem schmalen Buch. "Brief an D." nennt Gorz seine "Geschichte einer Liebe", die er im Jahr 2006 veröffentlichte. Eine Liebeserklärung an seine Frau, die mit einem Bekenntnis endet, das auch ein Versprechen ist:

"Soeben bist Du zweiundachtzig geworden. Und immer noch bist Du schön, anmutig und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag. Nachts sehe ich manchmal die Gestalt eines Mannes, der auf einer leeren Straße in einer öden Landschaft hinter einem Leichenwagen hergeht. Dieser Mann bin ich. Und Du bist es, die der Leichenwagen wegbringt. Ich will nicht bei Deiner Einäscherung dabei sein; ich will kein Gefäß mit Deiner Asche bekommen. Ich höre die Stimme von Kathleen Ferrier, die singt: 'Die Welt ist leer, ich will nicht leben mehr', und ich wache auf. Ich lausche auf Deinen Atem, meine Hand berührt Dich. Jeder von uns möchte den anderen nicht überleben müssen. Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamerweise ein zweites Leben haben, es zusammen verbringen möchten."

Ähnlich mögen das auch die Großeltern von Adorján gesehen haben. Ihre Großmutter jedenfalls vermerkt auf einem schäbigen Post-it-Zettel, der ihr als Abschiedsbrief dient: "Wir haben zusammen gelebt, wir sterben zusammen". Punkt. Mit dieser Erklärung freilich gibt sich Adorján nicht zufrieden, sie möchte verstehen, Antworten finden.

Immer wieder erinnert sie sich in dem Buch an die beiden und versucht, sich vorzustellen, was an diesem Sonntag im Herbst des Jahres 1991 wirklich geschah. Es ist ein Versuch, ihr Versuch zu beantworten, was sich nicht mehr beantworten lässt. Ein zauberhaftes "So-könnte-es-gewesen-Sein" umspielt ihre Recherche. Dabei zeichnet das Buch aus, was auch die Journalistin Adorján auszeichnet: zu aller erst ein ganz eigener Ton, der nüchterne Genauigkeit mit ironischem Witz verbindet. Denn bei aller Traurigkeit des Sujets bricht die Autorin ihre Erzählung immer wieder mit ironischen Einsprengseln und heiteren Kommentaren, so dass der Text eine beinahe fröhliche Note bekommt. Adorjáns Ton und ihre Sprache erweisen sich dabei als so eigen und besonders, wie es wohl auch ihre Großeltern waren. Prägnant, klar, einfach, aber nie simpel erzählt sie auf unterschiedlichen Zeitebenen und unterbricht die Rekonstruktion des Selbstmordes mit ihren eigenen Erinnerungen, Reflektionen sowie Gesprächen mit Menschen, die ihre Großeltern kannten.

An einer Stelle schreibt sie, sie habe lange mit der richtigen Form gerungen, um das zu erzählen, was sie erzählen wollte. Wahrscheinlich hat sie auch den Abstand der Jahre gebraucht, um sich erinnern zu wollen. Ihr Buch ist eine Biografie mit essayistischen und romanhaften Zügen. Eine Spurensuche, die in eine zarte Familiengeschichte mündet. Das, was in ihrer Familie lieber verschwiegen wurde, etwa, dass der Großvater im KZ war, greift sie auf, besucht das Konzentrationslager, um eine Spur zu finden, die sie auch auf den Weg zu sich selbst führen könnte. Wie ihre Recherchen sie überhaupt immer wieder zu sich selbst bringen, zu ihrer eigenen Identität, ihren ungarischen Wurzeln und ihrem eigenen Jüdischsein, von dem sie gar nicht sicher ist, was es ausmachen könnte.

"Hattest Du schon mal einen jüdischen Freund?. Das fragte mich eines Tages beim Mittagessen eine Freundin, die in New York wohnt und Jüdin ist. Ich tat so, als müsse ich kurz überlegen, was ich in Wahrheit nicht musste, und sagte Nein. Das fand sie komisch. Vielleicht entginge mir da was, vielleicht gäbe es da ein Einverständnis, das es mit Nichtjuden nicht geben könne? Die Frage war wohl auch an sie selbst gerichtet, denn sie ist mit einem Nichtjuden verheiratet, und das übrigens sehr glücklich. Ob ich schon mal von J-Date gehört habe, fragte sie. Hatte ich nicht. Sie erklärte mir, dass J-Date ein Online-Dating-Portal für Juden ist. Aha, sagte ich und wollte gerade das Thema wechseln, als sie plötzlich ihren Sohn ins Feld führte, einen erfolgreichen Arzt, der, wer hätte das gedacht, seine zukünftige Frau auf J-Date kennengelernt habe. Ja aber ich will gar nicht Online-Dating machen, protestierte ich, half aber nichts. Sie weigerte sich einfach, das Thema zu wechseln, und nachdem sie mir ungefähr eineinhalb Stunden lang die vielen Vorzüge dieser Kontaktmethode erklärt und wiederholt gesagt hatte, dass ich ja nichts zu verlieren hätte, gab ich mich geschlagen: J-Date war genau, was ich brauchte. Ich würde mich heute noch anmelden. Ich würde eine Menge wahnsinnig interessanter New Yorker Männer kennenlernen, die alle Juden wären, und darüber hinaus vielleicht sogar noch nett. Was wollte ich mehr?"

Es sind auch diese Art von Tonwechseln, die den Reiz dieses Debüts ausmachen. Immer mal wieder fällt Adorján in Umgangssprache, schildert das Eheallerlei ihrer Großeltern mit loriotschem Humor, macht ironische Bemerkungen, integriert ihren Alltag sowie ihre eigene Befindlichkeit. Dabei gibt sie ohne Frage viel von sich und ihrer Familie preis, ohne aber je indiskret aufzutrumpfen. Mit frontaler Offenheit und doch diskret erzählt sie aus ihrem Leben und dem Leben ihrer Familie, fügt Anekdoten und Familienlegenden ein und spricht von ihrer Wesensverwandtschaft mit der ungarischen Großmutter, die ihr in ihrer Gänze erst nach ihrem Tod deutlich wird.

Mit ihrem Buch nimmt Johanna Adorján auch Abschied von ihren Großeltern. Ganz nüchtern lässt sie es zwar mit dem Bericht aus der Polizeiakte enden, der wiedergibt, was die Beamten zwei Tage nach dem Tod der Großeltern in dem Haus vorfanden. Aber vorher schildert Adorján noch, wie sie selbst Gewissheit über ihren Tod erlangte, ohne noch genau wissen zu können, was tatsächlich passiert war.

"Am Nachmittag desselben Tages, am Dienstag, den 15. Oktober 1991, klingelte im Haus meiner Großeltern gegen 17 Uhr das Telefon. Das war ich. Ich saß in München auf dem grünen Cordsessel, der auch heute noch im Haus meiner Eltern vorm Schreibtisch mit dem Telefon steht, vor mir das braun eingeschlagene Lederbuch mit den Nummern, aufgeschlagen bei 'A'. Eben hatte ich einen Anruf meines Cousins aus Dänemark entgegengenommen, der fragte, ob unsere Großeltern zufällig bei uns seien? Sie seien nicht zu erreichen, und er sei gerade mit seinem Vater zu ihnen gefahren, da mache aber niemand auf, und da habe er sich gedacht, also, könnte ja sein, dass sie unter Umständen in München wären? Nein, hier seien sie nicht, hatte ich so normal wie möglich gesagt. Wir hatten beide so getan, als wüssten wir nicht, was das bedeutete, und schnell aufgelegt. Ich hatte dann in dem braunen Ledertelefonbuch meiner Eltern die Nummer meiner Großeltern nachgeschlagen, die ich nicht auswendig wusste, weil das damals noch die Zeit war, in der Ferngespräche etwas Besonderes waren und wir nicht oft miteinander telefonierten. Ich wählte. Es klingelte. Ich wusste, dass niemand drangehen würde. Es klingelte lange, meine Großeltern hatten keinen Anrufbeantworter, ich stellte mir vor, wie das Telefon in ihrem Haus klingelte, wie es in ihrem Wohnzimmer auf dem Sekretär stand und klingelte, laut und lange, wie es bis in den letzten Winkel jedes Zimmers hinein deutlich zu hören war. In der Küche, wo der Toaster wieder ausgesteckt war. Im Gästezimmer, wo der Chagalldruck hing. Im Eingangsbereich, wo im Regal der Totenkopf lag. Im Gästeklo, das blau gekachelt war. Im Bad, wo neben dem Zahnputzglas eine große Flasche 'Nur 1 Tropfen' stand. Im Esszimmer, wo die Diabelli-Noten ganz oben auf dem Tafelklavier lagen. In ihrem Schlafzimmer. Ich saß in München auf dem grünen Cordsessel im Wohnzimmer meiner Eltern, den Hörer am Ohr, in Kopenhagen klingelte das Telefon, und ich wagte nicht aufzulegen."

Johanna Adorján: Eine exklusive Liebe. Luchterhand Verlag. München 2009. 184 Seiten, Euro 18,50

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