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Buch zur CD

Eine literarische Annäherung der Schriftstellerin Barbara Köhler an die Odyssee

Im Jahr 2000 hat Barbara Köhler die ersten Gesänge des Projekts "Niemands Frau" veröffentlicht, in den Göttinger Sudelblättern des Wallstein Verlags. Möglicherweise sei die gedruckte Version den Gesänge unangemessen, schrieb sie in der Vorbemerkung, diese Texte wollen laut werden. Und zu sagen, ihrem neuen Buch sei eine CD beigelegt, wäre vollkommen unangemessen. Im Gegenteil: Es gibt ein Buch zur CD.

Von Joachim Büthe

Barbara Köhler war zehn Jahre unterwegs im Stoff der Odyssee. (Stock.XCHNG / Ana Rad)
Barbara Köhler war zehn Jahre unterwegs im Stoff der Odyssee. (Stock.XCHNG / Ana Rad)

Noch einmal zurückkommen. Das sind die ersten Worte des Nachworts von Barbara Köhler zu Niemands Frau, ihren Gesängen zur Odyssee. Es ist ein Nachwort, dem ein Wort nachgestellt ist: vorläufig. Noch einmal zurückkommen zu einem dreitausend Jahre alten Stoff und zu keinem Ergebnis kommen, wohl aber zu einer Sprache, einem Klang. Barbara Köhler war zehn Jahre unterwegs in diesem Stoff, länger als Odysseus auf seiner Heimkehr.

Noch einmal zurückgehen, das geht nicht ohne Umwege auf einem unsicheren Gelände. Es ist einerseits die Suche nach der Ursprünglichkeit eines Gesangs, der noch nicht oder nicht mehr weiß, wovon die Rede ist, die andererseits gefiltert wird durch ein Bewusstsein, dem zu Penelopes ergebnislosen Webereien, die sie immer wieder rückgängig macht, nicht nur das Weberschiffchen einfällt und das Meer, auf dem auch Odysseus dahin treibt, sondern auch das World Wide Web, die Vernetzung und ihre nicht nur technischen Vorgeschichten. Es ist zudem die Faszination durch die erste Identitätsverleugnung, die zugleich keine ist; Odysseus, der sich Niemand nennt und sich damit bezeichnet, Ich und Nicht Ich, Null und Eins. So überlagern und ergänzen sich die Motive dieser Transformation und das zentrale ist noch nicht einmal genannt. Niemands Frau. Barbara Köhler webt an einem Muster der Frauenstimmen der Odyssee, zusammengeführt durch ihre eigene.

Sie ist viele. Sie sind eins./ Er sagt: Ich bin der ich bin./ Sein name sei Niemand Kapitän/ Nemo memoriert sich einen weg/ einen sinn aus fünf sinnen er/ zählt dass sie nicht zähln da/ ich nicht zähle nimmt er mich/ aus sich an sich bin ich sein/ NichtIch wie sie NichtEr wird in seinem munde ihre namen ge/ führt: Persephoneias schatten/ Kirke Sirenen Kalypso Ino/ Leukothea: von fünf göttinen/ ist seine rede. Sie sind eins sie ist viele.

Dieses kollektive weibliche Subjekt ist kein feministisches Konstrukt. Nichts ist ihr fremder als eine Rhetorik, die von ihrer Sache überzeugen will. Von einer nicht diskursiven Selbstbefragung spricht Barbara Köhler im Nachwort, von einer Möglichkeitsform, in der nicht ein Wort auf das andere folgt, und darin liegt natürlich ein Widerspruch oder der Wunsch, die poetische Sprache von ihren diskursiven Elementen zu entbinden, was niemals ganz gelingen wird und wohl auch nicht beabsichtigt ist. Es geht viel mehr um die Suche nach einer Sprache, die nicht beherrschbar ist, sich der Herrschaft auch der grammatischen Regeln entzieht und dennoch etwas mitteilt. Aus Misstrauen gegen die vorliegenden vielfältigen Übersetzungen, die sich die Odyssee aneignen, ist Barbara Köhler zurückgegangen bis zum altgriechischen Original, das klingt, obwohl oder gerade weil es niemand je gehört hat. Diesen Klang kann man nicht wiederfinden. Man muss ihn erfinden, ihn in der Imagination hervorholen unter dem Schutt der Bildung und ihrer verkaufsfördernden touristischen Deformation.

Athen im mai 2006 Odysseus/ ecke Penelope die andenken/ bude heisst venus das café/
Mythos schräg gegenüber ge/ schlossen GREEK-EXACT HAND/ PAINTED COPIES wholesale &/ retail: klassischer kitsch/ & kykladenidole postkarten/ himmel sonnengebleicht die/ stadt steht auf ruinen der/ verkehr fließt auf straßen/ unter denen flüsse fließen/ Kephissos Ilissos Eridanos/ Acheron Styx und Lethe ein/ kleines wasser tritt zutag/ am tor nach Eleusis an der/ alten grenze von nekropole/ und polis


Diese Übersetzung oder Neuerfindung der Odyssee aus dem Geist ihrer Sprache ist kein Versuch, die alten Geschichten neu oder gegen den Strich zu erzählen. Es ist viel passiert seither, in der Welt und in der Literatur. Zitate von Shakespeare, Dante und vielen anderen, Ereignisse wie der 11. September und die Überwachung durch die Stasi, die Entwicklung der digitalen Technik und das Schicksal ihres Wegbereiters Turing, all dies und mehr geht ein in den Fluss dieser Gesänge und wird in den Anmerkungen kenntlich gemacht. Es ist eine Wellenbewegung des sich Entfernens und wieder Zurückkehrens, hin und her und her und hin. Insofern gleicht Barbara Köhlers Arbeit den Webbewegungen der Penelope. Und ähnlich wie sie wird auch Barbara Köhler vieles wieder zunichte gemacht haben, bis es dann endlich gestimmt hat.

penelope verwebt &trennt auf/ hat zeit gewinnt sie und gibt/ sie nimmt sie sich wartet sie/ nicht auf etwas trennt sie es/ ist verwobene zeit getrenntes/ eine verbindlichkeit zwischen/
Ihnen & ihr allein ein gewebe/ schleier undurchschaubare ist/ sie frei könnt er freier sein/ auf den wartet penelope nicht


Im Jahr 2000 hat Barbara Köhler die ersten Gesänge des Projekts Niemands Frau veröffentlicht, in den Göttinger Sudelblättern des Wallstein Verlags, zögernd. Möglicherweise sei die gedruckte Version den Gesänge unangemessen, schrieb sie in der Vorbemerkung, diese Texte wollen laut werden. Oder getanzt werden. Die Texte, die im vorliegenden Buch übrigens unverändert übernommen sind, hatten noch nicht ihre endgültige Form gefunden. Getanzt worden sind sie nicht, aber parallel zum Buch ist eine Edition mit Videos der Schweizer Künstlerin Andrea Wolfensberger erschienen, in denen sie Bild, ein mögliches, geworden sind. Und zu sagen, dem Buch sei eine CD beigelegt, wäre vollkommen unangemessen. Es gibt ein Buch zur CD, in dem man einen Text mitlesen kann, den man hören muss, um die vertrauten Figuren neu und anders zu Wort kommen zu lassen. Helena, zum Beispiel.

Helena: die ist die sie nicht ist - nur der name/ in dem ein krieg statt fand Helena die nicht ist/ wo sie ist & kennt sie die namen alle/ & die stimmen der frauen der verlassenen/ namengebende stimmen/ lockende rufende gurren die/ namen von geliebten gehassten & nennen den einen/ den anderen: Du. Du. Ruckediguh.

Barbara Köhler: Niemands Frau. Gesänge
mit CD (Lesung sämtlicher Texte außer Anmerkungen und Nachwort)
Suhrkamp

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