Sonntag, 17.12.2017
StartseiteLyrixAnd the winner is... Die Preisträger 201514.03.2016

Bundeswettbewerb "Lyrix"And the winner is... Die Preisträger 2015

Zwölf der Monatsgewinner von 2015 fahren diesen Juni mit uns nach Berlin. Sie erleben dort mit uns ein verlängertes Wochenende mit Preisverleihung und der Teilnahme an Schreibwerkstätten mit renommierten Lyrikern.

Die Skyline hebt sich in Berlin im Licht der untergehenden Sonne ab. Im Vordergrund die Oberbaumbrücke, dahinter der Fernsehturm. (dpa picture alliance/ Paul Zinken)
Die Skyline hebt sich in Berlin im Licht der untergehenden Sonne ab. Im Vordergrund die Oberbaumbrücke, dahinter der Fernsehturm. (dpa picture alliance/ Paul Zinken)

Als Gewinner der achten lyrix-Wettbewerbsrunde verbringt ihr einen Tag im Literarischen Colloquium Berlin, wo abends in einer Lesung die Texte aus der Schreibwerkstatt mit Norbert Hummelt und Anja Kampmann präsentiert werden. Weitere literarische Programmpunkte rahmen die Preisverleihung ein, die in der Akademie der Künste am Freitag, 10.Juni um 14 Uhr stattfindet.

Ausgewählt wurden die Preisträger von unserer »lyrix«-Jury, die sich dieses Mal aus Malte Blümke für den Deutschen Philologenverband, Thorsten Dönges vom Literarischen Colloquium Berlin, Matthias Gierth als Leiter der Hauptabteilung Kultur im Deutschlandfunk, dem Lyriker Norbert Hummelt, Claudius Nießen für das Deutsche Literaturinstitut Leipzig, der Geschäftsführerin des Deutschen Museumsbundes, Anja Schaluschke sowie der Autorin und Verlegerin Daniela Seel zusammensetzt. Wir danken allen Juroren für ihr Engagement!

Nicht zu vergessen ist das große "Dankeschön" für jedes Gedicht, das bei uns ankommt, auch wenn es nicht als Gewinnergedicht veröffentlicht wird. Wir freuen uns über eure rege Teilnahme an unserem Wettbewerb und über eure kreativen, originellen, schönen, klugen und wahren Texte, mit denen ihr unsere wechselnden Monatsthemen interpretiert.

Das lyrix-Projekt gibt es seit 2008, initiiert wurde es vom Deutschlandfunk und dem Deutschen Philologenverband, wichtiger Kooperationspartner ist der Deutsche Museumbund. Inzwischen wird es als Bundeswettbewerb vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und ist seit Oktober 2015 offiziell der Verein lyrix e.V.

Voilà, die diesjährigen Gewinnergedichte:

chronik unserer Freundschaft

unterm bett versteckt
staubflusen im haar
flausen im kopf
nachbarn erschreckt
aus mülltonnen
flüstern aus schlafsäcken
dein aquarium summt
stumm schlummernd nebeneinander
rücken aneinander
unsere erste große liebe
später würden wir ihn beide heiraten
popcornschlachten
dachten aneinander entlang
so lang
das schweigen in der bahn
einsteigen aussteigen sitzen bleiben
stummes leiden
doch ich hör die tränen in deinem lachen
vormachen? Kannst du mir nichts
stiegen um von tee auf bier
und ich schenk dir reinen wein ein
während wir unter sternen liegen
im schlafsack flüstern
rücken gegeneinander
"weißt du noch damals?"

(Laura Bärtle, Jahrgang 1999, Thema: best friends: farbfamilien / merkt man sich)

Dass ich Apfelsaft mag

Ich wollte dir nur sagen,
dass ich Spiegeleier mag
und Apfelsaft – naturtrüb.
Und dass ich manchmal nachts aufgestanden bin
und dann auf dem Dachboden
Mamas alte Kisten durchsucht habe
nach irgendetwas, das
noch nicht kaputt war.
Ich wollte dir noch sagen,
dass ich es schön fand wie
wir beide ganz weit raus fuhren aufs Land,
wo keiner mehr wohnen will
wegen der Atomkraftwerke.
Wie wir in der Sonne saßen
und die Wolkenberge durchsuchten
nach irgendetwas, das
nicht vorbeiziehen wird.
Ich wollte dir noch sagen,
dass ich noch oft an diese Tage denke,
an denen wir versuchten,
so tief auf den Boden des Teichs zu tauchen,
dass wir unsere Hände im Schlamm vergraben konnten.
Wie wir die feuchte Erde untersuchten
nach irgendetwas, das
noch nicht verwest war.
Ich wollte dir noch sagen,
dass die Wände hier sehr grau sind,
grauer noch als dein Strickpullover.
Und dass ich manchmal nachts aufstehe,
weil das Licht an ist.
Dass ich nicht mehr weiß,
ob es Nacht oder Tag ist
und einsam bin,
dass niemand mit mir spricht.
Dass ich manchmal schreie und weine,
dass ich mir meine Arme aufkratze.
Dass ich bluten will
bis ich in meinem eigenen Blut ertrinke.
Ich wollte dir nur sagen,
dass ich dein Grab besuchen werde
wenn ich frei bin, auf der Suche
nach irgendetwas, das
von uns geblieben ist.

(Victoria Helene Bergemann, 1997, Thema: Gefangenschaft – Isolation – Zersetzung)

mousefalle

Im Zimmer
ein Rechner
immer online
die Welt steht offen
der Horizont ist weit
Erlebnisse frei Haus!

Viele Stunden
gefesselt am Stuhl
starrer Blick
kaum einen Meter weit
kleiner Spielraum
nur das Klicken des Fingers...

Tausend Freunde
in meiner Liste
viele chats
unbekannte Spielpartner
aber mein Leben
einsam und leer.

Im Zimmer
ein Rechner
immer online
niemals real
mein Horizont
nur virtuell

16 : 9

(Tom Bussemas, Jahrgang 2002, Thema: Gefangenschaft – Isolation – Zersetzung)

honigsüß

meine sonne verdunkelt sich
der morgen atmet trauer
meine hände zittern
ich sing mein lied
sing es still
weil keiner
es hören will

integration
inklusion

große worte
keine taten
verschlossene türen
keine auskünfte
der wind flüstert
hoffnung

verstummt

honigsüß wird
hart geurteilt
ausgegrenzt
zurückgewiesen
nicht verstanden
kämpfen macht so müde
ein inferno tobt in mir
ich wünsche mir

dass

die die an den schaltstellen sitzen

"1 jahr in meinen schuhen laufen"

wer ist gescheitert
unser system oder ich
persönliches budget
sozialstation
integration
inklusion
es tut mir leid
dafür sind wir nicht zuständig

meine mutter denkt immer
ich merke es nicht
wenn sie wieder einmal
für mich weint
über die vielen
neins
über den paragraphendschungel
der so voll wilder tiere ist
dass man daran
scheitern muss

lange hab ich überlegt
soll ich die welt
konfrontieren mit mir
und all denen
die keine worte finden
deren hände zittern
deren sonnen morgens
schon untergehen
die das flüstern des windes
nicht hören können
die der paragraphendschungel
erschöpft
weil zu viel zeit
zu viel trauer atmet

dann …
dachte ich

was macht die welt mit mir
mit uns
die am rande leben
sie macht die augen zu
reitet auf schlüpfrigen
paragraphen
von amtsstube
zu amtsstube

schmettert ab
honigsüß

(Marie-Celestine Cronhardt-Lück-Giessen, Jahrgang 2000, Thema: Unpolitische Lieder ?!?)

Frühlingssymphonie

Ich fall' auf deine Haut
und das Nichts fällt herein,
denn
gemeinsam vergeht uns der Atem,
wenn die Zeit uns verhüllt,
dann erkenne ich dich,
wenn die Jahre uns finden,
dann findest du mich,
mit den Augen
der Leere,
die voll ist von mir,
deine Augen
der Ferne,
in denen ich wohne.

Es klingt wie ein Lied
aus vergangenen Tagen,
wenn du deine Worte
in meinen verschränkst,
wir wissen zu kennen
und nennen doch nicht,
die ferne
Bekannte,
die Hände des Nichts,
wir versuchen
uns nicht zu erkennen.

Du fällst aus der Sonne,
und das Licht fällt mit dir,
die fremde Vertraute
sie kennt dich nicht mehr,
Unendlichkeit tragen wir
in unsrem Atem,
und trinken das Nichts
von den Lippen der Zeit.

(Julia Fourate, Jahrgang 1994, Thema: Einklang – Zweiklang – Nachklang)

Unpolitisches Stimmungslied

I.

Wir haben unsere Hymne
Vergessen, können die Melodie gerade so mitsummen im
Sirren zwischen Bienen und dem Kühlschrank
Googlen wir den Text, nein, geht
Auch ohne, denn was geht uns der Staat
Schon an
Der macht doch eh was er will und wir
Vertrauen nicht dem was wir gewählt haben, wir
Wählen auch nicht, wen auch, es
Gibt keinen in diesem Land und
Wahlplakate sind doch eh nur schön
Gedruckte Seifenblasenversprechen, wir
Passen lieber auf, nicht
Auszurutschen auf dem nassen Boden geplatzter Versprechen und
Sagen erstmal nein, bevor es
Vielleicht doch schön werden
Könnte
Oder auch nicht

II.

Wir und der Staat und
Gesetze und
Wir nehmen uns Freiheit
In diesem Land
Danach strebten wir schon
Unser ganzes Leben lang
Du und ich ohne
Irgendeinen Staat

(Lena Hinrichs, Jahrgang 2000, Thema: Unpolitische Lieder?!?)

o.T.


Ich geh mit meiner Pistole und meine Pistole mit mir 
da oben leuchten die Sterne 
und ich diskutiere nicht gerne 
ich schieße jetzt und hier 
        II 
Gun control is Fun control 
every night on my patrol 
I shoot words like bullets 
into other people’s chests 
                   III 
Wir kämpfen stets den gleichen Krieg 
gut gegen böse gegen allesistrelativ 
traditionell wird er mit Gewalt und Kämpfen ausgetragen 
heute wie damals 
doch nach den Wasserstoffbomben 
und den verletzenden Worten 
erkannten wir die grausamste Waffe 
im Schweigen 
Oh, wie wir uns mit ihm foltern 
gemeinsam am Frühstückstisch 
zwischen Kaffee, Müsli 
und der simplen Brutalität der Stille 
die tausend uns von innen zerfetzenden Gedanken 
erfordern ein Maximum an Selbstbeherrschung 
um nicht ausgesprochen zu werden 
bald sind wir schon taub geworden 
von der Lautlosigkeit 
Mangel an Worten wie fehlende Gliedmaßen 
Kriegsverletzung - invalid  
schwere Blicke ziehen mich hinunter 
ob wir nicht eigentlich für das selbe kämpfen? 
wollten doch beide einst die Welt retten 
aber ohne fehlen mir die Waffen 
und ohne dich fehlt mir die Kraft 
in Wirklichkeit kann ich weder 
Held noch Schurke sein 
noch in einem Krieg kämpfen 
denn ich habe beschlossen 
Pazifist zu sein 
und vegan 

(Patricia Machmutoff, Jahrgang 1996, Thema: Neue Waffen alter Helden)

Angst/Mut

(Für meine Eltern)

Ich tauche ein in leere Weiten,
sie geben Tiefen, doch nie Gründe auf.
Muss immer weiter in sie schreiten
Schaffe ich den Sprung hinaus?

Ich sinke immer tiefer ein
in eine Welt, die mich verletzt.
Ich glaube nur noch meinem Schein,
der mit mir durch die Stunden hetzt.

Es scheint mir nämlich jederzeit,
dass hinter mir ein Dämon steht,
der nach nur kurzer Ruhezeit,
beständig meiner Wege geht.

Der Dämon kann Gedanken leiten,
und macht so lang schon Gutes schlecht,
doch ich werd' aus den Fesseln gleiten:
Ich geb ihm einfach nicht mehr Recht!

Das Heldentum ist mir nicht eigen,
doch manchmal packt mich eine Kraft,
will mir die eine Route zeigen,
die mich führt zu alter Macht.

Mit meiner, dieser großen Waffe,
gelingt, was oft unmöglich ist.
Ich weiß, dass ich es endlich schaffe
Dem Leiden nun ein Ende ist!

Dieses Schwert lebt schon sehr lange
und umgibt mein ganzes Tun
Und wenn ich um so vieles bange,
scheint es gegen Furcht immun.

Das Seil an dem ich mich festhalte,
das mich aus tiefer Angst befreit.
Es hat einen besond'ren Namen:
Liebe und Beständigkeit

Liebe kann so vieles geben,
und gibt manchmal mir Kriegermut,
Beständigkeit kann Kräfte leiten,
ich glaube dran: es wird bald gut.

Ich frag mich, wohin alles führt,
bewaffnet geh ich in die Kriege.
Doch eines, was mein Herz berührt:
Ich weiß, dass ich die Angst besiege!

(Jürgen Rauscher, Jahrgang 1998, Thema: Neue Waffen alter Helden)

[auf dem bahndamm]

auf dem bahndamm hinterm haus ziehen züge überland
bringen ratternd diesen ort ins wanken lassen einen leichten wind
zurück der die scheiben klirren lässt. bist du noch da? fragt mutter
und tastet nach dir. und hier sind die gepackten koffer
und die fremde hinterm hauptbahnhof. wenn ich bleibe
kommst du dann zurück? aber du bist längst ein rattern
hinterm haus als mutter ihre koffer packt und in die andre richtung fährt.

draußen ziehen die septembervögel knapp der hitze hinterher
heimwehkrank nach einem heim das niemand kennt.

(Ansgar Riedißer, Jahrgang 1998, Thema: Vielleicht ist Heimat …)

Fischer

Manchmal liebkost dein glattes Leben
meinen Arm gleich einer Angelschnur
an ihr baumeln stumm die Schemen
deines Erfolgs in zartblauer Gravur

Ich würde sie gerne ein wenig betrachten
staunen, mich freuen, mit dir genießen
doch ich erwarte gierig eigne Frachten
um meinen Ruhm in Form zu gießen

Darüber entgeht mir das schwache Zittern
wenn sich bei dir ein Hai verfängt
wenn du kämpfst, später auch verbitterst
und mein Autismus das Wir erhenkt

Verzeih mir doch, ich bin kein Fischer
bin nur einer, der vom Träumen lebt
ich fange eine Perle und bin sicher
das ist deine Träne, die dort klebt

Meine Netze bleiben knittrig liegen
die Binsen wachsen schon hindurch
dann sehe ich eine Möwe fliegen
und wende mich, doch du bist fort

Das denke ich zumindest leise
während wir dort beim Fischen sind
wir warten auf recht verschiedene Weise
und dazu weht ein atlantischer Wind

(Moritz Schlenstedt, Jahrgang 1996, Thema: Kampf um den Ruhm)

o.T.

gemeinsam
sitzen wir
im waggon
der u-bahn
es spielt andere musik in
jedem kopf
hörer
es leuchten andere farben auf
jedem bild
schirm
alle kommunizieren aber
nicht miteinander
jeder mit einer anderen
freundin aber
nicht hier
die wohnt doch in amerika
let's keep in touch
on the screen
talk face to face
book
abgekapselt
nicke ich mit dem kopf
im rhythmus meiner musik
abgeschirmt
schreibe ich gefällt mir
unter ein bild von emely
ich höre die schreie nicht
ich sehe nicht was um mich geschieht
gemein und einsam
sitzen wir
abgekoppelt
im waggon
der u-bahn
endstation
gesellschaftliche isolation.

(Aaron Schmidt-Riese, Jahrgang 1995, Thema: Gefangenschaft – Isolation – Zersetzung)

er presse freiheit

mama, wer ist der mann
auf dem bild?
ein fremdes lachen, ein kuss, augenblick-
lich lichtet sich die wohnung, das grinsen
beschallt den raum und verhallt. ach der,
mein kind, ist wen ich im traum
vor mir stehen sehe.

mama, wo ist der mann
in diesem moment?
er, mein kind
ist längst nicht mehr hier.
er sitzt zwischen vier wänden
aus reißfestem papier –
der einstige schreiber
erstickt am eigenen wort.

mama, was hat der mann
schlimmes gemacht?
die wahrheit gesagt und den funken entfacht,
doch damit, mein kind, hat er eines tages
ein lügendes system gegen sich aufgebracht.

mama, wann kommt der mann
wieder frei?
dein papa
ist eingesperrt zu ihrem gefallen,
doch kommt er wieder, mein kind, wenn die
anderen fallen.
ich spüre verschwommene hoffnung
morgens im licht

- die presse beugt sich lügen nicht.

(Jing Wu, Jahrgang 1995, Thema: Unpolitische Lieder?!?)

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