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Seit 02:07 Uhr Kulturfragen
StartseiteEssay und DiskursCarl Schmitt im Nachkriegsdeutschland (1/2)05.08.2012

Carl Schmitt im Nachkriegsdeutschland (1/2)

"Ich werde in die Sicherheit des Schweigens gehen“

Der Völkerrechtler Carl Schmitt ist als Erfinder der Freund-Feind-Theorie und Denker des Ausnahmezustands einer der umstrittensten Theoretiker des Politischen im 20. Jahrhundert. Wegen seiner Nähe zu den Nazis wurde er 1945 im Kriegsverbrechergefängnis in Nürnberg inhaftiert.

Von Christian Linder

Verhörte Carl Schmitt in Nürnberg: Der US-Jurist und Vize-Chefankläger Robert M. W. Kempner. (AP)
Verhörte Carl Schmitt in Nürnberg: Der US-Jurist und Vize-Chefankläger Robert M. W. Kempner. (AP)

In Nürnberg wurde Schmitt durch den stellvertretenden amerikanische Chefankläger Robert Kempner verhört. Kempner entließ Schmitt zwar, und er durfte in seine sauerländische Heimat nach Plettenberg zurückreisen, wo er bis zu seinem Tod 1985 als Privatgelehrter lebte. Aber er blieb in den ersten Nachkriegsjahren isoliert und litt unter massiven Anfeindungen. Erst seit den 50er-Jahren machten sich immer mehr stille Anhänger auf zu Pilgerfahrten nach Plettenberg, rechte wie linke Leute und Grenzgänger.

In seinem zweiteiligen Essay zeichnet Christian Linder Carl Schmitts Leben im Nachkriegsdeutschland nach, von seiner Gefangenschaft im Berliner Internierungslager und den Verhören im Nürnberger Kriegsverbrechergefängnis bis zu den vielfältigen Gesprächskontakten und Korrespondenzen in seinem Haus.

Christian Linder ist Schriftsteller, Essayist und Hörspielautor. Sein jüngstes Buch Sommermusik. Ein Liebestraum Franz Liszts erschien 2011 im Verlag Matthes und Seitz.


Carl Schmitt im Nachkriegsdeutschland (1/2)
"Ich werde in die Sicherheit des Schweigens gehen"


Carl Schmitts Leben im Nachkriegsdeutschland begann in amerikanischer Gefangenschaft. Am 26. September 1945 findet sich im Tagebuch seiner Frau Duschka die Notiz: "Carl abgeholt." Die Amerikaner, fünf Monate nach Kriegsende in Berlin einmarschiert, stuften Schmitt als "politische Gefahr" ein, denn sie wussten sehr genau, dass sie den "Kronjuristen" der Nationalsozialisten vor sich hatten, der sich nach Adolf Hitlers Machtantritt 1933 in dem Hochmut, der Einzige zu sein, den Nationalsozialisten ein intellektuell anspruchsvolles staatspolitisches Konzept liefern zu können, heftig ins Zeug gelegt und später zum Beispiel in berüchtigten Äußerungen im Juni 1934 den Mord an Ernst Röhm und anderen SA Führern als "echte Gerichtsbarkeit durch den Führer" verteidigt hatte:

"Der Führer schützt das Recht."

Bald darauf, 1936, die Ausbootung Schmitts durch einen Angriff der SS-Zeitschrift "Das schwarze Korps", die ihm "katholisches Denken", Opportunismus und zahlreiche Verbindungen zu Juden vorwarf; vor weiteren Verfolgungen geschützt war Schmitt nur durch den wenn auch bloß repräsentativen Titel eines Preußischen Staatsrats, den ihm Hermann Göring als Preußischer Ministerpräsident 1933 verliehen hatte.

Doch die Entmachtung durch die SS nützte Schmitt nach 1945 nichts. Denn viele Emigranten, die in den Reihen der amerikanischen Truppen nach Berlin zurückgekehrt waren oder die Amerikaner mit Informationen versorgten, hatten dem ehemaligen preußischen Staatsrat und Professor für öffentliches Recht an der Universität Berlin sein von heftigen antisemitischen Ausfällen begleitetes frühes Engagement auf Seiten der Nationalsozialisten nicht vergessen - Schmitt galt vielen als der meist gehasste und meist verachtete deutsche Intellektuelle der Nazizeit, dessen politische Theorie den Amerikanern so gefährlich vorkam, dass sie ihn im Interrogation Center verhörten und in die Internierungslager in Berlin Lichterfelde Süd, später in Berlin-Wannsee sperrten. Da Besuchserlaubnis nur selten gewährt wurde, schrieb ihm Duschka oft und musste auch traurige Nachrichten übermitteln, so den Tod von Schmitts Vater am 6. November 1945 in seinem Geburtsort Plettenberg.

"Es tut mir so leid, dass wir ihn vor seinem Tode nicht mehr sehen konnten [...] Nach Ihrer Freilassung wollen wir die Gräber besuchen. Ihre beiden Schwestern, Üssi und Ännchen schreiben, wir sollten bald kommen [...] Mein liebster Carl, ich wollte Ihnen noch sagen, dass ich gerne mit Ihnen nach Plettenberg gehen würde, um unseren Lebensabend dort zu beginnen; vielleicht schon im Frühjahr [...] Vielleicht wären Ihre Heimat und die lieben Gräber die besten Helfer […]"

Obwohl Schmitt im Gefangenenlager striktes Schreibverbot hatte, konnte er auf Rezeptblöcken, die ihm ein amerikanischer Arzt zusteckte, Notizen und Briefe schreiben, die er aus den Lagern herausschmuggelte. Im Juni 1946 schrieb er seiner Frau Duschka:

"Gott hat mich bisher beschützt, und an Ernst Jüngers Lieblingsvers: ‚Ihr werdet auf Schlangen und Skorpionen treten, ohne dass es Euch schadet’, habe ich oft denken müssen. Seien Sie also ohne Sorgen um mich. Die Gefahr der Entseelung ist groß, aber Sie sind meine Seele, liebe Duschka [...] Ob wir noch einmal nach Plettenberg kommen werden? [...] Aber trotz allem, liebste Duschka, bin ich nicht entseelt […] Ich bin durch meine Gedankenarbeit von 1910 bis 1945 auf meine geistige Lage so wunderbar vorbereitet, dass ich immer von neuem über die Fügungen Gottes staunen kann. Alles hatte seinen Sinn als geistige Rüstung."

Wie es wirklich in Schmitt aussah, verriet er später, am 7. Oktober 1947 in Plettenberg in seinem Tagebuch:

"Ende August 1946 habe ich in der Verzweiflung des Camps morgens, als die ersten Sonnenstrahlen auf meine Pritsche fielen, laut die Sonne angesprochen und ihr gesagt: Du Betrügerin. Das war schrecklich, so wie der Ausspruch, den der Vater von Kierkegaard mit Bezug auf Gott getan hat. Seit dieser Zeit geht es mir äußerlich besser und haben die schlimmsten Misshandlungen aufgehört. Ist das nun alles Betrug? Verzweifelte Verstrickung in das Labyrinth der Negativität. Tödlicher Rückschlag dieses grässlichen Wurfgesteins auf einen selbst [...] Ich stehe als Gespenst und schreie ohne Kehle."

Aus dem Berliner Lager entlassen wurde Schmitt erst nach knapp über einem Jahr, am 10. Oktober 1946. Am 19. März 1947 erneute Verhaftung und am 29. März Überstellung als possible defendant zum Internationalen Militärtribunal nach Nürnberg.

"Office of U.S. Chief of counsel for war crimes, Nürnberg, 3. April 1947, nachmittags. Vernehmung des Prof. Dr. Carl Schmitt durch Robert Kempner, stellvertretender US Chefankläger. Present Miss Jane Lester. Stenografin: Irmtrud Maurer. Es erscheint aus der Haft vorgeführt Herr Carl Schmitt, geboren 11. Juli 1888 in Plettenberg. Verheiratet, eine Tochter. Wohnhaft in Berlin-Schlachtensee."

Fünf Wochen saß Schmitt im Nürnberger Kriegsverbrechergefängnis in Einzelhaft, wurde drei Mal von Robert Kempner verhört und durfte sich auch schriftlich verteidigen. Er brauche nicht auszusagen, wenn er nicht wolle und wenn er denke, dass er sich belaste, begann Kempner das Verhör.

"Aber wenn Sie aussagen, Herr Professor Schmitt, dann wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie die reinste Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werden. Wollen Sie das?"

"Ja, selbstverständlich."

"Und wenn ich auf etwas komme, durch das Sie sich belasten könnten, so können Sie einfach sagen, ich möchte darüber nicht sprechen."

"Ich bin im US Interrogation Center und im Internierungslager schon vernommen worden. Ich würde mich freuen, wenn ich alles sagen kann, was ich weiß. Ich möchte aber wissen, was mir zum Vorwurf gemacht wird. Alle bisherigen Vernehmungen endeten schließlich in wissenschaftlichen Erörterungen."

"Ich weiß nicht, wonach andere Herren gefragt haben. Ich sage Ihnen ganz offen, woran ich interessiert bin: an Ihrer Mitwirkung direkt und indirekt der Planung von Angriffskriegen, von Kriegsverbrechen und von Verbrechen gegen die Menschlichkeit."

"Planung von Angriffskriegen ist ein neuer Tatbestand, der sehr weit ist."


Schmitt mag sich vielleicht durch Einzelhaft und Verhör gedemütigt gefühlt haben, gebrochen war er nicht. Wenn man ihn für Hitler verantwortlich mache, belehrte Schmitt Kempner müsse man Rousseau für die Jakobiner verantwortlich machen. Unter Hinweis auf seinen "großen Namen" stellte er sich in eine Reihe auch mit Jean Bodin und Thomas Hobbes als den Begründern seines Faches, des Völkerrechts, Verfassungsrechts und der politischen Theorien. Diesen Hinweis auf seinen "großen Namen" hätte Schmitt sich sparen können. Kempner der Schmitt in amerikanischer Militäruniform gegenübertrat, wusste als gebürtiger Deutscher - 1899 als Sohn eines Berliner Ärzteehepaares geboren - und gelernter Jurist - bis zur Amtsenthebung und Ausbürgerung 1935 Justitiar der preußischen Polizei - genau, dass er mit Schmitt einen der einflussreichsten und mächtigsten Intellektuellen Europas verhörte.

Seit 1921 Professor in Greifswald, Bonn, Berlin, Köln und, von 1933 bis zur Entlassung 1945, wieder in Berlin, hatten die von 1919 bis 1932 erschienenen Bücher Politische Romantik, Die Diktatur, Politische Theologie, Römischer Katholizismus und politische Form, Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus, Verfassungslehre, Der Begriff des Politischen und Legalität und Legitimität Schmitt wegen der Brillanz seines kalten Denkens berühmt und berüchtigt gemacht. Jede Veröffentlichung war ein spektakulärer Auftritt. In diesen Büchern fanden sich folgenreiche Sätze wie dieser:

"Die spezifische politische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen und Motive zurückführen lassen, ist die Unterscheidung von Freund und Feind [...] Die Höhepunkte der großen Politik sind zugleich die Augenblicke, in denen der Feind in konkreter Deutlichkeit als Feind erkannt wird."

Ebenso zählt zu Carl Schmitts berühmt-berüchtigten Klassikern:

"Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet."

Schmitt wusste zwar, dass nur "aus der Kraft eines integren Wissens die Ordnung der menschlichen Dinge entsteht", "ab integro nascitur ordo", aber so integer kam sein Wissen nie daher, sondern es war stets bestimmt von Ein- und Ausgrenzungen, extremen Willensbekundungen und Entscheidungen, auch von lancierten Mythen, die zur Verteidigung und zum Schutz seiner Ideen aufgebaut und aus dem großen Reservoir einer Privatmythologie gespeist wurden.

Insofern war Carl Schmitt als politischer Philosoph und Theoretiker immer auch ein Schriftsteller, der das Schreiben als imaginäres Handeln verstanden und praktiziert hat. Jemand, der seine Texte poetisch-dramatisch inszenieren und wie mythische Bilder anbieten konnte als ein "Eingeweihter", ganz so, wie er sich selber sah. Die Wahrheit sei etwas, was man nie aussprechen könne und dürfe, erzählte Schmitt während der Nazizeit auf Spaziergängen in Berlin dem jungen Nicolaus Sombart, Sohn des Nationalökonomen Werner Sombart, die Wahrheit sei ihrer Natur nach geheim, und man erschließe sie sich nicht durch logisch-diskursives Denken, sondern "erschaue" sie, wobei das Medium der Verständigung darüber das mythische Bild sei.

So hat sich Schmitt immer verhalten und in sein Werk schneidende, gleichwohl etwas geheimnisvoll leuchtende Formeln gestreut, hinter denen sich der ungeheure Machtwunsch verbirgt, die Welt und die Dinge in ihr durch Begriffe in eine sprachliche Ordnung zu zwingen, sie aber gleichzeitig in der Schwebe zu halten und zum Tanzen zu bringen. Bevor Schmitt in seiner Antwort vor dem Nürnberger Militärtribunal in die Höhen der politischen Philosophie davonfliegen konnte, versuchte Kempner, ihn auf dem Boden der Tatsachen des Verhörzimmers im Kriegsverbrechergefängnis festzuhalten.

"Haben Sie eine neue Völkerrechtsordnung erstrebt im Sinne der Hitlerschen Ideen?"

"Nicht im Sinne der Hitlerschen Ideen und nicht erstrebt, sondern eine Diagnose gestellt."

"Dem Beschuldigten wird seine Schrift
Völkerrechtliche Großraumordnung, 4. Auflage vorgehalten und folgender Satz auf Seite 63 vorgelesen: ‚Diese jüdischen Autoren haben natürlich die bisherige Raumtheorie so wenig geschaffen, wie sie irgend etwas anderes geschaffen haben. Sie waren doch auch hier ein wichtiges Ferment der Auflösung konkreter raumhaft bestimmter Ordnungen.’ Wollen Sie bestreiten, dass das der reinste Goebbelsstil ist? Ja oder nein?"

"Ich bestreite, dass das Goebbelsstil ist nach Inhalt und Form. Ich möchte betonen, den hochwissenschaftlichen Zusammenhang der Stelle zu beachten. Der Intention, der Methode und der Formulierung nach eine reine Diagnose [...]"


In solcher Realität setzte sich Schmitt an den kleinen Tisch, den Kempner ihm in die Zelle hatte stellen lassen, und füllte die tristen Tage - abends wurden ihm die Tages- wie die Lesebrille abgenommen - mit seiner Lieblingsbeschäftigung: Schreiben - denn mit Papier und Bleistiften hatte Kempner ihn ausreichend versorgen lassen. Schreiben für sich selbst. "Du möchtest dich selbst (und vielleicht noch mehr) deine wirkliche Lage erkennen?" philosophierte Schmitt über die "Weisheit der Zelle".

"Dafür gibt es einen guten Prüfstein. Achte darauf, welche von den tausend Definitionen des Menschen dir unmittelbar einleuchtet. Ich achte also darauf in meiner Zelle, und mir leuchtet unmittelbar ein, dass der Mensch nackt ist. Am nacktesten ist der Mensch, der entkleidet vor einen bekleideten Menschen gestellt wird, entwaffnet von einem Bewaffneten, machtlos vor einen Mächtigen [ ...] Sofort erhebt sich die Frage: Bei wem hat die Definition des Menschen anzusetzen, beim nackten oder beim bekleideten Menschen? Beim Entwaffneten oder beim Bewaffneten? Beim Ohnmächtigen oder beim Mächtigen? Und wer von beiden ist näher dem Paradiese? […] Du siehst dich ganz auf dich selbst und deine letzten Reserven zurückgeworfen. Was sind meine letzten Reserven?"

Als letzte Reserve nannte er einen Rest von physischer Kraft, den er in der Einzelzelle spürte, und ihm fiel ein Satz ein, den Richard Wagners Siegfried singt: "Einzig erbt ich den eigenen Leib, / lebend zehr ich ihn auf." Das psychische Glücksgefühl, das für Schmitt in diesem Satz aufzuschäumen schien, die Kraft des künstlerischen Ausdrucks fahre offenbar noch auf den Wellen, auf denen die Revolution des Jahres 1848 in Deutschland gefahren habe, notierte er. Die Musik stamme zwar von Wagner der Satz jedoch von Max Stirner, und Schmitt erinnerte sich an seine Stirner-Lektüre in der Unterprima und war froh, dieser Bekanntschaft zu verdanken, auf vieles vorbereitet gewesen zu sein, was ihm begegnet war; ohne die Stirner-Lektüre, meinte er, hätte ihn vielleicht sonst manches Ereignis überrascht.

Schmitt war, wie er bekannte, gerührt, dass ausgerechnet Stirner, dieser "rabiate Egoist", ihn in der Nürnberger Einzelzelle besuchte, doch ließ er sich nicht groß auf ein imaginäres Gespräch mit ihm ein. Er brach, bevor er weiter sein unsichtbares Spiegelbild auf der nackten Wand der Nürnberger Einzelzelle anstarrte, die Beschreibung ab und versuchte dem "betrügerischen" Selbstgespräch zu entgehen, indem er sich mit seinen Lehrern auseinandersetzte, mit Francisco de Vitoria, Albericus Gentilis und Hugo Grotius.

Die drei gehörten zu seinem Camp, nicht aber zu seiner Stube. In dieser nächsten und alltäglichen Nähe ließ er nur zwei andere Lehrer zu: Jean Bodin und Thomas Hobbes Beide seien ganz vom Bürgerkrieg her geprägt, aber untereinander so verschieden, wie es zwei menschliche Individuen nur sein könnten. Jean Bodin.

"Ein eifriger Legist, manchmal zu eifrig und etwas humorlos [...] Er begibt sich oft in die innerpolitische Feuerlinie seines Landes und seines Zeitalters, lässt sich auf gefährliche Situationen ein, gerät oft in Lebensgefahr […] Den entscheidenden Begriff des jus publicum Europaeum, den innen- und außenpolitischen souveränen Staat, hat er mit unvergleichlichem Erfolg herausgestellt. Er ist einer der Geburtshelfer des modernen Staates. Aber den modernen Leviathan, der in vier Gestalten erscheint, die vierfache Kombination von Gott und Tier und Mensch und Maschine, hat er noch nicht begriffen. Dafür war seine Verzweiflung noch nicht groß genug."

Hobbes dagegen hatte für Schmitt den Leviathan umso besser begriffen. Nach einem weiteren Jahrhundert theologischer Streitigkeiten und europäischer Bürgerkriege sei seine Verzweiflung unendlich tiefer als die von Bodin. Hobbes habe nicht nur das vierfältige Wesen des modernen Leviathan, sondern auch den Umgang mit ihm begriffen und das Verhalten, das sich für ein unabhängig denkendes Individuum empfehle, wenn es sich auf ein so gefährliches Thema einlasse.

"Für Hobbes ist das Politische nicht mehr Neutralität, sondern die klare Abgrenzung der Freundschaftslinie. Er lebt bereits im Zeitalter der amity line, im Zeitalter der erfolgreichen Piraten und Buccaneers. Er hat über diese gefährlichen Dinge nachgedacht, gesprochen und geschrieben, stets in unverlierbarer Freiheit des Geistes und immer in guter persönlicher Deckung, immer entweder auf der Flucht oder in einer unauffälligen Verborgenheit. Er war kein Praktiker und kein Mann des öffentlichen Lebens und hat sich nicht ein einziges Mal persönlich exponiert. Auch für seine private Person blieb er sich der Grundlage allen Rechts bewusst, und das war für ihn die gegenseitige Beziehung von Schutz und Gehorsam. In diesem Punkte ließ sich der illusionslose Mann noch weniger als sonst betrügen. Er ging dorthin, wo er mit dem Aufhören des Bürgerkriegs rechnen konnte und effektiv Schutz fand [...] Während Bodin theologisch fromm und sogar abergläubisch blieb, ist Hobbes bereits Aufklärer und Agnostiker."

Manchmal berührte Schmitt schreibend auch Persönliches, wenn er sich zum Beispiel an seine Freundschaft mit dem Schriftsteller Theodor Däubler erinnerte und über die "Linien des Lebens" philosophierte, aber die Linien seines eigenen Lebens zeichnete er nicht weiter nach, und auch als er in der Einzelzelle den Vers Däublers notierte, nach dem der Feind "unsre eigne Frage als Gestalt" ist, behielt er die Antwort auf die Frage in seinem Innern verschlossen. Schmitt selbst wollte sich keinesfalls in Frage stellen, sondern Recht behalten mit seiner Freund-Feind-Theorie. Sie war für ihn intakt geblieben.

"Der Feind ist eine objektive Macht, […] und der echte Feind lässt sich nicht betrügen."

Aber wen könne er überhaupt als seinen Feind anerkennen, fragte er sich. Doch wohl nur den, der ihn in Frage stellen könne. Indem er ihn als Feind anerkenne, erkenne er an, dass er ihn in Frage stellen könne. Und wer könne ihn wirklich in Frage stellen?

"Nur ich mich selbst. Oder mein Bruder. Der Andere erweist sich als mein Bruder, und der Bruder erweist sich als mein Feind. Adam und Eva hatten zwei Söhne, Kain und Abel. So beginnt die Geschichte der Menschheit. So sieht der Vater aller Dinge aus. Das ist die dialektische Spannung, die die Weltgeschichte in Bewegung hält, und die Weltgeschichte ist noch nicht zu Ende."

Das war immerhin ein tröstlicher Gedanke in der Einzelzelle, dass die Weltgeschichte ihm doch noch Recht geben würde und diejenigen Unrecht begingen, die ihn in den Berliner Internierungslagern und im Nürnberger Kriegsverbrechergefängnis durch ihre Fragen nicht nur in Frage stellen, sondern vernichten wollten. "Wehe dem, der keinen Freund hat, denn sein Feind wird über ihn zu Gericht sitzen," notierte er. Und dann, hochmütig:

"Weh dem, der keinen Feind hat, denn ich werde sein Feind sein am jüngsten Tage."

Solche Notizen waren natürlich nicht für Kempner bestimmt. Schmitt empfand die bisherigen Fragen des amerikanischen Anklägers zwar nicht als bedrohend, aber Kempners Warnung, Schmitt müsse die Richtigkeit seiner schriftlichen Erklärungen an Eides Statt versichern und jede einzelne Seite mit seinem Namenskürzel "C. S." parafieren, hatte er nicht überhört. Also schrieb Schmitt gegenüber dem amerikanischen Ankläger juristischen Klartext und zog ihm, was den Vorwurf "der Vorbereitung des Angriffskrieges und der damit verbundenen Straftaten an entscheidender Stelle" betraf, gleich zu Beginn den Boden unter den Füßen weg.

Vergleiche er seine Stellung und Tätigkeit, sei es die von 1933 bis 1945 oder die in den Jahren zuvor, mit der Stellung und Tätigkeit der genannten Hauptangeklagten in den Nürnberger Prozessen, ergebe sich seine Antwort zu seiner Verantwortlichkeit, ohne dass es breiter Darlegungen oder scharfsinniger Distinktionen bedürfte. Er habe an keiner der Besprechungen teilgenommen, in denen Hitler seine Angriffspläne entwickelt habe, und habe auch nichts von der Tatsache solcher Besprechungen gewusst.

"Ich gehörte nicht ‚zum inneren Kreis der Umgebung Hitlers, was nach dem Urteil nicht einmal bei Julius Streicher und Fritz Sauckel der Fall gewesen sein soll. Wenn es schließlich von Hans Fritzsche [dem Ministerialdirektor im Propagandaministerium] heißt: ‚Nie galt er als wichtig genug, um zu den Planbesprechungen zugezogen zu werden, die zu Angriffskriegen führten’, so ist das eine gute Handhabe für die Bewertung meiner Wichtigkeit […] Der Gerichtshof hält es für bedeutungsvoll, dass Fritzsche niemals selbst mit Hitler gesprochen hat […] Ich habe niemals in meinem Leben auch nur ein Wort mit Hitler gesprochen. Ich bin ihm in den zwölf Jahren seiner politischen Macht niemals vorgestellt worden und habe ihm niemals die Hand gegeben. Ich habe auch niemals den Versuch gemacht oder den Wunsch danach empfunden und niemals jemand in dieser Hinsicht bemüht. Ebenso habe ich Himmler, Goebbels, Rosenberg, Heß, Bohle und die meisten anderen einflussreichen Männer des Regimes niemals in meinem Leben gesprochen oder mich darum bemüht, sie zu sprechen [...] Ich bin seit 1936 von Niemand, weder von einer Stelle noch von einer Person, weder amtlich noch privat um ein Gutachten gebeten worden und habe auch kein solches Gutachten gemacht [...] Ich habe kein Institut gehabt, bin niemals Rektor oder Dekan geworden, habe niemals ein Auto besessen, weder einen Dienstwagen noch privat, war niemals Eigentümer eines Hauses oder Grundstücks und habe außer meiner Bibliothek kein Vermögen gehabt [...] Ich spreche hier nur deshalb von meiner Vermögenslage, weil sie einen Schlüssel bietet zum Verständnis meiner wirklichen Situation in einem ganz auf schnelle Bereicherung, auf Ämter- und Ordensjägerei eingestellten System. Das ist ein Faktum, das bei einer Beurteilung meiner persönlichen Beziehungen zur Praxis der Hitlerschen Macht- und Beutepolitik nicht ganz außer Betracht bleiben darf und für die Beurteilung meiner Motive und Intentionen von Bedeutung ist."

Nach solchen ausführlichen Vorbemerkungen zur Praxis des nationalsozialistischen Regimes beantwortete Schmitt die Frage nach seiner "theoretischen Untermauerung der Hitlerschen Großraumpolitik" mit dem kurzen Hinweis, seine Theorie von Raum und Großraum sei aus rationalen Begriffen konstruiert worden und habe im Gegensatz gestanden zu den biologischen Gesichtspunkten, auf die die nationalsozialistische Ideologie gesetzt habe.

Für ihn sei das Problembewusstsein des Raumbegriffs stets das Kriterium für eine wissenschaftliche Erörterung des Großraumproblems gewesen; ohne dieses Problembewusstsein bleibe der Dunstkreis, der sich um ein lärmendes Schlagwort wie "Großraum" auch als "biologisch-rassischen Lebensraum" lege, undurchdringlich. Seine wissenschaftliche, völkerrechtliche Theorie vom Großraum skizzierend, wies Schmitt gegenüber Kempner schriftlich daraufhin, es gehöre zum allgemeinen Stil eines totalitären Systems, auszurotten, was es nicht verwerten könne, und zu verwerten, was es nicht ausrotten könne.

"In Zeiten des offenen oder latenten Bürgerkriegs besteht die Gefahr, dass jedes offene und öffentliche Wort zugleich auf die Ebene der schnell sich verändernden propagandistischen Schlagworte und in das Chaos nihilistisch zerstörter Begriffe gerät [...] In die Sprache moderner Technik übersetzt, lässt sich diese Erfahrung so formulieren: jede Lautverstärkung ist eine Sinnveränderung und meistens auch eine Sinnverfälschung. Das ist der eigentliche Sachverhalt, der in meinem Fall zur Beurteilung steht."

Es gebe Leute, fügte Schmitt im mündlichen Verhör hinzu, die nicht verstünden, "dass ein Mensch ruhig an seinem Schreibtisch sitzen" könne. Ob Rousseau von seinem Schreibtisch weggegangen sei, fragte Robert Kempner.

"Nein."

"Wer ist noch nicht von seinem Schreibtisch weggegangen?"

"Thomas Hobbes [...] Darf ich Ihnen offen sagen, ich bin drei Wochen in der Einzelhaft [...]"

"Wollen Sie nicht allein sein?"

"Ich bitte darum, auch weiter allein zu sein. Es wurden mir damals, als ich in Arrest kam, alle möglichen Fragen gestellt. Ich sagte darauf nur: Ich möchte über meinen Fall von meinem Niveau aus sprechen können. Ich habe nur den Wunsch, mir selber klar zu werden. Dafür ist mir mein Name, meine Physiognomie zu gut. Ich hatte Hunderte von Schülern in allen Ländern, Tausende von Zuhörern."

"Soweit sich das auf Hörer bezieht, schwankt Ihr Charakterbild in der Geschichte."

"Das wird immer so sein, wenn jemand in solcher Situation Stellung nimmt. Ich bin ein intellektueller Abenteurer."

"Sie haben intellektuelles Abenteuerblut!?"

"Ja, so entstehen Gedanken und Erkenntnisse. Das Risiko nehme ich auf mich [...] Im übrigen: Columbus kam nach Amerika ohne Papiere und ohne das Einreisevisum der Azteken oder Indianer. Entdeckungen finden ohne Visum der Entdeckten statt."

"Wenn aber das, was Sie Erkenntnissuchen nennen, in der Ermordung von Millionen von Menschen endet?"

"Das Christentum hat auch in der Ermordung von Millionen Menschen geendet. Das weiß man nicht, wenn man es nicht selber erfahren hat. Ich fühle mich gar nicht, etwa wie mancher als unschuldig Gekränkter, dem etwas Entsetzliches passiert."

"Aber das können Sie nicht vergleichen. Und ist es nicht einfach gesagt eine strafrechtliche Untersuchung Ihrer Struktur?"

"Da kann ich Ihnen vieles sagen. Wenn ich gefragt werde, macht es mir Freude, meine Ansicht ehrlich auszusprechen."


Kempner entließ Schmitt:

"Wegen was hätte ich den Mann anklagen sollen? Er hat keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, keine Kriegsgefangenen getötet und keine Angriffskriege vorbereitet."

Bei der Entlassung entspann sich zwischen Kempner und Schmitt noch folgender Dialog:

"Gehen Sie! Was werden Sie nun machen?"

"Ich werde in die Sicherheit des Schweigens gehen."


Gegen Ende des letzten Verhörs bat Schmitt, nicht mehr zurück nach Berlin, sondern in seine sauerländische Heimatstadt Plettenberg reisen zu dürfen. Ob Kempner dies nicht veranlassen könne? Das werde sofort erledigt, versprach Kempner. Am 6. Mai 1947 konnte Schmitt die Einzelzelle im Kriegsverbrechergefängnis zwar verlassen, musste sich jedoch weiter im Gästehaus der Anklage als Zeuge im Prozess gegen Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, zur Verfügung halten.

"He ist now a voluntary witness for the office Chief of Counsel for War Crimes,” steht im Entlassungsschreiben. Gleich am 7. Mai sagte Schmitt gegenüber Kempner im Weizsäcker-Prozess als Zeuge aus, konnte nach weiteren Vernehmungen Nürnberg am 21. Mai 1947 verlassen und ins Sauerland zurückreisen, das er vierzig Jahre früher verlassen hatte in der Hoffnung, den Leviathan zähmen zu können. Er werde bestimmt ein "berühmter Verteidiger", hatte er im Januar 1913 als 25-jähriger Student seiner Schwester Auguste geschrieben.

Da sein Mandant zwanzig Jahre später Adolf Hitler hieß, der um Verteidigung gar nicht nachgesucht hatte und "seinen" "berühmten Verteidiger" vermutlich noch nicht einmal dem Namen nach kannte, blieb Schmitt nach der Entlassung in Nürnberg nichts anderes übrig, als seine sauerländische Heimat wieder in Besitz zu nehmen. Der Traum, Nachfolger Hegels zu werden, war ausgeträumt. In Plettenberg angekommen, notierte er zwar im Tagebuch:

"Was tust Du nun hier? Du hast Dich mit knabenhaftem Stolz in der großen Welt mit ganz großen Feinden angelegt. Mit Rom und großen Juden, und jetzt wirfst Du dich weg an kleine Provinzbrüder, Du Billig-Spieler, Du mauerst und passt aus Trägheit und feiger Bequemlichkeit. You can‘t go home [...]"

Aber dann blieb er - nachdem er die Überlegung, nach Argentinien auszuwandern, schnell wieder verworfen hatte - doch in Plettenberg und hat seine Heimatstadt und Wohnsitz in den folgenden gut vierzig Jahren bis zu seinem Tod am Ostersonntag 1985 nicht mehr verlassen.


Teil 2 des Essays "Carl Schmitt im Nachkriegsdeutschland" folgt am 12. August 2012.

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