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StartseiteSportgespräch"Man fängt an, sich bei so viel Fußball zu langweilen"12.03.2017

César Luís Menotti"Man fängt an, sich bei so viel Fußball zu langweilen"

César Luís Menotti hat Argentinien als Trainer 1978 zum WM-Titel geführt. Im Sportgespräch beklagt er die Strukturen des argentinischen Fußballs und kritisiert: Es gibt zu viele Spiele in der Welt.

Sandra Schmidt im Gespräch César Luís Menotti

César Luís Menotti 1983 beim FC Barcelona (imago sportfotodienst)
César Luís Menotti 1983 beim FC Barcelona (imago sportfotodienst)

Sandra Schmidt: César Luís Menotti, erzählen Sie unseren Hörern doch erst einmal, wie es ihnen geht und was Sie derzeit machen.

César Luís Menotti: Mir geht es gut, sehr gut. Ich arbeite gerade daran, eine Online-Trainer-Schule aufzubauen. Das nimmt viel Zeit in Anspruch, denn ein Trainer-Kurs dauert zwei Jahre, und man muss all die Strukturen online aufbereiten, das fällt mir sehr schwer. Ich bin viel mehr ein Mann für den Trainingsplatz! Der sich auf dem Platz zurechtfindet. Aber gut: Es haben sich schon über 200 Teilnehmer eingeschrieben.

Außerdem schreibe ich, wie immer, Zeitungsartikel, Zurzeit arbeite ich für die Zeitung "Sport" aus Barcelona und ich schaue jeden Tag Fußball, aus der ganzen Welt.

Schmidt: Wie geht es dem argentinischen Fußball heute?

Menotti: Der argentinische Fußball behauptet sich wie der Jagdhund, das ist genetisch. (lacht) Diese Hunde sind seit hundert, ach was seid tausend Jahren Jagdhunde, und hier kommen immer wieder Fußballer hervor und man weiß nicht, warum. Das kann eigentlich nur genetisch sein, denn das ganze Umfeld hier macht es niemandem leicht, sich zu entwickeln. Wir stecken in einer sehr tiefen Krise, die nicht nur, aber auch kultureller Art ist.

Argentinien hat in den letzten dreißig Jahren eine tiefgreifende Dekulturalisierung erlebt und davon ist der Fußball natürlich nicht unberührt geblieben. Er ist längst Teil des großen Geschäfts, nicht mehr der Kultur, nicht mehr das, was der argentinische Fußball lange war: repräsentativ für die Gesellschaft hier, mitsamt der Freude von jedem einzelnen, der sein Vereinstrikot hatte. Heute träumt der junge Fußballer hier nicht mehr davon, in seinem Verein Karriere zu machen, sondern er träumt eher davon, nach Europa zu gehen.

Hier herrscht das Chaos, die wirtschaftliche Situation ist sehr schwierig und komplex. Der junge Fußballer hat hier nicht die Möglichkeit, sich zu entwickeln wie noch in anderen Zeiten. Jetzt gehen sie sehr früh weg, mit sehr wenig Erfahrung, und die Mehrheit, ich würde sagen, die verliert sogar ihren Stil. Es gibt argentinische Spieler, die in Europa ausgebildet werden und in ihrem Spiel mehr europäisch wirken als argentinisch, weil sie mit 20 schon weggehen.

Einige gehen in wichtige Länder, in denen es ihnen gut geht, andere gehen dahin, wo sie genommen werden - es gibt viele Spieler in Russland und den Ex-Staaten der Sowjetunion - das kann ich kaum glauben! Es gibt argentinische Spiele in der Türkei, in Griechenland - wenn Du die Menge der Spieler siehst, die gegangen sind, einige kennt man hier noch nicht mal. Also ich vielleicht, weil ich ein Spezialist bin, und mein Leben mit Fußballgucken verbringe. Paulo Dybala zum Beispiel: Der hat hier in der zweiten Liga gespielt, ist jung weg nach Italien, zu einem kleinem Verein, dann kauft Juventus Turin ihn für 30 Millionen Euro und heute ist er ein international sehr bekannter Spieler. Als der aus Argentinien weggegangen ist, kannten 90 Prozent der Leute ihn überhaupt nicht, weil er bei Instituto Córdoba in der zweiten Liga gespielt hat.

Schmidt: Der argentinische Verband, die AFA, steckt in einer tiefen Krise. Im Prinzip gibt es seit dem Tod von Julio Grondona 2014 keinen Präsidenten?

Menotti: Grondona war ein Caudillo, ein Anführer, und wenn ich das sage, dann rede ich nicht über Redlichkeit oder Ehrlichkeit, dafür ist die Justiz zuständig, sondern über seine Art. Ich erinnere mich, als ich damals in de USA gelebt habe, anderthalb Jahre in New York, da haben die Leute immer über die Mafia geredet: Ein Italiener, der dort lebte, der hat immer gesagt: Das Schlimmste, was New York passieren konnte, war, dass Al Capone gestorben ist, nicht, dass man ihn festgenommen hat, weil er ab dem Moment die Mafia nicht mehr führen konnte - aus dem Gefängnis heraus hatte er die Mafia weiterhin im Griff.

Diese Art von Caudillos umgeben sich immer mit mediokren und gehorsamen Leuten und als er tot war, da dachten alle: Jetzt bin ich der nächste Al Capone! Und dann ging die Zeit der großen Massaker, der großen Kämpfe erst los! Genau das gleiche ist hier passiert: Der Chef ist gestorben und alle, die immer um ihn herum waren, wollen Grondona sein, wollen der Präsident sein.

Er hat überhaupt nichts hinterlassen, seine Führung war derart individualistisch, er hat gemacht, was er wollte, sehr fähig, aber natürlich in Komplizenschaft mit einer korrupten FIFA, mit Havelange und all seinen großen Geschäften, und jenseits von all jenen Sektoren, die wirklich irgendwelche Werte gehabt hätten. Dann stolpert Europa, dann stolpert der südamerikanische Fußball und der argentinische Verband verschwindet, er wird von niemandem mehr geschützt. Und dann gibt es interne Streitereien: Es gibt Sitzungen, der eine kommt mit Sakko und Krawatte, der andere im T-Shirt und sie diskutieren und diskutieren und zwar über Geld. Es gibt überhaupt keine Grundlagen und sie haben nicht mal den Mut, wenigstens eine ehrenamtliche Führung zu installieren.

César Luís Menotti 1978 bei der WM in Argentinien (imago sportfotodienst)César Luís Menotti 1978 bei der WM in Argentinien (imago sportfotodienst)

Der Fußball ist ja nicht nur der große Fußball: Wenn man Fußball sagt, dann ist das als würde man hier in Argentinien "auf dem Land" sagen. Nicht alle auf dem Land sind Großgrundbesitzer und Millionäre, es gibt viele, die beackern ihre 100, 200 Hektar tagein tagaus. Und genauso gibt es viele Fußballspieler, die jetzt kaum mehr das Geld haben, ihr U-Bahn-Ticket zu bezahlen, um zum Training zu fahren. Es ist ja nicht jeder ein Messi oder ein Guardiola. Es gibt viele junge Trainer, die so gerade überleben. Und sie reden über das große Geld, ich würde fragen, wie mit dem Geld gewirtschaftet wird, was sie damit machen wollen. Wenn es so weiter geht wie bisher, dann geht die AFA weiter unter. Denn es gibt keine ernsthafte Debatte und das Engagement des Staates war immer politisch, nie kulturell orientiert.

"Es gibt nichts Langweiligeres, als ein Fußballspiel im Fernsehen anzusehen"

Schmidt: Macri hat das Programm "Fußball für alle" - mit dem die Spiele frei empfänglich im Fernsehen zu sehen waren - aufgekündigt. Mit dem Beginn der kommenden Liga im August müssen die Argentinier bezahlen, wenn sie Fußball sehen wollen. Was halten Sie davon?

Menotti: Ich glaube, dass das nicht der Kern des Problems ist, darum geht es letztlich nicht. Als der Staat die Übertragung finanziert hat, war das, weil sie Werbung schalten wollten, denn es standen Wahlen an und die Präsidentin [Kirchner] hat Grondona in ihre Arme geschlossen... Ich glaube, dass der Fußball andere Möglichkeiten hat und es dafür keinen Grund gibt.

Was der Staat tun muss, das ist kontrollieren, denn wir reden hier über gemeinnützige Vereine und die Justiz hat die Rechte der Vereinsmitglieder zu verteidigen! Das sind ja keine börsennotierten Unternehmen! Wenn Du da mit den Finanzen nicht im Reinen bist, dann gehst Du ins Gefängnis, dann war es das, aber die Fußballvereine hier sind gemeinnützige Vereine und ihre Aktionäre sind die Vereinsmitglieder! Aber das Thema ist ein anderes: Die Concacaf muss erklären, wie sie das in Südamerika in den Griff bekommen will und auf nationaler Ebene muss sich der Staat kümmern, er hat die Aufgabe - oder besser: er hat die Verpflichtung - die Aktionen und Bewegungen der gemeinnützigen Vereine zu überwachen und zu kontrollieren.

Sonst können wir zwei einfach einen Verein aufmachen und wenn Geld reinkommt, wunderbar, dann nehmen wir es uns. Und wenn keins reinkommt, dann zahlen wir auch niemandem etwas. Das geht doch so nicht! Das ist die Situation, in der der argentinische Fußball steckt, ein Skandal! Das hat dazu geführt, dass die Menschen pessimistisch geworden sind, sie verlieren ihren Glauben in den Fußball - in Argentinien war der Fußball wie ein Theater.

Die Menschen fühlten sich hier immer als Teil der Emotionen, die bei einem großen Spiel entstehen. Die Leute gehen nicht mehr ins Stadion, teilweise ist die Lage rund um die Stadien unsicherer geworden, also schauen sie Fußball im Fernsehen an. Aber Fußball sollte man nicht im Fernsehen angucken. Wenn ich in München leben würde, dann will ich Bayern München doch nicht im Fernsehen sehen, dann will ich doch ins Stadion. Es gibt doch nichts Langweiligeres als ein Fußballspiel im Fernsehen anzusehen. (lacht) Also im Vergleich zum Stadion. Das ist, als würde ich mir einen Liebesfilm anschauen und dabei meinen Hund in den Armen haben. Das ist doch sehr seltsam.

Schmidt: Präsident Mauricio Macri hat im vergangenen Jahr schon vorgeschlagen, den legalen Status der Clubs ändern zu wollen, also aus den gemeinnützigen Vereinen Aktiengesellschaften zu machen. Wie bewerten Sie das?

Menotti: Erstmal sollte sich Macri um die bestehenden Aktiengesellschaften in diesem Land kümmern, damit die nicht immer weiter Geld klauen, und damit der durchschnittliche Argentinier nicht 15, 16 Stunden am Tag arbeiten muss, um überhaupt überleben zu können. Und wenn er das gemacht hat, dann sollte er so oder so den Fußball sich selbst überlassen.

Was sie tun müssen - aber nicht Macri oder die Regierung, sondern die Justiz - das ist, die gemeinnützigen Vereine zu beobachten und zu überwachen. Hier gibt es Vereinspräsidenten, die sagen: Ah, ich habe 15 Millionen Dollar Schulden geerbt. Ah, na gut. Nach vier Jahren gehen sie und der Nächste sagt: Ich habe 20 Millionen Dollar Schulden geerbt und so geht das hier immer weiter und sie behaupten alle das gleiche.

Schmidt: Macri kommt ja aus dem Fußball... (er lacht in die Frage) Wie war denn das, Sie haben ihn ja als Präsident von Boca Juniors, der er von 1995 bis 2007 war, selber erlebt?

Menotti: Ich kenne ihn. Naja, er und der Fußball. Er hat vielleicht im Garten hinterm Haus gespielt, aber er hat sich nie für den Fußball interessiert. Als ich Trainer von Boca Juniors geworden bin (1993/94, Anm. d. Red.), da war er einer, der über ein Unternehmen mit den wirtschaftlichen Belangen zu tun hatte und mit einem berühmten Vize-Präsidenten, mit Pompilio (Pedro Pompilio, Anm. d. Red.), und dann hat man ihn vorgeschlagen und Macri hat diese Wahlen gewonnen.

Macri ist nicht im Fußball groß geworden, auch nicht als Funktionär. Ich glaube, er hat sich diese Karriere im Leben nicht erträumt - er ist ein Geschäftsmann. Ja, er ist ein Fan, er mag den Fußball, er guckt ihn gern und er spielt mit seinen Freunden, es ist ihm nicht völlig fremd. Aber es ist das eine, Präsident von Boca Juniors zu sein, das andere Präsident des Landes. Das sind schon zwei ganz unterschiedliche Dinge.

Ich glaube, dass es richtig ist, dass er gesagt hat, er hält sich jetzt aus dem Fußball raus. Als Präsident von Boca ist es gut gelaufen für ihn, sie haben alles mögliche gewonnen in der Zeit. Was die Finanzen angeht, habe ich keine Ahnung, aber ich glaube nicht, dass es dem Verein schlecht geht. Wenn man viel gewinnt, dann kommt auch viel Geld rein. Was klar ist: Er hatte eine bemerkenswerte Zeit als Präsident was die Ergebnisse angeht und die Ausbildung von Spielern.

Schmidt: Diego Maradona hat den Boca-Präsidenten Macri damals, als er selbst Spieler bei Boca Juniors war, einen Lumpensammler genannt. Einen, der nicht lesen und schreiben kann - ist da was dran?

Menotti: Ja, nun gut. Klar ist, dass seine Führung in wirtschaftlicher Hinsicht erfolgreich war. Dieser Streit mit Diego hatte andere Motive: Sie stammen aus verschiedenen Klassen. Diego gehört hier den Menschen, dem Volk, er stammt aus einem sehr bescheidenen Viertel und Macri kommt aus der Welt der Geschäfte. Klar, Macri hatte die Macht und Diego haben viele Entscheidungen nicht gepasst. Ich glaube, dass das viel eher etwas Persönliches hatte. Aber wahr ist auch, dass Diegos Auslassungen oft wunderbar sind, manchmal scheint er ein Philosoph.

Schmidt: Werden Macris Maßnahmen, um das Land aus der Krise zu führen, von Erfolg gekrönt sein?

Menotti: Nein, nein, ich bin schrecklich besorgt. Die Lage ist chaotisch und wirklich sehr schwierig. Die Zukunft ist unsicher, völlig unsicher. Macri hat die Chance seines Lebens. Er ist in einer Position, die er sich im Leben nicht erträumt, aber nicht mal in seinen kühnsten Träumen. Ich würde mal annehmen, er hat vielleicht davon geträumt, sich einen eigenen Verein zu kaufen oder einen Fernsehsender und so etwas, aber nicht davon, Präsident von Argentinien zu werden. Vielleicht hat er mal davon geträumt, wie Johann Cruyff Fußball zu spielen oder ein Fernsehsendung wie Tinelli (Marcelo Tinelli, Anm. d. Red.) zu haben. Ich glaube, das waren eigentlich die Möglichkeiten, die er hatte.

"Eine WM-Vorrunde mit rund 50 Teams ist Schwachsinn"

Schmidt: Was halten Sie von der FIFA mit ihrem neuen Präsidenten Infantino?

Menotti: Ich kenne ihn nicht. Nach dem, was er sagt, scheint es zumindest so, dass er in einigen Dingen entschiedener handeln will, aber bislang ist nicht wirklich viel passiert. Und man weiß immer noch nicht, wie das alles funktionieren soll, wie das Sponsoring laufen soll. Und die Geschichte mit den vielen Mannschaften in der Vorrunde: Also mir scheint, dass das mehr mit Geschäften als mit dem Fußball zu tun hat.

Ich sage: Um eine WM zu spielen, sollte man vorher gut gespielt haben, nicht nur seine Stimme bei Wahlen vergeben. Ich mag Trinidad Tobago, die sind wirklich sehr sympathisch, aber die müssen sich erstmal entwickeln und unter ihresgleichen messen. Ich glaube, dass eine Vorrunde mit rund 50 Teams ein Schwachsinn ist. Und davon abgesehen, gibt es viel zu viele Spiele. Darum sollte man sich mal kümmern.

Da sollten sich vielleicht mal die Mediziner einschalten. Die spielen am Montag, am Dienstag, am Mitwoch, am Donnerstag - bald spielen sie jeden Tag. Das ist wie mit dem Essen, das sage ich ja schon lange: Ein Teller gute Nudeln ist wunderbar. Zwei Teller gute Nudeln sind in Ordnung, bei drei Tellern wird es eng. Wenn sie Dir jeden Tag drei Teller Nudeln geben - bitte nicht! Nicht jeden Tag Nudeln! Beim Fußball ist es genau so und es wird dahin kommen, dass die Leute jeden Tag zehn Teller Nudeln vor sich haben. Da fängt man an, sich zu langweilen.

Man muss doch auch mal aufhören können. Das ist die Wirtschaft, die sagt: Lasst sie einfach jeden Tag spielen. Ich weiß nicht, was das soll. Und außerdem: Umgekehrt wäre das, als würde ich sagen: Wir bringen die Berliner Symphoniker in die bolivianische Hochebene, damit sie dort Musik machen und dann entwickelt sich dort die Musik! - Eh!? - Seien wir doch ehrlich: Der Fußball entwickelt sich woanders, in anderen Kontexten.

Es geht darum, die jungen Leute zu gewinnen und natürlich wird nicht jeder einen Eto'o. Aber nicht, weil er keine WM gespielt hat. Ich bin damit nicht einverstanden, vielleicht weiß ich auch nicht genug, vielleicht verstehe ich es, wenn sie es mir nochmal genau erklären (ironisch), so verstehe ich das nicht.

Ich würde anders herum anfangen: Ich würde acht Mannschaften setzen, die ihrer Historie wegen dabei sein sollten - ich würde zum Beispiel Deutschland nicht in der Vorrunde gegen irgendein Land spielen lassen, weil klar ist, dass es eine Geschichte hat, die es für die Finalrunde qualifiziert.

César Luís Menotti 1981 (imago sportfotodienst)César Luís Menotti 1981 (imago sportfotodienst)

Schmidt: Gibt es Ihrer Meinung nach einen Zusammenhang zwischen rechten oder linken nationalen Regierungen und dem Fußball?

Menotti: Der Fußball ist den Regierungen irgendwie immer ein wenig fremd. Die Regierungen hoffen, dass man gewinnt. Wenn Du gewinnst, dann wartet der Präsident der Nation auf Dich. Wenn Du verlierst, dann wartet nicht mal Deine Familie - so ist das ja letztlich.

Der einzige Ort, wo das ganze Volk eine Mannschaft in den Straßen empfangen hat, das war in den Niederlanden 1974 und 1978 - weil die Mannschaft im Finale gestanden hatte. Ich glaube, dass der Fußball damals so etwas war wie die Olympischen Spiele. Etwas, das mit der Kultur des jeweiligen Landes zu tun hat. Mittlerweile liegt der Ball längst auf den Schreibtischen, von Leuten, die Stadien bauen wollen, das Stadion von River Plate, das von Boca Juniors oder das Maracana und da geht es um das große Geschäft - der Rest ist egal.

Ich glaube, der größte Schaden für den südamerikanischen Kontinent ist dadurch entstanden, dass es die Vereine bei Euch jetzt, letztlich alle europäischen Vereine sind. Als ich Trainer von Barcelona war, da durfte ich zwei Ausländer im Team haben und ich hatte Schuster und Maradona. Es hätte überhaupt keinen Sinn gemacht, einen weiteren einzukaufen, der hätte ja auf der Bank gesessen, weil immer nur zwei spielen konnten. Ich hatte die zwei Besten, warum hätte ich andere kaufen sollen?

Jetzt, zuletzt, da hatte irgendwann Italien gespielt, Inter Mailand, sorry, und es gab keinen einzigen italienischen Spieler in der Aufstellung. Das ist die Europäische Union, das ist ein Markt und da wollen alle hin. Ich vermute, von hier gehen insgesamt vier- oder fünftausend pro Jahr. Heutzutage kaufen sie irgendeinen Jungen aus Botafogo (Stadtteil von Rio de Janeiro, Anm. dd. Red.), der gut spielen kann und der geht für eine Million Dollar an ein Unternehmen, das ihn dann an irgendwelche kleinen Vereine verleiht. Es ist ein ganz großes Geschäft geworden und für uns und die Spieler von hier läuft das ganz gut.

"Die Deutschen spielen heute wie wir 1940"

Schmidt: Aber es gibt schon immer noch die Rede von einer nationalen Spielkultur, von einem Stil.

Menotti: Die Deutschen zum Beispiel spielen heute wie wir 1940, damals waren wir die Besten in der Welt. Sie passen sich den Ball zu, keine hohen Bälle ins Nichts in der Hoffnung auf irgendeinen Kopf, der da in der Luft steht. (lacht) Sie hatten immer gute Spieler, Spieler, die die Tore gemacht haben - das ist jetzt anders: Da ist kein Beckenbauer mehr, kein Overath, diesen Typ gibt es nicht mehr, aber sie haben sehr gute Spieler.

Die Deutschen spielen einen sehr guten Fußball; nicht nur Bayern München, es ist ziemlich egal, welches Spiel man sich anschaut. Und es scheint eine emotionaleres Verhältnis zu den Fans zu geben. Eines, das weniger mit dem Ergebnis verknüpft ist: Wenn Dein Team verliert, aber gut gespielt hat, dann hattest Du einen guten Nachmittag und denkst: Ja, nächste Woche gewinnen wir so! Aber wenn Du gewinnst und schlecht gespielt hast, dann ist am Montag alles vorbei, weil dann am Montag schon klar ist: Wenn wir weiter so spielen, dann gewinnen wir kein Spiel mehr.

Schmidt: Wie würden Sie die Bedeutung von Pep Guardiola für den Fußball im Allgemeinen und Deutschland im speziellen einschätzen?

Menotti: Ich glaube, dass Guardiolas Serie von Titeln und Siegen dazu geführt hat, dass sich alle Vereine in Frage gestellt haben. Er hat 17, 18 Titel in Folge gewonnen und hatte vorher nie einen Erstligaverein trainiert. Er kam ja von der zweiten Mannschaft von Barcelona! Er übernimmt die erste und dann ist es langweilig geworden, weil sie immer alles gewonnen haben - Meisterschaft, Pokal, noch ein Pokal. Dann ist er nach Deutschland gegangen und hat da auch die Meisterschaft und den Pokal gewonnen - was weiß ich alles.

Ich glaube, dass Bayern gut mit Guardiola zurecht gekommen ist, und sie behaupten sich ja. Ancelotti ist auch ein friedfertiger Trainer, er hat unter Arrigo Sacchi dieses System in Mailand spielen gelernt. Da gibt es eine Kontinuität und natürlich gibt es immer einzelne Spieler, die unzufrieden sind, aber das ist nicht der entscheidende Punkt.

Aber insgesamt glaube ich, dass die Fans von Bayern München zufrieden waren, sie haben Spiel um Spiel leicht gewonnen und spielen sehr guten Fußball. Bei Champions-League-Spielen ist es wie bei Weltmeisterschaften: Man braucht ein gutes Team, aber man braucht auch ein wenig Glück und wenn es an dem Abend fehlt, dann ist es halt aus. Ich weiß es nicht, aber für jemanden wie uns ist es vermutlich auch schwierig, in Deutschland zu leben. Das ist nicht leicht, ich habe mich immer wohl gefühlt, ich mag Deutschland, aber ich wüsste nicht, ob ich dort wirklich leben wolllte, das wäre schon schwierig. Ich weiß nicht, ob es nicht einem Deutschen hier genauso gehen würde - was weiß ich.

"Die FIFA hat Maradona massakriert!"

Schmidt: Welche Rolle kann Ihrer Meinung nach ein Diego Maradona ernsthaft in der FIFA spielen?

Menotti: Keine Ahnung! Was Maradona hat, das ist eine gewisse Schelmenhaftigkeit in seinen Aussagen. Immer dann, wenn er etwa sagt, dann gibt es eine Art Explosion. Ich glaube, in der Welt des Fußballs ist es schwierig, Maradona als Gegner zu haben. Das hat viel mit seiner Erfahrung zu tun. Es ist auf jeden Fall besser, Maradona auf seiner Seite zu haben. Außerdem sollte die FIFA ihm dankbar sein, sie hat ihn massakriert damals, weil sie ihn nicht im Griff hatte. Und dann haben sie dieses Zeugs gefunden, Ephedrin, das war ein Scherz, das hat jeder genommen, der eine Erkältung hatte - und sie haben ihn zwei Jahre gesperrt.

Nehmen wir mal an, jemand ist abhängig, was macht man mit so jemandem? Als würde man einem Musiker, der hier im Teatro Colon auftritt und irgendwelche Drogen nimmt, die Geige wegnehmen! Der erschießt sich doch! Maradona haben sie den Ball weggenommen und hat damals einen genialen Satz gesagt: "Sie haben mir die Beine abgeschnitten." Was sollte er denn die zwei Jahre lang tun, außer Fußball zu spielen? Er war ja noch gut damals.

Ich glaube, sie haben daraus gelernt. Maradona gegen sich zu haben, ist nicht gut. Darüber hinaus habe ich keine Ahnung, aber ich habe den Eindruck, er ist ruhiger, er hat eine Vorstellung von dem, was er da will. Ich weiß es letztlich nicht, ich bin nicht mit ihm befreundet, ich schätze ihn als Fußballer, er war einer der meinen und ich glaube, er wird die Dinge beim Namen nennen. Auf jeden Fall ist es niemand, den man mit zwei Freiflügen und einem Fünf-Sterne-Hotel einkaufen kann. Damit kann man einen Diego nicht überzeugen. Ich glaube, dass er gut drauf ist, was er dann tatsächlich in der FIFA tun kann, das weiß ich, das wird sich zeigen müssen. Aber besser Maradona als irgendein daher gelaufener Depp. (lacht)

Schmidt: Sie haben mal gesagt, man sollte Maradona nicht mit Lionel Messi vergleichen. Warum nicht?

Menotti: Weil man die beiden nicht vergleichen kann, man genießt sie. Würden sie in der gleichen Epoche spielen, dann ja. Das ist wie in einer Ehe. Wenn Du Dich von einer Frau trennst und eine andere Frau heiratest, was dann? Vergleichst Du dann die ganze Zeit die beiden Frauen, deine neue Frau mit der vorherigen? Nach dem Motto: die Alte war besser, aber die ist ja jetzt weg? Nein.

Maradona ist längst nicht mehr dabei, er hatte seine Zeit, ihn jetzt mit diesem jungem Kerl zu vergleichen, das finde ich irgendwie unmöglich. Als würde man Maradona mit di Stéfano oder mit Cruyff vergleichen - alle waren die Könige ihrer Zeit, Idole jener Zeit und ganz große Spieler. Mir gefallen diese Vergleiche nicht.

Ich glaube, dass Maradona in seiner Zeit außergewöhnlich war, er hätte weiter spielen können bis er fünfzig Jahre alt geworden wäre, hätte er nicht all die Affären gehabt, die er hatte. Und dieser junge Kerl ist ein großartiger Fußballer, er ist die Nummer eins, der Beste der Welt. Aber klar, man muss sehen, wie er reagiert, wenn es mal eine große Krise gibt. Ich glaube, beide sind ganz großartige Fußballer.

Schmidt: Derzeit versuchen Länder wie China oder Katar, einen Fußball zu kreieren, so erfolgreich wie der aus den Ländern, mit einer großen Fußball-Tradition, Kultur und Geschichte. Glauben sie, dass das erfolgreich sein kann?

Menotti: Ich glaube, in China kann das funktionieren. Von Katar habe ich keine Ahnung, ich weiß, ehrlich gesagt, nicht mal, wie viele Einwohner dieses Land hat, so klein wie es ist. China ist eine Weltmacht. Sie müssten die zwei Dinge betrachten: Den Fußball als Geschäft, aber eben auch als ein Feld, dass die Menschen bildet, das kulturell und repräsentativ für das Land ist. Aber erstmal glaube ich, dass es eine gute Idee ist, gute Spieler dorthin zu bringen, weil man von denen viel lernen kann.

Wenn man lernt und sie einen Crack dazu holen, sagen wir, wenn man fünf Jahre lang neben einem Beckenbauer spielt, dann lernt man einiges dazu, auf jeden Fall viel mehr als neben irgendeinem Spieler. Wenn man da nichts lernt, dann ist man schlicht selber Schuld, da kann man auch keinen Trainer für verantwortlich machen. (lacht) Der chinesische Markt ist riesig, keine Ahnung, wie viele Mannschaften die stellen könnten - vermutlich könnten sie ohne Probleme hundert Mannschaften haben. Aber wenn sie es sehr eilig haben und sofort Weltmeister werden wollen, dann wird es schiefgehen. 

Das gesamte Gespräch können Sie mindestens sechs Monate in unserer Mediathek nachhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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