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StartseiteBüchermarktDas Altern der Moderne. Schriften zur bildenden Kunst13.06.2002

Das Altern der Moderne. Schriften zur bildenden Kunst

Suhrkamp, 218 S., EUR 11,20

Um die Metaphysik steht es schlecht. Der Handel lässt dem Träumen keinen Raum, das Kapital hat den Selbstzweck längst kassiert. Die Welt ist ein Operationsfeld hochspezialisierter Fachleute, um nicht zu sagen: Fachidioten. Metaphysischer Sehnsucht, so wollen es zumindest die Pessimisten unter den Kulturkritikern, bleibt im Schatten der instrumentellen Vernunft nur ein einziger Raum: die Kunst. Auch sie ist spezialisiert, auch sie wird verkauft: Aber auch ist sie da, um geschaut zu werden - und zwar ganz ohne praktischen Hintergedanken, als Refugium zweckfreien Schaffens und interesselosen Wohlgefallens. <em>L´art pour l´art</em> hieß das Programm der Alltagsflucht im 19. Jahrhundert, und in der zunehmenden Tendenz zur Abstraktion fand die Negation des Praktischen ihren formal konsequenten Ausdruck. Doch wer dem Leben den Rücken kehrt, der zahlt dafür: Die Kunst verlor den Bezug zur sozialen Wirklichkeit. Zunehmend skandalöser erschienen im frühen 20. Jahrhundert darum die unbeabsichtigten Nebenwirkungen der künstlerischen Autonomie. Denn zu den Problemen der Gesellschaft hatte sie scheinbar nichts mehr zu sagen.

Kersten Knipp

In genau diese Kerbe schlug zumindest die Kritik der künstlerischen Avantgarde, und deren Logik ist Bremer Literaturwissenschaftler und Ästhetik-Theoretiker Peter Bürger erstmals vor knapp 30 Jahren, 1974, in seiner berühmten Studie zur Theorie der Avantgarde nachgegangen. Seither hat er sie in zahlreichen Veröffentlichungen aufgegriffen. Seine jüngsten Überlegungen zu dem Thema präsentiert er nun in seinem Buch über Das Altern der Moderne . Als Grundannahme gilt auch hier, so Bürger,

dass die Avantgarde-Bewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts, also besonders Dadaismus und Surrealismus, den Gedanken entwickelt haben, dass eigentlich das große Problem der Kunst in der bürgerlichen Gesellschaft mit diesem Autonomiestatus verbunden ist, und dass sie deshalb versucht hat, diesen Status selber in Frage zu stellen. Also jetzt nicht mehr, wie frühere Kunstbewegungen ja immer, die vorausgegangene zu überbieten oder die vorausgegangene zu ersetzen, sondern im Grunde nicht mehr Kunst zu machen, sondern die Potentiale der Kunst direkt in die Wirklichkeit hinein zu bringen, um sie damit wirklich zu revolutionieren. Eine Revolution, die dann auch wiederum nicht bloß eine Revolution der politischen Verhältnisse, auch nicht der sozialen, sondern des gesamten Lebens sein sollte.

Noch einmal schildert Bürger in dieser Sammlung größtenteils bereits vor einigen Jahren geschriebener Essays die kühnen Versuche der Avantgarde, den Kunstbegriff zu unterlaufen. So im Kapitel über Marcel Duchamp etwa, der 1913 mit seinem berühmten Fahrrad-Rad den Alltag in die Aura der Kunst schleuste, 1917 gar ein Urinierbecken in die New Yorker Ausstellung der Society of Independent Art drückte und damit einen veritablen Skandal auslöste. Hintergründig ging es aber um viel mehr: Die Frage nämlich, wodurch sich Kunst eigentlich definiert. Gelten nun auch gewöhnliche Alltagsgegenstände im Kontext einer Ausstellung als Kunst, dann ist Kunst in erster Linie offenbar eine Frage der Definition - und wer wollte diese Definition schon wagen? Dergleichen Attacken mochte 1974, als Peter Bürger die Theorie der Avantgarde schrieb, noch halbwegs attraktiv erscheinen - wohl auch noch unter dem Eindruck der Poesie- und Politbewegung von 1968, die ja ebenfalls bestehende Maßstäbe einreißen wollte. Doch was damals so verheißungsvoll klang, hat seinen Kredit längst verspielt. Wer wollte im Ernst noch glauben, über die Erweiterung des Kunstbegriffs die Welt zu verändern? Je größer der zeitliche Abstand, so Bürger heute, umso deutlicher werde darum auch,

dass das Projekt, das die Avantgarden hatten, ein Projekt war, das im Grunde unrealisierbar ist, es ist wirklich eine Revolutionierung der gesamten menschlichen Lebensverhältnisse, also etwas, das weit über politische und soziale Verhältnisse hinausgeht. Und das hat dazu geführt, dass z.B. ein Surrealist wie Naville geschrieben hat, 1927, also auf dem Höhepunkt der Bewegung, als gerade Breton und andere Surrealisten in die kommunistische Partei eintraten: Wir haben nicht gesiegt und unser Sieg wird niemals kommen. Ich denke, man muss das so verstehen, dass darin eine tiefe Verzweiflung steckt über die Möglichkeit einer wirklich radikalen gesellschaftlichen Veränderung. Aber eine Verzweiflung, die sozusagen nicht handlungshemmend ist, sondern die als Impuls aufgegriffen und als Impuls begriffen wird, um es dennoch zu versuchen.

Ein Impuls, der sich auf immer vergeblich regen wird. Denn so leicht lässt sich der Kunstbegiff denn doch nicht überwinden. Auch die Kunst der Avantagarde kommt nämlich um ein traditionelles Charakteristikum der Kunst, den Stilwillen, nicht herum. Konzentriert und planmäßig gehen schließlich auch die Avantagardisten vor. Und auch die Kategorie des Geschmaks können sie allenfalls in eine andere Richtung lenken - nicht aber grundsätzlich aus den Angeln heben.

Noch mehr aber stehen dem Traum der Avantgarde mittlerweile zwei andere Phänomene entgegen: Die durchgehende Ästhetisierung des Alltags und die Ankunft der Provokation im etablierten Betrieb. Wer wollte von der Popkultur noch ernsthafte Verstörungen erwarten, wer rechnete noch damit, sein Weltbild vornehmlich durch die Kunst beeinflusst zu sehen - wo deren Strategien der Verunsicherung längst zum Standardrepertoire der Werbung geworden sind, unter dem Druck des individuell akzentuierten lifestyle zum tagtäglich eingeübten Ritual des Selbstausdrucks geworden sind. Den Streitern der Avantgarde ist längst der Gegner abhanden gekommen. Und das heißt:

Es gibt nicht nur ein Altern der Moderne, es gibt auch ein Altern der Avantgarden. Und der Provokationsgestus, das Erzeugen von Schocks, wirkt nicht mehr. Wenn man sich vorstellt, dass Kreativität heute zum Qualifikationsprofil jedes mittleren Managers gehört, dann kann natürlich von einem Begriff wie dem der Imagination nicht mehr die Strahlkraft ausgehen, die sie im Surrealismus oder bei den Surrealisten hatte. Oder wenn die witzigen Verballhornungen in jedem Zugabteil beginnen, in der Art und Weise, wie dort der Fahrplan ausgelegt wird, der jetzt auch anders heißt, eine Zeitlang hieß er "Ihr Fahrplaner" - wenn also solche Verballhornungen in den Alltag eingehen, dann verlieren dadaistische Wortspiele ihre Kraft. Und die ironische Selbstreklame der Dadaisten wird auch nicht mehr lustig, seit jeder gezwungen ist, mehr oder weniger für sich selbst Reklame zu machen. Also, es gibt ein Altern der Avantgarden, es gibt sicher eine Masse an kultureller Produktion, die überhaupt nicht mehr überblickbar ist.

Was also ließe sich tun? In seinem Kapitel über Joseph Beuys hält Bürger gegen alle bisherigen Einsichten am Begriff der Avantgarde fest. Auch Beuys will - gegen alle historische Erfahrung - die Idee einer revolutionären Kunst nicht verwerfen - und treibt sie darum weit über die Ansprüche der klassischen Avantgarde hinaus. "Alle Fragen der Menschen, zitiert Bürger den rheinischen Künstler, "können nur Fragen der Gestaltung sein, und das ist der totalisierte Kunstbegriff. Er bezieht sich auf jedermanns Möglichkeit, prinzipiell ein schöpferisches Wesen zu sein, und auf die Frage des sozialen Ganzen." Das soziale Ganze - für Beuys eine "soziale Skulptur". Sie zu gestalten, findet Bürger mit Beuys, muss weiterhin Aufgabe der Kunst sein. Die Avantgarden, so seine Schlussfolgerung, lebten darum als vergangene fort - mit einer gewissen Chance sogar zur Wiederauferstehung: "Eine Avantgarde", so Bürger am Ende seines Buches, "wird es nur dann geben, wenn die Konflikte innerhalb der westlichen Gesellschaften ein Bewusstsein für die Unausweichlichkeit radikaler gesellschaftlicher Veränderungen geschaffen haben werden." Ob es dahin kommt? Wenn nicht, bleibt immerhin dieses, Zitat: "Theorie als Trauerarbeit zu praktizieren". Das, könnte man meinen, dürfte die realistischere Erwartung sein. Immerhin dienen die Avantgarden dann noch zu einem: ihn ausgiebig zu kosten, den süßen Geschmack der Melancholie.

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