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StartseiteBüchermarktDas Buch Fritze06.08.2003

Das Buch Fritze

Suhrkamp, 177 S., EUR 7,–

Kritiker sollen und dürfen, weil sie es nicht können, keine Romane schreiben. Erst recht nicht, wenn sie im Hauptberuf als Literaturwissenschaftler lehren. Das analytische Handwerkszeug, so die übereinstimmende Branchenmeinung, gehe selten mit belletristischer Unbekümmertheit einher. Empirisch lässt sich dieses Verdikt durchaus belegen, auch wenn darin eine Portion Neid mitschwingen mag. Wie eine Monstranz tragen deshalb die meisten Spätberufenen einen Namen vor sich her: Fontane, ja, Fontane! Doch der war gelernter Apotheker und später ein Angehöriger der Journaille – alles andere als ein Germanist! Entlastungsangriff fehlgeschlagen.

Florian Felix Weyh

Nun haben wir mal wieder einen Debütanten im besten Fontane-Alter, geboren 1948, ein nach Lebensjahren erfahrungsgesättigter Mann. Friedmar Apel lehrt in Bielefeld Germanistik, rezensiert für eine große Tageszeitung und weiß, wie gute Literatur aussieht. Etwa so: Nicht zu lang (180 Seiten), übersichtlich gegliedert (zwölf Kapitel) und durch einen Anspruch geadelt: die Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik als Erziehungsroman zu erzählen. Held Fritze gelangt Anfang der fünfziger Jahre aus der Obhut seiner DDR-Großeltern in den Westen und versucht, mit dem Aufstiegswahn der kleinbürgerlichen Eltern Schritt zu halten. Statt beruflich und gesellschaftlich Karriere zu machen, rutscht er jedoch in den 68er-Jahren in die Drogenszene hinein, wird zum Kleindealer und Kleinkriminellen, fängt sich bei der Geburt des Kindes noch einmal, um schließlich in den Neunzigern als körperliches und seelisches Wrack zu enden. Keine sehr erbauliche Geschichte, leider auch keine sehr erhellende, denn Apel schildert die Zeitläufte so, wie man sie überall geschildert bekommt. Der Wiedererkennungseffekt streift das Klischee, oder das Klischee löst den Wiedererkennungseffekt aus. Auch das Sujet ist nicht gerade neu; solch mühsame Ost-West-Biographien mit ihren Anpassungs- und Aufstiegsproblemen habe mindestens zwei Belletristen überzeugender bewältigt, Martin Walser in der "Verteidigung der Kindheit" und Michael Kumpfmüller in "Hampels Fluchten". Mit Walsers voluminösen Deutschlandroman hat "Das Buch Fritze" ein konstruktives Moment gemein, von dem man allerdings nicht weiß, ob es Apel vorgefunden oder erfunden hat. Walser schrieb sein Buch über Alfred Dorn nach realem, ihm ausgehändigten biographischen Material; Friedmar Apel erweckt den Anschein, als könne das so sein. Held Fritze führt Tagebuch in Schmierkladden, aus deren Material der eingreifende und ordnende Erzähler eine objektivierte Geschichte in der dritten Person gewinnt. Warum diese Metaebene überhaupt eingeführt wird, bleibt schleierhaft – Futter für die Fachkollegen oder das Unvermögen, sich von seinem wissenschaftlichen Alter ego freizumachen. Die interpretativen Einschübe lesen sich schauerlich gestelzt.

Was Das Buch Fritze freilich von Walser und Kumpfmüller unterscheidet, ist sein strenger formaler Aufbau. Die zwölf Kapitel heißen "Stationen" und entsprechen denen eines Kreuzwegs. Der unangenehm großspurige Held stammt aus dem einzigen strikt katholischen Areal der DDR, dem Eichsfeld in Thüringen, und kann diese Prägung nicht abstreifen. Schuldgefühle über ein verpfuschtes Leben schlagen sich in seltsam religiösen Einschüben nieder und bescheren dem Leser einen möglichen Schlüssel zum Text: "Das Buch Fritze" könnte Drangliteratur sein – nicht Sturm und Drang, denn es stürmt an keiner Stelle –, sondern ein aus innerer Notwendigkeit verfasster Rechenschaftsbericht mit Selbstbeichte in dritter Person. Wie das mit der Biographie des Autors zusammengeht, sei dahingestellt, denn was einen im Inneren zwackt und quält, lässt sich aus den äußeren Lebenstatsachen meist nicht ablesen. Als Germanist wird Friedmar Apel eine solch psychologische Interpretation weit von sich weisen, doch Leser sind keine Germanisten. Sie fragen sich, warum ein qualvolles Leben verquält geschildert werden muss, und kommen zum Schluss, dass der Stoff den Autor so lange gemartert haben muss, bis er ihn endlich zu Papier brachte. Lesen auf eigene Gefahr.

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