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Seit 07:30 Uhr Nachrichten
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie Sehnsucht nach Resonanz24.03.2016

Das Gute Leben Die Sehnsucht nach Resonanz

Von Martin Hubert

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Es scheint ein Bedürfnis nach einer neuen Balance zwischen Mensch und Gesellschaft zu geben, welches auf tiefe Entfremdungserfahrungen reagiert. Das jedenfalls legen zwei Bücher nahe, die sich diesem Thema in unterschiedlicher Perspektive widmen. Das erste haben die Psychoanalytiker Ingo Focke, Elke Horn und Werner Pohlmann im Klett-Cotta-Verlag herausgegeben. Sein Titel: "Erregter Stillstand: Narzissmus zwischen Wahn und Wirklichkeit". Der Kölner Psychoanalytiker Werner Pohlmann beschreibt, was die Autoren mit "Erregter Stillstand" meinen.

"Dass heutzutage, in der gegenwärtigen Kultur, die Erregungen im Grunde genommen leerlaufen. Die Flexibilität, die Beweglichkeit, die ist die Norm und nicht die Ruhe. Und selbst wenn wir uns Ruhe gönnen, dient das eigentlich nur dazu uns noch einmal mehr zu steigern. Dass wir einem Erschöpfungsstolz folgen, als seien wir erst stolz, wenn wir wirklich erschöpft sind und bis über die Grenzen unserer körperlichen Möglichkeiten hinausgehen."

Für Werner Pohlmann ist es daher kein Wunder, dass die Zahl behandelter Burn-out-Erkrankungen und Depressionen von Jahr zu Jahr steigt. Es geht einfach immer weiter, bis man zu spät bemerkt, wie überfordert man ist. Eine ähnliche Diagnose stellt auch der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa in seinem 800 Seiten starken Buch "Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung", das im Suhrkamp-Verlag erschienen ist.

"Es kann sein, dass ich morgen einen anderen Job habe, oder gar keinen Job, dass meine Familie sich auflöst, dass meine religiösen oder politischen Überzeugungen fraglich werden oder sich nicht mehr durchhalten lassen, sodass das heutige Subjekt in einer dilemmatischen Situation sind. Entweder sie akzeptieren Beliebigkeit, morgen kann alles anders sein und geben damit die Idee auf, so etwas wie einen Lebensplan zu entwerfen oder sie halten fest an einer bestimmten Idee, riskieren dann aber zu scheitern, weil die Umweltbedingungen sich ändern."

Rosa macht dafür die Fortschritts-und Steigerungslogik der modernen Gesellschaft verantwortlich, die im permanenten Wachstumszwang des Kapitalismus noch einmal auf die Spitze getrieben wird. Der Mensch müsse immer flexibler werden und sich auf immer neue Anforderungen einstellen, Bedürfnisse nach Identität und Sinn bleiben auf der Strecke. Mit Bezug auf die Berliner Philosophin Rahel Jaeggi sieht Rosa darin einen Zustand der Entfremdung, der als eine Beziehung der Beziehungslosigkeit zu verstehen sei.

"Wenn man zwar in Verhältnissen steht und auch nicht kontaktlos ist oder beziehungslos ist, aber in denen einem alle diese Dinge nicht mehr ansprechen, nicht mehr zusagen, so das man auch das Gefühl hat, ich bin nicht mehr lebendig oder nicht mehr antwortfähig. Und es ist immer ein zweiseitiger Zustand. Das ist nicht nur ein subjektiver Zustand, dass da etwas im Subjekt falsch ist, sondern zwischen Subjekt und Welt herrscht nicht mehr ein lebendiges Antwortverhältnis, das es auf beiden Seiten erlaubt, sich zu transformieren und zu verwandeln."

In den letzten Jahren kamen viele Bücher auf den Markt, die sich der Frage nach dem guten Leben oder der Lebenskunst in der dynamischen Wachstumsgesellschaft widmeten. Hartmut Rosa nimmt diesen Trend auf und versucht ihn in einer "Soziologe des guten Lebens" gesellschaftstheoretisch zu verankern. Soziologie habe zu klären, wie Menschen überhaupt in Beziehung zur Welt treten. Rosa sucht nach einem Gegenprinzip zur Entfremdung, das so elementar ist, dass es allen geistigen und sozialen Prozessen des Menschen zugrunde liegt. Er findet es im Prinzip einer im menschlichen Körper verankerten "Resonanz".

"Also tatsächlich glaube ich, die Beziehung zur Welt ist zunächst eine leibliche, ist eine sinnliche und wird dann aber verändert, bearbeitet, modifiziert und umgedeutet mit kognitiven Apparaten und natürlich mit geteilten Sinnhorizonten, sodass das, was ich versucht habe zu tun, ist tatsächlich diese Schwelle des Übergangs vom leiblichen zu dem, was man als geistig oder kognitiv bezeichnen könnte, zu überwinden, indem sie in dem gemeinsamen Begriff der Resonanz zusammen gebunden wird oder der Weltbeziehung." 

Den Ursprung der Resonanz findet Rosa im frühesten Zustand leiblicher Koexistenz zweier Lebewesen: von Embryo und Mutter.

"Ein Embryo befindet sich immer schon in Resonanzverhältnissen im Mutterleib sozusagen, weil er ist durchpulst vom Blutstrom eines anderen, hört dessen Herzschlag, auch dessen Stimme und stellt sozusagen fest, ich bin einbezogen in ein Beziehungsgeschehen. Und zwar ist dieses Beziehungsgeschehen der Idee eines Bewusstseins oder oder einem Subjekt definitiv vorgängig. Und auch das, was später als Welt begegnen kann, die Objekte, die uns dort begegnen, gehen hervor aus Resonanzbeziehungen, sodass meine These tatsächlich ist: Resonanz ist das ursprüngliche Weltverhältnis eines Menschen, kann man im Atmen, im Essen auch rekonstruieren, im Blick und in der Stimme zum Beispiel. Stimme ist das Organ, mit dem wir Resonanzen erzielen in der Welt und auch erhalten über Andere."

Im Lauf seines Lebens bildet der Mensch zwar ein Bewusstsein davon aus, ein Subjekt zu sein, das der Welt gegenübertritt. Im Grunde aber bleibt er für Rosa immer ein Resonanzwesen, das auf andere Menschen und Dinge bezogen ist und auf Antworten von ihnen wartet. Entfremdung sei dann das Verstummen dieser Resonanz zwischen Mensch und Welt.

Werner Pohlmann, der Mitherausgeber des Buches über den erregten Stillstand, sucht psychoanalytisch nach einem ähnlich gearteten Prinzip wechselseitiger Bezogenheit. Er findet es im Narzissmus. Dieser könne als allgemeiner Mechanismus der menschlichen Psyche gelten und als Maßstab für ein gelingendes oder misslingendes Seelenleben. Denn das weitverbreitete Bild des Narzissten als einer in sich selbst verliebten Person ist für Werner Pohlmann nur die eine Seite der Medaille.

"Das ist nicht etwas als sei das eine spezifische Pathologie, sondern es ist etwas, was unseren Alltag ständig begleitet. Ständig sind wir mit dieser Frage befasst: Was ist stimmig, was bestärkt mich in meinem Selbstgefühl, und was verringert mein Selbstgefühl?"

Dabei seien wir immer auf Antworten anderer angewiesen - ähnlich wie bei Rosa.

"So ist es bei Freud eigentlich gedacht. Der spricht von einem Selbstgefühl in solchen Beziehungen. Wenn wir lieben zum Beispiel, dann haben wir ein Selbstgefühl bei diesem Lieben. Wenn das Lieben ohne Resonanz, ohne Antwort bleibt, dann ist unser Selbstgefühl sehr vermindert, und erst, wenn uns eine Gegenliebe entgegenkommt, dann fühlen wir uns wieder bereichert. Also insofern muss man bei dem Narzissmus-Begriff nicht auf irgend ein Selbst als eine besondere Person oder Entität aus sein, sondern dass wir im Grunde genommen immer in einer Beziehungsfiguration stecken, die eine besondere Qualität, Erlebensqualität hat."

Für Werner Pohlmann und seine Mitautoren ist Narzissmus ein psychisches Grundprinzip, durch das Subjekt und Welt immer schon libidinös, also triebhaft aufeinander bezogen sind und eine "Zweieinheit" bilden. Er spielt daher die gleiche Rolle wie die Resonanz bei Hartmut Rosa. Dieser sucht in einer Art Totalanspruch in seinem Buch nach Spuren der Resonanz in der Freundschaft, der Liebe, der Familie, der Arbeit, Kunst, Religion, Geschichte und Politik. Resonanz sei insgesamt das große Versprechen der Moderne und liege zum Beispiel der Idee der Demokratie zugrunde:

"In der Demokratie erzeugt die Moderne ein unglaubliches Moment oder Instrument zur Herstellung von Resonanz. Das große Versprechen von Demokratie ist, dass jeder Bürger und jede Bürgerin seine oder ihre Stimme einbringen kann in ein Ganzes. Das Problem entsteht dort, wo wir diese Stimme nur noch abgeben und dann aggregieren und dann in dem Sinne stummer Beziehungen Interessen aushandeln, aber die Idee ist tatsächlich, dass wir uns zu der geteilten Lebenswelt in ein Resonanzverhältnis bringen können durch gestaltende Selbstwirksamkeitserfahrungen."

Können wir unsere Stimme noch einbringen im politischen oder im Arbeitsleben oder bleibt es uns fremd? Können wir ein positives Selbstgefühl entwickeln, ohne dabei in übersteigerten Egoismus zu verfallen oder in einen permanenten Leerlauf von Geschwindigkeit und Anpassung? In diesen beiden Fragen verbindet sich die Resonanztheorie von Hartmut Rosa mit dem differenzierten Narzissmusbegriff von Werner Pohlmann und seinen Mitautoren. Die Sehnsucht nach Resonanz bringt den Soziologen dazu, Gesellschaftstheorie im leibhaften Erleben zu verankern. Die Kritik an negativen sozialen Erfahrungen führt Psychoanalytiker dazu, den Narzissmus als eine Resonanzbeziehung in Erinnerung zu rufen. Das Bedürfnis nach einer ins Soziale und Psychologische erweiterten Theorie des guten oder gelingenden Lebens ist unübersehbar. Als Maßstab, um die Beziehung zwischen Mensch und Gesellschaft zu beurteilen, sind beide Begriffe wohl gut geeignet. Allerdings ist der Resonanzbegriff von Rosa so allgemein gefasst und positiv aufgeladen, dass er an Grenzen stößt. Werner Pohlmann.

"Es gibt immer Antworten auf etwas, was gerade passiert, das bleibt gar nicht aus. Und insofern ist Resonanz etwas, was man nicht unbedingt immer nur mit etwas Positivem in Verbindung bringen muss. Wenn die Probleme, die wir in der Frühlingsfrage im Moment haben, wenn da bestimmte Teile der Bevölkerung sagen "Wir sind das Volk", dann ist das natürlich eine Antwort, eine Resonanz auf ein bestimmtes Problem in unserer Gesellschaft - wie man das wertet, ist eine andere Frage!"

Auch Hartmut Rosa gesteht in seinem Buch zu, dass oft Distanz zur Welt nötig ist. Er spricht sogar von einem Recht auf Resonanzverweigerung. Insofern ist die Sehnsucht nach Resonanz selbst wieder etwas, was kritischer Reflexion bedarf.

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, 815 Seiten, Suhrkamp Verlag Berlin 2016, Euro 34,95. 

Ingo Focke, Elke Horn, Werner Pohlmann (Hg): Erregter Stillstand, Narzissmus zwischen Wahn und Wirklichkeit; 300 Seiten, Klett Cotta Verlag 2016 ; Euro 39,95.

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