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StartseiteSport am WochenendeDas Phantom der Seifenoper06.10.2013

Das Phantom der Seifenoper

Der Fall Lance Armstrong beschäftigt nicht nur die Gerichte

Funktionäre, Finanziers, Rechtsanwälte und viele mehr – sie alle arbeiten in den USA den Fall Armstrong ab. So viel steht fest: Der tiefe Sturz wird den ehemaligen Radprofi am Ende sehr viel Geld kosten. Aktuell geht es vor allem um die Frage: Wer kontrolliert das öffentliche Image des berühmtesten Sportbetrügers der Welt?

Von Jürgen Kalwa

Lance Armstrong bei der Tour de France im Juli 2009 (picture alliance / dpa / Christophe Karaba)
Lance Armstrong bei der Tour de France im Juli 2009 (picture alliance / dpa / Christophe Karaba)

Es ist eine illustre Gruppe, die seit rund einem Jahr ein Schauspiel aufführt, für das es weder eine historische Vorlage gibt noch ein Manuskript. Und natürlich auch keinen Titel. Es ist ein Kommen und Gehen mit vielen kurzen Auftritten im Rampenlicht. Mal erlebt man einen Richter, der die Schadenersatzklage amerikanischer Buchkäufer abschmettert, die sich betrogen fühlen, weil ihnen Armstrong einst mit seiner Lügenfibel "Tour des Lebens" das Geld aus der Tasche zog. Mal eine PR-Frau, die die vom Radprofi gegründete Krebsstiftung Livestrong verlässt, die unter einem starken Rückgang an Spenden leidet.

Mal ist es ein Filmemacher wie Alex Gibney, der beinahe mit einer Eloge auf den Radprofi seine berufliche Reputation aufs Spiel gesetzt hätte. Doch weil der Film zunächst im Regal landete, hatte der Oscar-Preisträger Zeit, sich eines Besseren zu besinnen. Die neue Version ist komplett umgeschnitten, angereichert mit erhellenden Interviews und kommt der Wahrheit schon sehr viel näher. Kinostart ist im November. Unter dem Titel "The Armstrong Lie – Die Armstrong-Lüge”.

"In 2009 I set out to make a film about Lance Armstrong’s comeback year.”"

Es begann mit dem Comeback 2009.

""I wasn’t naive about past doping allegation."

Naiv war er nicht, aber er ließ sich einwickeln.

""But I couldn’t help but root for the old pro.”"

Von einem alten Profi, der ihn unverfroren anlog.

""He had lied to me to my face. Straight to my face. All through 2009.”"

Gibneys Film ist Teil der nicht enden wollenden Armstrong-Show, die seit der Fernsehbeichte Anfang des Jahres immer wieder neue Nachrichten produziert. Auch wenn sich der berühmteste Sportbetrüger der Welt im Hintergrund hält, steht er nach wie vor im Mittelpunkt des Interesses: Das Phantom der Seifenoper.

Im Vordergrund: seine Anwälte, die ihm bei sage und schreibe fünf Rechtstreitigkeiten zur Seite stehen. Das Pensum ist beachtlich. Denn sie verhandeln außergerichtlich mit den Kontrahenten über die Schadensersatzansprüche, um eventuell so billiger wegzukommen. Und sie feilschen in den Gerichtssälen um jedes Verfahrensdetail, wodurch sich die Verhandlungen dahinschleppen.

So wird man auf die Klärung vieler Fragen bis mindestens den 21. November warten müssen, wenn Armstrong erstmals unter Eid aussagen muss. Fragen, die auch Gibneys Film nicht beantworten konnte: Wer half alles als Beschaffer in dem Netzwerk? Und was wussten Männer wie Thomas Weisel, der steinreiche Investmentbanker aus Silicon Valley, der den Rennstall aufbaute, der unter dem Namen US Postal Team die Konkurrenz abhängte?

Auch Weisel muss sich übrigens in der von Floyd Landis angestrengten Betrugsklage der amerikanischen Post demnächst erstmals äußern. Und zwar unter Eid. Was nur recht und billig ist. Er soll nämlich einer jener Männer gewesen sein, die 1999 bei der Tour de France halfen, Armstrong vor einer Dopingsperre zu bewahren. Sie brachten einen Arzt dazu, ein vordatiertes Rezept für eine Kortison-Heilcreme auszustellen.
Tyler Hamilton, damals Domestike im Team:

""Ich kann mir nicht vorstellen, dass er überhaupt nichts wusste. Falls doch, dann hat er seinen Job nicht gemacht. Ich glaube, er wollte es nicht wissen.”"

An Weisel fiel ihm vor allem eine Charaktereigenschaft auf.

""Lance ist eine jüngere Ausgabe von Thom Weisel. Beide waren extrem getrieben. Wenn sie sich etwas vornahmen, hast du entweder mitgezogen oder dich ihnen gar nicht erst in die Quere gestellt.”"

Weisel war sein Leben lang ein ambitionierter Sportler, der 1960 nur knapp die Qualifikation zu den Winterspielen im Eisschnelllauf verpasste. Der später intensiv Ski fuhr und sich dort im Verband engagierte. Und der irgendwann den Radsport entdeckte und dort seine Tentakel bis tief ins Management der Organisation ausstreckte. Matt Smith, investigativer Reporter in San Francisco und Autor mehrerer umfassender Berichte über Weisel und sein Wirken:

""Er hatte eine Zeit lang nicht nur die Kontrolle über Armstrongs Team, sondern auch über den Radverband, der die Aufsichtsfunktion hatte. Eine interessante Situation.”"

Zumal Weisel schon immer mehr wusste, als er zugab. Als Investmentbanker hatte er Jahre zuvor die kalifornische Firma Amgen, einen der wichtigsten Hersteller der Doping-Substanz EPO, an die Börse gebracht und dabei nicht schlecht mitverdient. Seine Firma verwaltete jahrelang Geld des ehemaligen Radsport-Präsidenten Hein Verbruggen. Eine weitere Verquickung von Interessen, die nun Stück für Stück entlarvt wird. Verbruggen hielt jahrelang seine Hand schützend über den einstigen Star der Branche.

Der Dokumentarfilm "The Armstong Lie” ist übrigens nicht das einzige Leinwand-Projekt. Insgesamt drei Produktionsfirmen arbeiten an einer Kinoversion des Skandals. Sie werden aber vermutlich nicht alle das Rennen machen. Auch in der Filmindustrie gewinnt meistens nur derjenige, der als erster ans Ziel kommt.

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