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StartseiteWissenschaft im BrennpunktWie uns Stress und Gift stärker machen24.07.2016

Das Prinzip "Hormesis"Wie uns Stress und Gift stärker machen

Gifte, Stress, Strahlung, aber auch Sport oder Fastenkuren können dem menschlichen Körper erheblichen Schaden zufügen. Richtig dosiert können die gleichen Stressoren aber auch die Gesundheit fördern, indem sie die Widerstandskraft stärken. Dieses Prinzip, die Hormesis, beschreibt der Evolutionsbiologe und Wissenschaftsjournalist Richard Friebe in seinem Buch.

Von Michael Lange

Eine Chemieglasflasche mit einem Aufkleber für "giftig" und einem Totenkopf-Symbol (picture alliance / dpa - Fredrik Von Erichsen)
Könnte in kleinen Dosen die Abwährkräfte stärken: Eine Flasche mit dem Warnhinweis "giftig" (picture alliance / dpa - Fredrik Von Erichsen)
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Schon Paracelsus wusste: Die Dosis macht das Gift. Diese Grundregel ist Pharmazeuten und Medizinern bestens bekannt. Was sie nicht beachten, ist die positive Wirkung, die kleine Mengen einer Substanz auf den Körper ausüben können. Bei der Hormesis lernen die Zellen ein Gift kennen und entwickeln Abwehrmechanismen. Die Widerstandskraft wächst. Wenn das gleiche Gift später noch einmal auftritt, ist der Körper besser darauf vorbereitet und kann sich besser schützen. Zugespitzt heißt das: Was uns nicht tötet, macht uns härter. Das gilt nach Ansicht von Richard Friebe auch für Strahlung. Seine Theorie ist nicht unumstritten: Wenn die Reparaturmechanismen durch kleine Strahlungsmengen trainiert sind, können sie besser vor höherer Strahlung schützen.

Der gleiche Mechanismus ist am Werke, wenn Menschen ins kalte Wasser springen oder in der Sauna schwitzen. Eigentlich sind hohe oder niedrige Temperaturen schädlich, aber wer sich ihnen aussetzt, stärkt die Abwehrkräfte. Sie haben sich in Jahrmillionen der Evolution entwickelt. Auch Sport ist nicht per se gesundheitsfördernd. Gewebe werden durch starke Bewegung verletzt und bei hoher Belastung entstehen Giftstoffe, die den Körper schädigen. Aber wie jeder weiß, gibt es einen Trainingseffekt. Wer den Körper im richtigen Rhythmus und im richtigen Ausmaß fordert, trainiert ihn. Die Muskeln, der Kreislauf und der gesamte Körper lernen, mit der Belastung umzugehen, und das ist gesünder, als den Körper stets zu schonen.

Richard Friebe stellt verschiedene Beobachtungen und wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen und stößt überall auf das gleiche Prinzip: Hormesis als Naturgesetz. Seine lockere und einfache Sprache wirkt sehr überzeugend. Leider ist die Anwendung des Prinzips im alltäglichen Leben nicht leicht, denn die hilfreiche Dosis eines Giftes ist meist unbekannt und oft sehr niedrig. Viele der beschriebenen Vorgänge sind bisher kaum untersucht, und die wenigen Studien liefern bisweilen widersprüchliche Ergebnisse. Nicht immer kann der Organismus geeignete Abwehrstrategien gegen Gifte oder Strahlungen entwickeln. Wenn man das bedenkt, erscheint die Vermeidung von Giften oder Strahlung meist sinnvoller als das Vertrauen auf eine unbekannte Hormesis.

Buchinfo:
Richard Friebe: "Hormesis - Das Prinzip der Widerstandskraft" 
Hanser-Verlag, 360 Seiten, 21,90 Euro, ISBN: 978-3446443112

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