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StartseiteMarkt und MedienDas System Berlusconi12.11.2011

Das System Berlusconi

Wie er zum Medienmogul wurde und wie er die TV-Kultur bestimmt

Lange bevor Berlusconi Regierungschef Italiens wurde, hat er die Medienmacht im Land an sich gerissen, drei Fernsehsender nennt er sein eigen. Die Sender zeigen, was Berlusconi will: Belangloses, schöne Frauen. Und spätestens seit 17 Jahren macht auch das Staatsfernsehen, was Berlusconi diktiert.

Von Kirstin Hausen

Berlusconi - Unternehmer, Staatschef, Medienmogul. (AP)
Berlusconi - Unternehmer, Staatschef, Medienmogul. (AP)

Sieben Uhr abends, die Nachrichtensendung TG 4 startet auf Rete 4, einem der drei Mediaset-Sender Silvio Berlusconis.

Zu sehen ist Wellenchef und Moderator Emilio Fede, ein enger Freund Berlusconis. Gemeinsam haben die Männer das TV-Imperium des Noch-Regierungschefs aufgebaut, gemeinsam auch Bunga-Bunga-Parties gefeiert. Fede erklärt dem Fernsehpublikum, wie der angekündigte Rücktritt seines Freundes Silvio Berlusconi zu verstehen ist:

"Berlusconi legt sein Amt nieder? Ja. Berlusconi zieht sich aus der Politik zurück? Nein. Berlusconi wird das Versprechen, sich für sein Land einzusetzen, nicht brechen. Dieses Versprechen, das er dem italienischen Volk vor 17 Jahren gab, schauen wir uns jetzt noch einmal an."

Dann ein Video, das Berlusconi 1994 über seine Sender flimmern ließ. Es zeigt den Unternehmer in Bestform. Jünger, ausgeruhter, fröhlicher als heute. Emilio Fede strahlt, während er sich erinnert.

"Es ist viel Zeit vergangen seit damals, aber er hat 17 Jahre seines Lebens der Führung dieses Landes gewidmet und es ist undenkbar, dass er aus der Politik verschwindet","

huldigt Fede seinem Freund Berlusconi auf dessen Fernsehkanal. Objektive Berichterstattung sieht anders aus. Aber wie, das wissen viele Fernsehzuschauer in Italien wahrscheinlich gar nicht mehr. Denn seit Silvio Berlusconi vor mehr als 30 Jahren in die Medienbranche eingestiegen ist, hat er das italienische Fernsehen radikal verändert - inhaltlich und personell. Die Moderatorinnen der staatlichen Nachrichtensendungen seien zu düster und zu pessimistisch, die könne man den Italienern nicht beim Abendessen zumuten, hat Berlusconi einmal moniert. Äußeres ist wichtig - Inhaltliches nicht so ganz. Marschroute für seine Fernsehprogramme.

Gesangswettbewerbe, Talk Shows, Telenovelas, Reality-Formate. Der Großteil der Berlusconischen Fernsehprogramme. Die Zuschauer sind begeistert. Nicht nur die älteren, die den Knopf zum Abschalten nicht finden, wie Berlusconis Gegner gerne lästern - sondern auch die Unter-20-Jährigen.

Junge: ""Wir gucken diese Programme, aber nur so nebenbei, wenn wir darauf warten, dass das Abendessen fertig wird."

Mädchen: "Mir gefällt diese Realityshow, klar ist die dämlich, aber so verbringe ich einen lustigen Nachmittag."

Es scheint, als sollen die drei Mediaset-Sender Italia uno, Canale cinque und Rete quattro nicht über die Probleme Italiens informieren, sondern von ihnen ablenken. Dabei gibt es geltendes Recht, welches genau das verhindern soll.

Laut italienischer Verfassung darf eine Privatperson höchstens zwei überregionale, via Antenne empfangbare Sender besitzen. Einer der drei Berlusconi-Kanäle hätte folglich längst abgeschaltet oder verkauft werden müssen. Schon seine Gründung war illegal. Sowohl das italienische Verfassungsgericht als auch der Europäische Gerichtshof haben das in Urteilen unterstrichen. Doch die blieben für Berlusconi folgenlos. Als Regierungschef hat er für seinen Fernsehsender Rete quattro ein Spezialgesetz durchgesetzt, das dessen Existenz sichert. Deshalb kann Emilio Fede nach wie vor jeden Abend auf Sendung gehen.

Silvio Berlusconi und das Fernsehgeschäft. Seit 1978 mischt der ehemalige Bauunternehmer mit. Zuerst gründet er Milano 2, einen Fernsehsender für seine Trabantenstadt am Rand von Mailand, dann kauft er mehrere Regionalsender auf einen Schlag. Um die Preise für Werbeunterbrechungen steigern zu können, muss er seinen Werbe-Kunden höhere Einschaltquoten bieten. Deshalb lässt er Videokassetten abspielen, die auf allen Sendern das gleiche Programm zeigen. Amerikanische Filme und Soap Operas, billig synchronisiert.

So wird aus den Regionalsendern praktisch ein landesweiter Kanal. Ein gesetzeswidriges Vorgehen, aber Berlusconi hat damals einen mächtigen Verbündeten in der Politik, den mehrfachen Ministerpräsidenten Bettino Craxi. Er schneidert Berlusconi das passende Gesetz auf den Leib. Als Craxi stürzt, später wegen Korruption zu 28 Jahren Haft verurteilt wird und nach Tunesien ins Exil flieht, ist es für Silvio Berlusconi soweit. Er selbst wird derjenige, die seine wirtschaftlichen Interessen über die Politik absichert. Am 26. Januar 1994 verkündet Berlusconi seine Kandidatur für das Amt des italienischen Ministerpräsidenten - in seinem Fernsehprogramm.

"Italien ist das Land, das ich liebe. Hier habe ich meine Wurzeln und meine Hoffnungen. Ich habe beschlossen, mich um das Gemeinwohl zu kümmern, weil ich nicht in einem unfreien Land leben will."

Er gewinnt die Wahl und ein Kreislauf beginnt. Berlusconi setzt seine Medienmacht ein um das Amt des Regierungschefs zu halten. Und er nutzt sein Amt als Regierungschef, um sein Medienimperium zu schützen und damit reichlich Profit zu machen. So beschloss seine Regierung in den Jahren 2004 und 2005 staatliche Subventionen für den Kauf von Decodern für den Empfang digital-terrestrisch ausgestrahlter Programme. Decoder, die Berlusconis Mediaset später auf den Markt brachte.

Kritik: Unerwünscht! Bei seinen eigenen Sendern genügt ein Anruf in der Redaktion, um kritische Berichte zu unterbinden. Selbst beim staatlichen Fernsehen RAI ist Berlusconis Einfluss deutlich spürbar. Denn in Italien besetzen die Regierungsparteien die Führungspositionen in der RAI mit ihren Wunschkandidaten. Und das sind Berlusconis Gefolgsleute. Sie haben im Laufe der Jahre fast alle unbequemen Journalisten entlassen oder vergrault und kritische Sendungen eingestellt. Prominentes Beispiel: Michele Santoro und sein Quotenhit "Anno zero". Einmal die Woche nahm er für das zweite Programm der RAI die Arbeit der Regierung unter die Lupe, jetzt macht er das auf eigene Faust im Internet. Mit einer Sendung, finanziert durch Spenden.

"Die Zukunft des staatlichen Fernsehens" nennt Michele Santoro seine unabhängige Informationssendung. Eine optimistische Einschätzung, denn selbst wenn Berlusconi die politische Macht und damit auch den Einfluss auf das Staatsfernsehen verliert, so hinterlässt er doch ein Trümmerfeld. Die Berlusconisierung der Medienlandschaft lässt sich nicht so schnell wieder rückgängig machen.

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