• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 10:10 Uhr Marktplatz
StartseiteWissenschaft im BrennpunktDas verordnete Geschlecht06.07.2008

Das verordnete Geschlecht

Neue Einblicke in Trans- und Intersexualität

Die meisten Männer fühlen sich als Männer, Frauen als Frauen. Doch gibt es auch Menschen, die weniger männlich oder weiblich fühlen, als sie äußerlich erscheinen. Wieder andere fühlen sich überhaupt nicht dem Geschlecht ihres Körpers zugehörig. Sie sind transsexuell. Intersexuelle dagegen kämpfen damit, dass ihre körperlichen Geschlechtsmerkmale nicht klar ausgeprägt sind.

Von Thekla Jahn

Echte Kerle und wahre Frauen - manchmal ist es doch schwieriger. (AP)
Echte Kerle und wahre Frauen - manchmal ist es doch schwieriger. (AP)

"Wenn jemand, der noch nie etwas von Intersexualität gehört hat, Intersex hört, dann geht bei ihm sofort ein Fenster auf, nämlich Sex und das ist das, was die meisten von uns überhaupt nicht haben. Denn es hat überhaupt nichts mit irgendwelchen sexuellen Praktiken oder Vorlieben oder Neigungen zu tun, sondern es ist schlicht und ergreifend ein körperlicher Zustand."

Katze, ich sage Dir, es gibt keine Katzen. Doch glaub mir. Es gibt nur Fische und Vögel. Und Du bist wohl eher ein Vogel. Also pass auf, ich papp Dir Flügel an, den Trick wird schon niemand bemerken und deine Vorderbeine bind ich Dir an den Bauch - sieh Dich an: ganz ansehnlich dafür, dass Du keiner von ihnen bist."

"”Ich bin glücklich, dass ich es gemacht habe, denn ich wurde in der Verkleidungsrolle Mann immer unglücklicher. Ich war am Rande der Frage: Kleid oder Kiste."

Das verordnete Geschlecht
Neue Einblicke in Trans- und Intersexualität"
Von Thekla Jahn

"Wo fängt Mann an, wo hört Frau auf – diese Frage, wenn man die mal ganz objektiv stellt, wer entspricht eigentlich diesem Bild. Also eine Frau ist 1,68 groß, hat eine Klitoris, 0,5 cm groß, Schamlippen Größe x, die Erregbarkeit muss so und so sein, die Menstruation hat mit zwölf Jahren einzutreten. Und was ist eigentlich ein Mann, bei dem nicht alles im Normbereich ist – was ist denn eigentlich ein Normbereich, was ist denn eigentlich normal? Wollen wir denn immer Normalität? Wir wollen doch alle was Besonderes sein. Und da wollen wir auf einmal ganz stramm nur Männer und Frauen sein, und können überhaupt nicht ertragen, dass es noch etwas gibt, etwas Unbekanntes, was wir nicht kennen und das uns so viel Angst macht."

Lucie ist eine so genannte XY-Frau. Das heißt, genetisch gesehen ist sie ein männliches Individuum, äußerlich ist sie ganz klar eine Frau - bei der im Bauchraum jedoch keine Eierstöcke, sondern haselnusskleine Hoden angelegt waren.

Am Anfang des Lebens sind alle Menschen Zwitter. Bei der Befruchtung wird zwar das Kerngeschlecht festgelegt – zwei X-Chromosomen stehen für weiblich, ein X- und ein Y-Chromosom für männlich. Doch in den ersten sechs Wochen haben alle Feten die Anlagen für beide Geschlechter. Erst danach reifen entweder Eierstöcke oder Hoden, die wiederum geschlechtsspezifische Hormone bilden und so die Entwicklung zum Mädchen oder Jungen steuern.

Dieser "normale" Ablauf kann durch ganz unterschiedliche Faktoren gestört werden. Eine der häufig vorkommenden Varianten, ist die so genannte Androgenresistenz – die auch bei Lucie vorliegt. Konkret heißt das: die Hoden schütten männliche Geschlechtshormone aus, diese Hormone werden jedoch von den Körperzellen ignoriert und bleiben wirkungslos. Äußerlich weiblich entwickelt, wusste Lucie lange nichts von ihren innen liegenden Hoden:

"Als ich 23 Jahre war, bekam ich eine Blutung und mit dieser Blutung bin ich sofort ins Krankenhaus. Und dann haben mich 27 Ärzte in 14 Tagen untersucht: anal, rektal, Bettdecke hoch, Bettdecke runter, Beine breit und, und, und – das hat mit sehr erniedrigt, diese Prozedur, und dann hat man mir gesagt, dass ich das falsche Geschlecht hätte, ähm, was mich in eine schwere Identitätskrise gebracht hat, denn ich habe gedacht ich wäre eine Frau. Ich hatte Brüste, was sollte ich meinem Mann erzählen, dass er schwul ist, und was bin ich jetzt selbst?"

Lucie ist kein Einzelfall. Und Lucies Fall ist auch nicht so selten, wie man glauben möchte. Dabei ist ihre Androgenresistenz nur eine der vielen möglichen Variationen bei der Geschlechtsentwicklung. Manchmal verteilen sich die Chromosomen nicht richtig oder die Hormonbildung ist gestört oder aber die Rezeptoren für Hormone funktionieren nur teilweise oder gar nicht. Intersexualität hat viele Gesichter. Manche intersexuelle Menschen weichen nur etwas von der männlichen oder weiblichen Norm ab, bei anderen ist das Geschlechtsorgan eindeutig uneindeutig. Selten sind dagegen die Fällen, in denen ein Mensch Hoden und Eierstöcke hat. Insgesamt - so Professor Hertha Richter-Appelt, Leiterin der Hamburger Forschungsgruppe Intersex, ist von folgenden Zahlen auszugehen:

"Also man sagt heute – das sind aber Schätzungen – dass Intersexualität 1:2000 auftreten soll, in der allgemeinen Bevölkerung, das heißt ein Kind unter 2000 Kindern ist betroffen. Ähm. Es gibt natürlich immer eine große Dunkelziffer."

Biologische Zwitter- also zweigeschlechtliche Individuen – werden als Hermaphroditen bezeichnet. Dieser Begriff geht auf die griechische Mythologie zurück. Der Götterbote Hermes und die Schönheitsgöttin Aphrodite zeugten Hermaphrodit. Das Zweigeschlechterwesen vereinte die Vorzüge des weiblichen und des männlichen Prinzips in seinem Körper.

Lucie:

"Ich kenne kaum eine zwischengeschlechtliche Person, die das als positiv Besonderes sehen würde, sondern eher als Makel. Wir empfinden das oft als Makel. Die Medizin erzählt es ja heute noch den Eltern, die ein zwischengeschlechtliches Kind bekommen: ‚Ja wenn irgendwann Situationen im Sport, unter der Dusche, und die sehen, das das anders aussieht untenrum, das wäre die große Katastrophe und dafür wäre jedes Mittel recht, das zu verhindern’."

"Katze, deine Vorderbeine binde ich dir an den Bauch, sieh dich an- ganz ansehnlich dafür, dass du kein Vogel bist."

Richter-Appelt:

"Intersexualität ist prinzipiell eine Auffälligkeit der körperlichen Geschlechtsentwicklung, das heißt, das sind Personen, wo unter Umständen der männliche oder weibliche Chromosomensatz nicht übereinstimmt mit dem üblichen äußeren Erscheinungsbild. Unter Transsexualität versteht man ein Phänomen, dass Menschen einen biologisch völlig unauffälligen Körper haben, aber von sich aus das Gefühl haben im falschen Körper zu leben. Und ein biologischer Mann sagt, ich bin eine Frau und eine biologische Frau sagt, ich bin eigentlich ein Mann."

Katrin Alter:

"Ich hab mitgekriegt, dass die Erwachsenen etwas anderes von mir erwarten, als ich selber fühle, und ich hab versucht abzuschauen, was machen die anderen und hab es wie eine Fremdsprache gelernt, das Verhalten von einem Jungen. Bin also zweisprachig aufgewachsen: innerlich Mädchen, äußerlich Junge. Es gab einen Knackpunkt, da war ich 10 Jahre alt. Da mein Vater mich ins Schlafzimmer gezerrt hat, mich gezwungen hat mich nackt auszuziehen, auf den Spiegel gedeutet und gesagt hat: schau genau hin, dann weißt Du, was du bist ,und wenn ich Dich noch mal dabei erwisch, bei dem Blödsinn, dann kriegst Du es mit dem Riemen – hab ich mich an den Rat meines Vaters gehalten. Ich hab mich nicht mehr erwischen lassen."

Helmar hat nur noch heimlich Frauenkleider angezogen und nach außen hin das Leben eines Mannes geführt, war 23 Jahre verheiratet, hat zwei Kinder gezeugt, diesen aber erst im Erwachsenalter von seinem Wunsch, eine Frau zu sein erzählt. Katrin Alter:

"In der damaligen Zeit wollten wir Kindern ersparen, durch den Aspekt, dass Transsexualität ins Perverse oder Rotlichtmilieu geschoben wurde, dass sie diesem Druck ausgesetzt sind. Gott sei Dank ist es ja heute nicht mehr so stark, es ist eine größere Offenheit da."

Sein Outing hatte Helmar, heute Katrin, 1994 - mit 49 Jahren. Ein klarer Schnitt; es folgte eine gegengeschlechtliche Hormonbehandlung bei dem Urologen Dr. Sassan Nazari, der ihn zuvor eingehend beriet. Nazari:

"Fakt ist aber, das ist zumindest meine persönliche Erfahrung, dass man manchmal gar nicht so recht weiß, was ist der richtige Weg, was ist letztlich das, was diesem Menschen gut tut. Ist letztlich das Nachgeben nach diesem Bedürfnis das Richtige, angefangen von der Kleidung über gegengeschlechtliche Hormonbehandlung und OP, Epilation, all diese Dinge die dazugehören, oder wäre der richtige Weg, dass man mit Hilfe einer Psychotherapie versucht, das anderweitig, sagen wir mal, in den Griff zu bekommen?"

Katrin Alter:

"Ich bin glücklich, dass ich das gemacht habe, ich brauchte mich nicht mehr verstellen, ich kam mit 50 Jahren in die Pubertät."

Sassan Nazari:

"Aber es gibt Verläufe, gerade just hatte ich eine Patientin in Behandlung, sie war fast anderthalb Jahre bei mir mit einer gegengeschlechtlichen Behandlung, war noch nicht operiert und wollte dann sozusagen wieder Mann sein und hat mich gebeten die Hormonbehandlung wieder abzusetzen, was dann auch nicht ganz so einfach ist, mitunter."

Transsexualität ist in der Öffentlichkeit sehr viel bekannter als Intersexualität, doch sie kommt weitaus seltener vor. Experten schätzen heute, dass auf 40.000 Menschen eine transsexuelle Person kommt, aber 20 intersexuelle Menschen. Woran liegt es, dass ein Mensch wie Helmar - jetzt Katrin – "transsexuell" fühlt? Der Lübecker Endokrinologe Professor Olaf Hiort:

"Die Ursachenforschung bewegt uns sehr heute. Techniken der Molekularbiologie und der Molekulargenetik lassen bessere Erkenntnisse erhoffen, warum sich die Menschen wie entwickeln."

Doch bislang sind die Ursachen der Transsexualität weitgehend unklar. Das Problem: Untersuchungen am Gehirn waren bis vor kurzem nur post mortem möglich, also nach dem Tod. Dabei fanden die Ärzte unter anderem Veränderungen am Hypothalamus. Doch diese Strukturveränderungen am Gehirn könnten sowohl Ursache der Transsexualität sein, als auch Folge der Lebenserfahrungen der betroffenen Menschen. Sie taugen daher nicht als Beweis für die Existenz eines "transsexuellen Gehirns". Hiort:

"Wir gehen schon davon aus, dass irgendetwas, wahrscheinlich eine biologische Grundlage dafür in irgendeiner Form existieren sollte. Aber bewiesen ist sie noch nicht."

Anders sieht es bei der Intersexualität aus. Hier gibt es erste Antworten auf die Frage, was zu einer der verschiedenen Formen der abweichenden Geschlechtsentwicklung führt. Hiort:

"Letztlich ist es bei den Störungen, die wir betrachten, fast immer eine genetische Ursache, wir haben es also mit Gendefekten oder Genstörungen zu tun, bei denen bestimmte Eiweiße, die für die Entwicklung von Organen notwendig sind, also Katalysatoren der Hormonbereitstellung nicht richtig gebildet werden können oder bei denen diese Rezeptoren nicht richtig funktionieren. Ähm, es wäre möglich, dass wir eine Störung haben, die vielleicht durch hormonelle Einflüsse oder durch Umwelteinflüsse geprägt wäre – wir wissen heutzutage, dass zum Beispiel Frühgeburtlichkeit schon ein Risikofaktor dafür darstellt oder Mangelgeburtlichkeit, wenn ein Kind zu klein für sein Schwangerschaftsalter ist, dass solche Dinge schon das Risiko für eine Störung der Geschlechtsentwicklung erhöht."

Auch eine Unausgewogenheit der mütterlichen Hormone oder eine Hormontherapie während der Schwangerschaft können entsprechende Auswirkungen haben, sagt Professor Olaf Hiort über den derzeitigen Wissenstand. Er ist Sprecher der Forschungsgruppe Intersex und koordiniert von der Medizinischen Universität Lübeck aus mehrere bundesweite Studien zum Thema Intersexualität.

Wenn ein Kind zur Welt kommt und die Hebamme im Kreißsaal keine eindeutige Antwort hat auf die Frage: "ein Mädchen oder ein Junge?" , sind die Eltern erst einmal schockiert; verwirrt; viele empfinden es sogar als Kränkung. Und ringen mit der Frage: was tun. Manche Menschen werden mit einem uneindeutigen Geschlecht geboren, andere haben ein zunächst eindeutig wirkendes Geschlecht, das sich erst in der Pubertätsphase umkehrt. Damit Eltern wie Kinder hierauf vorbereitet sind, ist eine frühe Bestimmung von Chromosomensatz und Hormonstatus unerlässlich.

"Was ganz wichtig ist, dass sehr früh mit den Eltern besprochen wird, dass es in der Auseinandersetzung um das Kind geht. Also, dass ich keine Maßnahmen machen darf, nur weil die Eltern eigentlich nicht mit dem Problem zurechtkommen, sozusagen OPs zu machen, nur weil die Eltern meinen, vielleicht kriege ich es doch noch hin, dass mein Kind völlig unauffällig ist. Das ist ein Problem, das man mit Eltern besprechen soll","

meint Professor Hertha Richter-Appelt – Psychoanalytikerin am Institut für Sexualforschung des Universitätskrankenhaus Hamburg Eppendorf aufgrund der Ergebnisse einer Studie, die sie derzeit leitet, einer Studie über die Lebensbedingungen und Erfahrungen erwachsener intersexueller Menschen. Richter-Appelt:

""Über Jahre war der Behandlungsansatz Intersexualität, dass man sowohl den Kindern und Eltern gesagt hat, sie sollen möglichst niemanden etwas davon erzählen, dass das Kind intersexuell ist. So dass wir in einer großen Nachuntersuchung, die wir gemacht haben, sehr viele erwachsene Intersexuelle gefunden haben, die zum Teil über 18 Jahre alt waren und ihre Diagnose immer noch nicht gekannt haben."

So wie Christiane V. Sie kam mit einem Genital zur Welt, dass die Hebamme als Penis wertete. Und so wurde sie als Junge erzogen. Eine Rolle, in der sie sich immer unwohl fühlte. Als sie 17 Jahre war, stellten die Ärzte fest, dass sie zwei X-Chromosomen hat, also weiblich ist. Trotzdem entnahm man ihr Gebärmutter und Eierstöcke und gab ihr männliche Hormone. Alles ohne sie aufzuklären. Erst mit 44 Jahren erfuhr Christiane V., dass sie intersexuell ist. Nach einer schweren Identitätskrise entschloss sie sich, den Arzt zu verklagen, der ihre weiblichen Geschlechtsorgane entfernt hat. Ein Präzedenzfall, der im vergangenen Jahr durch die Medien ging. Christiane V. hat den Fall in erster Instanz gewonnen. Die Klinik des Arztes hat Berufung eingelegt.

Operationen an den Geschlechtsteilen folgen einem Grundprinzip. Sie orientieren sich an der Tatsache, dass alle Menschen im embryonalen Stadium gleich sind: Das Gewebe, das bei Jungen zum Hodensack wird, wird bei der Frau zu den Schamlippen; was beim Jungen zur Eichel wird, wird beim Mädchen zur Klitoris. Die häufigste, weil einfachere Operation ist die hin zum weiblichen Genital. Sassan Nazari:

"Das Grundprinzip ist, die Hoden zu entfernen, aus der Haut des Hodensacks werden die Schamlippen gebildet, der Penis wird - wenn Sie so wollen - ausgeschält, die Haut bleibt bestehen, die Schwellkörper werden entfernt, aus der Haut des Penis wird die Scheide gebildet und aus einem Teil der Eichel wird die Klitoris gebildet. Das geht nicht so ohne weiteres. Sie müssen erstmal so eine Art Höhle formen, die zwischen Enddarm und Blase liegt und dann wird das ganze nach innen gestülpt und befestigt und dient dann als Neo-Vagina oder neu gebildete Vagina. Also die Patienten sind orgasmusfähig. Wenn es gut funktioniert, sind die Patienten orgasmusfähig."

Dass es bei einer derartigen Operation zu Komplikationen kommen kann, ist klar. Wird im Kindesalter operiert, wachsen die Narben mit. Lebenslange Schmerzen sind nicht auszuschließen. Manchmal ist es auch so, dass nicht genug vom Schwellkörper entfernt wurde, und dann erleben die Betroffenen bei sexueller Erregung eine Art Erektion, die sehr unangenehm ist. Außerdem muss die neu gebildete Vagina immer wieder bougiert, also mit dem Finger oder einem Stab aufgedehnt werden, sonst würde das Gewebe an dieser Stelle wieder zuwachsen.
Für operierte Kinder ein Trauma, wie Studien heutzutage belegen. Professor Hertha Richter-Appelt:

"Bei den Transsexuellen drängen die Betroffenen, dass sie operiert werden, bei den Intersexuellen drängen die Ärzte und Eltern, dass sie operiert werden sollen."

Intersexuelle wie Lucie, die sich mittlerweile bei der Selbsthilfegruppe XY-Frauen engagiert, sind deshalb vor allem gegen Behandlungen im Kindesalter. Lucie:

"Es geht uns um die Einwilligung. Wir sagen generell Nein bei Kindern, wir sagen generell Nein ohne Zustimmung und ohne Aufklärung."

Lucie ist selbst eine gebrannte Frau. Zwar wurde sie nicht im Kindesalter operiert. Doch über die Entfernung ihrer innen liegenden Hoden wurde sie auch mit Anfang 20 vom behandelnden Arzt nicht richtig aufgeklärt. Lucie:

"Er hat mir natürlich nicht gesagt, wie wichtig die für mich sind. Dass das meine kleinen Chemiefabriken im Körper sind, und was es macht, wenn ich diese Hormone einfach nicht mehr bekomme, die ja zu meinem Körper gehören. Das wusste ich aber nach der OP. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es keine Probleme mit Libido, mit guter Laune und Lebensfreude. Was sich dann dramatisch änderte. Ich wurde zu einem trüben, traurigen, depressiven Menschen."

Offenbar hatte das Testosteron in Lucies Körper trotz der Androgenresistenz eine gewisse Wirkung.

"Dies müssen wir ernst nehmen, obwohl wir das überhaupt nicht verstehen, denn die männlichen Hormone können anscheinend gar nicht wirken, …wahrscheinlich haben diese ganzen Hormone schon sehr unterschiedliche Wirkungsweisen, die wir heutzutage noch gar nicht absehen können","

sagt der Endokrinologe Professor Olaf Hiort. Eine entsprechende Studie ist von seiner Lübecker Forschergruppe geplant und liegt derzeit zur Genehmigung beim Bundesforschungsministerium.

Wie leben Intersexuelle, wie erleben sie sich? Erste Ergebnisse der Hamburger Forschergruppe zeigen, zwei Drittel dieser Menschen sind traumatisiert: durch das Gefühl ihr Anderssein verstecken zu müssen, durch die als übergriffig empfundenen Behandlungen ohne Mitspracherecht, durch die Untersuchungen von neugierigen Ärzteteams.

""Ich glaube, die Traumatisierung dieser Situationen wurde sehr unterschätzt, auch diese Fotografien. Die wurden ja alle, oder viele von ihnen, oft fotografiert und darauf wurde keine Rücksicht genommen, dass das sehr schambesetzt ist","

sagt die Psychoanalytikerin Professor Hertha Richter-Appelt. Viele Intersexuelle leben ein nach außen unauffälliges Leben, aber sind sozial isoliert. Richter-Appelt:

""Es ist so, dass deutlich mehr alleine leben. Was die sexuellen Aspekte angeht, ist es so, dass ganz viele Angst vor sexuellen Kontakten haben, weil sie Angst haben: Wie sage ich es meinem Partner, sag ich es ihm überhaupt, könnte er beim Geschlechtsverkehr entdecken, dass bei mir etwas anders ist; viele haben auch wirklich Erregungsprobleme. Da ist ein sehr großes Dunkelfeld, wo man noch sehr wenig darüber weiß."

Das Leben der Transsexuellen ist nach außen hin keineswegs unauffällig. Sie fallen trotz Hormonbehandlung und geschlechtsangleichender Operation auf – wenn sie sich denn zum Outing entschlossen haben, was aber nicht heißt, dass sie sozial dadurch besser integriert sind.

"Ich versuche dem Menschen klarzumachen: falls du transidentisch bist, geht es nicht darum, ob Du als Mann oder Frau lebst. Wenn Du nicht gleichzeitig Deine soziale Perspektive und Dich selbst als Mensch weiterentwickelst, ist es völlig egal, in welcher es dir chancenlos oder beschissen geht","

meint Katrin Alter, die seit ihrem Outing engagierte Lobbyarbeit für Transsexuelle macht. Transsexuelle haben sich in den vergangenen Jahren offensiv in den gesellschaftlichen Diskurs eingemischt. Präsentieren sich auch öffentlich, beispielsweise beim Christopher Street Day. Intersexuelle Menschen dagegen fangen erst langsam damit an, auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Das Internet erleichtert in diesem wie in jenem Fall die Suche nach Gleichgesinnten, nach Experten, nach Hilfe - auch für betroffene Eltern. Hertha Richter-Appelt:

""Was wir auf jeden Fall machen sollten, wir sollten Kinder in einem Geschlecht erziehen. Es gibt Versuche, Kinder intersexuell zu erziehen. Ich glaube, da ist ein Kind überfordert. Und ich denke, wir müssen Eltern sagen, sie müssen damit rechnen, dass ihr Kind unter Umständen das Geschlecht wechseln möchte, weil es doch einige gibt, die das machen."

Dasselbe gilt für Kinder, die transsexuell fühlen. Übereinstimmend fordern alle Betroffenen und alle näher mit Transsexualität und Intersexualität befasste Ärzte mittlerweile: medizinische Eingriffe in Form hormoneller oder operativer Behandlungen erst in einem Alter vorzunehmen, in dem der Patient bewusst selber entscheiden kann – und: das Anderssein dieser Menschen einfach auszuhalten. Professor Hertha Richter-Appelt.

"Ich finde da ein sehr interessantes Experiment: Bei Kleinkindern im Alter von acht Monaten hat man beobachtet, wenn man denen Bilder zeigt von Frauenköpfen und Männerköpfen, die typischerweise in der Gesellschaft auftreten. Das Kind, das weiß noch gar nicht, was Mann oder Frau ist, und hat auch keine Sprache dafür, aber hat schon mitgekriegt, es gibt zwei Kategorien. Und man zeigt ihnen Bilder mit nicht eindeutigen Köpfen, dann geht der Herzschlag hoch, das heißt, das Kind wird unruhig. Wo immer das herkommt, aber es ist ein sehr tiefes inneres Bedürfnis zu kategorisieren. Und ich glaube letztlich ist es eine gewisse Anforderung an unsere menschliche Reife zu sagen: Ich muss nicht immer alles in zwei Kästchen packen, sondern ich kann es sehr gut aushalten, dass auch etwas dazwischen ist. Ich glaube, wenn man zu dieser Auffassung kommen könnte, dann hätten es die Intersexuellen auch sehr viel einfacher in unserer Gesellschaft."

Lucie:

"Ich glaube, dass das ein großer Unterschied ist zwischen Intergeschlechtlichkeit und Transsexualität, dass in der Transsexualität dieses Zweigeschlechtersystem gebraucht wird, um diesen Rollenwechsel tatsächlich vollziehen zu können und dass bei der Intergeschlechtlichkeit das eigentlich keine Rolle spielt, weil wir in diesem großen Meer zwischen diesen beiden Endpunkten – ich nenne das einfach Frau als Rot, Mann als Blau – dann sind wir irgendwo dazwischen. Irgendein Violett-Ton."

"Katze ich sage Dir, es gibt nur Fische und Vögel. Es gibt keine Katzen. Doch glaube mir."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk