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StartseiteKultur heuteDas wirkliche Leben im Film05.01.2009

Das wirkliche Leben im Film

Bulgariens Dokumentarfilmer erzählen mit internationalem Erfolg von ihrem Land

Als Filmland ist Bulgarien in den vergangenen Jahren vor allem durch seine Filmstudios in Erscheinung getreten. Die Traumfabriken in Sofia machten denen in Potsdam oder in München heftig Konkurrenz. Bulgarien ist bisher also vor allem Kulisse. Die Arbeiten bulgarischer Filmemacher kommen dagegen selten bei uns ins Kino. Doch Dokumentarfilmer aus Bulgarien verbuchen mit ihren Werken internationale Erfolge.

Von Simone Böcker

Drehbücher, die das Leben schreibt (Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski)
Drehbücher, die das Leben schreibt (Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski)

Ein Heim für psychisch kranke Männer irgendwo in den Weiten der bulgarischen Landschaft. Mittendrin: der Psychiater und Direktor Georgi Lulchev und sein Glaube an den Erfolg unkonventioneller Ideen. Der Film "Georgi und die Schmetterlinge" erzählt eine komische und poetische Geschichte voller Optimismus und schräger Figuren, gleichzeitig ein sensibles Porträt der Heimbewohner und ihres grandiosen Direktors. Irgendwelche Ähnlichkeiten mit lebenden Personen? "Georgi und die Schmetterlinge" ist so spielfilmerisch erzählt, dass die Tatsache überrascht, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt.

"''Manchmal sagen die Leute, das ist gar kein Dokumentarfilm. Aber wer weiß schon, was Dokumentarfilm ist? Alle Personen und ihre Geschichten sind echt, aber wir versuchen, sie so agieren zu lassen wie im Spielfilm. Dabei reflektieren sie gleichzeitig das surreale Land, in dem ich lebe. Das ist eine wirklich interessante Art, surreale Filme zu machen, die aber real sind.''"

Andrey Paounov ist der Regisseur des Films, der schon zahlreiche Preise gewonnen hat. Von Anfang an war er beeindruckt von Georgi Lulchevs verrückten Ideen, das Heim aus der finanziellen Misere herauszuholen. Ein Jahr lang begleitete der Regisseur und sein Team den Heimleiter, der sich selbst als "hyperaktiven Psychopaten" bezeichnet, bei der Realisierung seiner Geschäftskonzepte: Ob Schneckenzucht oder Straußenfarm, jedes Projekt ist letzten Endes zum Scheitern verurteilt, was aber dem Enthusiasmus des Direktors keinen Abbruch tut. Andrey Paounov arbeitet prinzipiell ohne Skript. Doch die Szenen, die dabei entstehen, wirken wie aus einem Drehbuch: gleichzeitig inszeniert und trotzdem ganz natürlich.

"Für mich ist immer die große Frage: warum soll ich Geschichten erfinden, wenn es so viele tolle Geschichten gibt in der Welt. In dieser Hinsicht sind wir in diesem Land gesegnet, weil so viele aufregende Dinge passieren. Natürlich in erster Linie wegen der Nachwendezeit, in der die gesamte Gesellschaft einen Transformationsprozess durchmacht. Wie eine Metamorphose. Jeder verändert sich. Es ist unglaublich spannend, daran Teil zu haben."

Andrey Paounov hat sich mit anderen Dokumentarfilmern zu der Produktionsfirma AGITPROP zusammengeschlossen. Eine Handvoll junger Filmemacher, die sich teils schon aus Schulzeiten kennen.

Ihr Büro - ein Ort voll gestopft mit Kartons und skurrilen Artefakten, ein sympathisches Chaos. Martichka Bozhilova, die Produzentin, lässt gerade das Plakat für den neusten Film drucken.

"Ein deutscher Produzent hat mal gesagt, was Agitprop macht ist die Küche der bulgarischen Non-Fiktion. Bei uns geht es wirklich zu wie in einer Küche: Wir kochen etwas und jeder trägt seine Zutaten bei und zum Schluss kommt etwas außergewöhnliches heraus. Wir möchten einen eigenen Trend schaffen, ein eigenes Genre, in der Art der Dramaturgie, dem visuellen Stil, wie wir die Kamera benutzen, wie wir mit den Personen arbeiten."

Auch bei der Berlinale lief in diesem Jahr eine Agitprop-Produktion: "Corridor # 8" von Boris Despodov. Auf einer Reise entlang der Straße, die Bulgarien, Mazedonien und Albanien miteinander verbindet, trifft der Regisseur Menschen und taucht für kurze Zeit in ihre Alltagswelt.

"Unsere Filme sind nicht in erster Linie informativ, sie sind unterhaltsam. Sie lassen dich weinen oder bringen dich zum Lachen, sie wecken Gefühle. Das kommt bei unseren Filmen immer dazu - wenig Information, viel Gefühl."

Auch "Georgi und die Schmetterlinge" entlässt den Zuschauer mit starken Gefühlen der Sympathie für Georgi Lulchev und seine Heimbewohner. Eine Art Kino, die Zukunft hat, meint Andrey Paounov.

"Das ist bislang die noch unausgesprochene neue Welle im bulgarischen Kino. Wir haben sogar schon einen Namen dafür: BULDOC - wie die Bulldogge, oder wie Bulgarischer Dokumentarfilm. Ich glaube, dass Leute mittlerweile müde sind von den ganzen künstlichen Filmen und sich lieber von wirklichen Geschichten faszinieren lassen."

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