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StartseiteCampus & KarriereDas wissenschaftliche Prekariat protestiert10.03.2011

Das wissenschaftliche Prekariat protestiert

Potsdamer Lehrbeauftragte kämpfen mit Petition für würdige Entlohnung

Der Lehrauftrag sei keine Nebenbeschäftigung mehr, sagt Germanistik-Doktorandin Sabine Volk. Die schlechte Bezahlung wollen sie und weitere Nachwuchswissenschaftler aus Potsdam nicht länger hinnehmen.

Sabine Volk im Gespräch mit Manfred Götzke

Die Vor- und Nachbereitung für die Zeit im Hörsaal oder Seminarraum wird den Lehrbeauftragten in der Regel nicht vergütet. (AP)
Die Vor- und Nachbereitung für die Zeit im Hörsaal oder Seminarraum wird den Lehrbeauftragten in der Regel nicht vergütet. (AP)

Manfred Götzke: Nicht nur die Lokführer kämpfen momentan für eine bessere Bezahlung, auch eine Gruppe, bei der es nicht ganz so auffällt: das wissenschaftliche Prekariat, die Lehrbeauftragten und Privatdozenten an den Hochschulen. Nur bekommen die nicht wie die Lokführer einen Stundenlohn von knapp 20 Euro, sondern je nach Bundesland und Uni so um die fünf Euro, wenn sie überhaupt bezahlt werden. Zwar erhalten Lehrbeauftragte offiziell so um die 20 Euro pro Semesterwochenstunde, bezahlt wird aber nur die Zeit im Seminarraum – Vorbereitung, Nachbereitung, Sprechstunde et cetera eben nicht. Nachwuchswissenschaftler aus Potsdam wollen das nicht länger hinnehmen. Sie fordern in einer Petition die Verdoppelung der Entlohnung für Lehraufträge. Mit ausgedacht hat sich das die Germanistik-Doktorandin Sabine Volk. Frau Volk, warum werden Sie nicht Lokführerin, da könnten Sie das Vierfache verdienen?

Sabine Volk: Tja, das liegt wohl daran, dass mir mein Beruf, wenn ich den überhaupt so nennen darf, sehr großen Spaß macht und dass ich auch sehr großen Erfolg habe bei dem, was ich mache, was mich immer wieder freut, von Semester zu Semester, wenn ich die Evaluation betrachte, die meine Studierenden vornehmen.

Götzke: Mehr als 75.000 arbeiten als Lehrbeauftragte, und das sind ja nicht nur Doktoranden, sondern auch Leute, die längst promoviert haben, auch schon habilitiert sind – warum lassen die sich alle mit einem Hungerlohn von fünf Euro abspeisen?

Volk: Das ist eine sehr gute Frage. Es gibt verschiedene Beweggründe, warum Menschen sich das antun. Es liegt vor allem daran, weil viele eigentlich nicht hinnehmen wollen, dass die Arbeit, die sie leisten, bei uns so gering geschätzt wird, und sich dafür schämen, dass sie für so wenig Geld so eine anspruchsvolle Arbeit machen. Sie benennen das nicht und ziehen sehr viel einfach aus ideellen Werten, die damit verbunden sind. Viele hoffen auch tatsächlich noch auf eine Karriere in der Wissenschaft und wollen auch nicht realisieren, dass es eben gerade bei uns in den Geisteswissenschaften sehr mau aussieht mit Perspektiven.

Götzke: Es heißt ja immer, ein Lehrauftrag sei eine Nebenbeschäftigung, und das wird ja auch als Begründung für die geringe Entlohnung herangezogen. Ist das in der Realität so?

Volk: Nein, der Lehrauftrag ist keine Nebenbeschäftigung mehr. Aufgrund der Unterfinanzierung der Universitäten brauchen die Universitäten die Lehrbeauftragten, die sogenannten akademischen Billiglöhner, um überhaupt das Lehrangebot abdecken zu können. Und insofern kann nicht mehr von einer Nebenbeschäftigung gesprochen werden. Viele bieten mehrere Lehraufträge an, an verschiedenen Unis sogar, um überhaupt über die Runden zu kommen, und machen das hauptberuflich, werden aber mit einem sogenannten Aufwandstaschengeld entlohnt.

Götzke: Sie haben es vorhin schon angedeutet, dass Lehrbeauftragte so wenig oder gar nichts verdienen, das ist ja bei vielen Privatdozenten der Fall, das ist ja selbst unter Studierenden nicht immer bekannt. Woran liegt das eigentlich? Spricht man da einfach nicht so gerne drüber?

Volk: Nein, viele schämen sich tatsächlich auch dafür, so eine Arbeit für so wenig Geld zu machen. Es stellt sich natürlich auch berechtigterweise die Frage, warum die Dozenten das tun. Diese Frage stellen sich auch dann die Studierenden und sind wirklich sehr erschrocken darüber meist, wenn sie hören, wie viel wir eben dafür bekommen, oder dass gerade Privatdozenten zum Teil gar nichts bekommen für die Arbeit, die sie leisten.

Götzke: Die Anzahl der Lehrbeauftragten ist in den letzten zehn Jahren um 40 Prozent gestiegen. Hält nur noch dieses Wissenschaftsprekariat den Lehrbetrieb an den unterfinanzierten Unis am Laufen?

Volk: Ja. Ohne die würde das überhaupt gar nicht mehr laufen. Im Sprachenzentrum beispielsweise – und Sprachen sind ja sehr wichtig für die Ausbildung – werden 80 Prozent der Lehre über Lehrbeauftragte abgedeckt. Es würde gar nicht gehen. Bei uns am Institut für Germanistik würde der Lehrbetrieb zusammenbrechen ohne uns Lehrbeauftragte – definitiv.

Götzke: Sie haben Ihre Petition im Wissenschaftsministerium eingereicht, wie war die Reaktion darauf?

Volk: Wir haben bisher gar nichts gehört vonseiten des Wissenschaftsministeriums, was uns allerdings auch nicht wundert, da Frau Sabine Kunst, die ja vorher unsere Uni-Präsidentin war, jetzt unsere Wissenschaftsministerin ist, und sie auch davor nicht das Gespräch mit uns gesucht hat – und wir engagieren uns ja jetzt schon seit über einem Jahr.

Götzke: Das heißt, die Chancen, dass da was passiert, sind sehr gering?

Volk: Wir hoffen natürlich, dass jetzt endlich ein Dialog in Gang kommt und dass wir uns jetzt wirklich auch zusammensetzen können, die verschiedenen Personalkategorien und auch die Studierenden gehört werden und wir wirklich gemeinsam eine Lösung erarbeiten können.

Götzke: Frau Volk, vielen Dank für das Gespräch!

Volk: Danke auch!

Götzke: Sabine Volk von der Uni Potsdam setzt sich für eine faire Bezahlung von Lehrbeauftragten ein.

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