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StartseiteBüchermarktDem Grund etwas näher kommen09.07.2012

Dem Grund etwas näher kommen

Thomas Kapielski: "Neue sezessionistische Heizkörperverkleidungen", Suhrkamp

In dem Buch von Thomas Kapielski fließen Reflexionen, Gedanken und Maximen aus den unterschiedlichsten Gebieten zusammen. Dabei will der Autor den Dingen auf den Grund gehen - beziehungsweise versucht er sich dem Grund anzunähern.

Von Joachim Büthe

Der Schriftsteller Thomas Kapielski (Deutschlandradio - Markus Mirschel)
Der Schriftsteller Thomas Kapielski (Deutschlandradio - Markus Mirschel)

Sezessionistische Heizkörperverkleidungen, das sind zunächst ein Adjektiv und ein Substantiv, die wenig, bis nichts miteinander zu schaffen haben. Dennoch ist es ein guter Titel, denn was an Reflexionen, Gedanken und Maximen aus den unterschiedlichsten Gebieten in diesem Buch zusammenfließt und auf wundersame Weise dann wieder zusammenpasst, das ist schon erstaunlich. Kapielski weiß, dass man nichts bis auf den Grund begreifen kann, aber dem Grunde etwas näher kommen, das kann man schon. So völlig ohne Irritationen für die Gemeinde der Kapielski-Leser ist das jedoch nicht zu haben. Es herrscht jetzt ein anderer Ton.

"Der Philosoph Hannes Boehringer hat mir neulich geschrieben, mit dem bin ich gut bekannt, der nannte die Dinger sogar Hypomnemata. Das ist so eine Kunstform. Hypo ist unter, betreffend und Mnemata hat mit Erinnerung zu tun, das sind so eine Art Kalenderblätter, nicht Tagebücher, sondern was an Erlebnissen, Blütenlesen aus Lektüren so zusammenfließt, dass man da so kleine erbauliche Heftchen draus macht. Diese Hypomnemata sollen dazu dienen, dass man bisweilen die Büchlein in die Hand nimmt und ein bisschen drin rumliest, um sich geistig zu erbauen."

Besonders die Blütenlesen aus Lektüren haben sich hier niedergeschlagen. Diese Lese reicht von den großen Philosophen der Vergangenheit über Luther bis hin zu Horaz und anderen Autoren der Antike. Zeitgenössisches findet sich da eigentlich nicht, und das hat Konsequenzen für die Wortwahl. Kapielski wird zum Wortschatzgräber, der die Gegenwartssprache mit seinen Fundstücken zu bereichern trachtet.

"Es gibt so schöne Worte, zurzeit ist es so, dass die Sprache in der Hinsicht doch eher verarmt, und die hebe ich dann, die versuche ich wieder in Umlauf zu bringen. Andererseits sind auch viele Neuschöpfungen drin. Ja, da steckt eine Freude hinter, Luthers Lindigkeit zum Beispiel. Ein wunderschönes Wort, die Lindigkeit, wir kennen nur noch die Linde, den Baum und Palmolive mild, die Milde, Barmherzigkeit. Ich versuche, das zu retten und immer mit einfließen zu lassen. Dadurch kommt so ein altmodischer Ton ins Spiel, aber es hat ja auch etwas Entzückendes."

Nicht nur etwas Entzückendes, sondern auch etwas Irritierendes, zumal es mitunter schwierig ist zu bestimmen, wo die Ausgrabung aufhört und der Neologismus beginnt. Das ist natürlich auch der Reiz dieses Hantierens mit den alten Worten. Sie geraten in eine völlig neue Umgebung.

"Man stellt ja solche wiederbelebten Wörter in eine ganz andere Zeit und dann gucken die sich schon ganz komisch um und leben, wenn sie jetzt wiedererweckt sind, ganz anders als vor 100 Jahren. Insofern ist der Leser vielleicht erstaunt und das kleine erhaltene Wort ist vielleicht auch erstaunt und eher etwas erschrocken."

Der altmodische Ton bestimmt das Buch über weite Strecken, aber durchgängig ist er nicht. Kapielski tadelt ja nicht nur die alten Römer für ihre dumme Angewohnheit im Liegen zu essen, sondern auch die Zeitgenossen für ihre stetige Verschandelung der Welt. Hinzu kommt, um ein Beispiel zu nennen, ein Schrotthändler, der kompetent über Philosophie zu parlieren versteht, um im nächsten Moment zur "Bild"-Zeitung hinüberzuspringen. Bei dieser Unübersichtlichkeit kann auch der hohe, aber unpathetische Ton, den er anschlägt, nicht ungebrochen bleiben.

"Wenn ich so einen hohen Ton anschlage, dann sitze ich natürlich auch da und schmunzele. Und denke, schraub mal noch ein bisschen höher, irgendjemand wird schon erbost drauf reinfallen und auf der nächsten Seite dann wieder ein bisschen ernüchtert werden durch Humor, also Feuchtigkeit."

Die Geschichten und biografischen Kuriositäten sind irgendwann zu Ende erzählt, und es muss ein neuer Weg gefunden werden. Doch sie wirken nach. Früher, als ich noch albern war, heißt es an einer Stelle, und es folgt die Beschreibung einer ziemlich komischen Aktion, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Nach Gottesbeweisen wird der Leser vergeblich suchen, zur Entschädigung aber erhält er einen veritablen Engel im himmelblauen Bademantel, der sich aufspaltet in eine räsonierende Stammtischbesatzung. Aufgetaucht vielleicht am Rande einer Bahnstrecke, aber für diesen flüchtigen Augenblick ist er viel zu präsent. Woher kommt er?

"Ich weiß es auch nicht. Wenn man das manchmal wüsste … Ich habe mich schon lange mit Engeln beschäftigt und viel drüber gelesen. Das sind kryptische Dinge, die tauchen plötzlich auf und dann könnte man den auch als Engel gestalten. Jedenfalls war er plötzlich da. Dann hat er sich gleich in drei Personen aufgespalten. Ein etwas zerzauster, verwahrloster Wasserhausengel, ein Muratti-Raucher überdies, was alte Raucher sehr entzückt, die noch die Firma Muratti kennen, die Marke, und ein Doppelkorntrinker."

Eckhard Henscheid hat einmal gesagt, dass ihm das möglichst Sumpfige ebenso lieb sei wie das möglichst Sublime. Auf diesem weiten Feld ackert Thomas Kapielski. Er wird zum Wortarchäologen und Etymologen, schwingt sich auf zu den Klassikern der Literatur und Philosophie, wo er selbst die eiskalten Höhen der Metaebenen nicht scheut, um dann doch wieder am fiktiven Stammtisch zu landen, wo sich all dies mit dem gemeinen Alltagsleben vermischt. Kann das gut gehen? Wir lassen an dieser Stelle seine schärfste und naheliegendste Kritikerin zu Wort kommen und geben ihr recht.

"Ich habe natürlich auch meine Frau gefragt, sag mal, kann man dem überhaupt noch folgen? Da sagt sie, doch schon, wenn man gewisse dunkle Stellen mal überliest und einfach sein lässt und sich nicht grämt, wenn es einem nicht gelingen will, die Tiefe auszudeuten, dann ist das schon o.k."

Wer künftig über die Texte von Kapielski lachen möchte, wird diesen mitunter etwas dornigen Weg mitgehen müssen. Es lohnt sich. Denn wo sonst bekäme man Komik und Erbauung mit der gleichen Lieferung? Nur bei Kapielski.

Thomas Kapielsksi: "Neue sezessionistische Heizkörperverkleidungen", SuhrkampVerlag, edition suhrkamp 2680, kartoniert, 214 Seiten, 14,00 Euro

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