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StartseiteHintergrundDer Amoklauf von Winnenden11.03.2009

Der Amoklauf von Winnenden

Die Suche nach den Gründen

Fast genau neun Jahre ist es her, da schockierte ein Amokläufer an einem Erfurter Gymnasium die gesamte Bundesrepublik. "Ein Einzelfall", "nicht vorhersehbar", "schlimm", "furchtbar" - das waren einige der vielgebrauchten Vokabeln damals. Und heute, am 11. März 2009 um 9 Uhr 30?

Von Julia Eikmann, Armin Himmelrath und Uschi Götz, Moderation: Hans-Jürgen Bartsch

Schüler trauern vor der Albertville-Realschule in Winnenden bei Stuttgart. (AP)
Schüler trauern vor der Albertville-Realschule in Winnenden bei Stuttgart. (AP)

16 Tote und wieder viele dieser Vokabeln, aber noch wenig Antworten.

Was da in Winnenden nordöstlich von Stuttgart an der Albertville-Realschule heute geschehen ist - und dann auf der Verfolgungsjagd durch Baden-Württemberg, wird sich wieder erst im Nachhinein und ganz allmählich aufklären lassen: Die Tat eines 17-Jährigen, der ungehindert an eine Waffe kommt und der ebenso ungehindert das beschriebene Blutbad anrichten konnte.

Unsere Korrespondentin Uschi Götz in Baden-Württemberg verfolgt zur Zeit die Pressekonferenz der Polizei. Frau Götz, welche gesicherten Erkenntnisse nach einem Tag mit vielen Spekulationen lassen sich in diesen Minuten zusammenfassen?

Götz: Also, zur Stunde, wie gesagt, ist wieder eine Pressekonferenz. Innenminister Heribert Rech ist vor die Presse gegangen. Mittlerweile steht fest, so die Aussage vieler Beteiligten, die Tat war wohl offensichtlich geplant von dem siebzehneinhalb Jahre alten Täter, der in der Nähe von Winnenden in einem kleinen Ortsteil wohnt. Das schließt man daraus, dass er eine Unmenge Patronen bei sich hatte. Die wurden unter anderem in dem Schulgebäude gefunden.
Mittlerweile steht fest, tatsächlich es sind 16 Tote, darunter neun Schüler, acht Schülerinnen, die gezielt und zwar nicht wild - er ist in ein Klassenzimmer wohl hereingekommen, die Schülerinnen, ein Schüler kam dabei ums Leben - acht Schülerinnen wurden gezielt mit einem Kopfschuss getötet. Das heißt es war geplant. Er verließ daraufhin dieses Klassenzimmer. Die Schülerinnen saßen da. Sie hatten, jetzt wie sie angeschaut wurden, noch die Stifte in der Hand. Also, sie wurden völlig überrascht. Der Täter ist dann weitergegangen in den Physiksaal. Da hat er wohl eine Lehrerin erschossen. Des Weiteren auf der Flucht kamen ihm zwei Lehrerinnen entgegen. Auch die hat er erschossen. Mittlerweile, zwei Minuten später, nachdem die ersten Schüsse gefallen waren, muss die Polizei verständigt worden sein. Es gibt in Baden-Württemberg geschulte Teams. So eines muss wohl in Winnenden relativ schnell vor Ort gewesen sein, ein Interventionsteam. Das sind insgesamt vier Beamten. Die sind in die Schule eingedrungen. Dann ist der Täter auf bisher ungeklärte Weise aus dem Schulgebäude entkommen. In der Folge seiner Flucht, die sich dann 40 Kilometer weiter noch fortsetzte, gab es noch weitere drei Tote, drei Unbeteiligte. Ein Passant wurde in Winnenden von ihm erschossen. Zwei, ein Autoverkäufer und ein Kunde in einem Autohaus wurden erschossen und zwei Beamten verletzt. Die liegen im Krankenhaus. Er selber hat sich höchstwahrscheinlich selber getötet.

Ja, ganz herzlichen Dank Uschi Götz nach Stuttgart für diese ersten gesicherten Erkenntnisse. Armin Himmelrath, mein Kollege vom Deutschlandfunk ist für diese Sendung hier zu uns ins Studio gekommen. Er ist schon seit fünfzehn Jahren unser Experte für Bildungsthemen. Herr Himmelrath, als jemand, der ständig in seinem Berufsleben mit Lehrern, mit Schülern, mit Politikern, mit Bildungsministern zu tun hat: Was haben Sie heute als erstes gedacht, als Sie von Winnenden gehört haben?

Himmelrath: Ja, als heute morgen die ersten Meldungen kamen, war mein erster Impuls, mein erster Gedanke: Nicht schon wieder. Nicht schon wieder deshalb, weil einerseits die Erinnerung an Erfurt - Sie haben das vorhin angesprochen - noch sehr frisch ist, obwohl das ja nun schon sieben Jahre her ist. Aber es ist einfach noch sehr frisch, sehr präsent. Und dann, wenn man auf die internationale Bildungslandschaft schaut, solche Amokläufe leider fast so etwas wie an der Tagesordnung sind. Also, alle paar Wochen kann man doch, zumindest, wenn man sich ein bisschen damit beschäftigt, von solchen Amokläufen hören. Und deshalb eben dieser Impuls: Nicht schon wieder! Das zweite dann: Hoffentlich wird er schnell gefasst! Zunächst hieß es ja, oder war der Täter ja auf der Flucht. Und da war da eben der Gedanke, dass da möglichst nicht noch andere Leute zu Schaden kommen. Das ist ja dann leider doch noch eingetreten.

Wir werden das alles gleich noch etwas vertiefen. Zunächst einmal hat meine Kollegin Julia Eikmann eine Chronologie zusammengestellt, die zeigt: Solche Amokläufe in Deutschland lassen sich nicht mehr bloß als Einzelfälle abtun.

Chronologie der Amoklaufe an deutschen Schulen

9. November 1999. Im sächsischen Meißen ersticht ein Gymnasiast seine Lehrerin vor den Augen von 24 Klassenkameraden. Der 15-Jährige kann fliehen, wird aber kurz darauf gefasst. Sein Motiv: Er habe die Lehrerin gehasst. Im Vorfeld nahm der Schüler Wetten auf seine Tat an.

Mitschüler Mario Hille: "Es ging immer mehr abwärts mit ihm. Er hat oft getrunken, geraucht. Und er hat es uns halt ein paar Tage davor angekündigt. Wir haben es alle nicht geglaubt."

Wenige Monate später, am 16. März 2000, schießt ein 16-Jähriger im oberbayerischen Brannenburg auf seinen Internatsleiter. Der Pädagoge stirbt sechs Tage später an den Kopfverletzungen.

19. Februar 2002. Freising, Oberbayern. Ein 22-jähriger Amokläufer erschießt den Direktor der Wirtschaftsschule, von der er zuvor suspendiert worden war. Einen weiteren Lehrer verletzt er schwer, bevor er sich selbst erschießt.

Der 26. April 2002 geht als Trauertag in das kollektive Gedächtnis der Republik ein. Beim Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt erschießt ein 19-Jähriger binnen zehn Minuten 16 Menschen und sich selbst. Unter den Toten sind zwölf Lehrer, die Schulsekretärin, zwei Schüler und ein Polizist. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder:

"Wir sind fassungslos vor diesem entsetzlichen Verbrechen, und alle Erklärungen, die wir gegenwärtigen geben können, reichen, denke ich, nicht weit genug. Ich denke, dass ganz Deutschland jetzt mitfühlt mit den Angehörigen der Opfer. Dies ist ein so singuläres Ereignis, dass es alle Vorstellungskraft übersteigt, und ich glaube, Sie wie wir alle brauchen Zeit, um das zu verarbeiten."

Am 2. Juli 2003 versucht ein Realschüler im bayerischen Coburg, zwei Lehrerinnen zu erschießen. Eine wird verletzt, bevor der 16-Jährige die Waffe gegen sich selbst richtet.

20. November 2006. Die Chronik der Gewalt an deutschen Schulen erreicht eine neue Dimension. Im westfälischen Emsdetten dringt ein ehemaliger Schüler in die Geschwister-Scholl-Realschule ein. Der 18-Jährige schießt um sich und zündet Rauchbomben. Es ist das erste Mal, dass ein Amokläufer auch Sprengsätze verwendet. Er verletzt 37 Menschen, bevor er sich selbst das Leben nimmt. - Hätte man diesen Überfall verhindern können? Die Schulministerin von Nordrhein-Westfalen, Barbara Sommer, erklärte nach dem Amoklauf:

"Wir werden natürlich auch die Frage der Sicherung von Schulgebäuden besprechen müssen mit Schulträgern, weil ich in diesem Fall eben sagen muss: Was tut man denn, wenn ein ehemaliger Schüler in seine Schule will? Da denkt man ja überhaupt nichts Böses. Also, man kann eine absolute Sicherheit sicherlich nicht herbeiführen."

Emsdetten war der letzte Fall eines Amoklaufs an deutschen Schulen. Bis heute.

In dieser Aufstellung, liebe Hörerinnen und Hörer, sind noch nicht einmal die nur versuchten Amokläufe enthalten.
In Köln, Mainz und Bad Reichenhall, um nur einige Beispiele zu nennen, machten Mitschüler noch rechtzeitig auf die Gewaltfantasien ihrer Klassenkameraden aufmerksam.
Armin Himmelrath, Journalist für Bildungsthemen im Deutschlandfunk: Immer sind es Einzeltäter, immer junge Männer, oft ehemalige Schüler. Wenn man dieses Täterprofil jetzt noch versucht ein wenig zu verfeinern, sehen Sie da noch mehr Gemeinsamkeiten?


Himmelrath: Ja, die gibt es und leider kann man sie natürlich immer nur im nachhinein feststellen. Aber dann lassen sie sich auch feststellen. Was wohl viele dieser Täter, oder fast alle, gemeinsam haben ist, dass sie die letzte Tat, diesen Amoklauf dann nicht spontan begehen. Sondern das ist etwas, was in sehr langer Phase entsteht. Und sie inszenieren es dann auch regelrecht. Wir hatten diesen Fall wohl heute auch wieder, dass der Täter sich ja regelrecht ausgerüstet hat dafür. Dazu gehört natürlich erst einmal, sich eine Waffe zu beschaffen. Was aber eben häufig auch stattfindet ist, dass sie sich in so eine Art Kampfmontur werfen. Heute hat er wohl einen Kampfanzug der Bundeswehr getragen. Häufig sind sie schwarz gekleidet, also dass das doch so etwas leicht Uniformes hat. Und es wird dann fast, ja, die Psychologen, die das bewerten, sagen, wie eine Ritual durchgeführt. Da wird dann auch letztlich keine Bremse mehr möglich in diesem Moment, sondern es ist etwas Ritualhaftes, was stattfindet. Was dazukommt wohl, dass viele dieser Täter mehr oder weniger vor der Bilanz eines misslungenen Lebens stehen, wenn man das so sagen möchte.

Wenn ich da gerade mal einhaken darf. Psychologen teilen ja oft in drei Phasen ein: Erst kommt zumeist eine tiefe seelische Verletzung, die bei diesen gewaltbereiten Jugendlichen festgestellt wird, dann eine Phase des Nachgrübelns - und wenn dann in solchen Extremfällen noch ein Auslöser dazu stößt, dann haben wir so ein furchtbares Bild von heute. Das ist in der Psychologie wohl ganz gut bekannt. Wenn es denn so bekannt ist und man das weiß: Warum, Herr Himmelrath, fallen den Eltern oder auch den Lehrern solche hochdramatischen Phasen gar nicht mehr auf in unserer Gesellschaft?

Himmelrath: Also, viele dieser Täter, die eben zu Amokläufen in Schulen aufgebrochen sind, werden in ihrem Leben vor dieser Tat beschrieben als Menschen, die eigentlich sich sehr stark anpassen an ihr Umfeld, die also tatsächlich so etwas wie Unauffälligkeit produzieren, während es in ihnen drin rumort, während sie das empfangen, was sie selber eben als Kränkung empfinden, dass die Umwelt sie - na ja - nicht das werden lässt, was sie gerne werden wollen. Und diese Dissonanz im Grunde zwischen der Außenwahrnehmung und der Selbstwahrnehmung die wird immer größer. Und so schaffen sie es eben auch tatsächlich noch am Morgen, wir hatten das ja in Erfurt damals auch, dass der Täter am Morgen mit seinen Eltern am Frühstückstisch sitzt - die merken nichts -, und heute wissen wir das im nachhinein, dass er zu diesem Zeitpunkt schon längst seinen Entschluss gefasst hat und eigentlich schon auf dem Weg innerlich in die Schule war, um dort eben zu morden.

Wie es jetzt heute in Winnenden war, weiß man noch nicht genau, aber oft gibt es diese deutlichen Vorzeichen im Internet, durch Handy-Botschaften, durch SMS und so weiter.
Die Taten werden ja oft angekündigt. Warum hört, liest, sieht das keiner - oder vielleicht besser: Nimmt das kaum noch jemand wahr?


Himmelrath: Es sind natürlich Taten, die häufig von den Schülern auch in anderen Zusammenhängen zitiert werden, wo darauf verwiesen wird. Und es ist natürlich auch ein bisschen so: Na ja, politisch unkorrekt. Und dann gilt es vielleicht als cool, dass man sagt: "Ja, irgendwann werde ich auch mal zu einem Amoklauf starten. Irgendwann habe ich auch die Schnauze voll". - Das nehmen viele Mitschüler nicht ernst. Dazu kommt, dass gerade diese Täter häufig auch nicht so eng eingebunden sind in die sozialen Netzwerke der Schule und dass sie deshalb häufig zwar solche Äußerungen tun, aber die werden dann abgetan als "Spinner", als "Außenseiter", als "jemand, der sowieso nicht ganz dicht ist", und dann kommt eben diese Situation, dass das im Grunde nicht wahrgenommen wird.

Warum töten Jugendliche meist ohne einen von der Gesellschaft, wir haben gerade darüber gesprochen, erkannten oder zumindest ansatzweise wahrgenommenen Grund? Mirko Smiljanic geht für uns dieser Frage nach.

Erfurt, 26. April 2002. Um 10 Uhr 46 betritt der damals 19-jährige Robert Steinhäuser das Gutenberg-Gymnasium. Mit einer Sporttasche geht er ins Sekretariat und beginnt einen der folgenschwersten Amokläufe an einer deutschen Schule: 16 Menschen starben, anschließend tötete er sich selbst. Seither diskutieren Fachleute viel über Prävention. Und die beginnt - sagt Jens Hoffmann, Leiter des Instituts für Psychologie und Sicherheit in Aschaffenburg - häufig bei den Medien.

"Der Hintergrund davon scheint eine Art Ansteckungseffekt durch die Medien zu sein, das heißt, dass man durch eine solche Tat internationale Aufmerksamkeit erregen kann, dass man jemand ist danach, und dass Jugendliche, Schüler, die sich verzweifelt und wütend fühlen, einen Hass haben, dadurch wissen, durch diese Identität des Amokläufers in der Schule, sind sie jemand und werden unsterblich werden."

Das klingt nach Medienschelte, in diesem Fall könnte aber tatsächlich etwas dran zu sein. Nur wenige Stunden vor dem Amoklauf in Baden-Württemberg gab es auch im US-Bundesstaat Alabama einen Amoklauf. Im Internet war diese Meldung sofort zu lesen. Es ist nicht auszuschließen, dass der Schüler darüber den letzten Impuls bekommen hat. Allerdings steht ein solcher Amoklauf meist erst am Ende eines langen Prozesses, in den einzugreifen es immer wieder Möglichkeiten gibt - vorausgesetzt man erkennt und versteht die Warnsignale.

"Ganz früh steht eine Beschäftigung mit anderen Gewalttätern, die nächste Stufe sind dann schon Planungen und Vorbereitung, das sind dann Zeichnungen, Todesliste und solche Sachen oder dass sie anfangen bestimmte Kleidungsstücke zu kaufen, schwarze Trenchcoats oder so was, auf einmal einen anderen Kleidungsstil haben, auf einmal in einer Armeekleidung auftauchen, auf einmal einen Irokesenschnitt haben und vorher war nichts, dann sollte man möglicherweise hingucken -, wenn sie anfangen, persönliche Gegenstände zu verschenken, eine sogenannte Abschiedshandlung, weil sie eigentlich schon mit dem Leben abgeschlossen haben oder - das ist dann oft sehr, sehr nah dran -, wenn sie sagen: "Am Mittwoch wird etwas passieren, da werde ich die Lehrerin umbringen", oder sagen: 'Hör' zu, komm' da mal besser nicht in die Schule'."

Fachleute diskutieren aber auch andere Warnsignale: Der freie Zugang zu Waffen etwa, psychiatrische Erkrankungen oder gewaltverherrlichende Computerspiele. Ob sie einen Amoklauf fördern oder gar auslösen, ist aber umstritten. Prof. Joachim Kersten von der Deutschen Hochschule für Polizei in Münster.

"Ob das gut ist für Jugendliche oder nicht, ist damit nicht entschieden, aber dass Computerspiele irgendeine Beziehung zum Amok haben, kann man sicher abweisen. Amok gibt es wahrscheinlich, solange es Menschen gibt. Wir kennen ja die alten normannischen Berserker, die malaiischen Amokläufe sind historisch überliefert seit dem 14., 15. Jahrhundert, und da gab es so weit ich weiß keine Computerspiele."

Mittlerweile bieten viele Bundesländer ihren Lehrern Hilfen an. Nordrhein-Westfalens Schulministerin Barbara Sommer hat schon 2007 ein "Maßnahmenbündel für mehr Sicherheit an den Schulen" angekündigt, Notfallkonzepte etwa, die den Umgang mit Krisensituationen wie Amokläufen erleichtern. Hessen veranstaltet Seminare und Verhaltenstrainings. In Baden-Württemberg wurden sogar schon 2006 alle Schulen dazu verpflichtet, Krisenteams einzurichten. Damit alleine ist es aber nicht getan - sagt Hoffmann. Er fordert einen offenen und respektvollen Umgang der Schüler untereinander..

"Sie müssen Mitschüler mit ins Boot nehmen. Es führt kein Weg an Mitschülern vorbei, weil die erkennen solche Warnsignale. Was ganz wichtig ist, ist, dass man das Ganze nicht an der Prävention von Amokläufen aufhängt, sondern sagen, es gibt zunächst mal bestimmte Dinge, die an unserer Schule nicht toleriert werden, wie Gewaltdrohungen oder Mitbringen und Zeigen einer Waffe. Und das andere ist, dass Sie sagen, es geht um Krisensignale, wir wollen mitbekommen, wenn ein Schüler in der Krise ist, verzweifelt, wütend ist und wollen schauen, wie wir ihm helfen können."

Vielleicht ist es dafür notwendig, das Umfeld für die Schüler anders zu gestalten: Lehrer, die nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch erziehen; Schulen, die dafür Raum bieten; schließlich Eltern, die die Entwicklung ihrer Kinder beobachten und begleiten.

"Was sich immer mehr durchsetzt, und es ist, glaube ich, der richtige Weg, das sind Krisenteams an Schulen, das heißt, was Sie brauchen sind spezielle ausgebildete Lehrer, wir haben dafür ein System "Sichere Schule" entwickelt, zum einen solche Warnsignale kennen, die vertrauenswürdig sind, sodass Mitschüler hingehen, und sagen, da ist etwas Komisches passiert, im Sinne einer Krisenlösung, die auch nach außen vernetzt sind mit Polizei, mit Jugendamt und solchen Einrichtungen, die auch andere Krisen von Jugendlichen kompetent angehen, aufarbeiten können, weil, es gibt kein Profil von solchen Tätern, sondern es gibt Hinweise, die sehr eng beispielsweise auch mit Suizidwarnsignalen verknüpft sind, eine krisenhafte Entwicklung, die dahin münden kann. Und je früher man eine solche krisenhaften Entwicklung erkennt und angeht im Sinne einer Unterstützung, einer Krisenlösung, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass schwere Gewalttaten an der Schule passieren."

Armin Himmelrath ist heute unser Gesprächspartner hier im Studio. - Die Polizei hat eben sogar einen ständigen Schutz von Schulen gefordert. Mit Sicherheitspersonal davor, das kontrolliert, und zwar anhand einer Chipkarte, damit nur noch Berechtigte das Schulgelände betreten können. Herr Himmelrath, eine Erwägung, die nachdenkenswert ist?

Himmelrath: Vor allem nachdenkenswert wohl für diejenigen, die sich bedroht fühlen. Für die bietet das sicher das Gefühl, das psychologische Gefühl, dass es mehr Schutz gibt. Praktisch, denke ich, bringt das an den Schulen nicht allzu viel. Man kann ja nicht jeden Elternteil oder jedes Geschwisterkind auch mit Chipkarten ausstatten. Und die werden vielleicht mal dahin geschickt, sollen im Sekretariat etwas abholen. Oder ein ehemaliger Schüler kommt und sagt: "Ich möchte noch mal mit einer Lehrerin sprechen." Also, das wird sicherlich keine durchführungswerte und keine praktikable Lösung sein.

Schauen wir mal auf die Bildungspolitik: Was können die Bildungsminister, was kann Ursula von der Leyen vielleicht, was können die Politiker Ihrer Meinung nach jetzt noch tun, was noch nicht getan ist - abgesehen davon, Worte der Betroffenheit zu äußern?

Himmelrath: Ich denke, was wichtig ist für das Schulsystem ist das, was auch gerade im Beitrag, im letzten, angesprochen wurde, dass sich das Verständnis von Schule und Unterricht in Deutschland wandelt, dass es eben nicht mehr alleine um Wissensvermittlung geht, alleine um die Frage, wie pumpen wir möglichst viel Faktenwissen in die Kinder hinein, sondern dass die Schule als Lebensraum ausgestaltet wird. Bisher sind die Lehrer schlicht dafür nicht ausgebildet, wenn sie sich nicht weiterbilden. Es fehlen Sozialpädagogen an den Schulen. Es fehlen Psychologen natürlich. Das, was andere Länder vormachen - in Skandinavien zum Beispiel - dass regelrechte Lernnetzwerke, Lebensnetzwerke entstehen, davon sind wir noch sehr weit entfernt, weil es viel Geld und viele Kapazitäten kostet.

Vielen Dank, Armin Himmelrath, Redakteur für Bildungsthemen, dass Sie zu uns ins Studio gekommen sind.

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