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"Der Ausfall eines Zuges ist schon ein Zug zu viel"

DB-Chef Rüdiger Grube über die Pannen im Bahnverkehr

Rüdiger Grube im Gespräch mit Friedbert Meurer

Rüdiger Grube zu den Pannen bei der Deutschen Bahn.
Rüdiger Grube zu den Pannen bei der Deutschen Bahn. (AP)

Der Vorstandschef der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, hat sich erneut für die Probleme mit Klimaanlagen der ICE-Züge entschuldigt. Dennoch wies er die Kritik zurück. Die Klimaanlage entsprächen der internationalen Norm.

Friedbert Meurer: Deutschland stöhnt unter der Hitzewelle. Letztes Wochenende wurden Passagiere in mehreren ICE-Zügen auf den heißen Stuhl gesetzt. Jedenfalls so in etwa muss es sich angefühlt haben.

O-Töne Bahnreisende:
- "Dann haben wir alle gerochen, wie Gummi verbrennt, und kurze Zeit später war auch keine Klimaanlage mehr da. Zuerst hat das Zugpersonal uns noch gesagt, wir hätten uns das nur eingebildet, aber nachdem ja die Klimaanlage definitiv nicht mehr funktionierte und es immer wärmer wurde auch in dem Waggon, war es eigentlich klar."

- "Dann sind die ersten ins nächste Abteil gerückt, wo noch ein bisschen Platz eben war. Wir haben noch ein bisschen ausgeharrt und dann kam auch irgendwann als Entschädigung so ein bisschen jemand mit Wasser vorbei. Das hat man dann getrunken, aber das hat nicht wirklich geholfen. Nach einer Zeit sind wir dann auch noch in ein Abteil vorne dran, das war halt erste Klasse, aber wir sind dann einfach rein und haben gesagt, geht nicht mehr."

- "Wir haben versucht, so lange durchzuhalten, wie es ging. Kurz vor Bielefeld war die Luft dann auch so duck, dass sie nicht mehr zu atmen war. Also es war wirklich ein halbes Weltwunder, dass nicht mehr Leute umgekippt sind, als jetzt schon umgekippt waren. Es waren ja schon einige, die im Zug lagen, und es waren nicht nur Jugendliche, sondern es waren auch sehr viele ältere dabei."

- "Es ist einmal ein Zugbegleiter mit einem Arzt in das Abteil, in dem ich auch war, gekommen, weil da ein kleiner Junge apathisch am Boden lag und da die Mutter sich höchste Sorgen machte. Die hat dann versucht, die Zugscheibe einzuschlagen, was ihr Gott sei Dank nicht gelungen ist. Da ist sie dann dran gehindert worden. Das hat mich an einen Katastrophenfilm erinnert, die Zustände, die da herrschten."

- "In Bielefeld bin ich nur noch auf dem Bahnsteig zusammengebrochen. Mich hat ein Freund noch aus dem Zug gezogen am Arm, weil es war ja auch Gedränge, jeder wollte sofort raus und als erster, und dann haben wir auch noch ganz schön lange auf die Rettungskräfte gewartet."

- "Ich habe aber dann, als ich sah, dass eine meiner Schülerinnen blau anlief, den Notarzt gerufen. Auch das stimmt nicht, was die Bahn behauptet, dass da Notärzte schon gewesen seien. Ich habe den Notarzt gerufen, der kam dann ein paar Minuten später. Von Bahnpersonal war aber nichts zu sehen."

Meurer: Das war eine kleine Collage von Bahnpassagieren über die ausgefallenen Klimaanlagen. Also es ging nicht um Verspätung, um Pünktlichkeit, sondern es ging schlichtweg um die Gesundheit der Fahrgäste. - Am Telefon begrüße ich den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG, Rüdiger Grube. Guten Morgen, Herr Grube.

Rüdiger Grube: Guten Morgen, Herr Meurer!

Meurer: Wie zerknirscht ist der Bahnchef nach dem, was alles passiert ist?

Grube: Sehr, denn natürlich gibt es hier keine Entschuldigung. Ich möchte mich aber bei allen Kunden, die diese schlechten Erfahrungen am letzten Wochenende gemacht haben, da entschuldige ich mich für, denn das ist nicht akzeptabel. Da brauchen wir nicht um den heißen Brei herumzureden. Ich sage immer, der Ausfall eines Zuges ist schon ein Zug zu viel.

Meurer: Bevor wir über die Ursachen reden und was anders gemacht werden soll - die wichtigste Frage: Wie groß ist denn die Gefahr, Herr Grube, dass sich das alles jetzt am Wochenende wiederholt, weil es immer noch so heiß ist?

Grube: Wir betreiben 255 ICE-Züge, die unterschiedlich, was die Zeit beziehungsweise das Jahr betrifft, wo sie zugelassen worden sind, im Einsatz sind. Insgesamt haben wir 255 Züge. Der ICE 1 beispielsweise aus den Anfängen der 90er-Jahre ist zugelassen bei der Klimaanlage von Minus 20 bis Plus 32 Grad. Der ICE 2, der '95 in Betrieb gegangen ist mit 44 Fahrzeugen, hat auch bei der Klimatemperatur Plus 32 bis Minus 20 Grad. Das heißt nicht, dass sie nicht darüber auch noch arbeiten, aber das ist die genormte regelkonforme Auslegung. Aber bereits der ICE 3 ist schon auf 35 Grad ausgelegt. Der ICE 3, der im nächsten Jahr kommt, ist schon auf 40 Grad ausgelegt. Und der Zug - darf ich das noch ganz kurz sagen -, den wir dann ab 2014 bestellen, ist bereits auf 45 Grad ausgelegt. Sie sehen: wir haben einen Klimawandel, der sich ganz klar reflektiert auch in den Gesetzen, denn es ist ja nicht so, dass die Deutsche Bahn die Normen für eine Klimaanlage festlegt, sondern ...

Meurer: Aber der Klimawandel ist jetzt nicht Schuld gewesen?

Grube: Wir beobachten, wir haben natürlich jetzt auch im Zusammenhang mit der Klimaanlage die Wettersituation analysiert und dabei festgestellt, in 20 Jahren gab es fünf Tage, die wärmer als 37 Grad waren, und davon waren allein drei Tage am letzten Wochenende.

Meurer: Aber es reichen ja wärmer als 32 Grad. Wer ist denn auf die Idee gekommen - das war vor Ihrer Zeit; Sie sind ja erst ein gutes Jahr Bahnchef, Herr Grube - zu sagen, 32 Grad sind genug?

Grube: Und zwar: Die Auslegung einer Klimaanlage ist nicht die Angelegenheit des Betreibers, also der Deutschen Bahn, sondern da gibt es eine internationale Eisenbahnnorm, die so genannte UIC, und auch das Eisenbahnbundesamt, und dort werden die Normen festgelegt, wie eine Klimaanlage für einen Zug, der in Deutschland eingesetzt wird, ausgelegt wird. Das ist nicht in den Händen der Deutschen Bahn.
Ich sage Ihnen ganz offen: Wir reflektieren das ja und auch übrigens die Regelwerke, und nicht umsonst ist ja ein Zug, den man zum Beispiel jetzt in den nächsten Jahren auslegt und auch zulässt, nicht auf 32 oder 35 Grad, sondern auf 45 Grad ausgelegt.

Meurer: Und aus welchem Grund machen Sie das, wenn Sie sagen, die Norm ist 32? Irgendjemand hat doch dann entschieden, ICE 3 wird mit höheren Temperaturen ausgerichtet.

Grube: Ja, das ist der Hersteller. Wenn sie heute einen ICE 3 kaufen, dann kriegen sie automatisch eine Klimaanlage, die in höheren Graden ausgelegt ist. Das ist keine Sache der Bahn, sondern das ist vorgeschrieben in einer internationalen Eisenbahnnorm.
Ich habe beispielsweise natürlich auch einfach über Deutschland hinausgeguckt, habe mit meinen Kollegen im Ausland telefoniert. Die haben genau die gleichen Probleme, die wir auch haben, wenn es sich um Fahrzeuge handelt, die aus diesen Jahren bestehen.

Meurer: Die Züge, bei denen die Klimaanlage ausgefallen ist, Herr Grube - es waren etwa 40 -, werden nicht aus dem Verkehr gezogen, sondern die fahren jetzt weiter. Warum?

Grube: Diese Fahrzeuge sind alle in die Werkstatt gezogen worden und sofort ist die Klimaanlage völlig überprüft worden und wir haben weder - und das haben nicht wir, sondern das haben die Hersteller; wir haben Siemens geholt, wir haben Liebherr an den Tisch geholt - Liebherr ist der Hersteller der Klimaanlage - und wir haben sowohl bei der Wartung festgestellt, dass es kein Wartungsfehler ist. Das ist uns von der Herstellerseite voll bestätigt worden, dass hier die Mitarbeiter nicht falsche Wartungsthemen vorgenommen haben.

Meurer: Noch mal ganz kurz die Frage, Herr Grube: Schließen Sie aus, dass es am Wochenende wieder zu solchen Szenen kommt wie letztes Wochenende?

Grube: Wir geben uns alle Mühe, dass so etwas nicht vorkommt, aber wenn ich Ihnen heute sage, das kann man völlig ausschließen, dann würde ich lügen, das mache ich auch nicht. Das weiß man nie bei diesen extremen Witterungen. Ich kann nur eines sagen - und das ist mir sehr wichtig: Die Bahn ist nach wie vor das sicherste Verkehrsmittel. Vergleichen Sie das mal mit der Straße, wo knapp in einer Woche 100 Tote kommen. Bei der Bahn gab es glücklicherweise keine tödlichen Unfälle.

Meurer: Stimmt es, dass ab sofort Zugbegleiter und Lokführer jetzt selbst entscheiden dürfen, wann ein Zug gestoppt wird?

Grube: Da gibt es ganz klare Richtlinien, nach denen müssen sich die Lokführer und unser Zugpersonal verhalten. Wenn bestimmte Werte überschritten würden, ja, dann müssen sie selbst entscheiden, dass dieser Zug auch dann im nächsten Bahnhof zum Stillstand kommt.

Meurer: Diese Richtlinie gab es doch am letzten Wochenende schon?

Grube: Ja, aber nun muss ich auch ganz offen sagen - aber das ist keine Entschuldigung, nur vielleicht mit Fakten hinterlegen -, bei den 255 ICEs, die wir tagtäglich betreiben, machen wir 1400 Fahrten und davon haben sehr, sehr viele geklappt. Sie haben gerade von 40 Ausfällen gesprochen. Die Zahl ist richtig. Aber da sehen Sie auch, dass wir sehr, sehr viele Züge betrieben haben, wo keine Störungen eingetreten sind. Also man muss das immer ein bisschen ins rechte Licht rücken.

Meurer: Aber vielleicht wäre weniger passiert, wenn die Zugbegleiter sich gesagt hätten, ich darf das, ich mach das jetzt, ich sage jetzt, der Zug hält am Bahnhof. Er hat sich aber nicht getraut, weil er es doch nicht darf.

Grube: Das kann ich Ihnen jetzt im Einzelnen nicht sagen, warum der Mitarbeiter sich nicht dafür entschieden hat. Aber es gab ja durchaus auch Fälle, es sind ja nicht alle so ausgegangen wie der Fall, den Sie eingangs erläutert haben am Beispiel Bielefeld, wo ich übrigens mich am Samstag sofort entschuldigt habe. Ich bin sofort hingegangen, habe die Telefonnummer der Schulleiterin herausgesucht, der Lehrerin. Wir haben sofort mit den Kunden Kontakt aufgenommen. Ich habe in den letzten Tagen bestimmt über 200 persönliche Telefonate mit Kunden geführt, wo wir uns persönlich entschuldigt haben.

Meurer: Ich spreche mit Rüdiger Grube, dem Vorstandsvorsitzenden der Bahn. - Herr Grube, die Gewerkschaft der Lokführer sagt, bei den Wartungen wird Geld gespart für den Börsengang. Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages, Winfried Hermann, sagt, es wird Geld gespart bei den Wartungen und weniger gewartet. Sie sagen, nein, das stimmt nicht. Wem sollen wir glauben?

Grube: Herr Meurer, ich glaube, ich habe den besten Überblick, was die Zahlen betrifft. Das hat weder Herr Hermann vom Verkehrsausschuss, noch hat das ein anderer, der außerhalb des Unternehmens, sagen wir mal, sich hier Gedanken macht. Ich habe mir allein nur die Fakten angeschaut. Der Materialaufwand, wenn ich den von 2004 bis 2009 vergleiche, dann haben wir in 2004 für die Fernverkehrsflotte, und zwar nur für den Materialaufwand, ohne Personal, 298 Millionen Euro ausgegeben und in 2009 405 Millionen Euro. Wenn ich mir den Personalaufwand anschaue für die Instandhaltung, dann haben wir 2004 84 Millionen Euro ausgegeben und 2009 96 Millionen Euro. Also sowohl im Materialaufwand als auch beim Personalaufwand kann ich das so nicht bestätigen.

Meurer: Jetzt haben wir, oder jetzt haben Sie, die Bahn die ICE-2-Züge. Wie viele Jahre wird es dauern, diese Klimaanlagen zu erneuern, damit sie Temperaturen über 32 Grad aushalten?

Grube: Wir haben bereits im letzten Jahr beschlossen, dass der ICE 2, von dem wir 44 Züge haben, in eine Generalüberholung geht. Damit starten wir jetzt in der zweiten Jahreshälfte. Das ist ein Investment von über 100 Millionen, was wir hier in die Hand nehmen. Bisher war die Klimaanlage nicht vorgesehen, weil sie nicht auffällig war. Jetzt zurzeit analysieren wir, ob es nicht besser ist, dass wir auch die Klimaanlage entsprechend überarbeiten.

Meurer: Sie kommen, Herr Grube, aus der Industrie, waren im Vorstand von Daimler, letztes Jahr April Bahnchef geworden. Hätten Sie damals gedacht, dass der Job so heiß werden wird?

Grube: Nein, um ehrlich zu sein, aber ich habe es bisher nicht eine Minute bedauert, diese Aufgabe zu übernehmen, und zwar ganz besonders auch deshalb, weil ich hier Mitarbeiter vorgefunden habe, da muss ich sagen, da würden andere Unternehmen sich die Finger nach lecken. Ich bin stolz auf unsere Mitarbeiter und auf die Führungskräfte. Das motiviert mich jeden Tag wieder.

Meurer: Aber die Aufgabe ist schwerer, als Sie gedacht haben?

Grube: Das ist richtig, aber wissen Sie, vor Arbeit schrecke ich nicht zurück.

Meurer: Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn, heute Morgen bei uns im Deutschlandfunk. Herr Grube, schönen Dank und auf Wiederhören.

Grube: Vielen Dank, Herr Meurer.

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