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StartseiteKultur heuteDer blinde Sänger als Seher11.06.2004

Der blinde Sänger als Seher

Eine kulturtheoretische Betrachtung nach dem Tod des Musikers Ray Charles

<strong> Was bedeutet es für den Mythos Ray Charles, dass er auch immer der Mann mit der schwarzen Brille war?, fragt Kultur heute Diedrich Diedrichsen im Interview. Nach Ansicht des Poptheoretikers und Journalisten ist der blinde Sänger ein Topos des Abendlandes, dass, wer seine Umwelt nicht sehen könne, mehr nach innen schaue. </strong>

Interview mit dem Poptheoretiker und Journalisten Diedrich Diedrichsen

Der Musiker Ray Charles im Jahr 2003 (AP)
Der Musiker Ray Charles im Jahr 2003 (AP)

Holger Noltze: Mit dem Poptheoretiker und Journalisten und Professor an der Stuttgarter Merz Akademie, Diedrich Diedrichsen, möchte ich jetzt einen Aspekt von Ray Charles und der Popikonographie besprechen, den des blinden Sängers. Herr Diedrichsen, was bedeutet es für den Mythos Ray Charles, dass er eben auch immer der Mann mit der schwarzen Brille war?

Diedrich Diedrichsen: Ich glaube, zweierlei Sachen kommen da zusammen. Es gibt in der Geschichte des Blues, vor allem des ländlichen Blues vor dem Zweiten Weltkrieg, aber eben auch gerade nachdem dieser ländliche Südstaatenblues des Zweiten Weltkrieges einerseits in den Nordstaaten ankommt, andererseits auch von einem Außenseiterpublikum zur Kenntnis genommen wird und sozusagen seine Karriere macht, das Phänomen, dass es da immer diese Blinden gibt im Blues, die auch eine ganz besondere Reputation genießen...

Noltze: Die heißen auch so!

Diedrichsen: Ja, ja, die heißen so, Blind Lemmon Jefferson oder Blind Willie McTell. Das geht natürlich zurück auf eine Vergangenheit dieser Art von Popmusik, der Jahrmärkte und Münzenshows, zurück, wo diese blinden Sänger einfach als Attraktion eingeführt wurden. Das sind Leute, bei denen ihre Blindheit sozusagen Attribut ihrer Attraktion war, so wie andere Leute zwei Köpfe hatten oder andere Abnormitäten, die dann ausgestellt wurden. Zum anderen ist natürlich der blinde Sänger eine Trope des Abendlandes, die damit zu tun hat, dass der, wenn der nicht sieht, nach Innen sieht. Und wenn er nach Innen sieht, dann weiß er besonders viel über das Innenleben.

Noltze: Das heißt, die blinden Sänger, als blinde Seher, das sind auch die, die für eine besondere Wahrhaftigkeit und eine besondere Tiefe und Authentizität stehen?

Diedrichsen: Ja, das ist ganz merkwürdig, diese gleichzeitige Auszeichnung oder Markierung kommt im Blues ganz gut zusammen, weil das generell auch der weißen Rezeption von Blues entspricht, einerseits dem ausgestoßenen, nicht anerkannten Außenseiter, dem Schwarzen und andererseits dessen besondere Authentizität zu schätzen, das ist ja sozusagen das Grundprinzip der weißen Bluesbegeisterung, vor allem der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Noltze: In welcher Nähe zu diesem Thema müssen wir jetzt den anderen blinden schwarzen Musiker Stevie Wonder verorten?

Diedrichsen: Stevie Wonder kommt nach Ray Charles. Ray Charles war derjenige, der dafür zuständig war, dass aus diesem Stereotyp, man kann auch sagen aus diesem Erfolgsmodell etwas wurde, was den Anschluss bekommen hat zu dem neuen Selbstverständnis und der Politik der Bürgerrechtsbewegung. Das war sozusagen der urbane blinde Bluessänger, der dann aber eben nicht mehr diese ganz fremdbestimmte und zur Attraktion herabgewürdigte Gestalt war, sondern bei dem diese beiden Eigenschaften, das genaue Sehen, aber auch Wunderkind zu sein, zusammenkam. Auf der Schiene taucht dann auch Stevie Wonder auf, der zunächst mal als Little Stevie Wonder eben auch so ein Wunderkind ist, der ganz jung schon ganz viele Instrumente beherrscht und damit auftritt und gleichzeitig blind war. Das wurde ihm auch ausgestellt.

Noltze: Jetzt wollen wir Ray Charles nicht vollkommen auf seine Blindheit reduzieren. Populärmusikgeschichtlich wird seine Leistung beschrieben als eine der Fusionierung aus Gospel und Rhythm and Blues. Aber erstaunlich ist ja, oder bemerkenswert mit diesem Abstand, dass die Kirchenleute zuerst gedacht haben, in dieser Mischung den Leibhaftigen zu erkennen, weil da zu viel Sex im Spiel war?

Diedrichsen: Ich würde das so beschreiben, dass er aus der segregierten Rays Music Rhythm and Blues einen Weg gefunden hat zu einem globaleren, universelleren Anspruch. Er ist aber nicht den Weg über die Jugend gegangen. Da waren natürlich auch Jugendliche, die diese Musik gehört haben, aber während zur gleichen Zeit die anderen R 'n' B-Sänger nur in dem Maße sich aus der Ghettorezeption herauslösen konnten, indem sie sich an Rock 'n' Roll andockten, oder über Rock 'n' Roll rezipiert worden sind, hat Ray Charles angefangen, diese neue schwarze Mittelschicht anzusprechen, die in den späten 50ern entstand und auf der dann später die ganze Soulmusik aufbaute. Soulmusik war ja nichts anderes, als eine schwarze Musik, die sich dann aber nicht mehr nur an degradierte Schwarze auf der einen Seite richtete und an Weiße auf der anderen Seite, sondern die sich an die schwarze Mittelschicht richtete. Dafür war er sicherlich der Erste.

Noltze: Das heißt, Sie würden seiner Selbsteinschätzung, nie Teil des Rock 'n' Roll gewesen zu sein, zustimmen?

Diedrichsen: In gewissem Sinne schon, ja. Ich meine, er hat natürlich mit Rock 'n' Roll Musikern zu tun gehabt, oder Songs von ihm sind im Rock 'n' Roll Kontext aufgetaucht, aber nein, Ray Charles steht genau für den anderen Weg, aus der Segregationsmusik Blues eine neue Musik zu machen, die zunächst innerhalb der schwarzen Mittelschicht war und später auch die weiße Mittelschicht erreichte, die aber nicht über den Weg der Rebellion, nicht über den Weg des Exotischen, nicht über den Weg der jugendlichen Identifikation ging, sondern darüber, dass da eine bestimmte Geschmackswelt geschaffen wurde, eine bestimmte Gefühlswelt gegründet wurde, die man Soul nennt.

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