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StartseiteKultur heuteDer Dichter im Ring07.11.2011

Der Dichter im Ring

Open-Mike-Literaturwettbewerb in Berlin

Seit fast 20 Jahren können sich junge Autoren, die noch kein Buch veröffentlicht haben, mit ihren Texten um den Open-Mike-Literaturpreis der Berliner Literaturwerkstatt bewerben. Die Finalisten stiegen am Wochenende in den Ring.

Von Cornelius Wüllenkemper

Die Nachwuchsautoren tragen ihre Texte beim "Open Mike" selbst vor. (AP)
Die Nachwuchsautoren tragen ihre Texte beim "Open Mike" selbst vor. (AP)
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Wettlesen für den Ruhm

"Wir waren sehr beeindruckt von Ihrer Belesenheit und Ihrer Gelehrsamkeit. Manchmal hatten wir das Gefühl, vielleicht lesen Sie mehr als dass Sie schreiben. Das Formbewusstsein, das ist uns aufgefallen, das ist sehr groß. Die Perfektion in der Textperformance ist ganz erstaunlich. Und manchmal hätten wir uns gewünscht: Brechen Sie da ruhig mal aus!"

Die Jurorin Felicitas Hoppe fand erfrischend deutliche Worte. Aus über 700 eingesandten Texten hatten die Lektoren in einer Vorauswahl 23 Werke junger Autorinnen und Autoren ins Rennen um den Open Mike geschickt. Der Berliner Literaturpreis gilt seit Jahren als wichtigstes Nadelöhr für Nachwuchsautoren auf der Suche nach einem Verleger. Bei über 100.000 deutschsprachigen Neuerscheinungen jährlich ist die Konkurrenz beträchtlich, und so waren die diesjährigen Autoren vor allem darum bemüht, alles richtig zu machen.

Die Österreicherin Christina Böhmer erhielt am Ende verdient die Preise von Publikum und Jury für ihren Prosatext "Platzanweisung":

"Hat Dich jemand hier willkommen geheißen? Hat dich jemand im Leben begrüßt? Diese Ich-Aussparung, dieses körperförmige Loch in der Welt, wie in den Comics, das gibt es nicht für Dich. Glaubst Du wirklich, wir haben auf Dich gewartet? Wenn Du nicht wärst, hätten die anderen mehr Platz. So einfach ist das, Du stehst uns im Weg. Dir steht nichts zu, und freiwillig geben wir Dir nichts ab. Wir geben Dir, was wir wollen. Aber gibt Dir jemand, was Du willst? Sex, Geld, oder einen Käse-Cracker, genau jetzt, wo Du es dringend bräuchtest? Geh erstmal nach hinten, ans Ende der Schlange."

Die 35-jährige Juristin aus Wien überzeugte ironischerweise mit ihrem Text über die Erniedrigungen, denen junge Autoren ausgesetzt sind, die versuchen, ihre Werke an den Mann zu bringen.

"Das ist natürlich irgendwie auch ein ganz schlechtes Omen. Weil man jetzt sagt: Ja, das trifft irgendwo den Nerv. Ich glaube, dass mein Text im Grunde nicht wahnsinnig positiv ist. Auch wenn ihn die Leute sehr lustig gefunden haben, was mich sehr bedenklich stimmt (lacht). Ich hab ihn eigentlich relativ ernst gemeint. Ich hoffe, dass wird nicht als billig verstanden oder als Anbiederung an irgendwelche Befindlichkeiten."

Christina Böhmes Mitbewerber, von denen sich ein knappes Drittel zuvor in literarischen Schreibschulen trainiert hatte, präsentierten bei ihren Lesungen zumeist formal ausgefeilte Texte, über mit Bedacht und Ernsthaftigkeit gewählte klassische literarische Themen. Der erst 22-jährige bayrische Autor und Maler Joseph Felix Ernst wurde für seinen gelehrsamen Text über Franz Kafka und dessen Lebensgefährtin Dora Diamant ausgezeichnet.

"Dora stellte fest, wie Kafka abnehmend gewillt war, zu sprechen. Im Februar dieses Jahres wurde sie dieser Veränderung erstmals gewahr. Gemeinsam hatten sie sich am Hebräischen versucht. Nachdem Kafkas Lungenblutsturz ihm nicht mehr erlaubte, seinem Freund Bergmann nach Palästina zu folgen."

Thematisch überzeugend wirkten beim Open Mike vor allem die Texte, die sich mit der gegenwärtigen Lebenswelt befassten, wie die Ich-Erzählung eines Jugendlichen aus verwahrlostem Haushalt der beiden Soziologinnen Nadine d'Arachart und Sarah Wendler, oder Roman Ehrlichs Geschichten über den Zwang zur Berufswahl und die Verirrung des Ichs in der modernen Arbeitswelt.

Neben 18 Prosa-Autoren hatten sich nur fünf Lyriker um einen Preis beim Open Mike beworben. "Im Versuch zu entgleisen", so die Jury, wurde schließlich der Berliner Sebastian Unger für seine melancholischen Gedichte "Ausbrüche aus Borges‘ Zoo" ausgezeichnet, die laut Jury nicht schwarz, sondern voller dunkler Farbigkeit seien.

"Borametz - Das pflanzliche Lamm
Schmerz ist ein Lehnwort der Anatomie
Die Größenbestimmungen von Mais und Mensch - die Überlandleitung
Die das elektrische Kornfeld vor dem Abheben schützt
Der Juni ruft die elastischen Tiere zurück, den ganzen Weg
Die Sonnenwende und ausrollbaren Donnerstage, die Beet und Kirchen
Die rasende Farbverwendung
wir fragen Borametz - das unheilbar pflanzliche Lamm
nach seiner Not"

Die drei Juroren Felicitas Hoppe, Kathrin Schmidt und Tillmann Rammstedt, der selbst vor zehn Jahren den Open Mike gewann, kürten drei Werke, die Risiken eingehen, experimentierfreudig und wenig angepasst daherkommen. Beim literarischen Nachwuchs herrscht derzeit Innerlichkeit vor, die Beschäftigung mit der Vergangenheit und die Suche nach dem eigenen Weg. Gesellschaftskritik steht nur selten, politischer Protest leider gar nicht auf dem Programm.

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