• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
StartseiteEine WeltDer ehrgeizige Emir21.01.2012

Der ehrgeizige Emir

Katar arbeitet an seinem politischem Einfluss

Das Golfemirat Katar ist kleiner als Hessen, verfügt jedoch über enorme Öl- und Gas-Vorkommen. Der Emir von Katar ist ein guter Taktiker und strebt nach einer politischen Führungsrolle am Golf. Als erster arabischer Staatschef sprach er sich nun für eine Militärintervention der Arabischen Liga in Syrien aus.

Von Stephanie Doetzer

Blick auf Katars Hauptstadt Doha (dpa)
Blick auf Katars Hauptstadt Doha (dpa)

Die jemenitische Friedensnobelpreisträgerin Tawakkul Karman singt eine Revolutionshymne für Syrien und Jemen – der Emir von Katar sitzt im Publikum und klatscht begeistert mit.
Beim 15. Geburtstag des Fernsehsenders Al Jazeera Ende letzten Jahres bekommen Sie alle zusammen Standing Ovations: die Friedensnobelpreisträgerin, die eingeladenen Helden der arabischen Revolutionen – und der Emir, der die ganze Party finanziert.
Während andere arabische Führer um ihre Position fürchten, scheint seine Beliebtheit zu wachsen. In Doha gibt es keine einzige Demonstration, kein Aufbegehren, noch nicht einmal öffentliche Kritik an der Regierung. Der Emir des Landes, mit vollem Namen Sheikh Hamad Bin Khalifa al Thani, mischt derzeit wie kaum ein anderer die arabische Politik auf. Und beschreibt seine politische Linie so:

"We started our Qatari spring a long time ago. We are supporting the people in those countries who are asking for justice and dignity."

Doch dass der katarische Frühling schon begonnen haben soll, darüber lässt sich streiten.
Demokratisch regiert wird das Emirat nicht. Sheikh Hamad gilt als eine Art aufgeklärter Alleinherrscher, der Entscheidungen in enger Absprache mit seinen Ministern trifft, die fast immer aus dem gleichen Familienclan kommen wie er.

Das scheint in Katar jedoch kaum jemanden zu stören, meint Salman Sheikh, einer der früheren Politikberater von Sheikha Mozah, der eleganten First Lady des Landes.

"Im Gegensatz zu anderswo in der arabischen Welt haben wir hier keinerlei Forderungen nach mehr Wahlen oder mehr Repräsentanz erlebt. Es gibt zwar Themen, über die sich die Leute beschweren, aber der Emir hat gezeigt, dass er möglichen Forderungen zuvor kommt. Und für die Menschen in Katar sind Wohlstand und Stabilität das Allerwichtigste."

Eine nennenswerte Opposition gibt es nicht, jedenfalls nicht in organisierter Form. Arabische Oppositionelle kommen in Katar aus dem Ausland und sind meist herzlich willkommen. Ob libysche Übergangsregierung oder syrische Regimegegner: Sie alle treffen sich regelmäßig in Dohas fünf Sterne Hotels.

Bei Al Jazeera heißt es, Katar sei mittlerweile die Kreuzung, an der keine arabische Konfliktpartei vorbeikommt. Das mag übertrieben sein, doch sicher ist: Ohne Katars Unterstützung wäre die NATO-Intervention in Libyen nicht so schnell zustande gekommen, und ohne Millionenbeträge aus Katar zur Bewaffnung und ideologischen Unterstützung der Rebellen wären diese noch nicht an der Regierung.

Katar hat sich damit Einfluss in Nordafrika gesichert. Und wendet jetzt den Blick nach Syrien. Katar war das erste arabische Land, das letzten Sommer seinen Botschafter abzog, das erste, das sich im Herbst für Sanktionen aussprach – und jetzt das erste, das offen von arabischen Truppen statt nur Beobachtern spricht.

Dass das kleine Land so große Politik macht, liegt nicht nur an seinem ökonomischen Schwergewicht. Katar profitiert davon, dass traditionelle arabische Führungsnationen selbst in der Krise stecken: Ägypten ist mit eigenen Problemen beschäftigt, Saudi-Arabien bei den meisten Arabern zu unbeliebt.

Katar dagegen gilt vielen in der arabischen Welt als Land an der Seite der Unterdrückten. Michael Stephens, wissenschaftlicher Mitarbeiter eines britischen Think Tanks in Doha, hat Zweifel:


"Die Kataris sagen natürlich, dass es ihnen um die hohe Zahl getöteter Zivilisten und um die Menschenrechte geht. Aber ich denke, sie nutzen die Situation zu ihrem eigenen Vorteil aus. Katar möchte als freundlicher Staat wahrgenommen werden, aber im tatsächlichen politischen Entscheidungsprozess geht es um knallharte Interessen, die sanft ausgedrückt werden. Wenn Katars Politik wirklich von einer Sorge um Menschenleben motiviert wäre, dann hätten sie auch Bahrain viel mehr kritisieren müssen. "

Als im Nachbaremirat Bahrain die Proteste brutal niedergeschlagen wurden, hielt sich Katar dezent im Hintergrund. Ein gestürzter Emir in den Golfstaaten hätte für Katar ganz andere Folgen als zurückgetretene Präsidenten in Nordafrika.

Als mehrheitlich schiitisches Land mit sunnitischer Regierung gilt Bahrain als Gradmesser für die Spannungen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Eingeklemmt zwischen den beiden Konkurrenten versuchte Katar jahrelang einen diplomatischen Balanceakt: Keinem die Oberhand zu gewähren, aber auch keinen zu verprellen.

In alle Richtungen Brücken zu bauen, war lange oberstes Prinzip der katarischen Außenpolitik: Doha hat gute Beziehungen zu den USA, aber eben auch zum Iran, betreibt Handel mit Israel – und beherbergt regelmäßig die Führungsspitze der Hamas. Und machte unlängst noch mal von sich reden: Neben einer riesigen amerikanischen Militärbasis gibt es in Katar nun auch ein offizielles Büro der Taliban. Was schizophren klingen mag, hatte laut Salman Sheikh einen großen Vorteil:

"Katar handelt nicht wie andere nach dem Grundsatz: "Wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns”. Das Land kann in der gleichen Minute mit den Libanesen sprechen, mit den Syrern, mit den Iranern, mit den Saudis. Und kann die Situation entschärfen. Mir fällt kein anderes Land ein, dass das auf die gleiche Weise tun könnte."

Katar profilierte sich als Mediator, der selbst nicht recht einzuordnen war. Seit Kurzem sieht es anders aus: Je unruhiger die Region wird, desto näher rückt Katar an Saudi-Arabien heran und desto mehr bemüht es sich um die Gunst der USA.

Geld und geschickte Diplomatie hin und her: Katar ist zu klein, um ganz ohne Schutzmacht auszukommen. Und seine Lage zwischen Saudi-Arabien und Iran ist viel zu heikel. Umso wichtiger ist es der Regierung, das eigene Land immer wieder ins Bewusstsein der Welt zu rufen, meint Salman Shaikh.

"Um seine Ziele zu erreichen, ist Katar abhängig von seiner ausländischen Bevölkerung. Dass diese rebelliert, ist unwahrscheinlich, aber wenn die Region instabil wird und alle das Land verlassen, dann hätte das große Folgen."

Zehn Jahre vor der Fußballweltmeisterschaft, für die Doha 2009 den Zuschlag bekam, will Katar
Stadien bauen, Einkaufszentren und fünf Sterne Hotels – das letzte, was das Emirat brauchen kann sind Umstürze in der Golfregion oder ein Angriff auf den Iran.

Und so fällt auch dem katarischen Premierminister im Fernsehinterview dann nur eines ein:

"Wir leben sehr gut hier. Lassen Sie uns beten, dass sich die Probleme um uns herum beruhigen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk