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StartseiteSport am WochenendeDer Grüssausschuss20.11.2011

Der Grüssausschuss

Sportgespräch über die Bedeutung der Sportpolitik im Deutschen Bundestag

Die deutschen Sportpolitiker stehen in der Kritik: Denn im Deutschen Bundestag hat der Sportausschuss auf Betreiben seiner schwarz-gelben Mitglieder der Öffentlichkeit die Türen vor der Nase zugeschlagen. Doch mit diesem Schritt stellt sich die Frage: Welche Funktion hat der Ausschuss noch? Und was haben die Abgeordneten vor?

Eine Sendung von Grit Hartmann und Robert Kempe

Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestages. (Dagmar Freitag / Frank Ossenbrink)
Dagmar Freitag (SPD), Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestages. (Dagmar Freitag / Frank Ossenbrink)

"Raus, raus, raus, raus, raus! Raus! Raus! Oh, Scheiße ... Nach hinten marschieren! Nach hinten marschieren! ..."

Der Jahn-Sportpark in Berlin, Prenzlauer Berg. Der FC Bundestag absolviert hier unter Flutlicht sein letztes Spiel vor der Winterpause. Man muss sich bewerben, um gegen die Parlamentarier antreten zu dürfen. An diesem Novemberabend ist das Nordfriesland Oldie Star Team der Gegner. Das Publikum besteht aus etwa 15 Anhängern des Altherren-Teams aus Husum. Sie haben öfter Gelegenheit zum Beifall: Ihre Elf überrollt die Parlamentskicker förmlich.

Kapitän und Sturmspitze beim FC Bundestag ist Klaus Riegert, der sportpolitische Sprecher der Union. Er schießt das einzige Tor für seine Truppe, sechs kassiert sie. Die Niederlage passt zu dem Spott, der dem CDU-Abgeordneten in diesen Wochen auch sonst entgegenschlägt - obwohl dem ein Sieg voranging. Ende Oktober hat Riegert jenen Geschäftsordnungsantrag durchgeboxt, der Bürger und Journalisten künftig von den bisher öffentlichen Sitzungen des Sportausschusses ausschließt. Sogar hier, auf einem öffentlichen Fußballplatz, reagiert der Ex-Kriminalkommissar harsch auf mediale Aufmerksamkeit:

"Sie machen hoffentlich keine heimlichen Aufnahmen? - Heimlich nicht. - Doch, im Moment schon!"

Riegert schlug im Sportausschuss die Türen zu, weil er Medienberichte als unbotmäßig empfand. Journalisten hätten ihr "Privileg missbraucht", dabei sein zu dürfen, zitierten andere Abgeordnete ihn nach der turbulenten Sitzung. Beschrieben worden war, auf "Zeit online" oder im Deutschlandfunk, wie Parlamentarier Karten spielten auf ihren Tabletcomputern, wie sie lieber lautstark miteinander plauschten als Sachverständigen zuzuhören. Auch Besuchern, zum Beispiel einer Athletengruppe, fiel das merkwürdige Verhalten der Abgeordneten zur Sitzungszeit schon auf. Dagmar Freitag, die Ausschuss-Vorsitzende von der SPD:

"Dass es Kritik am zeitweiligen Verhalten einiger Kolleginnen und Kollegen im Ausschuss über einen längeren Zeitraum gegeben hatte, war bereits auch Thema im Obleute-Gespräch. Ich hatte das thematisiert, hatte die Obleute darauf hingewiesen, dass auch ich Hinweise bekommen hätte, dass das Eine oder Andere von der Öffentlichkeit vielleicht als nicht ganz angemessen wahrgenommen worden war. Von daher gab es so eine Art Vorwarnung. Es wird ne Summe von Ereignissen gewesen sein, die zu dieser Reaktion geführt haben. Ob die Summe wirklich ausgereicht hat, um diese Entscheidung zu rechtfertigen, kann man getrost anzweifeln."

Martin Gerster, sportpolitischer Sprecher der SPD, ließ noch aus der Sitzung eine Pressemitteilung verbreiten, in der er den Vorgang einen Skandal nannte. Die Grüne Viola von Cramon befand, es gehe zu "wie bei Putin". Das Medienecho war verheerend. Michael Reinsch berichtet seit vielen Jahren für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" auch aus dem Sportausschuss. Der Coup der Sportpolitiker von Union und FDP, schrieb er, sei "nur deshalb kein Skandal", weil diese die Bedeutung des Ausschusses "längst unterminiert" hätten:

"Was ich meine, ist, dass der Ausschuss ohnehin schon an Bedeutung verloren hat, seit Peter Danckert nicht mehr der Vorsitzende ist. Er hatte ein großes Talent, brisante Themen aufzugreifen und auch entsprechend zu vermarkten. Das war natürlich ein Riesenplus für den Sportausschuss und für die politische Arbeit. Er hat sich und das Parlament ganz explizit auch als Kontrollgremium für den organisierten Sport verstanden. Und dieses Selbstverständnis ist ein bisschen verloren gegangen. Dazu kam, dass viele Abgeordnete - und man muss es fairer Weise sagen - nicht nur aus den Reihen der Union und der FDP, durch körperliche und geistige, und /oder geistige Abwesenheit auffielen. Dass auch die, die da waren, nicht immer auf Ballhöhe waren. Was sich dann in Fragen von großer Ahnungslosigkeit offenbarte. Und insofern war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann sie mit dieser Art von Selbstentblößung Schluss machen wollten, die Mitglieder des Ausschusses."

Peter Danckert leitete den Sportausschuss zwischen 2005 und 2009. Die Kunst der Politik, ein Thema unter vielen zu erkennen und es zu präsentieren, beherrscht der Anwalt. Auch bei Danckert blieb manches in Ankündigungen stecken - etwa, als es darum ging, dem Bund Deutscher Radfahrer nach diversen Dopingskandalen die Fördermittel zu kürzen. Aber in seine Amtszeit fielen viele Debatten um die Bekämpfung von Doping durch den Staat. Der SPD-Politiker befürwortete eine härtere Gangart auch gegen Sportler, durchsetzen konnte er in der Großen Koalition nur ein reformiertes Arzneimittelgesetz. Sportbund-Präsident Thomas Bach, FDP-Mitglied, frohlockte trotzdem bei Danckerts Abschied: Die Zeit "populistischer und öffentlichkeitsheischender Alleingänge" sei vorbei.

Unter Danckert öffnete der Sportausschuss seine Sitzungen, als erster im Bundestag. Im Großen sollte das als Wegweiser fürs Parlament verstanden werden, im etwas kleineren Politgeschäft als Gegengewicht zum organisierten Sport. Der wird mit öffentlichen Millionen alimentiert, entscheidet aber in geheimen Zirkeln:

"Deshalb haben wir, habe ich ganz bewusst darauf gedrängt, dass solche Dinge, die von anderen Beteiligten am liebsten in geschlossenen Kreisen behandelt werden, dass die öffentlich diskutiert werden, dass man die Relevanz erkennt. Das birgt natürlich auch Konflikte. Weil, ich hab natürlich auch mitbekommen, dass Leute beim Deutschen Fußball-Bund, Leute bei der DFL nicht immer glücklich darüber waren. Aber am Ende des Tages haben sie gesagt, wir haben eine faire Behandlung erfahren, es ist gut, dass die Themen behandelt worden sind und die Zustimmung war am Schluss sehr groß. Natürlich hat auch Thomas Bach das nicht immer gefallen, wenn wir etwas behandelt haben, was ihn oder seine Rolle im DOSB oder im IOC betraf, aber am Ende haben wir auch dort uns bemüht, fair zu sein. Gut, wenn man Betroffener ist, sieht man das vielleicht immer bisschen anders. Aber das müssen wir in unserer heutigen Gesellschaft ertragen. Und die Reaktion, die jetzt zu der veränderten Situation geführt hat, die finde ich irgendwie ganz fatal. Wenn man Kritik übt an einzelnen Abgeordneten oder einzelnen Handlungen des Sportausschusses und das am nächsten Tag zum Anlass nimmt zu sagen, denen werden wir das jetzt mal zeigen, die schicken wir vor die Tür - ja, was ist denn das für ein Demokratieverständnis?"

Das steht in diesem Ausschuss ohnehin auf dem Prüfstein. Der echte Lobbyist steht vor dem Parlament. Im Sportausschuss sitzt er drinnen, ganz offen. Traditionell sind viele Abgeordnete zugleich Funktionäre in Verbänden oder Vereinen. Joachim Günther, stellvertretender Ausschuss-Vorsitzender, formulierte zu Beginn der Legislaturperiode sein Selbstverständnis:

"Also, ich gehe davon aus, dass alle, die im Sportausschuss sind, mit ganzen Herzen beim Sport dabei sind. Und wer beim Sport mit ganzen Herzen dabei ist, hat irgendeine Funktion in irgendeinem Sportbereich, sonst würde er sich dafür nicht engagieren. Auch ich habe über sieben Jahre einen Sportverein maßgeblich mit geleitet. Das heißt, diese Leute sind für den Sport engagiert und ich glaube nicht, dass sie in den Sportausschuss gehen, von vorn herein mit einem Gedanken: Ich möchte hier einen Interessenkonflikt. Ich habe es in den Jahren, wo ich im Sportausschuss bin, egal ob von Regierung oder Opposition, bisher nicht erlebt, dass das irgendeine Rolle gespielt hat und dass das irgendwie Auswirkungen auf die Arbeit des Sportausschusses hatte."

Günther stand mal dem Fußball-Regionalligisten VFC Plauen vor. Als er ging, saß der Verein auf einem sechsstelligen Schuldenberg. Mit seiner Realitätswahrnehmung überrascht der Liberale häufiger. Auch in Bezug auf seine parlamentarischen Sportfreunde: Frank Steffel (CDU) lud schon auf Bundestags-Briefpapier Abgeordnete zu einem Spiel des Handball-Bundesligisten Reinickendorfer Füchse ein, bei dem er präsidiert. Sein Parteifreund, der Turn-Weltmeister Eberhard Gienger, war Vizepräsident des DOSB, zuständig für Leistungssport, also für jenen Bereich, über dessen Finanzierung der Ausschuss entscheidet. Gienger verabschiedete sich zwar aus dem Ehrenamt - aber nicht wegen einer Interessenkollision, sondern weil er überfordert war.

Dagmar Freitag ist zugleich Vizepräsidentin der Leichtathleten, zuständig fürs Marketing. Als der Verband 2008 mit seinen DDR-Dopingtrainern in die Kritik geriet, dauerte es Monate, bis das Thema auf die Tagesordnung rückte - dann tat sich die damalige sportpolitische Sprecherin der SPD dadurch hervor, dass sie die Glaubwürdigkeit der Opfer bezweifelte. Sie sagt zu ihrer Doppelrolle:

"Da sage ich mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein, dass ich mir in der Vergangenheit zugetraut habe, meinen Beruf, nämlich als Abgeordnete im Sportausschuss zu arbeiten, von meinem Ehrenamt, das ich im Übrigen auch im weitesten Sinne für diese Gesellschaft ausübe, dass ich das trennen kann."

Unter Leichtathletik-Funktionärin Freitag tagte der Ausschuss wiederholt nicht öffentlich. Staatsgeheimnisse standen nicht zur Debatte - aber zum Beispiel Themen, mit denen Freitag im Ehrenamt verbunden war, etwa die lange unsichere Live-Übertragung der letzten Leichtathletik-WM durch ARD und ZDF.

Der Sportausschuss stört sich auch an Geheimnissen von anderem Kaliber kaum. Solche, wie sie Sportbund und Bundesinnenministerium hüten. Beide sollte das Parlament eigentlich kontrollieren. Michael Reinsch von der FAZ:

"Ich werde nie vergessen - in öffentlicher Sitzung - den Auftritt des Generaldirektors Michael Vesper, der, von den Abgeordneten gebeten, die Zielvereinbarungen, die der DOSB mit seinen Fachverbänden abschließt, offen zu legen, sich geweigert hat. Und tatsächlich verlangte, dass diese Vereinbarungen, in denen also abgemacht wird, was so ein Verband sich vornimmt für die nächsten Olympischen Spiele und was er dafür für Unterstützung erhält, dass so etwas die Sportorganisationen wie ein Staatsgeheimnis behandelt wissen wollen. Und die Abgeordneten haben das so hingenommen. Der Sportausschuss hätte da natürlich eine Kraftprobe daraus machen können. Aber wenn man keine Kraft hat, lässt man es auch auf eine Probe nicht ankommen."

Die Medaillenzähler in DOSB und BMI verfügen über ein robustes Immunsystem gegen Forderungen aus dem Bundestag. Bisher mussten sie Hartnäckigkeit kaum fürchten. Nicht einmal, wenn Haushaltsfragen, und damit das Hoheitsrecht des Parlaments, berührt sind. Nach welchen Kriterien die Steuermillionen im Hochleistungssektor weiterverteilt werden - das ist bis heute top secret.

Entscheiden dürfen die 18 Sportausschuss-Mitglieder nicht viel - ihr wichtigster Job ist die Mitberatung des Sporthaushalts. Im Verlauf dieser Legislaturperiode sank die politische Aktivität chronisch. In drei Haushaltsberatungen ging zum Beispiel die Zahl der SPD-Anträge von fünf auf drei und schließlich, in diesem Herbst, auf zwei zurück. Gab es nicht mehr zu bemängeln an dem 240-Millionen-Topf von neun Ministerien für den Sport? Dagmar Freitag:

"Auch die SPD ist sich der finanziellen Situation des Bundeshaushaltes bewusst. Auch wir wissen, es gibt eine Schuldenbremse, die im Grundgesetz verankert ist. Und deshalb muss man sich im Moment auf die absoluten Kernthemen beschränken. Und das ist für uns das Thema Dopingbekämpfung. Die SPD ist der Meinung, dass es ein unsägliches Signal sowohl national wie auch international ist, die Bundesgelder für die Dopingbekämpfung zurückzufahren. Wir können nicht mit europäischen und anderen internationalen Partnern darüber sprechen, dass die Dopingbekämpfung nicht nur harmonisiert, sondern auch intensiviert werden muss und gleichzeitig das Signal setzen, der vermeintliche Vorkämpfer in Sachen Antidoping, nämlich Deutschland, reduziert seine Zahlungen. Das ist ein verheerendes Signal und ein Mutmacher für Doper."

Ihr Vorgänger Peter Danckert, jetzt im Haushaltsausschuss, hat sich dennoch gewundert. Er erzählt, dass er seiner Fraktion Kürzungen beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft empfohlen hat und Zuschläge beim Sportstättenbau. Letztere beantragten Grüne und Linke. Das Bundesinstitut, mit dubiosen Auftragsvergaben schon vor längerer Zeit im Fokus der Haushälter, soll im Sportausschuss erst noch diskutiert werden. 500.000 Euro Plus fürs kommende Jahr winkte man aber schon mal durch.

"Die Entwicklung seit 2009 macht mich im Stillen betroffen. Ich habe bis auf dieses Gespräch auch bisher davon abgesehen, das von mir aus zum Thema zu machen, weil ich denke, die Kollegen müssen das selber entscheiden, was sie da machen. Und vielleicht versuchen sie es ja auch, und es gelingt nicht. Die Streitkultur in der Zeit von 2005 bis 2009, das fehlt nach meiner Beurteilung im Moment total."

Bei der Debatte zum BMI-Sporthaushalt vor vier Wochen wusste man nicht: Liegt das nun am fehlenden Biss der Opposition, oder schlicht an mangelnder Präsenz der Koalition? Nur zwei von zehn Sportfreunden waren da. Anfang 2010 rang sich Schwarzgelb zum bisher einzigen Haushalts-Antrag durch. Zugunsten der Ski-WM in Garmisch wollte man eine Sondermünze auflegen lassen - das war allerdings längst in die Wege geleitet. Klaus Riegert:

"Ich war sieben Jahre in der Opposition, da stellt man in der Regel Anträge und macht Große und Kleine Anfragen. Und wenn man bei den Fraktionen ist, die die Regierung tragen, ist man da naturgemäß stärker auch daran beteiligt. Und deswegen werden Sie natürlich sehen, dass wir jetzt eben auch in diese Verhandlungen eingebunden sind. Wir sind zufrieden mit der BMI-Politik und nehmen da auch unseren Einfluss, den wir als Parlamentarier haben."

So wie vor zwei Wochen, als es ein Entschließungsantrag von Union und FDP ins Plenum schaffte? "Klima- und Umweltschutz im und durch den Sport stärken". Er enthielt Forderungen an die Bundesregierung, diese oder jene Maßnahme "weiter zu unterstützen", "weiter zu fördern". Ein Papier im Duktus von Parlamentariern, die sich in die heile Welt einer sich selbst regulierenden Regierung geflüchtet haben.

Die SPD brachte einen Antrag gegen Rechtsextremismus ins Plenum, die Grünen einen zur Frauen-Fußball-WM. Der war ganz von der sozialen Dröhnung getragen, nach der durch Fußball alles gut wird und ging wohl auf Claudia Roth zurück. Auch unter der Parteichefin, die sich gern "sportnarrisch" nennt, leidet, was einmal kantige grüne Sportpolitik war. Roth ist stellvertretendes Mitglied im Sportausschuss. In diesem Jahr ließ sie sich nur blicken, als DFB-Chef Theo Zwanziger zu Gast war. Sie lobte die Erfolge eines Umweltprojektes. An dem hatte sie selbst in einer DFB-Kommission mitgewirkt.

Harmonisch geht es oft zu in der "gemeinsamen Sportfraktion", wie sich die Parlamentarier bisweilen bezeichnen. Man begrüßt auch gern etwas geschlossen, ob nun Medaillen, Sportevents, Bewerbungen um selbige oder das Agieren deutscher Funktionäre. Manche Abgeordnete stört es, wenn ein Sachverständiger mal deutlich umgeht mit dem Sport, seinen Mauscheleien und Manipulationen. Michael Reinsch:

"Einer der Tiefpunkte dieser Ausschussarbeit war, als - ganz ungeniert - Abgeordnete Sachverständige oder einen Sachverständigen angegriffen, der offenbar von der konkurrierenden Partei oder Fraktion eingeladen worden war. In diesem Fall war es so, dass der sehr renommierte Sportwissenschaftler und Arzt Prof. Perikles Simon als Sachverständiger geladen war. Und Simon hat lange Ausführungen gemacht, denen nicht alle Abgeordneten folgten, ich kann mich da gut dran erinnern. Also, ein Abgeordneter war in irgendetwas anderes vertieft, hat intensiv gelesen. Er hat ganz entschieden nicht Karten gespielt, aber er hat sich mit einem anderen Thema beschäftigt, das weiß ich genau. Und als es dann an die Fragerunde ging, hat just dieser Abgeordnete den Sachverständigen nicht befragt, sondern ihn wirklich sehr persönlich und sehr unsachlich angegriffen. Und das brachte dann eine Schärfe und einen Ton in die Auseinandersetzung, die ich als sehr unpassend, sehr störend und auch der Sache nicht angemessen empfand."

Simon hatte Studien referiert, nach denen weltweit 30 Prozent der Spitzensportler dopen, und ausgeführt, in Wahrheit seien es noch mehr. Der CSU-Abgeordnete Stephan Mayer attackierte sogleich: Deutsche Athleten würden unter Generalverdacht gestellt. Auch Mayer versteht sich als Freund, Förderer und Partner des Sports. Den Ausschuss vertrat er im Aufsichtsrat der Olympiabewerber-Gesellschaft für München 2018.

Welche Schwerpunkte will die Union in dieser Legislatur noch setzen? Klaus Riegert:

"Ach, so lange haben Sie gar nicht Zeit. Kurz und knapp, um das auf einen Nenner zu bringen, weil man natürlich ... das kann man im Sportprogramm der CDU nachlesen: Da geht es um Breitensport, bei uns geht es in der Fraktion um Spitzensport. Es geht um die Gesetzgebung, alles was im Sport anlangt. Es geht um den Antidoping-Kampf. Es geht um internationale Zusammenarbeit. Es geht um viele, viele andere Punkte. Also von daher ist diese Frage nicht in dreißig Sekunden zu beantworten."

Riegert braucht genau 30 Sekunden, um nichts über die Sportpolitik seiner Fraktion zu sagen.

Dagmar Freitag (SPD) sieht Handlungsbedarf bei der Antidopinggesetzgebung. Ihre Partei hat eine Gesetzesinitiative angekündigt, die den Besitz von Dopingmitteln für Athleten unter Strafe stellen soll. Und geht es nach ihr, rückt auch das Thema Korruption wieder auf die Agenda. Die erste Anhörung wertet Freitag als Höhepunkt ihrer Zeit als Ausschuss-Vorsitzende. Geladen war kein Vertreter des Sports. Satt dessen mutierte ein stellvertretendes Ausschussmitglied kurzerhand zum Sachverständigen: der CDU-Politiker Reinhard Grindel, zugleich "Transparenzbeauftrater" des DFB. Der Ausschuss sozusagen im Selbstgespräch. Es war diese Sitzung, nach der Medien daddelnde Abgeordnete aufs Korn nahmen.

Seit den Protesten gegen Stuttgart 21 gilt es hierzulande als ausgemacht, dass die repräsentative Demokratie in der Krise steckt. Wachsende Distanz zwischen politischen Eliten und Gesellschaft ist fraglos einer der Gründe. Peter Sloterdijk beklagt gar die "Ausschaltung der Bürger in der Demokratie". Der Politologie-Professor Markus Linden brachte unlängst einen viel beachteten Band mit dem Titel "Krise und Reform politischer Repräsentation" heraus. Die wichtigste Reform wäre, schreibt er, radikal das Öffentlichkeitsprinzip durchzusetzen. Politische Repräsentation verlange, dass repräsentatives Handeln jederzeit zurechenbar sei. Deshalb müssten die vorhandenen Gremien öffentlich gemacht werden.

Im Bundestag kommt dergleichen auch in den Zeiten von Piratenpartei und Occupy Wallstreet nicht an. Kritik aus den Reihen der schwarzgelben Spitzenpolitiker an der Rückkehr des Sportausschusses in die abgeschottete politische Kommunikation wurde nicht bekannt. Einer wie Peter Danckert betritt vermutlich auch in der SPD Neuland:

"Ist doch gar nicht einzusehen, dass wir im Ausschuss sozusagen uns verbergen vor der Öffentlichkeit und im Parlament Reden ablesen. Im Verkehrsausschuss - ist gar nicht einzusehen, warum die Dinge im geschlossenen Kreis beraten werden sollen. Die können sich sehr wohl auch öffentlich präsentieren. Weil, das geht's um Straßen, um Schienen, um Lärmschutz, um all die Dinge, die die Menschen draußen auch wissen wollen. Zusätzliche Transparenz ist grundsätzlich wünschenswert und ist ja in der Öffentlichkeit auch gefragt. Ist ja nicht so, dass die Menschen Verständnis dafür haben, dass wir alles im Geheimen machen, sondern das ganze Gegenteil ist angesagt."

Öffentlichkeit habe auch dem Sportausschuss nie geschadet, findet Danckert:

"Im Gegenteil: Der Ausschuss ist für viele Leute, aber auch im Parlament zum ersten Mal wirksam geworden. Sie haben ihn zur Kenntnis genommen. Viele haben mir gesagt: Ich wusste gar nicht, dass es einen Sportausschuss gibt. Und von da aus sage ich: Wenn der überhaupt eine Berechtigung hat als Ausschuss im Parlament, dann muss dieser Ausschuss nach wie vor öffentlich tagen."

Die letzte Sitzung des Sportausschusses. Auch DOSB-Präsident Bach muss zwischenzeitlich vor die Tür. Ihn amüsiert das eher. Sein liberaler Parteifreund Joachim Günther wird sich nach der Sitzung auf die Usancen im Sport berufen.

"Es tagt niemand öffentlich. Es wird erst einmal in den Gremien getagt, und wenn die Gremien entschieden haben, dann kann die Öffentlichkeit immer unterrichtet werden."

Gern würde man feststellen, dass der Mann aus dem Vogtland, Funktionär schon zu DDR-Zeiten, sein Demokratieverständnis herübergerettet hat - doch seine Position ist mehrheitsfähig in der Koalition. Die will nun "effektiver" arbeiten. Hat das geklappt?

"Ich will nicht sagen: effektiv. Aber es war heute sehr geordnet und sehr zielstrebig. Und wenn das das Ergebnis von so etwas ist, finde ich das gut. Ich bin sicher, Sie werden immer Ihre Informationen bekommen, wenn Sie danach kommen, wenn es in einem fairen Miteinander zugeht. Und da habe ich überhaupt keine Probleme, dass so etwas aus dem Ufer läuft. Innen war es heute top."

Klaus Riegert:

"Ja, wir hatten in angenehmer Atmosphäre ausführlich diskutiert. Das zeigt ja auch, dass wir nicht deswegen schludriger arbeiten wollen, sondern wir haben uns intensiv mit den Themen auseinander gesetzt und haben die Themen, die auf der Tagesordnung standen, intensiv diskutiert. Und ich bin mit der Effektivität sehr zufrieden."

Die Sitzung dauert länger als geplant. Danach wird berichtet, dass CSU-Mann Stephan Mayer eine ausufernde Fensterrede zur gescheiterten Olympiamission München 2018 hielt. Ausschusschefin Freitag musste ihn stoppen. Erst einmal aber wurde gestritten über die alt-neue Sitzungspraxis im Geheimen. Klaus Riegert habe ausgeführt, Öffentlichkeit gefährde die parlamentarische Demokratie. Nun sagt er:

"Das ist jetzt eine sehr unzulässige Zusammenfassung. Ich hab darauf hingewiesen, dass es bestimmte Veröffentlichungen gibt - nicht die Öffentlichkeit im Sportausschuss, sondern bestimmte Veröffentlichungen -, die man mal in der Sprache und im Inhalt nachlesen muss und in den Bewertungen."

Worin besteht die Zumutung?

"Das können Sie sich selber - Sie werden ja eh das dann wieder kommentieren und hin und her auslegen, wie Sie wollen. Ich bleibe dabei, es gibt öffentliche Szenarien, die man einfach mal in der Sprache, darauf habe ich hingewiesen, von der Sprache her nachprüfen muss. Und da bin ich ganz deutlich der Meinung, die zielen nicht darauf hin, Parlamentarismus zu stärken, sondern ihn zu untergraben. Da können Sie in bestimmten Foren einmal selber nachlesen."

Riegert zielt womöglich auf Blogs wie den von Jens Weinreich ab. Weinreich - der auch für den Deutschlandfunk arbeitet - hat die Arbeit des Sportausschusses lange Zeit live auf seinem Blog begleitet und für diese neue Form der politischen Berichterstattung den Grimme-Preis erhalten. Im Grunde ist es aber gleich, welche "öffentlichen Szenarien" Riegert meint. Dass ein Bundestagsabgeordneter Kritiker in die Ecke von Demokratie-Verächtern rückt, spricht für sich selbst.

Ein wenig mehr als ungestörtes Daddeln wird parlamentarische Sportpolitik in Berlin auch künftig beinhalten. Ob das erheblich sein wird? Man darf es bezweifeln.

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