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Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteKultur heuteDer inszenierte Skandal15.02.2008

Der inszenierte Skandal

Wie die "FAZ" den Vorabdruck des Romans "Die Wohlgesinnten" multimedial orchestriert

Blut, Brutalität und brechende Knochen: In Deutschland erscheint bald der Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell, der aus Sicht eines SS-Offiziers den Vernichtungskrieg gegen die Juden schildert. In Frankreich sorgte der Roman für Aufregung, die "FAZ" hofft nun auch in Deutschland auf eine angeregte Debatte: Sie sicherte sich die Rechte am Vorabdruck und richtete ein Diskussionsforum im Internet ein.

Von Martina Meister

Schriftsteller Jonathan Littell sorgt mit "Die Wohlgesinnten" für Diskussionen. (AP)
Schriftsteller Jonathan Littell sorgt mit "Die Wohlgesinnten" für Diskussionen. (AP)

Zugegeben, die Idee ist großartig: Wer viele Tage und endlose Nächte mit diesem Mann verbracht hat, wer so lange einem Mörder zugehört, seinen Monologen gelauscht hat, wer mit ihm hinab gestiegen ist ins Kellergeschoß der Seele, der will dort nicht alleine sein. Nicht mit Maximilian Aue, diesem SS-Obersturmbannführer und Bildungsbürger, der sich am Massenmord an den Juden beteiligt, aber pingelig darauf geachtet hat, sich seine Uniform nicht zu beschmutzen.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) hat deshalb einen digitalen Leseraum erfunden, ein multimediales Diskussionsforum, einen "Reading Room" auf gut Neudeutsch. Man darf sich das bitte nicht wie das Lesezimmer einer Bibliothek vorstellen. Hier knarrt kein Parkett. Hier liegt kein Staub in der Luft. Es geht um die Speerspitze des Debattenfeuilletons. Um Meinungsführerschaft. Um Agenda setting.

Denn das Internetforum bietet Experten, Historikern und Literaturwissenschaftlern, eine Plattform, soll aber auch "normale Leser" zu Wort kommen lassen. Es soll die Debatte um Jonathan Littells Roman "Die Wohlwollenden" anheizen, kanalisieren, es wird sie über kurz oder lang dominieren. Hier also ist der Ort, wo verhandelt werden soll, hier und nur hier: Reading Room der FAZ. Der Eintritt ist unentgeltlich, das Schauspiel unbezahlbar.

Die Idee ist großartig. Ist es der Roman auch? Nein. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ und Miterfinder des Reading Rooms, sagt es klipp und klar: Die fiktive Lebensbeichte der SS-Obersturmbannführers Max Aue, sei nicht das Jahrhundertwerk, als das es die französischen Medien bejubelt haben. Kein "Krieg und Frieden" also, über weite Strecken "fast unlesbar", "kitschig" sogar. Aber "groß" sei es dennoch. "Groß und kalt", schreibt er in seiner "Werkeinführung". Denn an alles ist gedacht: An die Zusammenfassung der Handlung; an die biografischen Notizen zum Autor; Schlüsselbegriffe werden erläutert, Zeit- und Fotoleisten angeboten; man kann in den ersten Episoden des Vorabdrucks des Romananfangs stöbern, sie wahlweise als Audiodatei anhören, als Videostream ansehen. Ein Noch-Nicht-Leser kommentiert: "In mir regt sich ein Widerstand gegen dieses Buch und seine Eventisierung." Man kann es ihm nachfühlen. Am Ende fragt er, warum er es eigentlich lesen sollte.

Nicht, dass man im Reading Room nicht auf anregende Gedanken stoßen würde. Der Filmemacher Claude Lanzmann, Regisseur von "Shoah", erinnert an seinen frühen, den wichtigsten Einwand: Henker sprechen nicht. Er weiß es aus Erfahrung. Der Schriftsteller Jorge Semprun wiederholt seine Lobrede auf Littell. Nicht die Historiker gewährleisten Erinnerung, die Literatur tut es. Aber all dies haben sie schon mehrfach geäußert, in französischen Medien, in der FAZ natürlich. Lanzmann und Semprun brauchen nicht diese digitale Öffentlichkeit, um gehört zu werden.

Im Reading Room fehlen im Übrigen alle Verweise oder Links auf Beiträge aus Konkurrenzmedien, die veröffentlicht wurden, als die Debatte in Frankreich tobte und die deutsche Meinungs-Sperrstunde noch nicht galt. Warum eigentlich? Das hätte tatsächlich verdienstvoll sein können, eine Art digitale Bibliothek zum Thema zu erstellen. Aber die Debatte ist wie der Vorabdruck: "exklusiv", um es mal mit den Worten Frank Schirrmachers zu sagen.

Wieso kommt einem dieser Reading Room so leer, so unlebendig vor? Weil es ein Kunstraum ist. Weil er eine Debatte vorweg nehmen will, die noch nicht begonnen hat, ja die noch nicht beginnen konnte. Schließlich gilt für alle anderen Medien die Sperrfrist des Verlages. Aber ein Diskussionsforum zu einem Roman, von dem der Leser bisher nur Häppchen kennen kann, hat etwas von einer Gastrokritik zu einem Essen, das der Kritiker noch nicht verspeist hat. Deshalb kommt man sich in diesem Reading Room auch ein wenig vor wie in der Häschenschule. Der strenge Lehrer Lampe, ein kluger Redakteur in wechselnder Besetzung, stellt die Tagesfrage, die braven Hasenkinder melden sich zu Wort. "Ich, Herr Lehrer, ich! Ich weiß was."

Auf die gestrige Tagesfrage, wie man bitte den Titel zu verstehen habe, antworteten zwei Experten, zwei Leser gaben zur Expertenmeinung Kommentare ab, ganz vier Leser meldeten sich im Leserforum zu Wort. Könnte es sein, dass die digitale Community zu klug ist, um sich derart vereinnahmen zu lassen? Ganz offensichtlich.

Die FAZ-Debatte über Littell ist Teil eines Marketingplanes. Eine halbe Million Euro soll der Berlin Verlag für die Rechte an Littells Erstlingswerk hingeblättert haben. Er soll, er muss dieses Geld wieder einspielen. Business as usual. Oder: Shoah-business as usual.

Wie gesagt: Wer viele Tage und endlose Nächte mit diesem Mann verbracht hat, wird mit Max Aue nicht alleine bleiben wollen. Doch wer wird sich tatsächlich noch durch tausendvierhundert Seiten fressen, wo doch die Debatte die Lektüre längst ersetzt hat?

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