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StartseiteBüchermarktDer Klavierlehrer und sein Schüler01.06.2008

Der Klavierlehrer und sein Schüler

Peter Goldsworthy: "Maestro", Deuticke Verlag, Wien 2007, 17,80 Euro

Der Roman "Maestro" des australischen Schriftstellers Peter Goldsworthy erzählt die Geschichte eines jungen Pianisten von der Pubertät bis zum Erwachsensein. Er lernt unter den Fittichen eines extravaganten Lehrers, der ihm Charakter, Wahrhaftigkeit und Seelenstärke beibringen will. Seiner Vergangenheit kommt der Eleve erst nach und nach auf die Spur.

Von Thommie Bayer

Der Lehrer erklärt ihm zunächst die einzelnen Finger seiner Hand. (Stock.XCHNG)
Der Lehrer erklärt ihm zunächst die einzelnen Finger seiner Hand. (Stock.XCHNG)

Ich möchte Ihnen ein Buch vorstellen, dessen Lektüre Sie nicht bis zum nächsten Urlaub aufschieben müssen: weil es schlank ist, gerade mal 188 Seiten, weil es eine Sprache hat, durch die man sich im Schlendergang bewegen kann, und weil es viel zu schön ist, um hinterher der Zufallsbibliothek irgendeines Ferienhotels übereignet zu werden. Dieses kleine Buch werden Sie nach dem Lesen in Ihrer Nähe behalten wollen – es muss ins Regal, damit Sie jederzeit den einen oder anderen höchst erfreulichen Satz in Reichweite behalten, wie zum Beispiel: Mir gefiel Bier als Idee, aber ich hasste seinen Geschmack.

"Maestro" erzählt die Geschichte eines hochtalentierten jungen Pianisten von der Pubertät bis zum Erwachsensein, die Geschichte einer außergewöhnlichen, tragisch gescheiterten Künstlerpersönlichkeit und es berührt, beschreibt und sucht die Seele von Musik, ihre Größe, ihre Reinheit und die Zerbrechlichkeit von dem, was wirkliche Kunst von einer bloßen Verzierung des Alltags unterscheidet.

Paul Crabbe ist mit seinen Eltern von Adelaide im klimatisch milden und kulturell zivilisierten Süden Australiens nach Darwin, einer Kleinstadt im schwülen tropischen Norden, gezogen, wo die feuchte Hitze jede Bewegung zur Tortur macht und sich die Menschen aufführen wie Neandertaler. Sein Vater ist Arzt im Krankenhaus, beide Eltern sind musikbegeistert und stellen jedes Jahr zusammen mit anderen Laien und Liebhabern eine Gilbert und Sullivan Oper auf die Beine.

Paul, der so gut Klavier spielt, dass ihm eine Karriere als Konzertpianist in Aussicht zu stehen scheint, braucht einen seinen Fähigkeiten angemessenen Lehrer – ein solcher wird gefunden aber erweist sich als extremer und nicht gerade sympathischer Sonderling.

Lesung:

Das Zimmer hinter der Tür über dem Biergarten war groß, wirkte aber irgendwie enger, kleiner, weil zwei Klaviere darin standen. Ein Pianino und (der Lieblingswitz meines Vaters) ein Flatterding. Diese Klaviere füllten den verfügbaren Raum wie zwei Planeten oder vielleicht wie ein Planet und sein kleinerer Mond; um sie drehte sich alles. Man musste sich etwas anstrengen, um die anderen Möbelstücke bei diesem ersten Besuch wahrzunehmen: Das enge Bett war an eine Wand gedrängt, die Regale vom Boden zur Decke mit Büchern und Noten voll gestopft, ein Waschbecken, ein einzelner Lehnstuhl.

Keller führte meine Mutter zum Lehnstuhl und bot ihr mit förmlicher, manierierter Höflichkeit diesen Platz an; lächerlich, das schon, aber gleichzeitig doch irgendwie natürlich. Rückblickend glaube ich zu hören, wie er die Hacken zusammenschlägt, ganz deutlich – aber das war sicher nicht so.

Er setzte sich zum Flügel – einem Bösendorfer, dem ersten, den ich je gesehen hatte – und wirbelte herum, um uns anzusehen. Das Pianino – ein abblätterndes Wertheim, dessen Lack rissig war und Blasen warf nach zu vielen Jahren zu nahe am Äquator – war meins.
Er zeigte auf den Hocker. Ich setzte mich.
Einige Zeit sagte er nichts, er beobachtete nur. Sein rotes Gesicht glühte über dem weißen Kragen und dem Revers. Irgendeine innere Explosion schien tausende geborstene Blutgefäße gegen die Innenseite seiner Wangen geschleudert zu haben. Von draußen drang der Klang des Donners zu uns herein, aus der Ferne: der Klang des Februars, der tiefsten und dunkelsten Regenzeit. Das Zimmer war stickig, drückend, doch die hölzernen Jalousien, die zwei einander gegenüberliegende Wände bildeten, blieben geschlossen, der Deckenventilator blieb still. Nicht das Flüstern einer Bewegung durchbrach die Schwüle.

Ich hatte das Gefühl, dass ich gerade irgendeinen Test durchlief.
"Hitze", verkündete Keller plötzlich, "können wir ertragen. Ein bisschen Unbehagen ist notwendig, um aufmerksam zu bleiben. Doch Lärm…"
Er deutete auf die Jalousien, die auf den Balkon hinausgingen – in die Richtung, in der darunter der Biergarten lag.

Meine Mutter lächelte unsicher und betupfte sich die Stirn mit einem Taschentuch. Schweiß sammelte sich langsam, die Tröpfchen liefen zusammen zu größeren Tropfen, schwer wie Quecksilber. Wir waren neu in Darwin, erst vor knapp einem Monat vom gemäßigten Süden Australiens hierher gezogen: Sie fand das Klima unerträglich.

Kellers rotes Gesicht glänzte ebenfalls von einer dünnen Schicht Schweiß, doch der Leinenanzug sah immer noch gestärkt und frisch gewaschen aus. Hatte er sich extra fein gemacht für das Treffen mit mir? Ich war Kind genug – egozentrisch genug – um das für wahrscheinlich zu halten.

Er starrte mich an; ich starrte tapfer zurück, fasziniert. Ich hatte noch nie jemanden wie ihn gesehen. Er war klein: die Größe der Einwanderer, der Europäer. Wie die Spaghettis. Das Haar über diesem flammenden Gesicht war weiß, schütter, wie Daunen. Auf seine rote Nase hatte er etwas gesetzt, das ich sofort als Zwicker erkannte – obwohl mir vorher nur das Wort untergekommen war, in Büchern, aber nie das eigentliche Ding.

Vor allem erinnere ich mich an die Hände: diese zarten, etwas lächerlichen Hände.


Paul, der aufgrund seiner Begabung und vielleicht auch als geliebtes und gehätscheltes Einzelkind sehr von sich selbst überzeugt ist, drängt darauf, den Lehrer mit seinem Klavierspiel zu beeindrucken, aber der will zu Anfang nichts davon wissen – er lässt seinen Schüler lange Zeit überhaupt nicht, dann nur Tonleitern spielen, redet stundenlang auf ihn ein, erklärt ihm die einzelnen Finger seiner Hand und hat überhaupt eine sehr eigentümliche Vorstellung davon, was ein guter Pianist zu lernen habe.

Eigentlich will Paul aufgeben, geht eine zeitlang nur noch seiner Mutter zuliebe zu den Stunden, aber nach und nach beginnt ihn dieser seltsame Mensch zu faszinieren, als er nämlich erfährt, dass dieser Eduard Keller vor dem Krieg in Österreich ein gefeierter Künstler war und bei einem Schüler von Liszt studiert hat – immer weniger passt diese verschrobene und verkommene Gestalt zu den Informationen, die sich Paul aus der Bibliothek zusammensucht. Warum ist der Mann emigriert? Warum ans Ende der Welt in diese gottverlassene Hafenstadt, in ein billiges Zimmer über einer Bar? War er vielleicht ein Nazi, ein Verbrecher wie Mengele oder Eichmann und fristet deshalb dieses ärmliche Dasein, weil er sich verstecken muss?

Lesung:

Der Champagnerkorken flog nach oben und direkt zwischen den Flügeln des sich drehenden Ventilators durch, prallte von der Decke ab und fiel wieder unbeschädigt durch die Flügel, so als ob das geplant gewesen wäre.

Meine Eltern lachten über dieses kleine Wunder. Sogar Keller brachte ein schwaches, verkniffenes Lächeln zustande.

"Auf ein wunderbares Talent", schlug mein Vater vor, als er die cremefarbene, schäumende Flüssigkeit ausgoss.
"Auf das… ordentlich gezügelte Talent", fügte meine Mutter hinzu und neigte ihr Glas in Richtung Keller.
"Auf eine sicher überwundene technische Hürde." Als er seinen Toast beendet hatte, trank er steif, sein Mund eng und faltig wie eine getrocknete Frucht.

Gegen Ende August zu meinem 16. Geburtstag hatte er endlich eine Einladung zum Abendessen angenommen. Und es war klar, dass er sich nicht gerade bemühte, noch einmal eingeladen zu werden.

Bei diesem Abendessen sollten zwei Dinge gefeiert werden: die Resultate meiner staatlichen Klavierprüfung für Fortgeschrittene waren aus dem Süden gekommen: sehr gut mit Auszeichnung, ein seltenes und erstaunlich gutes Ergebnis. Beide Eltern waren hoch erfreut und sich einmal darüber einig, doch Keller blieb ungerührt, zumindest nach außen. Seine Anwesenheit an diesem Abend war der einzige Hinweis, dass er vielleicht angesichts meiner – unserer? – Leistung etwas Stolz empfand.

Oder war er aus dem gegenteiligen Grund gekommen? Um kaltes Wasser auf die Festivitäten zu gießen, damit sie nicht außer Kontrolle gerieten?
"Eine solche Prüfung bedeutet nichts", zuckte er die Achseln. "Wer war der Prüfer?"
"Aber ein Sehr gut mit Auszeichnung?"
"Der Bub neigt zu sehr zur Selbstzufriedenheit. Die Selbstzufriedenen kommen nicht weiter."
Meine Mutter versuchte ihn zu necken. "Aber Sie werden sich doch sicher wenigstens ein kleines bisschen freuen?"
"Freue ich mich", fragte Keller, "weil Freitag ist? Weil es acht Uhr ist? Prüfungen sind nur eine technische Hürde. Eine chronologische Hürde: das Ticken der Uhr. Ein Zeichen, dass die Zeit vergeht."

Meine Eltern tauschten das erste Mal ein Augenzwinkern, wie ich das hinter seinem Rücken noch oft an diesem Abend beobachten sollte – ein Zwinkern, das durch eine Zeichensprache von immer größerer Raffinesse ergänzt wurde: hoch gezogene Augenbrauen, diskret verdrehte Augen, an geschürzte Lippen gepresste Finger.
"Nun, wir sind schon in Feierlaune", verkündete mein Vater. "Und ich möchte einen Toast auf Sie ausbringen, Maestro, wegen all der harten Arbeit, die Sie geleistet haben."
Nach der zweiten Flasche wurde Keller lockerer – aber nur ein kleines bisschen.
"Guter Wein", murmelte er, "importiert?"
"Barossa Valley", sagte mein Vater, dankbar für das Stichwort, da es ihm ermöglichte, seinen üblichen Weinmonolog zu beginnen: zum Teil südaustralischer Patriotismus, zum Teil Trivial Pursuit und zum Teil Reiseberichterstattung.
"Sie sollten die Gegend besuchen", empfahl er, als er seine umständliche verbale Führung durch die Weingärten des Barossa Valley beendete. "Viele der älteren Leute sprechen noch Deutsch. Ihre Kultur ist noch sehr stark."
"Ich bin Österreicher", sagte Keller.
Meine Eltern tauschten wieder Blicke und Zeichen, die sie auf eine Frequenz abgestimmt hatten, von der sie anscheinend glaubten, er könne sie nicht mehr wahrnehmen.
"Natürlich", sagte meine Mutter, "aber Sie sprechen Deutsch. Sie gehören zur selben Kultur."
"Noch jemand hat das geglaubt", sagte Keller leise. "Vor dreißig Jahren."
Schweigen folgte. Small Talk war unmöglich mit diesem Mann. Wir betrachteten ihn, wie er seinen Wein betrachtete: Sein wettergegerbtes Gesicht hatte ein regelmäßiges, durchfurchtes Aussehen angenommen, als ob er sich tief in Gedanken konzentriere.

"Auch hier sind während des Krieges fürchterliche Dinge passiert", griff meine Mutter das Gespräch schließlich wieder auf, im Versuch, ihren Fehler zu korrigieren, und machte gleich weitere Fehler. "Deutsche Ortsnamen wurden geändert, Komponisten wurden verboten: sogar Beethoven. Deutschsprachige wurden interniert…"
"Man kann annehmen, dass sie nicht vergast wurden", sagte Keller leise. "Und dann verbrannt, nachdem man ihr Zahngold entfernt hatte."
Er sprach so milde, so sachlich, dass es unmöglich war, zu erkennen, ob er sie zurechtwies oder nur eine Art fürchterlichen Witz machte.
"Sie spielen nicht in der Öffentlichkeit", sagte sie und wechselte das Thema nach einem weiteren kurzen tiefen Schweigen. "Nicht mehr."
"Ich bin zu faul gnädige Frau."
"Aber ein solches Talent."
Er lachte spöttisch: "Haben Sie mich vielleicht gehört?"
"Sie haben bei Theodor Leschetitzky gelernt", gab mein Vater ein Stichwort.
Keller warf ihm einen neugiereigen Blick zu und zuckte dann die Achseln.
"Sehr kurz", sagte er, "ich war kein guter Schüler."


Pauls inzwischen ehrliches Interesse am Schicksal Kellers, gepaart mit Bewunderung aber auch Sensationslust lässt, ihn nicht ruhen, bis er irgendwann herausfindet, dass Eduard Keller eine jüdische Frau hatte, eine Wagnersängerin, die von den Nazis ins Vernichtungslager deportiert und ermordet wurde. Später entdeckt er auch noch eine Tätowierung auf Kellers Unterarm und begreift, dass sein Lehrer kein Nazi gewesen sein kann, da er ebenfalls im Konzentrationslager war. Und erst viel später, als Paul schon längst das Konservatorium abgeschlossen hat und konzertiert, erfährt er die ganze Wahrheit von einem ehemaligen Mitmusiker Kellers, den er, als er auf Tournee ist, in Wien ausfindig macht und befragt.

Dieser Strang der Erzählung – der Werdegang des jungen Pianisten unter den Fittichen seines extravaganten und verrückt anspruchsvollen Lehrers und der Fortgang der Recherche nach der rätselhaften Vergangenheit dieses Mannes – dieser Erzählstrang ist nur ein Teil der Geschichte, denn Paul ist trotz seiner Begabung ein ganz normaler Junge, der sich prügelt, sich gegen Rowdys in seiner Schule durchsetzt, einen Freund findet, den man wegen seiner dicken Brillengläser Vierauge nennt und der ebenso ein Außenseiter wie Paul ist - irgendwann kommt auch die Begeisterung für Rockmusik dazu, Paul als Pianist bekommt auf einmal die Chance, von den Rowdys geachtet zu werden, ergreift sie, verrät den Freund, der so treu und mutig zu ihm gehalten hat, und genießt den Applaus, die Aufmerksamkeit und den neu errungenen Platz im Mittelpunkt. Und er verliebt sich.

Seine beiden Leben laufen parallel. Das Leben als normaler Junge in der Provinz auf dem Weg ins Erwachsensein und das Leben als Zögling des Maestro, den er inzwischen verehrt und von dessen Exzentrizität er sich abzuschauen versucht, soviel er kann, um seinen jugendlichen Größenwahn damit auszustatten, aber auch weil er inzwischen eine Ahnung von dem bekommen hat, was der Meister ihn lehren will – dass Musik wie alle große Kunst nicht nur Fertigkeiten braucht, sondern Charakter, Wahrhaftigkeit, Seelenstärke – lauter Eigenschaften, auf die ein Heranwachsender nicht gerade abonniert ist.

Lesung:

Als ich am folgenden Dienstag im Swan die hölzernen Stufen hinauf kletterte, hörte ich zum allerersten Mal Klavierspiel. Auf dem Bösendorfer, dem Flatterding, wurde gerade Musik gemacht; und die Musik war so, dass ich ungläubig vor der Türe stehen blieb und zuhörte. Keller spielte für sich selbst? Und sang sogar?, denn nun drang seine Stimme zu mir.

Ich kannte das Stück gut; wieder Wagner. Mein Vater spielte oft auf seinem Plattenspieler Auszüge aus dem Tristan. Doch ich hatte es noch nie so gespielt gehört: in einer Klavierfassung, die von verächtlich schnaubendem Gelächter begleitet wurde und von gebrochenen, zornigen Gesangsfetzen.

Es lag Leidenschaft in der Stimme, das schon, aber eine heftig unterdrückte Leidenschaft: Sie wurde angedeutet, wieder zurück gerissen, wieder angedeutet, wieder niedergeschlagen. Ein unmögliches, widersprüchliches Duett als ein Duell: ein Streitgespräch zwischen zwei Instrumenten, der Stimme und dem Klavier. Oder vielleicht genauer gesagt, zwischen Kopf und Herz. Verachtung und Selbsthass befeuerten den Gesang der Stimme und das während die Hände unabhängig davon spielten, so rauschhaft und hingebungsvoll, wie ich das noch nie gehört hatte.

Ich stand erstarrt, überwältigt an der Tür – mit Gänsehaut und gesträubtem Nackenhaar. Als er fertig war, wartete ich einige Zeit, bevor ich vorsichtig klopfte.
"Keine Stunde heute", rief er mürrisch durch die Tür.
"Aber…"
"Üb deinen Mozart."
Ich trat noch etwa eine Minute von einem Fuß auf den anderen und klopfte dann wieder.
"Ist alles in Ordnung?"
Die Tür öffnete sich und er war zu sehen, sein weißer Anzug verknittert, als habe er darin geschlafen. Doch die Augen waren klar.
"Du bist ein guter Junge", sagte er. "Natürlich sollst du hereinkommen."

Das Zimmer lag in Dunkelheit. Die Lamellen der hölzernen Jalousien waren fest geschlossen, das Licht ausgedreht. Das verschwommene Weiß des ungemachten Bettes in einer Ecke fiel mir ins Auge, und das Licht von der offenen Tür glänzte hie und da, wenn es von den verschiedenen Flaschen auf dem Boden reflektiert wurde.

Auf dem Flügel standen keine Noten. Mir wurde klar, dass er aus dem Gedächtnis gespielt hatte. Oder sogar – das war ihm zuzutrauen – improvisiert hatte.
"Du hast zugehört?"
"Es war wunderschön. Großartig."
"Nein", sagte er. "Es war interessant. Billige Tricks", fuhr er fort. "Das Interessante ist hier nur die Technik. Wie Liszt es geschafft hat, Wagners Orchesterfarben für das Klavier zu transkribieren."
"Aber es ist ausgezeichnet. Es berührt einen im Inneren… Es ist wirklich erhellend."
"Nur eine intellektuelle Übung. Hör zu – hier sind die ersten Geigen…"

Er fing wieder an zu spielen und die ersten Akkorde eröffneten mir wieder einen sinnlichen, schmerzvollen Bereich. Die Musik schien näher am Liebesakt als an der Musik… und jetzt wusste ich etwas über den Liebesakt. Ich blickte zu ihm hinüber; in das gequälte, vom Suff zerstörte Gesicht. Seine Augen waren auf die silberne Muschel mit den Familienfotos fixiert: auf die Frau, die hinter seinem jüngeren Selbst stand. Den Mund geöffnet beim Singen. Vielleicht hatte sie Wagner gesungen, als die Fotografie aufgenommen wurde.

Er erreichte das Schlusscrescendo: ein großer wogender Ozean, der sich hob und senkte, hob und senkte… dann hörte er auf, plötzlich.
"Hier funktioniert es nicht ganz, bist du nicht auch der Meinung?"


Mehr als eine Ahnung von dem, was Keller ihm beizubringen versucht hat, kommt allerdings nicht bei Paul an, er will glänzen, er will Bravorufe hören, er will ein Star sein, also ignoriert und vergisst er nach und nach die Lehren seines Meisters und wirft sich mit Schwung ins Pianistengeschäft, versucht, seine Karriere zu befördern, landet aber nach und nach in der Mittelmäßigkeit.

Und hier an dieser Stelle, kurz vor Schluss, zeigt sich wieder, wie gut dieses Buch ist, nicht nur wegen seiner eleganten und lebendigen Sprache, nicht nur wegen der klaren Zeichnung der Figuren mit ihren glänzenden und banalen Aspekten und Eigenschaften, und nicht nur wegen der Spannung, die sich die ganze Geschichte über nur im Untergrund aufbaut und das Düstere im Hellen zeigt, sondern auch wegen etwas, das man vielleicht literarische Redlichkeit nennen könnte.

Peter Goldsworthy hat den Anstand und die Aufrichtigkeit, uns auch am Ende der Geschichte über Kellers Qualitäten als Lehrer wie auch seine Qualitäten als Musiker im Unklaren zu lassen. Wir wissen nicht, ob aus Paul, hätte er nur zugehört oder wäre er nur seinem Lehrer gefolgt, wirklich ein Ausnahmekünstler geworden wäre – ebenso gut könnte Keller einfach ein verzweifelter, kaputter Mensch gewesen sein, der sich an der Musik rächt, weil er sich an denen, die sein Leben und das seiner Familie zerstört haben, nicht rächen kann. Wir wissen nicht, ob er ein schlechter Lehrer war. Wir wissen nicht, ob er vielleicht dem Talent des jungen Mannes geschadet hat. Und deshalb wissen wir nicht, ob das, was Keller forderte, Charakter, Seelenstärke und Wahrhaftigkeit, nicht vielleicht ganz unerhebliche Lernziele waren und wir uns den Unterschied zwischen einem technisch versierten Blender und dem "tiefen" oder "aufrichtigen" Musiker nur einbilden.

In dieser Schwebe bleibt manches im Buch. So wie die Figuren bei aller Klarheit und Präzision der Schilderung ihre Schatten behalten und Geheimnisse, auch vor dem Leser bewahren, so ist auch das, was man am Ende als Botschaft herauslesen könnte, unsicher, doppeldeutig und zweischneidig. Es geht ums Erwachsenwerden in der Provinz, aber das ist Verlust und Gewinn zugleich, es geht um Verrat an Menschen, aber der scheint manchmal unausweichlich, es geht um Wahrhaftigkeit in der Kunst, aber das könnte auch eine Chimäre sein.

Ich hoffe sehr, Ihnen jetzt nur soviel verraten zu haben, dass Sie sich eiligst dem Leseabenteuer und Lesevergnügen in die Arme werfen wollen und nicht etwa zuviel, so dass Sie glauben könnten, dieses kleine Meisterwerk schon zu kennen und nicht mehr lesen zu müssen. Das wäre ein Verlust, den ich Ihnen nicht, dem Buch nicht, dem Verlag nicht, dem Autor nicht und nicht zuletzt der sehr guten Übersetzerin Susanne Costa wünsche.

Peter Goldsworthy: "Maestro"
Deuticke Verlag, 17,80 Euro

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