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StartseiteBüchermarktDer Knick16.06.1998

Der Knick

Es gibt Autoren, bei deren Erwähnung immer nur ein Stichwort fällt. Elisabeth Plessen, Jahrgang 1944, gehört bisher dazu: Sie publizierte 1976 die aufsehenerregenden "Mitteilungen an den Adel", und traf mit diesem Romanerstling auf einen Nerv der Zeit. Ihr Buch war das erste einer ganzen Reihe von "Väterbüchern", in denen sich die Generation der Studentenbewegung mit den Eltern, mit dem Establishment auseinandersetzte. Weitere Romane und Erzählungen folgten in längeren Abständen; die Autorin übersetzt nebenher außer Gegenwartsliteratur wie der von Marguerite Duras vor allem klassische Dramen, oft in enger Verbindung mit Peter Zadeks Inszenierungen.

Sabine Peters

Der jetzt erschienene Roman "Der Knick", der eine tiefgehende Kenntnis der Theaterwelt zeigt, kommt ohne deren schrille Töne aus. "Der Knick" ist ein leises Buch über eine Krankheit, die ihrerseits leise daherkommt und die, wenn überhaupt, hinter vorgehaltener Hand betuschelt wird. Die Krankheit heißt Sucht, und sie findet sich eben auch in den reichen, gebildeten Kreisen, unter erfolgreichen Künstlern und Intellektuellen. Elisabeth Plessen erzählt aus dem Leben eines Liebes- und Ehepaares, das durch die Medikamentensucht der Frau Gefahr läuft, zerstört zu werden. Nicolas leitet eine Hörspiel-Feature-Abteilung im Radio, Vera ist eine bekannte Schauspielerin. Jahrelang hat sie die Forderung und den eigenen Anspruch, zu funktionieren; hat sie das Pendeln von Ort zu Ort und die ständig wechselnden Rollen, die stets die ganze Persönlichkeit fordern, nur bewältigt, indem sie immer stärkere Tabletten schluckte - bis es zum körperlichen Zusammenbruch kommt und daraufhin zum Horror des Entzugs. Sie und Nicolas erleben ihn nahezu ganz allein in einem abgelegenen Haus, während der Wendezeit, als in Berlin die Mauer fällt.

Nun könnte man auf solche Kurzfassung abwehrend reagieren. Daß neben und vielleicht gegen persönliche Geschichte Zeitgeschichte läuft; daß Theatermenschen "irgendwie" alle durchgeknallt sind; daß auch in den gehobenen Kreisen "irgendwie" nicht alles Gold ist - hat man das nicht "irgendwie" gewußt? Der Roman zieht über weite Strecken durch sein "Wie" in Bann. Auf akribische Weise spürt er dem Phänomen Sucht bis in die feinsten Verästelungen nach, und er zeigt, wie sehr zwei Abhängigkeiten, die von Medikamenten und die gegenseitige Abhängigkeit eines Paares, miteinander verwoben, ja verstrickt sind. Vera und Nicolas verkörpern das Gegenteil des gängigen Geschlechterklischees: Hier ist die Frau die Beherrschende, eine Egomanin sowohl durch den Beruf als auch die Krankheit; sie ist abhängig von seiner Fürsorge und mißbraucht sie gleichzeitig. Und es ist der Mann, der einen, Zitat, "Hang zu dienen" hat, und der sie in der Zeit des Entzugs in einer Weise pflegt, die geradezu mütterlich wirkt. Elisabeth Plessen erzählt die sich bis in den Entzug steigernde Geschichte in klarem, verhaltenem Ton und mit einer Neutralität, die beim Leser das Gegenteil freisetzt, heftige Gefühle; Abwehr, Mitleid, Schrecken, Empörung, Wut. Denn die Krankheit tritt im weißen Mantel auf, in der Figur des Helfers, des Heilers: Ist es nicht vernünftig, Leiden zu bekämpfen, sich fit zu halten? Ist der Gang zum Arzt nicht sozial hoch bewertet? Wirbt nicht die Pharmaindustrie, es gebe gegen jeden Schmerz ein Mittel? Und Veras Arzt, der ihr ihre Leistungsfähigkeit erhalten will, verschreibt. Er ist ein moderner Nachfahre des Buddenbrockschen Hausarztes, der schon bei Thomas Mann alles mitmachte und erst im Zweifelsfall ein wenig Taube, ein wenig Franzbrot, anriet. Veras Arzt ziert sich ein wenig, und überreicht ihr dann das Gift mit fürchterlichen Euphemismen, Zitat, "Sie werde sich fühlen wie in Abrahams Schoß, gefeit, als hätte sie in Drachenblut gebadet." Und wenn dann die Stoffwechselprobleme zunehmen, wenn rätselhafte Blutungen auftreten, fährt man die Gerätemedizin auf und ordnet eine Darmspiegelung an.

Elisabeth Plessen setzt extrem unterschiedliche Sichtweisen auf die Krankheit zusammen: Die des Technikers mit seinem Fachchinesisch, dem jedes Schamgefühl abgeht; die der Patientin, die etwa die Koloskopie wie eine Vergewaltigung erlebt; und, vor allem, die eines teilnehmenden Angehörigen, der in dieser Situation hin- und hergerissen ist zwischen hilflosem Mitgefühl und Staunen über das Wunder, Zitat, "die Lichtfahrt in den Bauch". Die extrem zugespitzten Positionen könnte man gelegentlich als einseitig, als holzschnittartig kritisieren, man könnte etwa fragen, ob denn Arzt, Süchtiger und liebender Angehöriger wirklich drei so verschiedene Welten verkörpern müssen. Aber abgesehen von der "Funktion Arzt", die im übrigen auch ausdifferenziert wird, ist das Einseitige durch die Struktur der Krankheit gegeben: Vera ist ein medizinischer Laie und kann lange kaum begreifen, daß sie krank ist, nicht weil sie nicht die richtigen Medikamente, sondern weil sie Medikamente nimmt.

Im Unterschied zu zahlreichen Krankheitsdarstellungen in der Literatur von Frauen aus den siebziger Jahren, in denen die Symptomsprache des Körpers zum Anlaß einer Reflexion der weiblichen Existenz schlechthin wurde, verzichtet Elisabeth Plessen auf metaphorisierende Deutungen: "Der Knick" zeigt beinahe puristisch die besondere Tücke einer Krankheit, in die Leute hineinschliddern, eine Krankheit, bei der es keine Ätiologie und Anamnese gibt. Es dürfte schwierig genug sein, ein relativ wenig erforschtes Phänomen wie Medikamentensucht in seinen psychosomatischen und sozialen Ausformungen darzustellen. Der Roman, der unaufdringlich, fast konventionell daherkommt, beeindruckt zunehmend durch die Körpersprache, die artikuliert, daß einer mehr ist als Vernunft und Wille, daß er ebenso sehr ein verletzbarer, tobender, und aber auch ein sich selbst helfender Leib ist. Auch bei Elisabeth Plessen wirken die Passagen, in denen von Schreck und Schmerz die Rede ist, überzeugender als diejenigen, die Trost, Genesung, Glück schildern. Der Autorin das vorzuwerfen, scheint wenig gerecht: Wie blaß wirkt das Gold, wirkt das Lächeln der Seligen in den himmlischen Gefilden, die die alten Meister malten; wie leuchtend dagegen das Höllenfeuer, und wie grell die Fratzen der Verlorenen. Warum läßt sich die Erfahrung von Unheil glaubwürdiger und leichter in Literatur, in Kunst übersetzen als die von Heilung, von wiedererlangtem Lebensgenuß? Eine Frage, die weit über den Roman hinausreicht. Das Buch selbst wollte man trotz der erwähnten kleinen Vorbehalte empfehlen. Es drängt sich nicht in die gängige Nachfrage, und behauptet sich doch als eigenständige und gültige Darstellung des Phänomens Abhängigkeit.

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