• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
StartseiteForschung aktuellDer kurze Weg in den Klima-GAU06.11.2006

Der kurze Weg in den Klima-GAU

Wissenschaftler sehen kaum mehr Zeit für effektive CO2-Reduktionen

<strong>Umwelt. - Zwar wurde das Klimaabkommen von Kyoto ratifiziert, doch eine Wende zur Reduktion des Klimagases Nummer Eins - Kohlendioxid - ist noch immer nicht erreicht und steigen die Einträge in die Atmosphäre weiter. Nach Ansicht von Experten schwindet die Zeit für entschiedene Maßnahmen.</strong>

Von Volker Mrasek

Sir David King, Klimaberater von Tony Blair, mahnt rasches Handeln zur CO2-Reduktion an. (Stock.XCHNG / luc sesselle)
Sir David King, Klimaberater von Tony Blair, mahnt rasches Handeln zur CO2-Reduktion an. (Stock.XCHNG / luc sesselle)

Als das Kyoto -Protokoll vor neun Jahren unter Dach und Fach war, nach einer denkwürdigen, nächtlichen Marathonsitzung, da hieß es noch: Jetzt sei der erste Schritt getan - und dass er nicht sehr groß ausfalle, nicht weiter schlimm. Es bleibe ja noch Zeit für eine stärkere Reduktion der Treibhausgas-Emissionen nach 2012, wenn die erste Kyoto-Frist endet. Inzwischen klingt das alles ganz anders. Wissenschaftler müssen erkennen, dass sich der Klimawandel in den letzten Jahren beschleunigt. Und sie fürchten nun, dass kaum noch Chancen bestehen, eine katastrophale Erderwärmung zu verhindern. Allerdings gibt es nicht viele, die den Mut haben, das offen auszusprechen. Zu ihnen gehört Sir David King, der wissenschaftliche Chefberater des britischen Premierministers Tony Blair:

"Was wir vermeiden müssen, ist ein Klimawandel, der gefährlich wird und nicht mehr umkehrbar ist. Dafür müsste die Erderwärmung auf maximal zwei Grad Celsius beschränkt bleiben, verglichen mit vorindustrieller Zeit. Aber ich glaube, dieses Ziel ist nach dem, was uns die neusten Klimaszenarien sagen, praktisch nicht mehr erreichbar."

King hebt damit auf den Gehalt von Kohlendioxid in der Außenluft ab. Im Laufe des Industriezeitalters hat die Konzentration des prominenten Klimagases bereits um mehr als ein Drittel zugenommen. Und sie steigt beständig weiter, trotz Kyoto-Protokoll. Angegeben wird der Kohlendioxid-Anteil der Atmosphäre in parts per million, kurz ppm. Die Größe setzt Kohlendioxid in Beziehung zu allen anderen Partikeln in der Luft und gibt an, wie viele Kohlendioxid-Moleküle sich in einer Gesamtmenge von einer Million Teilchen befinden. Aus Sicht des Londoner Chefwissenschaftlers ist das Kohlendioxid bereits gefährlich nah an einer kritischen Schwelle, wie er auf einer Klimatagung in Birmingham jetzt erläuterte:

"Wenn man das Zwei-Grad-Ziel in Treibhausgas-Konzentrationen übersetzt, dann landet man bei 400 ppm Kohlendioxid. Um einigermaßen sicher zu sein, dass man unter zwei Grad Celsius bleibt, sollten diese 400 ppm nicht überschritten werden. Heute stehen wir allerdings schon bei 383, und jedes Jahr kommen zwei weitere ppm hinzu. Das heißt, nach jetzigem Stand wird die kritische Treibhausgas-Schwelle in weniger als zehn Jahren erreicht sein. Daraus kann man nur folgern, dass wir sie sehr wahrscheinlich überschreiten werden."

Es gibt britische Wissenschaftler, die die Lage sogar noch ernster sehen. Selbst wenn bei 400 ppm Schluss sei, bestehe nur eine 50:50-Chance, gefährliche Klimaveränderungen noch abzuwenden, heißt es in einer neuen Studie des Tyndall-Zentrums für Klimawandel-Forschung an der Universität Manchester. Im Prinzip müsse man die Treibhausgas-Emissionen sofort senken, schreiben die Autoren. Spätestens 2012, besser noch ab 2010 müssten Reduktionen um neun Prozent pro Jahr folgen, und das konsequent zwei Jahrzehnte lang. Auf Studien wie diese stützt David King seine Appelle, dringend mehr gegen den Klimawandel zu tun:

"Was bedeutet es, wenn wir die Zwei-Grad-Schwelle überschreiten? Man kann hier auf die Sommer in Mitteleuropa zu sprechen kommen. Ihre Temperaturen sind jetzt schon so hoch wie 1947, das lange als Jahr mit einem Rekordsommer galt. Und wenn wir weiter in die Zukunft schauen, dann könnte es um 2050 herum jedes Jahr so heiß werden wie kürzlich im Extremsommer 2003. Damals starben über 30.000 Menschen."

Längere Dürreperioden, ein massiver Rückgang der Ernteerträge, weithin auftauende Permafrostböden, Gletscher, deren Abschmelzen nicht mehr zu stoppen ist - all das droht nach den Klimamodellen, wenn die globale Mitteltemperatur um mehr als zwei Grad Celsius steigt. Die Delegierten in Nairobi dürfen das als Aufforderung der Wissenschaft verstehen, das Kyoto-Protokoll auf jeden Fall zu verschärfen. Und viel stärkere Kohlendioxid-Reduktionen für die Zeit nach 2012 auf den Weg zu bringen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk