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Der perfekte Arzt kommuniziert, ist mitfühlend - und heilt

Der Medizinhistoriker Robert Jütte über Patientenrechte und alte Heilkunst

Helfen, zuhören, heilen - das erwarten Patienten von ihrem Arzt.
Helfen, zuhören, heilen - das erwarten Patienten von ihrem Arzt. (AP)

Angehende Ärzte werden immer noch zu wenig auf kommunikative Fähigkeiten hin geschult, sagt der Medizinhistoriker Robert Jütte. Er fordert eine Ärzte-Charta darüber, wie ein guter Arzt und seine Praxis auszusehen haben - und empfiehlt mehr von alter Heilkunst statt reiner Medizintechnik.

Katja Lückert: Von lateinisch: Patientia - die Geduld - leitetet sich letztlich wohl auch das deutsche Wort Patient ab, und mit diesem Dulden soll es nun ein wenig anders und besser werden, jedenfalls was das Arzt-Patienten-Verhältnis angeht. Die jeweilige Krankheit wird der Patient bis zur Genesung erst mal weiter ertragen müssen. Der Entwurf des neuen Patientenrechtegesetzes, den das Kabinett gestern verabschiedet hat, sieht vor, dass Patienten künftig mehr Rechte gegenüber ihren Ärzten haben sollen, es soll eine neue Fehlervermeidungskultur geben und überhaupt mehr Aufklärung. Am Telefon ist nun der Medizinhistoriker Robert Jütte. Herr Jütte, Fehlervermeidungskultur – vielleicht zunächst ein Blick in die Geschichte der Heilkunst. Wie bewerten Sie die Entwicklung – um so mehr Geräte, um so weniger funktionierende Kommunikation, oder ist das zu plakativ?

Robert Jütte: Das ist zu plakativ. Ich meine, wir haben schon immer eine Fehlerquote in der Medizin gehabt und Patienten haben sich auch schon vor 400 Jahren darüber aufgeregt und vor allen Dingen auch gewehrt. Es gab nur damals schon eine Möglichkeit, die wir heute eben nicht haben, indem man zum Beispiel mit den Ärzten einen Vertrag auf Gelingen geschlossen hat, und wenn der Heilerfolg nicht eintrat, dann gab es entweder weniger Geld oder kein Geld, und das konnten gegebenenfalls auch noch die Überlebenden, also die Hinterbliebenen machen.

Lückert: Die Publizistin Sonja Mikic hat gestern im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" auf einer ganzen Seite ihre Leidensgeschichte nach einer Bauchoperation erzählt, und es kommt einem ein bisschen das Gruseln ob der Zustände, aber auch besonders, weil niemand mit der Patientin richtig spricht. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Jütte: Die kommunikativen Fähigkeiten von angehenden Ärzten werden immer noch zu wenig geschult. Wir haben zwar seit der Veränderung der Approbationsordnung im Jahre 2002 die Möglichkeit, junge angehende Ärzte stärker zu schulen in diesem Bereich, aber das ist noch längst nicht institutionalisiert, dass zum Beispiel mit Schauspielern Rollenspiele geübt werden, und wir sind auch noch weit entfernt von Zuständen, wie sie zum Beispiel in Kanada sind, wo es eine verbindliche Richtlinie gibt seitens der Ärzteschaft, wie ein guter Arzt und seine Praxis, inklusive der kommunikativen Fähigkeiten, auszusehen hat. Eine solche Ärzte-Charta, die fehlt uns noch.

Lückert: Inzwischen gibt es ja Kurse von den Krankenkassen für Patienten: Wie spreche ich mit meinem Arzt, Kommunikationskultur, Coaching für Patienten.

Jütte: Das ist auch nichts Neues unter der Sonne, sondern ich habe vor einigen Jahren mit großer Freude einen Patientenratgeber aus dem Jahre 1727 gelesen. Er hat den schönen Titel "Der galante Patient". Da wurde der Patient geschult, wie er auf dem gleichen Niveau wie der Arzt mit ihm über seine Krankheit und seine Beschwerden reden kann. Also das gibt es schon lange.

Lückert: Wie ist denn diese Gesprächskultur? Ist sie denn nun lehrbar, lernbar?

Jütte: Ja, sie ist sicherlich lernbar. Die Gesprächskultur ja. Die Verbesserung verbaler und aber auch nonverbaler Gesten und so weiter, das kann man sicherlich lernen. Was man aber schwer lernen kann, ist die Empathie, also sozusagen das Einfühlungs-, nicht das Mitfühlvermögen der Ärzte, und diese Empathie bringt man meistens vom Elternhaus mit, und wer sie hat, der bekommt sie dann häufig im Studium ausgetrieben. Also das ist das Schwierigste. Aber kommunikative Fähigkeiten kann man sicherlich verbessern und schulen.

Lückert: Was ist uns also von der griechischen Jatrik, der Heilkunst, noch geblieben heutzutage?

Jütte: Geblieben ist uns die Heilkunde. Das heißt, wir haben seit dem 18. Jahrhundert eine Auseinanderentwicklung zwischen Heilkunst und Heilkunde. Der englische Dramatiker Bernard Shaw hat mal gesagt, Heilkunde ist eine Kunst, keine exakte Wissenschaft, und wir sehen die Medizin häufig immer noch als eine exakte Wissenschaft, die sie aber im Grunde genommen nicht ist, und insofern müssen wir die antike Heilkunst im Prinzip wiederentdecken.

Lückert: Wie könnte so etwas aussehen?

Jütte: Sie könnte so aussehen, dass man auch das, was eigentlich die Behandlung ja zusätzlich ausmacht, nämlich den menschlichen Kontakt, ernster nimmt und eben auch das, was in der Forschung plakativ die Droge Arzt genannt wird, nämlich dass der Arzt selber also seinen therapeutischen Effekt durch sein Verhalten sowohl in seinen Ausdrucksformen, als aber auch in seinen Gesten beeinflussen kann, und zwar positiv, und das gehört mit zur alten Heilkunst und nicht nur die reine Technik.

Lückert: Wie sieht es denn in anderen Ländern heute im Vergleich zu Deutschland aus? Gibt es da bessere Beispiele?

Jütte: Also ich will nicht sagen, dass Deutschland rückständig ist, aber insbesondere in den angloamerikanischen Bereichen – ich habe Kanada ja schon genannt -, wo es diese Beschreibung der verschiedenen Rollen, die der Arzt natürlich übernehmen muss, nämlich auch als Kommunikator, als jemand, der jetzt nicht auch zu seinen Patienten und zu seinen Mitarbeitern sprechen muss, dass diese Fähigkeiten besonders herausgearbeitet werden und eben nicht nur der technische Experte. Und in England zum Beispiel hat man eine Skala entwickelt, auf der man Empathie von Ärzten messen kann und damit auch sozusagen verbessern kann, und die ist inzwischen schon in vielen englischen Krankenhäusern, auch im Gesundheitssystem verbindlich, und da sind wir noch weit von entfernt.

Lückert: Menschen mit weniger Angst gesunden besser. Das ist wohl keine neue Erkenntnis, oder?

Jütte: Nein, in der Tat nicht, und deswegen findet sich in der ärztlichen Standesliteratur schon vor 500 Jahren der Hinweis, wie man auch in schwierigen Situationen mit Patienten umgehen muss, zum Beispiel wenn man ihnen mitteilen muss, dass sie kaum noch Heilungschancen haben. Also über diese Probleme haben Ärzte schon lange nachgedacht. Aber wir erfinden leider immer das Rad wieder neu!

Lückert: Der Medizinhistoriker Robert Jütte.

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