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StartseiteKultur heuteDer progressive Unbeugsame02.05.2013

Der progressive Unbeugsame

Zum Tod des Verlegers Lutz Schulenburg

Lutz Schulenburg war konservativ und progressiv zugleich. Seine Unabhängigkeit, sein freier Geist waren sein Stolz. Nun starb er im Alter von 60 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit. Hajo Steinert würdigt die Verdienste des Verlegers.

Von Hajo Steinert

Lutz Schulenburg starb am 1. Mai (picture alliance / ZB / Jens Wolf)
Lutz Schulenburg starb am 1. Mai (picture alliance / ZB / Jens Wolf)

Treue ist keine allein konservative Charaktereigenschaft. Eine reaktionäre erst recht nicht. Treue sich selbst, seinen Idealen, seinen Zielen gegenüber kann eine sehr progressive Eigenart sein. Der Verleger Lutz Schulenburg war konservativ und progressiv zugleich. Beides vereinigte er in einer Person.

Seine Person: eine Verlegerpersönlichkeit, wie es keine vergleichbare mehr nach seinem plötzlichen Tod in unserer Verlagswelt gibt, einer Verlagswelt, die bekanntlich mehr und mehr von Konzernen bestimmt wird. Jeder, der das Glück hatte, ihm persönlich zu begegnen, kannte ihn als stille, besonnene, weltoffen neugierige, gänzlich unaufgeregte, freundliche und Freundschaften suchende, mit seinem grauen, langen Haar Milde und Warmherzigkeit ausströmende Persönlichkeit. Keinen erkannte man auf Buchmessen schon von Weitem so genau wie ihn.

Lutz Schulenburg hielt sich mit seinem unabhängigen Verlag, der "Edition Nautilus", nie an den gängigen Zeitgeschmack. Der war Lutz Schulenburg, wie er es selbst sagte, "schnurzegal". Seine Unabhängigkeit, sein freier Geist waren sein Stolz. Seinen Verlag führte er nicht im Gestus eines "Chefs". Der Verlag, mit einer Handvoll Mitarbeitern, hatte etwas von einer Wohngemeinschaft. Unbeirrbar von welchem Zeitgeist auch immer brachte Lutz Schulenburg, der Eigensinnige, Bücher auf den Markt, die unter eigensinnigen, von Marktschreiern unerreichbaren Lesern für Orientierung sorgten, sei es in aktuellen politischen Fragen, zuletzt besonders bezüglich der arabischen Revolution, sei es in Sachen purer Leselust. "Ein Gedicht kann genauso revolutionär sein wie ein theoretischer Text", war seine Devise.

Dem zufolge vereinte er in seiner 1974 von ihm und seinen, wie man damals noch stolz sagte, "Genossen" gegründeten Edition Nautilus fürderhin Publikationen von Max Ernst, Richard Huelsenbeck, Kurt Schwitters und Tristan Tzara etwa auf der einen Seite, Krimireihen und realistische Romane von zeitgenössischen deutschen Autoren wie Corinna T. Sievers oder Jochen Schimmang auf der anderen Seite. Und mittendrin Bücher von Beteiligten. Beteiligten, die über die Gründe des Scheiterns von politischen Aufständen in der und seit der Protestbewegung der Achtundsechziger neue Aufschlüsse geben.

Ruhig, gelassen, nie seinen Optimismus verlierend, kämpferisch in der aktuellen Urheberrechtsdebatte, menschenfreundlich wie kaum ein anderer seiner Kollegen brachte Lutz Schulenburg das einzigartige Kunststück fertig, Jahr für Jahr ein Verlagsprogramm auf die Beine zu stellen, das in der Rückbesinnung auf vergessene, gleichwohl spektakulär aufregende Texte der literarischen Moderne seinen Hang zum Konservieren unterstrich, gleichzeitig kam sein Verlagsprogramm stets so revolutionär für die Zukunft des literarischen und politischen Bewusstseins leidenschaftlicher Leser daher, dass sich das geneigte Publikum die Augen rieb.

Ein Verlagswunder, wie er es schaffte mit seinen Neuauflagen von Texten in der dadaistischen, surrealistischen und anarchistischen Tradition auf der einen Seite, Krimis, aktuell politischen Schriften und Entdeckungen auch bis dato unbekannter deutscher Erzähler Frühjahrsprogramm für Frühjahrsprogramm, Herbstprogramm für Herbstprogramm ins Rampenlicht zu führen.

Mit der Herausgabe einer geradezu selbstlosen 12-bändigen Franz-Jung-Werkausgabe, zusammengestellt in 16 Jahren Arbeit, geriet der Verlag ökonomisch an seine Grenzen. Die Herausgabe der Schriften Franz Jungs, dieses bis in die heutige Zeit inspirierenden Freigeists der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wurde mit dem Kurt-Wolff-Preis, der höchsten Auszeichnung, die ein Verlag hierzulande erhalten kann, bestätigt. Alle, die Leser, Kollegen unter den Verlagen und auch wir Literaturkritiker freuten uns mit, als Lutz Schulenburg und seine Edition Nautilus den Zuschlag bekamen, die Textfassung des jährlichen Silvester-Krachers "Dinner for one" zu verlegen, erst recht mit den Bestsellererfolgen der von Lutz Schulenburg entdeckten Autorin Andrea Maria Schenkel, deren Erstlingswerk "Tannöd" monatelang die Bestsellerlisten anführte.

Und, ganz aktuell, das jüngste Werk von Abbas Khider, dem irakischen Schriftsteller, ohne dessen Romane "Die Orangen des Präsidenten" und "Brief in die Auberginenrepublik" wir von der arabischen Welt und den darin wütenden Aufständen nicht so viel verstünden wie wir es nach der Lektüre dieser atemberaubende Romane tun. Solche Bestseller braucht ein kleiner, unabhängiger Verlag wie die Edition Nautilus, um zu überleben und ein Verlagsprogramm voran zu treiben, in dem Trouvaillen und Konspiratives ein Zuhause behalten.

Lutz Schulenburg war unter den deutschen Verlegern nicht nur einer der Unbeugsamen, einer der nichts und niemandem sonst als sich selbst und seiner Entdeckerlust gegenüber Treuen, Lutz Schulenburg war auch einer der Glücklichen in einer nicht immer glücklich agierenden Branche. Sein plötzlicher Tod macht uns traurig. Sein Verlag wird überleben und neues Glück haben. Lutz Schulenburgs Weggefährtin, seine Frau Hanna Mittelstädt, wird den Verlag in seinem Sinne weiterführen.

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