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StartseiteBüchermarktDer Roman einer Kindheit03.01.2005

Der Roman einer Kindheit

Sandra Hoffmanns neuer Roman "Den Himmel zu Füßen"

Dachfenster eröffnen meist nur eine beschränkte Sicht auf unsere Welt. In aller Regel sehen wir durch sie kaum mehr als den Himmel. Was an der Breite fehlen mag, gleicht aber, wie kürzlich Enzensberger "Geschichte der Wolken" gezeigt hat, die Tiefe locker aus. Richten wir allerdings aus dem Handstand, zugegeben keine ganz leichte Übung, den Blick nach oben, dann sehen wir - den Himmel zu Füßen. Genau so hat Sandra Hoffmann ihren ersten Roman genannt. Die junge, in Tübingen lebende Autorin, die 2002 mit ihrer, so der Untertitel, "Erzählung in zweiundfünfzig Tagen" "Schwimmen gegen blond" debütierte, steht, wie man damit sehen kann, ein wenig quer in der gegenwärtigen deutschen Literaturlandschaft. "Den Himmel zu Füßen" - bereits der Titel signalisiert nicht nur die ungewöhnliche Perspektive, sondern auch schon etwas von der Bildkraft ihrer Sprache und ihrer poetischen Verfahrensweise. So mag ihr Roman nicht das wichtigste Buch dieses Herbstes geworden sein, aber sicher eines der schönsten. Denkbar ungeeignet, dem Bedürfnis eines guten Teils unseres gegenwärtigen Rezensionswesens nach griffigen Themen und handfesten Konflikten entgegen zu kommen. Obwohl sich das Buch auch als die Geschichte einer Magersüchtigen lesen lässt, eines Mädchens, das an der Schwelle zwischen Kindheit/Jugend und Erwachsenwerden, tatsächlich leichtfüßig geworden, schwer ins Straucheln kommt und von den gesellschaftlichen Instituten, die für abweichendes Verhalten eingerichtet sind, mühsam wieder aufgerichtet wird. Genau so gut könnte man den Roman als Jugendbuch (miss)verstehen. Denn Enni, das Mädchen verwandelt sich, unter großen Schwierigkeiten, tatsächlich in eine junge Frau. Aber auf diese Weise ließe sich auch, Ernst Bloch folgend, Schillers "Wilhelm Tell" als das Drama eines Mannes betrachten, der erfolgreich auf Äpfel schießt. Die Literaturkritik, so gering man ihre Verdienste auch einschätzen mag, hat hier doch einige nützliche Unterscheidungen hervorgebracht. So legt sie uns nahe, Autor und Erzähler nicht umstandslos in einen Topf zu schmeißen. Oder: zwischen Form und Stoff zu unterscheiden. Der große Kritiker Walter Benjamin formulierte diesen Tatbestand einst noch etwas gravitätischer: "Die Kritik sucht den Wahrheitsgehalt eines Kunstwerks, der Kommentar seinen Sachgehalt. Das Verhältnis der beiden bestimmt jenes Grundgesetz des Schrifttums, demzufolge der Wahrheitsgehalt eines Werkes, je bedeutender es ist, desto unscheinbarer und inniger ans seinen Sachgehalt gebunden" sei. Gegenwärtige Kritik beschränkt nur zu häufig auf den Kommentar und lässt uns dementsprechend gerne wissen, worum es in einem Buch geht, wovon es handelt, welche Themen und Probleme es berührt.

Den Himmel zu Füßen (dradio.de/Andreas Lemke)
Den Himmel zu Füßen (dradio.de/Andreas Lemke)

Da hätten wir hier neben einem kleinen Familiendrama vor allem die Magersucht. Begreift man sie als therapeutisches Problem, dann bleibt von der träumerischen Leichtigkeit, die alle Erdenschwere hinter sich lässt, nur ein psychotischer Treibsand übrig, der den Betroffenen schmerzhaft auf der Haut und in den Augen brennt. Sieht man die Magersucht hingegen selbst als Resultat und, nur scheinbar paradox, auch als Voraussetzung des magischen Denkens, dann kommt man der eigentlichen Triebkraft des Romans schon deutlich näher. Schließlich wissen wir ja seit der Romantik, dass sich das Lied, das in allen Dingen schläft, zum Erklingen bringen lässt, wenn wir nur das Zauberwort treffen. Sandra Hoffmann bezieht aus diesem romantischen Motiv, der (kindlichen) Suche nach einem geheimen Zusammenhang hinter den Dingen, die poetische Energie ihrer Geschichte. Immer in der Ambivalenz zwischen Angst und Hoffnung. Sie nutzt das Motiv auch als Triebkraft der Handlung.

"Sie wohnten oben. Von dort aus sah die Großmutter übers Land, und Enni sah in den Himmel. Im Herbst war er ein Krähenhimmel und im Frühling ein Schwalbenhimmel, im Sommer oft blau und vogellos. Manchmal lag sie auf dem Bett unter dem Fenster, hielt die Arme ausgebreitet, die Beine gespreizt, die Augen weit geöffnet und atmete in die Füße." - wie es ihre Ballettlehrerin befohlen hatte."

Die kleine Enni, die leidenschaftlich gerne tanzt und noch lieber träumt, lebt mit ihren Eltern, einem jüngeren Bruder und einer sonderbaren Großmutter in einem Einfamilienhaus, das wenig Geheimnisse kennt und doch einige Rätsel birgt. Das Mädchen hat sich noch längst nicht von dem magischen Glauben unserer Kinderwelten gelöst und steht darum dauernd vor der selbst gestellten Aufgabe, das Schicksal zu beschwören. Wir alle kennen dieses Verhalten aus unserer Kindheit und sind selbst als Erwachsene nie völlig frei von solchem (Aber-)Glauben. Ihr erscheint es lebensnotwendig, "das grüne Geländer am Bahnhof mit der rechten Hand so berühren, dass alle Finger auf einmal auf dem Eisen auflagen. Den Pfosten neben dem Süßigkeitsautomaten mit der Schulter streifen. (...) Dann passierte nichts", dann kamen sie alle wieder heil zu Hause an. Als Enni eines Tages aber im Turnunterricht an der Sprossenwand patzt, ist sie sich sicher, dass nun die - im Krankenhaus liegende - Großmutter, endgültig sterben muss. Doch die schrullige alte Frau, die vom Alkohol zur Religiosität zurückgefunden hatte, überlebt und macht weiter dem jungen Mädchen ein schlechtes Gewissen. Enni liebt und hasst sie gleichermaßen. Die erwachende Sexualität, erste Kontakte zu einem Schulfreund, schüren ihre Ängste. Sie will ihren Körper unter Kontrolle behalten. Ein übermächtiges Gefühl sagte ihr: Sie musste ihren Bauch sehen: "Der Bauch wurde immer härter. Ein harter kleiner Bauch stand zwischen Ennis Hüftknochen hervor, die im Liegen in die Luft zeigten wie Haifischflossen." Der "Nachttraum" war in ihren Tag gewandert und machte "sich breit in ihrem Bauch, und von Woche zu Woche ging er auf dünneren Beinen." Sie träumt vom Essen, und fürchtet sich vor den Folgen. "Sie rannte oft in der Nacht durchs Haus. Hinter ihr lief eine kleine Horde dicker Kalorien her."

An dieser Stelle, nach zwei Dritteln des Textes, verliert Sandra Hoffnung etwas das Gespür für die Gewichtung ihrer Geschichte. An der Schaltstelle knirscht es. Die Geschichte des Kindes, seiner Hoffnungen und Ängste, wird etwas mühsam mit der Geschichte des jungen Mädchens, die von ihren Ängsten überwältigt wird, verbunden. Die Magersucht und ihre Therapie nimmt, trotz teilweise grandioser Beschreibungen, zu viel Raum ein. Doch am Ende bekommt nicht nur das geheilte Mädchen, sondern auch die Autorin wieder die Kurve: "Wir könnten fliegen, sagte Enni." Und sie flog, durchs Zimmer, übers Bett, durchs Bad. Bis sie genug hatte. "Es reicht, sagte Enni." Die Kindheit ist vorbei. Das Leben kann beginnen, denn die Sehnsucht bleibt.

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