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StartseiteBüchermarktDer sterbliche Dichter23.06.1998

Der sterbliche Dichter

Über Literatur, Liebschaften und Langeweile

"Der sterbliche Dichter" -, das ist ein vielsagender Titel für den Essay-Band eines Dichters, der bald nach Erscheinen des amerikanischen Originals in den USA starb, eben 56 Jahre alt: ein sterblicher Dichter, der dennoch unsterblich ist. Denn er gehört zu den bedeutendsten Poeten dieses Jahrhunderts: Joseph Brodsky, 1940 in Leningrad geboren und 1974 aus der Sowjetunion ausgebürgert. Aber das Epitheton "sterblich" hat in der Poetologie Joseph Brodskys noch einen besonderen Sinn. Für ihn ist der Dichter gleichsam Leibeigener der Muse der Dichtkunst; sie wird ihm, so heißt es wörtlich, "diktieren, ganz gleich, wo, wie und wann er lebt (... ), ist er dahin, findet sie in der nächsten Generation ein Sprachrohr für sich." Mag das dichterische Individuum sterblich sein, die Muse der Dichtkunst, des "Allerheiligsten", was es auf Erden gibt, besteht auf ihrem Herrschaftsanspruch. Das könnte manch einer altmodisch finden, und wahrscheinlich ist es das auch. Indes, dieses dichterische Selbstverständnis hat jahrhundertelang die abendländische Tradition geprägt, und Joseph Brodsky, mit ihr vertraut bis in ihre feinsten Verästelungen, hielt an ihr fest bis zu seinem frühen Tod im Jahre 1996.

Elsbeth Wolffheim

In der Hierarchie der Künste, die Brodsky dekretiert hat, nimmt die Poesie den obersten Rang ein, mehr noch, sie ist "die Bestimmung unserer Gattung". Daß das Gros der Menschheit diese Bestimmung achtlos verfehlt, schmälert nicht ihren exklusiven Anspruch. So wort-, so sprachgläubig wird sich heute kaum noch ein Dichter artikulieren. Jedoch Brodsky war damit in guter Gesellschaft. Für Anna Achmatova, Marina Cvetaeva und Ossip Mandelstam - um aus unserem Jahrhundert nur die bedeutendsten russischen Dichter zu nennen - war der Primat der Poesie ein Axiom. Und ihr Auditorium pflichtete ihnen bei: Der Dichter steht irgendwo zwischen Gott und Mensch, davon war die literarische Öffentlichkeit in Rußland durchdrungen, mochte die sowjetische Kulturpolitik auch vom "Ingenieur der Seele" und ähnlichem faseln.

Damit ist es im heutigen Rußland längst vorbei. Doch Brodsky scherte sich eh nicht um das, was nach seiner Vertreibung dort geschah. Er wußte, er wurde nie zurückkehren, was er in diesem neuen Essay-Band mehrfach bekräftigt. Sein Exil war definitiv. Er betrachtete sich als einen "Sänger des Zerfalls", was auch impliziert, daß er retrospektiv lebt. "Ein Exilschriftsteller zu sein", so beschreibt er diesen Zustand, "das ist, als wäre man in einer Kapsel in den Weltraum geschossen (...). Und diese Kapsel ist die eigene Sprache. (...) Der Blick zurück spielt in seinem Dasein eine (...) übermäßige Rolle." Nicht nur in seinem Dasein, sollte man hinzufügen, sondern auch und vor allem in seiner Kreativität. Denn Sprache beweist ihre Kraft ja nicht erst im Akt des Schreibens, sondern bereits in dem der Wahrnehmung.

Soll das nun heißen, in den Essays dieses Bandes, die sich mit Fragen der Poetologie befassen - und das tun neben der berühmten Nobelpreis-Rede viele - gehe es vorwiegend um ausufernde ästhetische Konfessionen? Nein, ganz und gar nicht, Brodsky ist kein esoterischer Prediger, parliert vielmehr geistreich und elegant wie ein Liebhaber , der die Vorzüge seiner Geliebten preist. Dabei hält er sich stets an konkrete Beispiele und macht auch die Bruchstellen kenntlich, die zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffen.

Das alles liest man mit Entzücken und ärgert sich zwischendrein, daß dieser Band auch manches Belanglose enthält: Reden zu Abschiedsfeiern von College-Studenten und ein paar autobiographische Remineszenzen, die - mit Verlaub - etwas onkelhaft wirken, Gelegenheitsarbeiten eines Causeurs ohne Witz und Ironie. Das gilt auch für die umfangreiche Story über einen sowjetischen Spion, mag sie ihm als Opfer des kommunistischen Imperiums auch Ekel verursachen -, dem Leser kann Brodsky die Brisanz dieses Spionagefalls nicht vermitteln.

Aber dann zwei Highlights, die wiederum zeigen, was für ein brillanter Denkkünstler Brodsky war. Da räsonniert er über den "Umriß Klios" - so der Titel dieses Essays, in dem er die Muse der Geschichte eindrücklich personalisiert und darlegt, wie sehr ihr Unrecht geschah durch den "historischen Determinismus", dessen Wurzeln er bereits im Christentum entdeckt. Die schlimmsten Auswüchse dieser teleologischen und zugleich linearen Geschichtsinterpretation jedoch sind dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus anzukreiden. Daran ist für ihn nicht zu rütteln.

Das Glanzstück des gesamten Bandes ist die "Hommage an Marc Aurel", an jenen Melancholiker auf dem Cäsarenthron, den die Nachwelt vor allem als Philosophen verehrt. "Philosophie war für ihn" - so heißt es einmal - "die Textur des Daseins, nicht bloß ein geistiges Streben". Die Konturen dieser geistigen Existenz weiß Brodsky ebenso suggestiv zu vermitteln wie seine eigene Beziehung zu dem antiken Herrscher. Indem er sich Marc Aurels berühmtem Denkmal in Rom nähert, betritt er einen der markantesten Plätze "auf der Landkarte der Menschheitsgeschichte". So werden wir den Essayisten Joseph Brodsky im Gedächtnis behalten: als einen, der sich die einzelnen Kulminationen der abendländischen Kultur souverän und individualistisch einverleibt hat.

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