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StartseiteForschung aktuellDer Traum von Atlantropa31.08.2010

Der Traum von Atlantropa

Was ist aus technischen Utopien der letzten 100 Jahre geworden?

Energie.- Es war die Lebensvision des deutschen Architekten Herman Sörgel: Ab 1928 plante er unter dem Namen Atlantropa, monumentale Staudämme bei Gibraltar sowie bei den türkischen Dardanellen zu bauen. Damit wollte er den Wasserzufluss ins Mittelmeer kontrollieren.

Von Frank Grotelüschen

Die Straße von Gibraltar mit Blick auf Marokko.  (Stock.XCHNG / Matthias Haeuser)
Die Straße von Gibraltar mit Blick auf Marokko. (Stock.XCHNG / Matthias Haeuser)

"Atlantropa bedeutet wörtlich so viel wie: Festland am Atlantik."

Das Jahr 1952. In einem Rundfunkinterview umreißt Herman Sörgel, Architekt und Geopolitiker, seine große Vision.

"Das Ziel meines Atlantropa-Plans ist, Europa und Afrika zu einem neuen Kontinent zu verbinden. Europa und Afrika sollen mit ihren Landgebieten zusammenwachsen!"

Es klingt ziemlich verrückt, was Sörgel seit den späten 1920er-Jahren propagiert: Bei Gibraltar und den türkischen Dardanellen will er gigantische Staudämme errichten, um das Mittelmeer systematisch von seinen wichtigsten Zuflüssen abzuriegeln – dem Atlantik und dem schwarzen Meer.

"Das Mittelmeer ist nämlich ein Verdunstungsmeer. An seiner Oberfläche verdunstet in dem heißen Klima sehr viel mehr Wasser, als ihm aus den Flüssen durch Niederschläge zugeführt wird. Würde nicht von Westen her bei Gibraltar und von Osten her durch die Dardanellen Wasser ins Mittelmeer fließen, müsste das Mittelmeer langsam sinken, ja austrocknen."

Sörgels Kalkül: Wenn der Meeresspiegel sinkt, würden Landbrücken zwischen Europa und Afrika entstehen. Beide würden zu einem neuen Riesenkontinent verschmelzen – Atlantropa. Sörgels Beweggründe:

"Afrika liegt vor unserer Tür. Es bietet nahezu alles, was uns in Europa fehlt: Große, nur dünn besiedelte Räume, riesige Rohstoffslager, Nahrungs- und Bodenschätze. Das alles will entwickelt sein."

Klingt verdächtig nach Kolonialismus – selbst wenn Sörgel beteuert, auch das Wohl Afrikas im Kopf zu haben. Herzstück seines Planes ist der Staudamm bei Gibraltar. Ein Bauwerk von enormen Ausmaßen: 30 Kilometer lang, bis zu 300 Meter tief. Unten, am Fußpunkt, soll der Damm knapp drei Kilometer dick sein. Oben, an der Dammkrone, immerhin bis zu 800 Meter. Platz genug für gleich mehrere Verkehrsmittel.

"Nicht nur mit Autobahnen, sondern auch mit Schienenwegen für modernste elektrische Fernblitzzüge. Das Kraftwerk würde im Inneren des Dammes auf der spanischen Seite liegen."

Im Staudamm ist ein riesiges Wasserkraftwerk integriert, 110.000 Megawatt stark – eine Leistung groß genug, um damals ganz Europa zu versorgen. Den Schiffsverkehr sollen riesige Schleusen gewährleisten. Wäre der Damm fertig, würde der Meeresspiegel jedes Jahr um anderthalb Meter sinken. 70 Jahre später wäre die erste Etappe erreicht.

"Bei einer Senkung um 100 Meter gewinnt man im westlichen Mittelmeer zweimal soviel Land, wie die Schweiz groß ist."

Danach soll ein weiterer Damm zwischen Sizilien und Tunesien entstehen. Er würde das östliche Mittelmeer um weitere 100 Meter absenken und die Adria größtenteils trockenlegen. Die Folge:

"Im östlichen Mittelmeer würde Neuland von der Größe Spaniens entstehen."

Neuland, das man laut Sörgel urbar machen und besiedeln könnte. Aber der Plan hat auch seine Schattenseiten.

"Man muss sich das mal vorstellen: Alle Städte, die an der Küste sind, behalten zwar ihren Ort, aber die Küste wandert weg, diese Städte verlieren ihre Lebensgrundlage. Alle Häfen verlieren ihr Wasser",

sagt Wolfgang Voigt vom Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt. Einzig für Venedig plant Sörgel eine Ausnahme: Ein eigener Staudamm soll das Wasser in der Lagunenstadt halten, die Gondeln können wie gehabt durch den Canal Grande schippern. Doch trotz solcher Raffinessen, und obwohl Sörgel seine Vision mehr als zwei Jahrzehnte lang mit Leidenschaft propagiert, scheitert das Unterfangen.

"Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen wäre Sörgel auf jeden Fall daran gescheitert, die souveränen Staaten nördlich des Mittelmeers zu einigen. Das war eine Utopie, das war zu seiner Zeit nicht möglich. Der andere Grund ist der, dass der Gedanke des Neulandes und der Energie nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr die Brisanz und die Attraktivität hatte wie davor."

Auch sonst erscheint das Atlantropa-Projekt aus heutiger Sicht viel zu riskant: Ein mediterraner Wasserlass würde das Mittelmeerklima drastisch verändern: In Nordafrika und Südeuropa würde es noch trockener werden, vielleicht würde sogar der Golfstrom gestört und damit das Klima in weiten Teilen Europas. Weltweit würde der Meeresspiegel um einen Meter steigen, Inseln und Küsten müssten vermehrt gegen Überflutungen kämpfen. Und der riesige Damm bei Gibraltar? Wäre er überhaupt stabil genug gewesen, um dem gewaltigen Wasserdruck des Atlantiks zu widerstehen? Wohl kaum, meint Alexander Gall vom Deutschen Museum in München.

"Wie verbinde ich den Damm so sicher mit dem Untergrund, dass keine Unterspülungen stattfinden? Die meisten Dammunglücke sind nicht dadurch zustande gekommen, dass der Damm gebrochen wäre, sondern dass er unterspült worden ist. Und genau da wäre einer der technischen Schwachpunkte gewesen."

Atlantropa war der wohl erste Versuch des "Geo Engineering", wie man das gezielte großflächige Verändern von Erdoberfläche und Atmosphäre heute nennt. Das Projekt stirbt letztlich mit seinem Erfinder. 1952 kommt Herman Sörgel bei einem Autounfall ums Leben.

Zur Beitragsreihe "Rückblicke auf die Zukunft"

Links zum Thema:

Broschüre zum Staudamm-Projekt

Buch von Wolfgang Voigt

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