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StartseiteKalenderblattDer Unnachahmliche07.02.2012

Der Unnachahmliche

Zum 200. Geburtstag von Charles Dickens

Charles Dickens war der berühmteste englische Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, ein Bestsellerautor, dessen Werk viktorianische Ideale mit scharfer Sozialkritik verbindet. Seiner Fantasie entsprangen unsterbliche Gestalten der Weltliteratur wie "Oliver Twist" oder "David Copperfield". Der rastlose Geist verausgabte sich als Rezitator, Zeitungsherausgeber und unermüdlich produzierender Literat. Vor 200 Jahren wurde Charles Dickens geboren.

Von Florian Ehrich

Statue des englischen Schriftstellers Charles Dickens in Sydney (picture alliance / dpa / Dean Lewins)
Statue des englischen Schriftstellers Charles Dickens in Sydney (picture alliance / dpa / Dean Lewins)
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Popliteratur aus dem 19. Jahrhundert

Nickolas Denby: "Man merkt, dass er hat viel Temperament, er war ein großer Spaziergänger, besonders durch die Straßen von London, er hat eine große Kapazität für Arbeit, aber war auch immer ganz gastfreundlich, er schätzt immer eine Party. Und er war auch etwas von einem Radikalen, Radikalismus, man sieht das in der ersten Zeitung, der "Daily News" die er gegründet hat, das war eine radikale Zeitung. Er hat immer viel getan für die armen Leute in London."

Rastlose Energie und soziales Engagement: Die Charakterisierung durch seinen Ururenkel Nickolas Denby berührt Entscheidendes im Wesen dieses neben William Shakespeare wohl bekanntesten englischen Schriftstellers.

Charles Dickens wurde am 7. Februar 1812 im südenglischen Landport geboren und erlebte früh, was es bedeutet, unterprivilegiert zu sein. Durch familiäre Not war der zwölfjährige Junge gezwungen, in einer Londoner Schuhwichsfabrik zu schuften. Er sollte dieses Trauma zeitlebens nicht mehr vergessen:

"Es ist mir ein Rätsel, wie ich in einem solchen Alter derart leicht weggeworfen werden konnte. Es ist mir ein Rätsel, dass selbst nach der Degradierung zum armen kleinen Kuli, der ich seit unserer Ankunft in London war, niemand genug Mitgefühl mit mir hatte - einem Kind von einzigartigen Fähigkeiten, aufgeweckt, lernbegierig, zart und leicht verletzbar, sowohl körperlich wie geistig - um darauf hinzuweisen, dass möglicherweise eine Menge Unglück vermieden wäre, indem man mich in eine gewöhnliche Schule steckte."

Dickens Selbstbewusstsein nahm durch diese Demütigung in jungen Jahren jedoch keinen Schaden. Der "Unnachahmliche", wie ihn seine Freunde bald bewundernd nennen sollten, gewann zunächst als Journalist genaue Einblicke in die politische und soziale Situation Englands. Nach seinem eher heiter gestimmten ersten Roman "Die Pickwickier" begab sich Dickens 1837 mit "Oliver Twist" in die Londoner Unterwelt und kritisierte die unmenschliche Armenfürsorge im frühviktorianischen England. Mit der Geschichte um einen gebeutelten Waisenjungen, der aus den Fängen von Kriminellen gerettet wird, fand Dickens ein Thema, das er immer wieder variierte: die an einem unschuldigen Kind exemplifizierte Herzlosigkeit und Kälte des englischen Klassensystems, in dem Arme wie Verbrecher behandelt wurden. Doch stand bei dem engagierten Sozialkritiker neben dem Grauen stets das Komische, wie eine historische Lesung der Verlobungsszene aus "David Copperfield" mit Erich Ponto zeigt:

"Als Dora den Kopf sinken ließ und weinte und zitterte, da stieg meine Beredsamkeit noch mehr: Wenn sie von mir verlangte, ich solle für sie sterben, so hätte sie es bloß zu sagen, und ich wäre bereit. Das Leben ohne Doras Liebe wäre unter gar keinen Umständen zu ertragen. Ich könne es nicht ertragen und wollte es nicht. Ich hätte sie jede Minute bei Tag und bei Nacht geliebt, seitdem ich sie zuerst gesehen. Ich liebte sie in diesem Augenblick bis zur Verzweiflung, ich würde sie in alle Ewigkeit, jeden Augenblick bis zur Verzweiflung lieben, es hätten Liebende früher geliebt und Liebende würde wieder lieben, aber kein Liebender hätte jemals geliebt, oder würde, könnte, wollte oder sollte jemals so lieben, wie ich Dora liebte. Je verzückter ich wurde, desto mehr bellte Chip."

Dickens Werke erschienen als Fortsetzungsromane. 1846 wurde der Erfolgsautor Herausgeber der neu gegründeten "Daily News", die er als Sprachrohr seiner Überzeugungen zu nutzen gedachte:

"Die Prinzipien sind die des Fortschritts und der Reform, der Erziehung, der bürgerlichen und religiösen Freiheit und einer gerechten Gesetzgebung."

Der gelernte Stenograf war ein Mann der Presse, der sich einmischte und in seinen Büchern Missstände seiner Zeit anprangerte. So griff er in "Bleak House" von 1852 das verkrustete Rechtswesen an oder beklagte in "Harte Zeiten" die elende Lage der Arbeiter. Dass der unermüdlich Schreibende auch ein theatralisches Talent hatte, verrät Nickolas Denby:

"Dickens war auch ein bisschen von einem Schauspieler und hatte eine kleine Truppe und die hat immer Reisen gemacht durch England und Schottland. Später in seinem Leben macht er viele Readings, er liest vor einem Publikum Teile von verschiedenen Büchern. Diese Lesung vor einem großen Publikum war Einmanntheater."

Die Mehrfachbelastung wurde dem rastlosen Literaten schließlich zum Verhängnis. Gegen den besorgten Rat seiner Freunde und Ärzte setzte Dickens seine anstrengenden Vortragsreisen in Amerika und England fort, bis ihn am 9. Juni 1870 ein Schlaganfall aus dem Leben riss.

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