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StartseiteBüchermarktDesaster der Psychoanalyse06.01.2005

Desaster der Psychoanalyse

Luciano Mecacci über berufliche Fehlschläge der Psychiater

Wenn es bei den frühen Psychoanalytikern hoch herging, erregte das nur ihre Anhänger fürchterlich - die Öffentlichkeit zuckte mit den Achseln: Innere Angelegenheiten einer verschworenen Gemeinschaft, die sich von außen sowieso nichts sagen lässt. Das hat sich in den siebzig Jahren seit Freuds Tod kaum geändert, und so steht der vehemente Feldzug des italienischen Psychologieprofessors Luciano Mecacci auf wackeligen Füßen: Den Gegner, den Mecacci bekämpft, gibt es nämlich gar nicht, weil er sich immer wieder in den Nebel eines selbstreferenziellen Theoriegebäudes zurückziehen kann.

Von Florian Felix Weyh

Luciano Mecacci beginnt sein Buch mit dem minutiös geschilderten Verfall einer Hollywoodlegende: Marilyn Monroe  (AP Archiv)
Luciano Mecacci beginnt sein Buch mit dem minutiös geschilderten Verfall einer Hollywoodlegende: Marilyn Monroe (AP Archiv)

Was also macht man, wenn man die Psychoanalyse partout nicht leiden kann? Man demontiert ihre Protagonisten. Das funktioniert auf einigen Ebenen ganz gut: In der Dokumentation ihrer beruflichen Fehlschläge, in der Anamnese ihrer privaten Psychopathologien, der Ermittlung von Schönfärbereien bei der "wissenschaftlichen Aufarbeitung", die oft nur Belletristik war, und bei der Entflechtung ihrer sexuellen Verstrickungen untereinander und mit den Patienten.

Luciano Mecacci beginnt sein Buch mit dem minutiös geschilderten Verfall einer Hollywoodlegende. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere war Marilyn Monroe kaum mehr lebensfähig. Sie verschliss ein Dutzend Psychiater und Psychoanalytiker, ernährte sich buchstäblich von Psychopharmaka und klammerte sich an jeden neuen Therapeuten wie an den Erlöser schlechthin. Weil der Erlöser aber nie kam, erlöste sie sich mit Barbituraten selbst von dem ihr unerträglich scheinenden irdischen Dasein. Eine jammervolle Geschichte, die uns eigentlich gebieten sollte, all die verlogen fröhlichen Filmbilder von ihr zu vernichten - aus Respekt vor dem menschlichen Leid, dem sie abgerungen wurden. Doch das allein macht noch kein Versagen speziell der Psychoanalyse aus. Alle Fachrichtungen bissen sich am "Fall Marilyn Monroe" die Zähne aus, auch die enthusiastischen Anhänger von Psychopharmaka.

Obszön jedoch war das undurchsichtige Beziehungsgeflecht zwischen den verschiedenen Analytikern auf der einen Seite und der Patientin mit ihren diversen Liebhabern auf der anderen. Überkreuz entstanden freundschaftliche wie sexuelle Beziehungen, und die aus diesen Intimitäten resultierenden Annahmen über das Wesen und den Charakter der Patientin bildeten ein Knäuel, aus dem der Faden der Wahrheit - wenn es ihn je gegeben hat - nicht mehr zu entwirren war. Das ist Mecaccis Generalthema, und er füllt das Buch mit Schaubildern von erschreckender Unübersichtlichkeit: Wer mit wem schlief, welcher Analytiker welche Patientin heiratete, wie dann die Ex-Patientin selber Analytikerin wurde, indem sie die Lehranalyse bei ihrem Ex-Liebhaber und aktuellem Ehemann absolvierte und so weiter. Eine Inzucht ohne Beispiel, zugleich Wurm im Theoriegebälk der sexualfixierten Psychoanalyse. Wie kann Erkenntnis im Beziehungswirrwarr gewonnen werden, wenn der Erkennende selbst aktiv Teil dieses Wirrwarrs ist?

Eine berechtigte Frage, die leider nicht tief schürfend beantwortet wird. Luciano Mecacci betätigt sich als Staatsanwalt. Er sammelt Beweise und trägt sie vor, doch hütet er sich vor einem Urteil, noch mehr vor einer revisionsfesten Urteilsbegründung. Zur Stimmungsmache taugen die Indizien indes vortrefflich: Wie George Gershwin an einem Hirntumor starb, weil sein Analytiker die bohrenden Kopfschmerzen als Ausdruck von Schuldgefühlen ansah. Wie die berühmte Kinderpsychologin Melanie Klein intime Geheimnisse des eigenen Sohns in ihrer wissenschaftlichen Publizistik ausplauderte. Wie willkürlich die erste Generation von Freudianern - angefangen beim Meister selbst - die Fallbeschreibungen zu Lasten der Realität manipulierten, um möglichst exemplarische, ihre Theorien bestätigende Beispiele zu erhalten. Und schließlich: Warum es derart viele Selbstmorde in einer Berufsgruppe gibt, die sich der Heilung von psychischen Leiden verschrieben hat?

Alles Desaster, sagt Mecacci, und das ist kaum von der Hand zu weisen. Indes sind diese Einzelheiten seit Jahren - wenn nicht Jahrzehnten! - bekannt; die Hunde bellten, die Karawane zog weiter. Wer das psychoanalytische Gebäude erschüttern will, muss ihm intellektuell gewachsen sein. Mehr noch: Er muss es mögen und von den Psychoanalytikern seinerseits gemocht werden. Sonst lassen sie ihn übers Erdgeschoss nicht hinauslugen, von dem man weiß, dass es nur die Folkloreläden fürs breite Volk beherbergt. Mehr als Anti-Folklore ist bei Luciano Mecacci nicht zu holen, und die Kritiker der Psychoanalyse warten weiterhin auf einen unerschrockenen Kämpfer wider die Behauptungsunkultur der Freudianer. Einfach Gegenbehauptungen aufstellen, entzaubert den ganzen Spuk nur ungenügend.

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